Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Sand >

Lavinia - Pauline - Kora

George Sand: Lavinia - Pauline - Kora - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/sand/3nov/3nov.xml
typenovelette
authorGeorge Sand
titleLavinia ? Pauline ? Kora
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091112
projectidd5fcf52f
Schließen

Navigation:

7.

Acht Tage vergingen, ohne daß Montgenays von Laurentia empfangen worden wäre und ohne daß er gewagt hätte, Lavallée wegen dieses Stillschweigens und dieser Verweigerung des Zutritts zur Rechenschaft zu ziehen, so sehr scheute er sich vor dem Gedanken, einen Fehlschuß gethan zu haben, und so sehr fürchtete er, darüber Gewißheit zu erlangen.

Während dieser Zurückgezogenheit, waren Pauline und Laurentia die Beute innerer Stürme. Laurentia hatte alles gethan, um die Freundin zu einem Herzensergüsse zu bewegen, aber vergebens. Je mehr sie sich bemühte, ihr Montgenays zu verleiden, desto mehr steigerte sie das Leiden Pauline's, ohne die Krisis herbeizuführen, von der sie das Wohl derselben erhoffte. Pauline erboßte sich über die Anstrengungen, die man machte, um ihr ihr Herzensgeheimniß zu entreