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Lebe kämpfe siege!

Heinrich Lhotzky: Lebe kämpfe siege! - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorHeinrich Lhotzky
titleLebe kämpfe siege!
publisherRainer Wunderlich Verlag
yearo.j.
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correctorJosef Muehlgassner
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Die Zeit

Was ist die Zeit? Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Wir wissen überhaupt von den hauptsächlichsten Dingen nichts. Wir treten hinein mit unserem ersten Werden, jeder Atemzug verknüpft uns mit ihr, jeder Gedanke rechnet mit ihr. Ohne Zeit können wir uns überhaupt nichts vorstellen. Sie selbst ist unbekannt.

Es hat aber lange gedauert, ehe man überhaupt auf die Zeit aufmerksam wurde, in der wir doch leben, und die uns umgibt. Uns ist immer das Nächstliegende das Unbekannteste. Wenn wir aber recht Entlegenes in unseren Geist aufnehmen, dann erscheinen wir uns als Gelehrte. Dann glauben wir ein Recht zu haben, das Nächstliegende nicht zu wissen.

Die Zeit ist das Gewisseste, was es gibt, denn niemand kann sich ihr nur einen Augenblick entziehen. Zugleich aber ist sie das Ungewisseste, denn niemand kennt sie, und niemand kann sie nur einen Augenblick festhalten. Die Zeit fliegt davon und wir mit ihr und alles mit ihr. Es scheint aber, als wenn ein Punkt in unserem Leben käme, an dem wir aus der Zeit hinausfallen, und es fortan keine Zeit mehr für uns gibt. Das ist der Tod. Wir wissen das ja auch nicht, aber es scheint so. Also ist für uns Zeit der Abschnitt zwischen Geburt und Grab. Das ist unser Zeiteigentum und Kapital, der Atemzug, den wir aus dem Meer der Zeit tun.

Man kann übrigens, wenn man auch nicht weiß, was Zeit ist, doch die Zeit mit Worten erklären. Bekanntlich können die Menschen alles erklären, was sie nicht verstehen. Man kann also sagen: Zeit ist eine Summe von Perioden. Periode bedeutet auf deutsch »Umlauf«. Eine unbestimmte Zahl von Umläufen stellt die Zeit dar. Damit ist die Zeit gewissermaßen ins Oertliche übertragen und gemessen. Der einzig regelmäßige Umlauf aber, der sich einigermaßen berechnen und als Zeitmaß verwenden läßt, ist der Umlauf der Gestirne.

*

Zeit und Sterne

Ein alter Sänger hat einmal vom menschlichen Leben gesagt: Es ist, als flögen wir davon. Ob er wohl geahnt hat, wie buchstäblich wahr sein Wort für die Erkenntnis der Späteren wurde. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, so wäre auch »fliegen« nicht das geeignete Wort gewesen: wir fallen davon. Die Geschwindigkeit der Gestirne, aber auch unserer Erde, läßt sich nur mit einem unausgesetzten Hinunterfallen vergleichen. Nur gibt es im Raume kein Hinunter, weil es kein Oben und Unten gibt, also gestaltet sich das Fallen aus zu einem Umeinanderfallen, bei dem eigenartige Schwerpunktsverhältnisse den Fall regeln und ihm gleichmäßigen Verlauf gestatten. Wir kennen das ja auf der Erde nicht. Alles, was bei uns fällt, bewegt sich nach dem Einen Schwerpunkt, der etwa dem Mittelpunkt der Erde gleichkommt. Die Geschwindigkeit des Fallens wechselt also jeden Augenblick, je nach der Höhe, von der aus der Fall geschieht. Die Gestirne haben aber einen schwebenden Schwerpunkt untereinander. Dieser macht das Fallen gleichmäßig, so daß die Umläufe wirklich Zeitmaße werden.

Hätten wir Augen, die wenigstens unsere Welt gleichmäßig übersehen könnten, so würden wir im Raume ein unendliches Durcheinander leuchtender und dunkler Kugeln gewahren, zwischen ihnen oft leuchtende Nebel oder dunkle Staubmassen fabelhafter Ausdehnung. Würden wir näher zusehen, so müßten wir das Durcheinander als streng regelmäßig erkennen, ein Umeinanderschweben, das durch unendliche Zwischenräume gefahrlos wird und Zusammenstöße fast ausschließt. Aber alles in unausgesetzter wilder Flucht.

Dieser Anblick des erfüllten Raumes wäre das Urbild des Lebens, eine Welt voll Bewegung. Leben ist Bewegung. Ob auch einmal die Umkehrung wird gelten dürfen: Bewegung ist Leben? Dann wäre unsere ganze Welt, in der wir uns bewegen, ein ungeheures Leben, ein gliedliches Ganzes von unendlicher Ausdehnung, das in Umdrehungen pulsierte, bei dem jeder Pulsschlag ein Zeitmaß wäre. Dieses vorbildliche Leben würde sich in jedem einzelnen widerspiegeln und überall Lebensursache sein, es würde leben in jedem seiner Teile.

Die Sonne und alle ihre Planeten wären Sonderleben, lebendige Weltzellen. Es wäre dann nicht verwunderlich, daß beispielsweise die Erde so viel Eigenleben hervorgebracht hat. Sie ist selbst lebendig, und ihre Lebensursache liegt im unendlichen All. Sie hat den ewigen Lebensgedanken nur ihrem eigenen keimenden Leben vermittelt. Die Lebensursachen liegen weit, weit weg von der ersten Keimzelle dieses Planeten.

Wir nennen Leben meistens nur ein enges Gebiet, das sogenannte organische Leben, das aus der Zelleneinheit durch Fortpflanzung und Anpassung erwächst. Wir sehen einfach nichts weiter, als nur diesen Ausschnitt des Seins. Aber da wir ganz genau wissen, daß wir von allem Vorhandenen nur das Mindeste sehen, müssen wir immerhin die Möglichkeit offenlassen, daß unsere Begriffe von Leben noch einmal ganz andere werden. Jedenfalls ist auch das organische Leben unbegrenzte Bewegung. Ein Lebenssaft läuft um, und die Lebenswelle spült zu und spült weg, je nachdem das Leben neue Stoffe erhalten oder verbrauchte verlieren soll. So spiegelt unser Blut in seinem Laufe den Lauf der Gestirne jeden Augenblick wider. Sogar die Schnelligkeit der Blutbewegung erinnert an das große Umeinanderfallen in der Welt.

Für unser kleines, enges Sondersein kommen aber die Sterne nur in Betracht als Zeitmaße. Was sie an sich sind, wissen wir nicht. Wir wissen ja nicht einmal, ob unsere wenigen Mitplaneten so eingerichtet sind wie unsere Erde, ob sie gliedliches Leben und Bewohner bergen. Was oben über uns allnächtlich leuchtet, sind meist Sonnen, Riesensonnen zum Teil, gegen die unsere eigene Sonne fast nur wie ein Stäubchen ist. Dabei ist diese aber 342 000mal so groß als die Erde. Haben nun die Riesensonnen auch Riesenplaneten um sich, Planeten mit gegliedertem Leben? Wimmelt der Himmelsraum von bevölkerten Erden, mit Lust und Weh, mit Jauchzen und Seufzen? Wir wissen's nicht. Es wäre aber sehr wahrscheinlich.

Wir kennen merkwürdigerweise die stoffliche Zusammensetzung der Weltkörper ziemlich genau und wissen, daß sie dieselben Stoffe herbergen wie die Erde. Haben sie nun wachstümliches Sonderleben auf ihren Planeten, so liegt der Schluß nahe, daß es auch so gestaltet sein wird, wie das irdische. Vielleicht werden die Maße und Größenverhältnisse andere sein, das Leben selbst wird genau das gleiche sein.

Aber für uns sind alle diese Welten nichts weiter als Zeitmaße. Es gibt keinen Verkehr von Stern zu Stern. Jeder ist durch heilsame Entfernungen wohlverwahrt gegen den Austausch der Gedanken und Güter. Das ist gewiß gut. Eine Welt würde sonst die andere mit ihrer Bosheit anstecken und durch ihre Habgier ausplündern.

Zeitmaße! Demütigender Gedanke für die Menschen und die Welten! Sonne, Mond und alle Sterne nicht mehr als Zeitmaße für die Menschen. Für sich vielleicht sehr viel, für uns ein Maß. Wir sind freilich allmählich auf den Gedanken gekommen, daß die Sonne Urquell der Erde, Urquell der Kraft und der Stoffe für die Erde ist, Quell des Lichts und der Wärme. Aber Licht und Wärme, Sommer und Winter, Tag und Nacht, Jahr und Monat, sie stehen selbst im Dienste des Zeitmaßes.

Ueber den uralten Schöpfungsbericht, der seiner Zeit in der von den Juden überlieferten Bibel Aufnahme gefunden hat, ist oft genug gelacht worden, weil erst am vierten Schöpfungstage Sonne, Mond und Sterne geschaffen seien, als »Lichter, die Erde zu beleuchten, und ihr zu geben Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage«. Lohnt es, darüber zu lachen? Wissen wir etwa viel mehr von den Gestirnen?

Damit wissen wir aber immer noch nicht, was Zeit selbst ist. Unsumme von Umläufen ist doch keine Erklärung. Das ist ein Wort. Im besten Falle eine Anschauungsform, das Muster, das eingewebt ist in das fortlaufende Band des Seins. Dieses unendliche Band des Seins nennen wir Zeit.

Unsere Zeit fällt beständig vom Himmel herunter, wir können ihre Menge aufschreiben und berechnen, wir wissen aber nicht, was sie selbst ist. Wir wissen nur, daß wir mitten drin sind, wie Fische im Weltmeer, die auch nicht wissen, was das Weltmeer ist, weil sie nicht darüber hinaus denken können.

Nur soviel wissen wir, daß Zeit überall ein anderes Maß hat. Zeit ist Umlauf. Da es aber unendlich viel verschiedene Umlaufskörper und Umlaufsbahnen gibt, so ist überall die Umlaufseinheit, das Zeitmaß, ein anderes. Hat nun das Jupiterjahr dieselbe Bedeutung für den Jupiterbewohner, wie für den Erdbewohner das Erdenjahr? Machen 70 Jupiterjahre einen Jupitergreis aus? Ein Sonnenpfund ist ja eine wesentlich andere Masse als ein Erdenpfund. Geht's mit der Zeit auch so? Wahrscheinlich. Aber die Zeit ist immer die gleiche Unbekannte, nur ihre Maße sind verschieden.

Bedeutet für den Planeten Erde ein Sonnenumlauf auf der uns unbekannten Sonnenbahn dasselbe wie für seine Bewohner ein Planetenumlauf um die Sonne? Gäbe es eine Zeit ohne Sterne? Das wäre ein Sein ohne Maß. Es gibt vieles, was wir nicht kennen, aber wir können's wenigstens berechnen und finden uns dann damit zurecht. Aber was die Zeit wäre ohne das Maß des Umlaufs, das wissen wir nicht.

Ueber dem vielen Nichtwissen, was uns hier am Nächstliegenden begegnet, hat auch ein alter Sänger von der Zeit ausgerufen: Meine Zeit steht in deinen Händen, mein Gott. Damit hatte er den festen Punkt gefunden über der Zeit und ihren maßgebenden Größen, die Größe, die über allen Größen der Zeit steht. So knüpfte er sein Ich und sein Sein höher an, als die Sterne sind, und höher, als die Zeit ist. Er wußte damit nicht, was die Zeit ist, aber er wußte sich über sie gestellt. Wenn man darüber steht, kommt man dem Verständnis des Wesens näher.

*

Zeit und Raum

Es ist ein ganz eigentümlicher Gedanke gewesen, bei dem wir noch etwas verweilen müssen, aus allem Sein ein ungeheures Fallen zu machen und dieses Fallen hineinzubauen in einen endlosen Raum, wo es also kein Auffallen gibt, und weiter aus dieser Fallbewegung jede Bewegung, möglicherweise auch die Lebensbewegung selbst, abzuleiten. Dieser große Gedanke, der allem Sein zugrunde liegt, überrascht nach zwei Richtungen, durch seine verblüffende Einfachheit und durch seine unermeßliche Großzügigkeit.

Mit den einfachsten Mitteln ist eine Bewegung hergestellt, und damit eine unerschöpfliche Kraftquelle geschaffen. Zugleich haben wir damit die erste Umsetzung der Kräfte. Uns ist ja bekannt, daß man Wärme in Elektrizität umsetzen kann, und man arbeitet daran, alle Erscheinungen auf ihre Umsetzbarkeit hin zu prüfen. Es ist auch anzunehmen, daß es einmal gelingen wird, alle Kraft beliebig umzusetzen. Denn die Kraft muß Eine sein, wie alles Einheit ist. In der Fallbewegung im Raume haben wir die einfachste Kraft, gleichsam die Urkraft. Die gleichmäßig schwebende Bewegung, die das Fallen im Raume erzeugt, ist möglicherweise die Mutter der Kräfte des Weltalls. Aus diesem Fallen könnte sich alles ableiten, so daß wir nicht verschiedene Kräfte, sondern nur Kraftfarben zu unterscheiden brauchten.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Raum und Zeit. Es sind verschiedene Seiten derselben Sache. Raum ist das Nebeneinander, Zeit das Nacheinander. Die Zeit ist gebunden an die Umläufe im Raume, und diese an das Fallen im Raume.

Was an sich Zeit ist, werden wir nie begreifen, so wenig wir verstehen, was Stoff ist, oder was Raum ist. Was wir davon wissen und allenfalls sagen können, sind Erlebnisse. Wir sehen und erleben den Raum, die unendliche Oertlichkeit, wir erleben die Zeit, die unendliche Umlaufskette. Was wir erleben, das sind sie für uns. Von dem, was sie an sich selbst sind, können wir nur staunend inne werden: sie sind wunderbar einfache, aber unermeßlich große Gottesgedanken.

Ob wir sie je ganz verstehen werden? Schwerlich in dieser Form des Seins. Aber die Zeit selbst und der Raum beruhigen uns darüber, daß es geschehen kann.

Wir können nämlich die eine Unbekannte durch die andere ausdrücken und ein wenig erklären. Wir wollen also sagen: Zeit entsteht für uns durch gewisse Bewegungen im Raume. Was sind das für Bewegungen im Raume? Denken wir uns unsere Sonne, wie sie mit ungeheurer Gewalt jede Sekunde 30 Kilometer weit im Raume fällt. Die fallende, oder sagen wir besser schwebende Bewegung vollzieht sich wahrscheinlich in einem Kreise oder einer Eilinie, deren Bahn durch irgendeinen Schwerpunkt, auf den die Sonne ausgerichtet ist, bestimmt wird. Er ist uns völlig unbekannt, weil er unermeßlich fern liegen muß. Zudem wird er voraussichtlich ebenfalls schwebend sein, da er abhängig ist von anderen Körpern, die sich gleichfalls bewegen. Wir können annehmen, daß die Sonne, um ihre Bahn zu durchlaufen, etwa Millionen Erdenjahre nötig hat. Wieviele, ist ganz gleich, da wir uns nicht einmal eine Million vorstellen können.

Auf ihrem unbekannten Riesenumlauf umkreist die Erde sie beständig in Eilinien, und dann erhalten wir ein Zeitmaß. Da aber die Sonne vorwärts schnellt, und unsere Entfernung von der Sonne immer die gleiche bleibt, ist unsere Erdbahn eine elliptische Spirale, d. h. wir kommen, obgleich wir uns immer vorwärts und rückwärts bewegen, doch niemals auf den gleichen Punkt im Raume zurück. Da, wo unsere Erde heute fliegt, war sie noch nie, und wird sie nie wieder sein. Sie jagt in Ellipsen vorwärts in das Unermeßliche.

Es gibt also tatsächlich keinen Ruhepunkt, sondern alles stürmt vorwärts und kennt kein Stehenbleiben und kein Rückwärts, trotz aller scheinbaren Ruhe und errechneten Rückläufigkeit.

Raum und Zeit lehren uns mithin den Fortschritt. Sie reißen uns, ob wir wollen oder nicht, immerdar vorwärts, sie nötigen uns eine Entwicklung auf und geben sie uns, ob wir wollen oder nicht.

Es ist das Naturwidrigste, was es gibt, wenn ein Mensch irgendwo stehen bleiben will. Ein solcher lehnt sich auf wider die Grundwahrheiten seines Seins. Es gibt ja an sich keinen Stillstand. Wenn wir aber unseren Willen zum Stillstand mißbrauchen, so liegt zwischen unserem Wollen und unserem Sein eine unüberbrückbare Kluft. Die kann für uns nur schädlich sein. Denn das Sein ist stärker als das Wollen, und das Ich verbraucht seine besten Kräfte zum nutzlosen Widerstand, statt zur fördernden Einheit.

Diese Wahrheit muß durchaus verstanden werden. Sie leitet sich ab aus Raum und Zeit. Du hast es irgendwo und irgendwie gut. Du möchtest zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön. – Irrtum. Es fliegt alles vorüber, und du wirst vielleicht ganz anderswohin geführt. Du kannst nicht aufgehen in der Freude am Glück. Die nächste Zeit findet dich vielleicht tief im Leid sitzen. Es gibt auch keine hoffnungslosen Unglücksmenschen. Es geht alles vorüber und wird alles anders. Es muß werden. Du durchlebst das ja in Raum und Zeit.

Da wir nun jeden Augenblick an einem anderen Orte sind, und zwar an einem meilenweit verschiedenen, haben wir auch jeden Augenblick einen anderen Standpunkt und eine andere Anschauung. Scheinbar wechselt der Ausblick ja nicht, weil die Verhältnisse viel zu groß sind. Aber im Laufe der Zeit muß sich's doch bemerkbar machen. Darum müssen wir uns den Verhältnissen, in die wir gestellt sind, soweit anpassen, daß wir auch innerlich bereit werden, Standpunkt und Anschauung fortschreitend zu wechseln. Das Klügste und Naturgemäßeste ist immer, selbst zu wollen, was man muß. Wir dürfen uns auch auf die schönste Weltanschauung und die denksichersten Lehrsätze nicht festnageln lassen. Wir wollen sie auch nicht wie eine Mode willkürlich und beliebig wechseln, wohl aber gesetzmäßig, in dem unaufhaltsamen Zuge nach vorwärts, den das ganze All in sich trägt und in uns spiegeln muß. Unser Wechseln muß ein beständiges Wachsen sein. Damit wachsen wir immerfort heraus aus dem Hergebrachten.

Zeit und Raum sind beide die Wahrzeichen des Fortschritts. In den Fortschritt bist du hineingeboren, weh dir, wenn du ihm nicht dienst! Der große Gedanke, der alles hineinbaute in die ungehemmte unendliche Bewegung und Vorwärtsfreudigkeit, würde an dir allein branden. Dich selbst würde er zwar bedingungslos vorwärts reißen, aber deinen Willen, der sich entgegenstemmt, dein Ich würde er wohl zerbrechen.

Es gibt freilich Menschen, die sich in der Entwickelungslosigkeit verkrustet haben, aber besieh sie genau: Sie sind Unnatur. Wehe, wenn sie Kinder haben! An den Kindern erleben sie meistens das größte Herzeleid. Die Kinder werden um so mehr vorwärts schnellen, weil die Eltern die Entwickelung so lange zurückhielten. Ihre Natur wird sie drängen, das Versäumte nachzuholen, und je lebenskräftiger sie sind, um so schneller. Man sagt dann, sie seien aus der Art geschlagen. Aber das ist falsch. Sie ergänzen die Art und müssen es tun. Dagegen hilft kein Händeringen. Nur gehen sie oft an diesen Ergänzungsversuchen zugrunde, weil sie an dem vorhergehenden Geschlecht den nötigen Halt und Stützpunkt nicht finden. Wer ist also schuld, wenn Kinder aus der Art schlagen? Die Kinder, die vorwärts wollen, vorwärts müssen, aber dabei keinen beratenden Führer haben – oder die Eltern, die jedes Vorwärts hassen und gegen den Lebensdrang ihrer Kinder Auge, Ohr und Herz verschließen?

Aber Zeit und Raum werden in schraubenförmigen Bogenlinien durchlaufen. Es geht immer vorwärts und wieder rückwärts. Jedes Vorwärtsschnellen wird aufgenommen durch eine rückläufige Bewegung. Erst wenn diese durchlaufen ist, gibt's einen neuen Kreis des Fortschritts.

Auch das spiegelt unser inneres Sein deutlich wieder. Niemand schreitet nur vorwärts. Er fliegt immer fast ebensoviel zurück. Es gibt nicht nur Flut, es gibt ebensoviel Ebbe. Viele trauern darüber, wenn sie nicht unausgesetzt vorwärts fliegen. Sie möchten der Natur vorauseilen und stürmen ohne Besinnung immer weiter. Auch sie sind im Irrtum. Sie verstehen Raum und Zeit nicht. Jedes Vorwärts bedingt ein Rückwärts, aber dieses schließt sich mit ihm ebenmäßig zum Kreise, zu einem Ganzen, zusammen. Geschlossene Kreise des Seins bezeichnen die Fortschritte auf unserer Bahn. Anders geht keine Entwickelung vor sich. Sie kann nicht. Raum und Zeit stehen ihr entgegen.

Vielleicht würde ein aufmerksamer Beobachter auch in der inneren menschlichen Entwickelung das gesetzmäßige Wesen von Raum und Zeit nachgebildet sehen. Mir scheint, daß die erste Hälfte des Jahres, in der die Erde sich neu kleidet, auch innerlich neuen Gedanken günstig ist, die zweite ist auch innerlich die Zeit der Sammlung wie in der Natur. Verschiedene Menschen haben mir das von ihrem eigenen Leben bestätigen können. Vielleicht achtet der eine oder andere der Leser darauf.

Aus alledem folgt, daß der Mensch dann erst voll in der Natur steht, wenn er die größte Beweglichkeit zeigt. Beweglichkeit ist die erste Aufgabe des Seins. Wer irgendwo festsitzt, muß Schaden nehmen, mögen diese hemmenden Klippen nun stofflicher, oder seelischer, oder geistiger Art sein; mögen sie Dinge, Empfindungen, oder Denkgebilde heißen. Wir gehören ihrer keinem an und müssen bereit sein, jeden Augenblick alles herzugeben und zu verleugnen. Durch alles dürfen wir hindurchgehen, wie wir den ganzen Raum durchmessen dürfen, in nichts dürfen wir hängen bleiben. Der Naturmensch ist der Gottesmensch. Er wird erkannt an der Beweglichkeit.

Es ergibt sich auch aus anderer Betrachtung. Der Mensch behauptet von sich, und ich glaube es auch, er sei Geist, wenigstens mit Geist ausgestattet. Gut. Er verachtet oft genug den trägen Stoff. Aber der Stoff ist nicht träge, sondern in unausgesetzter Bewegung. Er verändert sich chemisch und mechanisch jeden Augenblick, ebenso wie er unausgesetzt Raum und Zeit durcheilt. Je höher nun die Stofform, desto beweglicher wird sie, sie wird flüssig, sie wird gasförmig. Wenn nun der Mensch Geist ist, steht er nicht in der höchsten Form, muß er nicht der allerbeweglichste sein?

Raum und Zeit an sich mögen sein, was sie wollen, für uns sind sie der unausgesetzte, unendliche Fortschritt.

*

Zeit und Menschen

Die Sterne sind für die Menschen wirklich das einzige Zeitmaß. An sich selbst tragen die Menschen keine einigermaßen zuverlässige Vorstellung einer Zeitgröße. Nehmen wir den einfachsten Umlauf, die einmalige Bewegung der Erde um die Sonne, ein Jahr also. Niemand weiß, wie lang wirklich ein Jahr ist. Man kann es zwar auf Tage, ja Stunden, Minuten und Sekunden angeben, aber wie lang das nun in Wirklichkeit ist, wissen wir sehr unzuverlässig.

Für ein Kind ist ein Jahr eine halbe Ewigkeit. Im ersten Lebensjahre durchläuft ein Kind zwei außerordentlich bedeutsame Entwickelungsreihen. Es lernt lachen und weinen. Damit bekundet es, daß es fähig ist, über die Welt ein Werturteil abzugeben und sich über die Dinge zu stellen. Es lernt außerdem den ersten selbständigen Schritt ins Leben wagen. Das sind ungeheure Ereignisse, die sich innerhalb der ersten dreihundertfünfundsechzig Tage abspielen. Nie kommt wieder im Leben ein so inhaltreiches Jahr wie das erste. Auch die folgenden Jahre, in denen es eine Sprache erlernt, sehen und hören bildet, volle Bewegungsfreiheit erringt, sind so unendlichen Inhalts, daß die Erinnerung über diesen Zeitraum nicht hinwegreicht. Der große Inhalt der Zeit läßt sie für die Erinnerung zu lang erscheinen. Ein Kind erlebt zuviel, um es behalten zu können. Alles innerhalb weniger Jahre. Ewigkeiten!

Für den Mann ist ein Jahr etwas völlig anderes. Ein Zeitabschnitt, innerhalb dessen gewisse Arbeiten zu ebenmäßiger Abrundung gelangen, gerade ausreichend, etwas Gewöhnliches zu leisten. Dem Greis vergeht ein Jahr wie ein Rauch, als flöge es davon.

Wer von den dreien, die alle nacheinander dasselbe Ich sind, hat die richtige Erkenntnis der Zeit? Jeder hat sie für sich richtig, aber jeder anders. Unser eigenes, inneres Zeitmaß richtet sich nach dem Inhalt der Zeit, nicht nach Minuten oder Stunden. Es gibt Minuten, die dünken uns Ewigkeiten, weil sie weittragenden Inhalt haben. Es gibt Augenblicke, in denen sich Schicksale entscheiden. Schwere Schicksalsgewichte hängen sich an das dünne Fädchen eines Augenblicks. Uns erscheinen sie mindestens als Stunden, während unser Uhrzeiger behauptet, Sekunden seien's gewesen. Wir haben nur das Empfinden für den Inhalt der Zeit, ein Maß tragen wir nicht in uns. Ohne Uhr können wir nicht bestehen, und haben wir keine, nun, so muß die Sonne als Uhr dienen, aber selbst wissen wir nicht, was Zeit bedeutet. Wir kennen nur Erlebnisse.

Dabei ist's ganz gleichgültig, welcher Färbung unsere Erlebnisse sind, ob sie sonnig oder dunkel sind. In beiden Fällen verlangsamen sie für uns den Uhrzeiger. Aber die ereignislose Zeit, die schnellt vorüber.

Scheinbar ist's anders. Wir klagen in inhaltlosen Tagen über Langeweile und wissen nicht, wie wir die Zeit totschlagen sollen. Aber das ist nur scheinbar. Tatsächlich wissen wir später gar nicht, wo diese Tage geblieben sind. Um über Langeweile klagen zu können, muß man einen gewissen Bildungsgrad besitzen. Der ungebildete Mensch hat keine Ahnung von Langeweile. In dem Bildungszustande aber, der Langeweile ermöglicht, hat der Mensch ein Bedürfnis nach Erlebnissen, weil er glaubt, unterscheiden zu können, welche Zeit wertvoll für ihn, und welche es nicht ist. Er hält die abwechselungsreiche dafür. Daher klagt er die andere an, daß sie zu lang sei, und bemüht sich, sie totzuschlagen. Langeweile ist Hunger nach Erlebnissen. Wenn einer aber die Wohltat der Ruhe höher einschätzt als die der Bildung und Abwechselung, hört sofort die Langeweile auf, und die Jahre fliegen ihm unbemerkt davon. Also liegt die Langeweile in uns, nicht in der Zeit.

Es ist merkwürdig, daß die wichtigsten Dinge im Leben der kürzesten Zeit bedürfen. Die langen Zeiten sind nötig, das Wichtige auszureifen und unser volles Eigentum werden zu lassen. Um voll auszureifen, bedarf der Mensch siebzig bis neunzig Jahre, um zu werden sieben bis neun Monate. Eine Ehe zu führen bedarf's eigentlich rund fünfzig Jahre, sie einzugehen, genügt eine schwache Stunde. Eigentlich wichtige Jahre kennt das Leben nur drei, die ersten drei. Bis der Mensch sich als Ich empfindet und ausspricht. Alle folgenden dienen nur dazu, die Werdekeime der drei ersten zur Reife zu bringen, das Ich durchzusetzen und auszugestalten.

Wir haben zu allen wichtigen Dingen sehr viel Zeit nötig. Die Entscheidungen liegen im Augenblick, nur die Folgerungen verschlucken Zeit. Gleichwohl nennen wir uns Kinder der Zeit. Richtiger würden wir uns Kinder des Augenblicks nennen und Bürger oder Verwalter der Zeit. Aber wir sind auch nicht Kinder des Augenblicks. In uns lebt etwas, was sich gegen die Zeit zur Wehr setzt. Wir erklären zwar ganz gehorsam seit Kant, daß wir nicht imstande sind, über Raum oder Zeit hinaus zu denken, und keine Vorstellung haben, die nicht im Rahmen von Raum oder Zeit läge; aber gleichzeitig haben wir ein Empfinden, das dem widerspricht. Auch Kant sagte, die Zeit sei nur eine Anschauungsform, an die wir allerdings gebunden seien. Dann ist doch der Anschauende höher als die Anschauungsform.

Wir sind nicht Kinder der Zeit, sondern ahnen uns als Herren der Zeit. Einen Teil der Herrschaft üben wir jetzt schon aus. Wir verwenden die Zeit, wie wir wollen, wir kürzen sie und verlängern sie, wir ahnen auch, daß unser Ich überzeitlich ist, obgleich wir das weder beweisen noch erklären können. Aber insoweit sind wir wieder von der Zeit abhängig, als wir uns irgendwie mit ihr abfinden müssen. Unser ganzes Sein ist so an Zeit gebunden, daß wir Schuldner der Zeit sind. Wir können uns erst von ihr lösen und über sie erheben, wenn wir den Verpflichtungen gegen sie nachgekommen sind.

Was sind das für Verpflichtungen? Nun, der Aufgaben, die die Zeit uns stellt, ist ein buntes Mancherlei, aber ihre Summe kann nur sein, die Wahrheit unseres Seins zu erreichen. Dann wären wir mit einem Male auch von der Zeit gelöst und stünden im Ich der Ueberzeitlichkeit.

Alle Zeit für diese Wahrheit auszunutzen, ist also die Aufgabe, und ihre Lösung ist sehr einfach und unscheinbar. Jeder Zeitabschnitt bringt uns irgendeine, meistens unbedeutende Kleinigkeit, die zur Erledigung auffordert. Sie hängen anscheinend alle mit der Frage ums Brot zusammen, und es scheint, als sei der ganze Zweck des Daseins, daß wir uns viele Jahre hindurch täglich mehrere Male satt gegessen und die Unseren satt gemacht hätten. Das wäre richtig, wenn wir vom Sattwerden genug hätten und befriedigt würden. Aber bekanntlich lebt kein Mensch vom Essen allein. Immer bleibt die Forderung nach Mehr und viel Größerem.

So machen's auch die kleinen Aufgaben der Zeit. Sie sind meistens zu unscheinbar und unbedeutend, um nur namhaft gemacht zu werden. Es ist die hausbackene Alltäglichkeit. Aber sie werden verschieden, je nachdem wir sie nehmen und ihr Bild aus uns zurückstrahlen.

Wir können sie einfach liegen lassen und müßig sein. Aber damit lehnen wir uns wider die ganze Natur auf. In der ganzen Natur gibt's keinen Müßiggang und kein Stillstehen. Auch die Winterruhe, auch der Schlaf ist nicht Stillstand, nicht Müßigsein, sondern ein unaufhaltsames Vorwärts und heimliches Arbeiten. Sind wir müßig, so dauert's nicht lange, und die Zeit hat uns totgeschlagen, so wie wir sie totschlugen. Unzählig viele Krankheiten haben keine andere Ursache als den Müßiggang. Millionen von Menschen verschlingt die Zeit erbarmungslos und hoffnungslos, weil sie sie nicht nützten.

Wir können aber die Kleinigkeiten des Lebens auch mutig aufnehmen und eine nach der anderen erledigen, und uns dermaßen drein verwickeln, daß wir den Ausweg nicht finden. Dann lacht uns die Zeit aus und macht uns zu willenlosen Werkzeugen und läßt uns recht lange leben als abschreckendes Zerrbild für die Vorübergehenden. Es gibt Männer, oft recht hohe Beamte, deren ganzes Sein drin aufgeht, Verfügungen zu treffen und zu unterschreiben und irgendein Räderwerk im Gange zu erhalten. Es gibt Frauen, deren Zeit nur ausgefüllt ist mit den Gedanken ans Kochen, Waschen und Staubwischen. Würde man ihnen das nehmen, so würden sie dran sterben, geradeso wie unendlich viele arbeitsame Menschen daran sterben, daß sie sich zur Ruhe setzen. In diesen Fällen hat die Zeit uns verarbeitet, nicht wir sie. Unser Ich ist verzehrt worden von der Summe unserer Pflichten. Wir sind auf diesem Wege furchtbar ehrenwerte Leute, die von Rechtschaffenheit triefen, aber tote Werkzeuge, keine lebendigen Menschen. Arme Tröpfe trotz aller Ehrungen und Orden.

Wir müssen uns anders abfinden mit der Zeit. Wir müssen uns über die Dinge stellen und ihnen zurufen: So, jetzt kommt einmal her. Jetzt tue ich dies, jetzt tue ich das, immer gerade, was am nächsten liegt und sich zuerst aufdrängt. Ob in einem festen Beruf oder außerhalb eines solchen, ist ganz gleichgültig. Aber mit keinem Dinge vermische ich mich, und wenn ich alles erledigt habe, dann bleibe ich übrig und bin in alledem stark geworden, denn ich habe das alles überwunden, und kein einziges hat mich gefangen. Solche Leute gelangen zum ausgereiften Ich, zur Klarheit und Kraft des Lebens. Sie werden nie alt, sondern bleiben innerlich immer jung. Ihnen hat die Zeit nichts an. Sie bleiben auch meist bei guter Gesundheit und bringen's im allgemeinen hoch hinauf, und wenn schließlich die Sichtbarkeit abfällt, hat man den Eindruck: diese haben die Zeit überwunden. Sie sind übergegangen in ein neues Sein als vollgereifte wahre Menschen.

Die Verpflichtungen gegen die Zeit muß man erfüllen, um sich von ihr zu lösen und ihren Wechsel zu beherrschen, sein Schicksal in eigene Hände zu nehmen. So wird der Mensch Herr seiner Zeit. Das ist nicht ein Vorrecht der Reichen und Müßigen, sondern ein Sieg, der erkämpft wird mit Aufbietung aller Kraft, indem das Ich Sieger blieb, und die Wahrheit des Menschen ans Licht kam. Zeit und Menschen sind Gegensätze, die miteinander ringen. Wehe, wenn die Zeit den Sieg davonträgt!

*

Der Inhalt der Zeit

Die Zeit ist an sich nur eine Form. Für alles Sein die gleiche. Aber verschieden ist der Inhalt, den sie hat. Sie hat den Inhalt, den wir ihr geben.

Die Zeit ist wie ein großes Stammvermögen, von dem jeder einen mehr oder minder großen Anteil besitzt. Die Frage ist, wie wir unseren Vermögensanteil umsetzen. Manche setzen ihn gar nicht um und verbrauchen diesen kostbaren Besitz einfach, indem sie dahindämmern und ihn verträumen.

Es gibt törichte Sprichwörter und Redensarten von verlorenen Zeiten, oder daß der Hans nicht mehr lernen könnte, was das Hänschen versäumt hat. Gerade der Mensch ist fähig, auch rückwärts die Zeit zu beeinflussen, und niemals ist's zu spät, irgend etwas zu lernen. Im Gegenteil sollte der Hans lernen, was das Hänschen nicht gelernt hat, wenn's überhaupt des Lernens wert ist. Dem Hänschen wird auch viel zugemutet, was der Hans gar nicht schnell genug vergessen kann.

Es ist keinen Augenblick zu spät, irgend etwas Rechtes zu tun oder anzufangen. Wir haben keine Zeit, etwas hinauszuschieben, oder zu unterlassen.

Andere füllen ihre Zeit mit Arbeit aus. Das lohnt schon eher. Von ihnen stammt der Wahlspruch: Zeit ist Geld. Sie setzen ihren Besitz also in Geld um. Das ist gar nicht unvernünftig. Erstlich haben sie meistens etwas Nützliches getan, und das ist dem Menschen immer gut, ja viel nützlicher, als er ahnt. Sodann ist Geld der Erdwert, in dem man alles ausdrücken und darstellen kann. Alles Wünschenswerte hat seine Geldziffer, die seinen Wirklichkeitswert angibt. Wer seine Zeit in Geld umsetzt, kann hoffen, der Dinge mächtig zu werden, weil er ihre Werte besitzt.

Es ist nur eine Klippe dabei, an der die meisten stranden, die sprechen: Zeit ist Geld. Gewöhnlich werden die Dinge ihrer mächtig. Es ist zuweilen, als sei das Geld zugleich eine Geistesmacht, die finster und unheimlich ihre Schlingen lege, hoffnungslos den umgarnend, der in ihren Machtbereich geraten. Als läge im Mammon Bewußtsein, das Bewußtsein, Herr der Welt zu sein, und die rohe Gewalt, diese Herrschaft auszuüben. Der Mensch kommt gleichsam unter den Bann eines Wahngebildes, das darum so mächtig ist, weil es so alt und allgemein ist.

Darum muß man in Anwendung des Wahlspruches: Zeit ist Geld, vorsichtig sein. Weiß jemand den Wert der Zeit nicht gebührend zu würdigen, so wär's ja gut, wenn er ihm am Gelde aufginge. Ist aber jemand an sich in Gefahr, dem Mammontum zu verfallen, so sollte er versuchen, seine Zeit lieber in etwas anderes als in Geld umzusetzen. Alle Menschen müßte der große Grundsatz beherrschen: Zeit ist Werden. Die Zeit ist an sich da, um großen Wahrheiten zur Erscheinung zu helfen. Der ganze Zweck dieses Planeten muß sein, gewisse Grundfragen des Seins zu lösen und zwar nicht auf dem Wege denkmäßiger Erörterung, sondern tatsächlicher Vorführung. Die Wahrheiten müssen erlebt, gesehen, betastet werden. Nur so werden sie wirklich deutlich.

Eine solche Wahrheit ist die Macht des Lebens, die wenige Menschen verstehen. Alle glauben nur an die Macht des Todes, nicht an die des Lebens. Aber das Leben stellt sich dar von den einfachsten Anfängen an in immer neuen Entwickelungskreisen und dringt immer und überall durch allen Tod hindurch und wird sich einmal als den großen Erben alles Seins offenbaren. Am Ende gibt's gar keinen Tod, sondern das, was wir so nennen, ist ein Zustand ruhenden Lebens.

Oder der Sieg der Vollkommenheit! Niemand glaubt dran, aber die Zeit ist dazu da, die große Frage zu lösen. Die Zeit selbst löst sie nicht, aber sie bietet sich in immer neuem Hervorquellen als Hilfsmittel dazu an, als wollte sie sagen: Solange es Zeit gibt, ist nichts verloren, und nichts bleibt stecken, auch wenn es lange ruht. Solange ich da bin, habt ihr das Recht zu glauben und zu hoffen und auf größte Ziele hinzuarbeiten, all euer Tun unter die denkbar größten Gesichtspunkte zu stellen. Auch wenn ihr selbst nicht alles erreicht, geht von eurer Mühe doch nichts verloren. Ich halte alles fest.

So wird die Zeit auch das große Rätsel der Menschheit lösen und die ganze Frage des Seins. Sie selbst wird sie ja nicht lösen, aber die Menschheit wird's tun mit der Zeit. Aus der Menschheit wird noch vieles herauskommen, was man nicht ahnt. Sie ist wie ein Kind, das die unverständigen Lehrmeister wegschätzen als unbegabt und unartig, weil es nicht nach den von ihnen ausgedachten Regeln fein säuberlich daherfährt. Aber Augen, die tiefer sehen als Schulgewaltige, werden sagen: Aus dir wird noch etwas Großes.

Die Zeit birgt jede große Wahrheit in ihrem Schoße. Es muß nur immer wieder jemand kommen, der sie aufweckt. Darum sollte jeder durchdrungen sein von dem Grundsatze: Zeit ist Werden.

Viele verzagen über dem Werden. Es geht ihnen nicht schnell genug und gibt zu viele Pausen darin. Aber nichts geht schnell, was Leben in sich trägt. Schnell gehen nur wilde Entladungen und Sprengungen vor sich. Diese sind aber Todesträger. Wer werden will, muß die Geduld der Zeit verstehen und in sich aufnehmen lernen.

Alles Werden geht zunächst mit Entschiedenheit vorwärts. Dann scheint es einen äußersten Punkt zu erreichen und steht wie ermattet still. Ja, o Schreck! es biegt sogar um und macht eine rückläufige Bewegung. Aber sie dauert nicht allzulange, dann wendet sie zur Vorwärtslinie zurück und überholt nun das erste Ziel. Dann beginnt dasselbe Spiel von neuem. So beschreibt das Werden Kreise. Die Gesamtheit aller Kreise liegt auf einer großen Lebensbahn, wie wir sie an den Gestirnen sahen, und die ihrem Laufe nachgebildet ist, die kein Stillstehen kennt, solange es Zeit gibt. Eine große eignet der Menschheit, eine kleine jedem Einzelnen.

Zeit ist Werden. Ihr werdet auch in allem scheinbarem Rückschritt. Das Werden verstehen heißt erst richtig leben. Wer zu faul ist zum leben, der verrostet. Zeit ist Werden und Werden ist Leben.

So bekommt die Zeit Inhalt, und je nach dem Inhalt, den sie an uns gewinnt, wird sie wertvoll oder verloren. Die Zeit ist da. Sie ist die Form. Den Inhalt muß der Mensch hineingießen. So ergänzen sich beide. Der Mensch bedarf der Zeit, um zu werden, aber die Zeit bedarf des Menschen, um etwas zu bedeuten. Sie sehnt sich heimlich nach des Menschen Geist, und wer sie mit Geist erfüllt, den hält sie fest und läßt seinen Geist und seinen Namen stehen. Alles andere verrauscht und zerbröckelt.

*

Der Zeitgeist

Also hätte sie wirklich Geist? – Das kann nicht sein. Sie ist ja nur ein Umeinanderfallen von Weltenkugeln. Dennoch reden wir vom Zeitgeist.

Mir ist lebenslang das Walten des Zeitgeistes als das rätselhafteste Erleben erschienen, das man sich denken kann. Es ist wirklich unleugbar, daß zuzeiten die Menschen, scheinbar unabhängig voneinander, die gleichen Gedanken haben, den gleichen Geschmack zeigen, die gleichen Bahnen wissenschaftlichen und künstlerischen Denkens verfolgen, nur daß jedes Zeitalter seine besondere Eigenart hat, als wären die Zeitalter selbst Gesamtpersönlichkeiten, die einheitlich den geistigen Betrieb ihrer Menschen versinnbilden.

Mir ist's während eines langjährigen Aufenthaltes in der größten Steppeneinsamkeit oft so gegangen, daß ich Gedanken hatte, die ich wirklich für mein geistiges Eigentum hielt, weil sie frei in mir entstanden waren, unbeeinflußt durch Bücher oder Zeitungen. Es waren oft Gedanken, über die ich mich selbst wunderte, und die ich nicht recht auszusprechen wagte. Da fand ich sie plötzlich wie nebenher in irgendeinem gleichgültigen Zeitungsblatt ausgesprochen, als wär's die größte Selbstverständlichkeit der Zeit, daß man so denken müsse. Dabei wußte ich aber ganz genau, wie langsam und mühsam solche Gedanken in mir aufgestiegen waren, wie ich viel Zeit bedurft hatte, sie festzuhalten und auszubauen. Es waren auch sicher neue Gedanken, denn unseren Vätern wäre davor ein Grausen angekommen. – Nun, die Leute drinnen in der Welt, die dachten etwa so, weil sie ein neues Geschlecht waren, und einer vom anderen etwas gehört hatte. Aber wie kam ich in meiner Einsamkeit dazu, unabhängig von ihnen ebenso zu denken? – Das ist der Einfluß des Zeitgeistes. Seit ich ihn kenne, glaube ich nicht mehr recht an Urgedanken, und Streitigkeiten um Urheberrechte erscheinen mir lächerlich.

Es gibt offenbar ein gemeinsames Denken und Empfinden von Menschengruppen, das ansteckend wirkt und unbewußt von einem zum anderen hinüberspielt. Wir sahen's schon am Mammonsgedanken. Das ist das älteste und allgemeinste Wahngebilde, der Gedanke der Wertabschätzung der Wirklichkeit in Metall, diese eigenartige Verwechselung von Sein und Haben. Hier haben wir's schon nicht mehr mit dem Zeitgeiste zu tun, sondern mit einem allgemeinen Menschheitswahn. Aber es gibt einzelne Gedanken, die eignen bloß einem Zeitalter. Gute Gedanken und böse Gedanken.

Unserem Zeitalter eignet z. B. der Gedanke der Freiheit. Die Freiheit auf allen Gebieten, die Freiheit für jedermann – das beschäftigt unsere Gedanken seit hundert Jahren am meisten. Diese Gedanken dringen auch dahin, wo man sich mit Hilfe von Grenzsperren und staatlichem Gedankenzuschnitt künstlich dagegen zu schützen sucht. Sie sind einfach da und dringen überall ein, ob man sie mag oder nicht, duldet oder nicht. Es gibt keine Gedankensperre, auch keine Sprachgrenzen für das Walten des Zeitgeistes.

Daneben steigen gerade in unserer Zeit wahre Dunstwolken von Unflat auf, denen sich auch niemand entziehen kann. Sie beschäftigen unser aller Denken, ob wir wollen oder nicht, unbekümmert um die Gesichter, die wir dazu schneiden. Zeitgeist! Ich glaube übrigens, letzteres kommt daher, daß die Heimlichkeiten früherer Geschlechter jetzt gleichsam zu verdunsten beginnen, nachdem die Neuzeit ernstlich hineingeleuchtet hat. Alle Dinge, die vergasen, ziehen vorüber und lösen sich schließlich auf.

Aber woher mag's wohl kommen, daß diese Sachen die Allgemeinheit so erfassen? Warum beschränken sie sich nicht auf das Hirn und Herz einzelner, bei denen sie geboren?

Gedanken wirken mehr ansteckend als Krankheiten. Krankheiten bedürfen, um anstecken zu können, wirklicher Krankheitserreger, winziger Pilze. Diese vermögen jedoch nicht überall zu wurzeln und sich fortzupflanzen. Aber Gedanken setzen sich selbst durch. Sie beschleichen uns mit ihrer eigenen durchdringenden Kraft.

Es scheint, als seien wir geistig anders eingerichtet als leiblich. Leiblich sind wir Individuen, d. h. unteilbar, dagegen können unsere Gedankenteile in einander überfließen und sich vermischen. Gedanken sind Mächte und gewaltige Kräfte. Schwächliche Menschen werden ihr Opfer. Wer in sich nicht stark ist, vermag einstürmenden Gedankenreihen nicht zu widerstehen und etwa eigene an Stelle der fremden zu setzen. Auch wenn es jemand versucht, die fremden kommen immer wieder in Zeitungen, in Tagesgesprächen. Sie liegen in der Luft und verbreiten sich mit der Schnelligkeit des Sturmes. Wer nicht sehr fest ist, den wältigen sie nieder.

Das ist die Macht des Zeitgeistes, die gewaltige. Es sind Gedankennebel, unter denen Eigenart verkümmert. Der Zeitgeist ist ein allgemeiner Gedankenrausch, dessen Ursache in irgendeinem starken Geiste liegt. Oft bedarf's lange Zeit, bis die Zeitgenossen sich davon erholen. Meistens wird ein ganzes Geschlecht davon beherrscht.

Solange überhaupt irgendein Zeitgeist herrscht, hat sich die Menschheit noch nicht zu freier Selbständigkeit hindurchgerungen. Die Menschen sind an sich urwüchsige Besonderheiten, jeder etwas wundervoll anderes, jeder eine unentbehrliche Bereicherung und Ergänzung des wahren Menschheitswesens. Aber der Zeitgeist ist das öde Massendenken, das mit bleierner Wucht die Geister in Bann schlägt und die Urtümlichkeiten des einzelnen zerdrückt und gebunden hält. Der Zeitgeist stellt unsere Schwäche und Krankheit dar.

Gegen jede Krankheit aber gibt's ein Heilmittel. Auch gegen den Zeitgeist. Das Mittel ist eigenartig und sehr bedeutsam. Weil nämlich ein Geschlecht meistens zu schwach ist, gegen sein Massenwesen aufzukommen, tritt das folgende dafür ein und rettet den gefangenen Menschheitsteil. Die Wahrheit muß ja doch immer wieder durchbrechen durch alle Vergewaltigung. Die Menschheit erholt sich in den folgenden Geschlechtern vom Zeitgeist der Ahnen. So stellt jedes Geschlecht eine geistige Erholungsstätte dar, die an neuer Wahrheit wieder stark werden kann. Darum kann es nicht anders sein, als daß die Wahrheit den letzten Sieg behält, nicht die Lüge.

Der Zeitgeist ist jedenfalls nichts Ungefährliches. Wache Menschen gehören dazu, sich seiner Allgewalt zu entziehen. Die meisten fragen: Welches ist die schönste Ansicht, und die schönste wählen sie und putzen sich damit auf. Der Mensch aber lebt nur von Wahrheit. Alle die Schöngeister werden hoffnungslos Opfer des Zeitgeistes und sind menschliche Masken.

Andererseits ist kein Zweifel, daß der Zeitgeist auch neue Wahrheit fördern kann. Ein sehr interessantes Beispiel für die Wirkungen des Zeitgeistes in diesem Sinn ist z. B. die Reformation. Es ist bis heute unerklärlich, wie in einer Zeit, die weder Eisenbahn noch Telegraf noch Zeitungen kannte, mit solcher Sturmeseile die neuen Gedanken sich ausbreiten und einwurzeln konnten. Von dem Anschlag der Lutherschen Sätze an die Schloßkirche in Wittenberg, die heute nur noch wenige Gelehrte kennen, wußte man augenblicklich in ganz Deutschland. Diese Schnelligkeit ist nur erklärlich durch das Walten des Zeitgeistes. Die allgemeine Spannung war lange vorhanden. Das Wort von der Freiheit löste sie aus.

Aber jede Wahrheit muß ausreifen. So wie der Zeitgeist sie in der Regel ausspricht, ist sie gewöhnlich nur halbwahr. Auch an das Reformationswerk knüpfen sich daher schwere Kämpfe um ganze Wahrheit. Die Jahrhunderte seither sind voll von diesem Ringen. Wir rechnen von der Reformation an die Neuzeit, aber die eigentliche, neue Zeit will erst werden und muß sich durchringen.

Wunderliches Wesen hat zuweilen der Zeitgeist zuweg gebracht, Zeitstimmungen, von denen wir oft froh sind, daß sie hinter uns liegen. Düstere und freundlichere. Auch heute ist noch das letzte Wort nicht gesprochen. Aber es wird gesprochen werden. Die Wahrheit bleibt immer Sieger, und die Menschheit muß ganz frei werden.

Heute ist die große Kunst, unterscheiden zu lernen zwischen dem, was nur vergängliches Rauschen des Zeitgeistes ist, und dem, was echt und bleibend sein muß. Gewiß sind auch wir Kinder unserer Zeit, und spätere Geschlechter werden mitleidig unsere Kämpfe belächeln. Aber eines wissen wir wenigstens, daß wir nicht nötig haben, Sklaven des Zeitgeistes zu sein, sondern daß wir das Recht und die Pflicht haben, unsere Geistesfreiheit zu wahren und in allen widerspruchsvollen Gedanken unserer Zeit unsere eigenen zur Geltung bringen dürfen.

Der Zeitgeist ist vergänglich. Wir suchen mitten in der Zeit Unvergängliches, Ewiges.

*

Zeit und Ewigkeit

Der Mensch ist das wunderbarste Wesen, das es gibt. Mit allen Fasern an den Stoff gefesselt hat er doch sein Hauptleben im Geiste, und obgleich Zeit und Raum seine unüberschreitbaren Grenzen sind, denkt er sich über die Zeit in die Ewigkeit.

Der Begriff »Ewig« ist uns ganz geläufig. Wir reden davon und empfinden Ewiges, aber niemand kann es erklären. Zuweilen denken wir's als ungemessen lange Zeit, zuweilen spüren wir deutlich: es liegt jenseits der Zeit überhaupt, es ist etwas wesentlich anderes als Zeit. Wir empfinden die Ewigkeit, aber haben für sie weder Erklärung, noch Wort, noch Beweis. Natürlich. Wir verstehen ja nicht einmal die Zeit! Bemerkenswert ist das eigenartige Gefüge der Zeit. Sie bildet bei näherem Zusehen eine Dreiheit, streng geschieden, und doch eines. Jeder Augenblick ist beherrscht von einem der drei Zeitteile, aber jeden Augenblick wechseln sie einander ab; man kann keine Grenze der einen, oder anderen, oder dritten angeben, denn sie sind eins und doch nicht gleichzeitig. Die Zeit ist beherrscht von dieser seltsamen Dreieinigkeit, die wir Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft nennen.

Die Zeit läuft gleichsam auf zwei Rädern. Das eine wird abgewickelt, das andere aufgewickelt. Beide sind unendlich, aber zwischen ihnen läuft der kurze verbindende Faden, der stets ein anderer und doch der gleiche ist. Zwischen ihnen liegt der Augenblick, das Jetzt, und das Jetzt ist die Hauptsache in der Zeit, ihre Einigung und Verbindung. Es gibt ihr das Gepräge. Es ist ohne Maß klein und doch die Hauptsache. Es ist der Geist, der die Wesenheiten der Zeit einigt und offenbart.

Dabei ist aber gerade der verbindende Geist, das Jetzt, das Allerdunkelste in der Zeit. Die Zeit ist meßbar, der Augenblick nicht. Man kann sogar sein Vorhandensein leugnen, denn das, was eben noch im Werden war, ist augenblicklich ein Vergangenes. Nichts grenzt so haarscharf aneinander als Zukunft und Vergangenheit.

Andererseits ist das Jetzt das einzige, wirklich Helle in der Zeit. Die Vergangenheit ist immer dunkel und die Zukunft noch mehr. Nur das Jetzt ist hell. Wer das Jetzt verleugnet, verkommt und verdirbt. Das Jetzt ist die geheime Gewalt und Kraft der Zeit, das Unbekannte und doch einzig Bekannte. Es ist eigentlich unfaßbar, aber wem es gelingt, es zu fassen, der wird Herr über die Zeit. Wer das Jetzt ausnutzt, hat die Ewigkeit. Denn Ewigkeit ist das währende Jetzt.

Das Jetzt ist nur ein Augenblick, aber im Jetzt, im Augenblick, liegen die großen Entscheidungen. Es gestaltet allein die Zukunft und prägt sogar die Vergangenheit. Zwei Menschen sehen sich, lernen sich schätzen und kennen, dann kommt ein Augenblick, der entscheidet über ihr ganzes Leben. In diesem Augenblick erleben sie, was ewig ist. Es ist nicht lang, nicht kurz, es ist – ewig.

Unser Leben wird bestimmt durch kurze Begegnungen, in denen Ewiges liegt. Hätten wir zu der oder jener Zeit diese bestimmten Menschen nicht getroffen, so wäre alles anders geworden. Mußte es gerade so werden, liegt im scheinbaren Zufall ein höheres Gesetz des Werdens? – Unlösliche Fragen.

Wer in sein Leben zurückblickt, kann sehen, daß es nur eine Kette von Augenblicken war. Alles mögliche wickelte sich in Jahren fort, wichtig waren nur die Augenblicke. Wer überhaupt etwas erlebt, hat nur Augenblicke gesehen, alles andere, Vergangenes und Zukünftiges, sind nur leere Zeitschalen, der Augenblick ist ihr Kern.

Wir wissen also nicht, ob ein langes Leben oder ein kurzes Leben inhaltreicher ist. Es kommt ganz darauf an, was für Augenblicke daliegen. Es gibt ja gar nicht lang oder kurz. Es gibt auch im Raume nicht groß oder klein. Vielleicht erreicht ein Kind ein ebenso volles Lebensmaß, wenn es früh scheidet, wie ein Altes, das seinen Faden lange wickeln muß. Leben heißt, den Augenblick besitzen. Wer das nicht kann, verlebt.

Wer eine Erfindung macht, ein Kunstwerk ersinnt, ein Buch schreibt, erlebt nur einen einzigen Augenblick des Werdens und Erfassens. Alle übrige Zeit, vielleicht Jahre, dienen nur dem Einen Augenblicke und seiner Nutzbarmachung. Sie werden beherrscht von dem Zeitwerte, den niemand messen, auch niemand voraussehen konnte.

Es gibt nur Augenblicke im Menschenleben. Wer sie nicht hat, lebt nicht. Manches Leben ist ein Träumen auf seinen Augenblick hin und dann ein seliges Erwachen zum eigentlichen Leben. Manches ist ein Verträumen und Verrosten.

Wer bist du, großer Augenblick, du Inhalt und Ewigkeit der Zeit, was bist du, woher kommst du, und wohin gehst du? In dir fließt Zeit und Ewigkeit zusammen, und doch bist du unstet und rastlos, fortwährend ein anderer und stets der gleiche! Du bist unermeßlich und unbegreiflich!

 

Aber wenn dann der Augenblick verflogen, gehört alles der Vergangenheit an, diesem unersättlichen Etwas, das unser Jetzt und unsere Zukunft fortwährend verschluckt und unwiederbringlich macht.

Unwiederbringlich? Halt! Das sagt man doch nur so. Die Vergangenheit ist unendlich, aber nicht unwiederbringlich. Für den Menschen nicht. Wir allein haben die Fähigkeit, sie immer wieder heraufzuführen, und sie uns nutzbar zu machen. Wir brauchen nicht Vergangenes nachzumachen. Das nützt uns ja nichts. Aber wir können es ins Licht des Heute stellen und davon lernen.

Schon indem wir die Vergangenheit zur Geschichte machen, sind wir imstande, sie uns mehr oder minder deutlich zu vergegenwärtigen. Längst vergangene Zeiten sind in unserer Zeit wieder ausgegraben und unserem Geschlecht gegenwärtig geworden, und der Blick nach rückwärts hat sich für uns in einer Weise erweitert, wie niemand hätte ahnen können. Das Tier hat keine Vergangenheit. Es hat nur ein Heute, und dieses hat keinen Inhalt, keinen Augenblick. Es gibt auch Menschen, Völker, Länder ohne Vergangenheit. Aber der Mensch als solcher hat eine und kann sie immer wieder hervorholen.

Wir kennen Aegypten und Assur besser als die Alten, deren dürftige und oft halbwahre Erzählungen bisher diese Vergangenheitslücke notdürftig ausfüllten. Indien, China, Japan werden ihre Vergangenheit unseren staunenden Augen noch entrollen müssen. Sie werden es gewiß tun. Auch Amerika wird's tun.

Aber noch eine Vergangenheit ist unseren Blicken gegenwärtig geworden, die keine Kunde aufgeschrieben hat. Lange ehe der Mensch war und es beobachten und erzählen konnte, war die Tier- und Pflanzenwelt, war ein anderes Bild der Erdoberfläche, ein grundanderes.

Auch diese Vergangenheit ist lebendig geworden und wird es immer mehr. Wir lesen in der Vergangenheit des Planeten wie in einem heute aufgeschlagenen Buche. Wir vergegenwärtigen uns das Werden der Tierwelt, das Werden der Elemente, das Werden des Planeten und seines Sonnensystems. Die Vergangenheit der Welt wird im Menschen Gegenwart, wenn er will, weil er will.

Ja, die Vergangenheit wird zuweilen eine Großmacht und wilde Gewalt, die unser Heute beherrscht und den wertvollen Augenblick zerdrückt. Auf manchem Menschen lastet seine eigene Vergangenheit wie eine dumpfe Todesgewalt. Zuweilen ist es, als ob ganze Geschlechter mit der Wucht ihrer übeln oder großartigen Vergangenheit auf der Gegenwart lasteten und die Heutigen nicht vollständig aufatmen ließen. Diese Vergangenheit gibt manchen oft etwas Seufzendes, oder Gespreiztes, was ihr Selbst und ihr Heute verdüstert und verdirbt.

Ein sehr ehrenwerter Mann klagte mir einmal: Die Menschen können mir nicht verzeihen, daß ich nicht mein Vorgänger bin. Es hat für ihn lange Jahre bedurft, diese Vergangenheit zu überwinden. Ich habe viele gekannt, auf denen lasteten ihre Gestorbenen und hinderten ihr eigenes Sein.

In solchen Fällen erwächst dem Menschen eine neue Aufgabe und mit der Aufgabe auch die Fähigkeit. Er muß lernen, die Vergangenheit nicht nur zu vergegenwärtigen, sondern auch zu gestalten. Er muß scheiden lernen zwischen seinem Ich und dem Du der Vergangenheit. Ich bin das Heute – Du bist das Gestern. Also gebührt mir die Herrschaft, nicht dir. Gegenwärtig darfst du immerhin sein, aber herrschen muß ich, sonst sind wir beide verloren. Dein Heil liegt auch in mir. Ist das Vergangene düster, so muß das Heute hineinstrahlen, ist es glänzend, so muß es das Heute überstrahlen. Der Mensch kann das, denn er lebt, und das Lebendige kann leuchten, weil es ein Licht in sich trägt. Das Vergangene aber ist tot.

Unser Heute, wie wir es gestalten, vermag Vergangenes zu versöhnen und Unruhiges zur Ruhe zu bringen. Vor einem vollen Heute muß aller Bann der Vergangenheit in Nebel verschwinden können. Das vermag der Mensch des Heute. Er soll das Vergangene kennen, er soll's nicht verachten und sich roh und geschichtslos abwenden, aber er soll es in seine Hand nehmen und ihm sein Gesetz aufdrücken.

Nichts Vergangenes hat das Recht, den Menschen zu belasten. Wir vermögen es ja umzugestalten. Darum gibt es auch im Einzelleben keine unwiederbringlich verlorenen Jahre. Verloren ist nur, was wir verloren geben. In sich selber hat nichts die Macht, verloren zu gehen. Es gibt auch niemals ein Zuspät, wenn wir's nicht machen.

Der Mensch hat jederzeit das Recht, ein ganz Neues zu beginnen und grundandere Wege einzuschlagen, unbekümmert um jeden Bann einer Vergangenheit. In dem Maße, als ihm das gelingt, wird auch seine Vergangenheit in ein ganz anderes Licht gesetzt und verklärt. Nicht daß irgend etwas ungeschehen gemacht werden könnte. Das ist oft weniger wünschenswert, als es scheint. Aber es tritt alles in das Licht der Wahrheit. Darin stirbt alles Belastende, und übrig bleibt die große innere Vertiefung, die das Leid in uns zu schaffen vermag.

So wird Vergangenes anders durch den Menschen und sein Heute. Statt dumpf zu belasten, wird es verklärt und muß gerade helfen, Früchte der Wahrheit zu zeitigen. Gerade eine üble Vergangenheit wird den Menschen mehr vertiefen, als ungesalzene Tugendhaftigkeit es je vermöchte.

Dieses Eigentümliche, das mit dem Menschen zusammenhängt und die Zeiten aus dem Heute heraus beherrscht, gibt daher zu den größten Hoffnungen Anlaß. Man könnte sich einen Zustand denken, von dem aus die Irrwege der Menschheit nicht so sehr bedauert werden, wo deutlich wird, daß gerade die Irrwege dazu dienen mußten, den Menschen um so unverlierbarer der Wahrheit zu gewinnen. Da wir nun voraussetzen müssen, daß die Wahrheit stärker ist als die Unwahrheit, wie das Licht mächtiger ist als die Finsternis, so gestaltet sich der Blick auf die Menschheit außerordentlich hoffnungsfreudig. Zeit steht ja unendlich viel zur Verfügung, also muß irgendwann ein Heute werden, von dem aus die ganze drückende Vergangenheit des Leides und der Unvollkommenheit umgestaltet wird. Ja, das Fehlerhafte hat gerade helfen müssen, daß das Neue um so herrlicher wurde.

Wer also verzagt an sich oder am Ganzen, hat die Zeit nicht verstanden und hat keine Ahnung von der Macht der Wahrheit. Der Philister nur jammert, weil er allen Kräften fernsteht, die aus dem Jetzt das Gewesene umgestalten, weil er keine Ahnung hat vom Werte des Menschen. Wer verzagt, ist blind für das Große, das um ihn ist, und in das er eingefügt ist. Aber durch seine Blindheit wird sein Besitzstand nicht geändert. Es bedürfte oft nur eines Oeffnens der Augen, um aus dem Verzagten einen Mutigen, aus dem Lauen einen Eifrigen zu machen.

 

Nur der Mensch hat seine besondere Vergangenheit. Durch den Menschen fließen auch Lebenskräfte, die sie neu gestalten. Gewinnt er aber Macht über die Vergangenheit, so erst recht über die Zukunft.

Die Zukunft ist das Rad, von dem das Jetzt den Faden abwickelt. Zukünftiges wird jeden Augenblick in Jetzt verwandelt. Wer das Jetzt regiert, bestimmt also auch die Zukunft. Wir sind keineswegs willenlos und wehrlos der Zeit preisgegeben. Es gibt Menschen, die fürchten sich beständig vor der Zukunft. Sie überschreiten jedes neue Jahr mit Zittern und Zagen: Was kann das Jahr alles Schreckliche bringen? – Der Furchtlose geht seinen Weg immer ruhig und besonnen. Aber der Bange sucht das unheimliche Gefühl durch Lärmen zu verscheuchen. Wenn ich einen lärmen sehe, so weiß ich, daß sein Mut und seine Ausdauer gering ist, denn er ist heimlich verzagt.

Aber zu Furcht ist in keinem Falle Ursache. Gewiß bringt die Zukunft viel Schweres, das unvermeidlich ist, wie jede Zeit solches hat. Aber schließlich ist ja ganz gleichgültig, was kommt. Wichtig ist nur, was wir daraus machen. Lassen wir uns wehrlos davon zerdrücken, so ist die Zeit und das Unglück Herr, nicht der Mensch, so gehen gerade unsere wertvollsten Kräfte nutzlos verloren. Die Dinge sind dann die Macht und wir die Knechte. Solchen hilft auch Gutes nicht, was sie erleben. Denn sie vermögen's nicht festzuhalten.

Aber wir können uns auch anders stellen. Wir nehmen das Schwere in uns auf und gestalten es in uns um. Es kommt als Dingwert und wird ausgestrahlt als Herrlichkeit des Geistes. Das, was die Zeit bringt, wird umgesetzt in Menschenkraft. So hat es in jedem Falle genützt. Es liegt also Glück und Unglück, Lust und Leid nicht in der Zeit, sondern nur in uns selbst. Vieler Menschen Zukunft muß trübe werden, weil sie selbst trübe sind, und wer für die Gegenwart seine Zeit ausnutzt, der tut's auch für die Zukunft.

Die Jugend sieht hoffnungsfroh in die Zukunft, weil sie in sich die Kraft fühlt, mit ihr fertig zu werden. Ist sie erst einige Male unterlegen, so schwindet ihr der Mut, und dann ist's für lange, oft für ein Leben vorbei. Wer aber im entscheidenden Augenblicke Sieger bleibt, oder wenigstens den Mut nicht verliert, der wird Herr seiner Zukunft. Nichts vermag etwas wider den wahren Menschen.

 

So ist überall die Zeit überragt von der Ewigkeit. Sie liegt in ihr wie in einer schützenden Hülle, daß von der Zeit nichts verlorengeht. Der Mensch ist mehr Sohn der Ewigkeit als der Zeit. In ihm liegt beschlossen die Dreieinigkeit der Zeit. Er gebietet der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft.

Nicht jeder Mensch hat ohne weiteres diese Macht, aber in jedem schlummert die Fähigkeit, sie zu erringen. In dem Maße, als er sie gewinnt, tritt sein wahres Menschenbild hervor.

Der wahre Mensch steht über der Zeit. Sein Wesen liegt in der Ewigkeit. Göttlichkeit ist die Wahrheit des Menschen. Sie zu offenbaren ist seine Seligkeit. Das ist der Zweck seiner Zeit.

Die Zeit ist wohl ein gewaltiges Rätsel. Es spottet unseres Denkens. Aber wir können sie uns aneignen und uns zu ihren Beherrschern machen. Dann erleben wir an der Zeit, was wir nicht erklären können, und was wir erleben, das verstehen wir, auch wenn wir keine Worte dafür haben. Wir verstehen es mit dem tiefen Sinne des Herzens, der jenseits der Zeit steht und in der Ewigkeit wurzelt. Wer in sich klar und sicher werden will, muß diesen Sinn üben und entwickeln. Eines ist gewiß. Die Wahrheit der Menschheit wird gefunden werden – mit der Zeit.

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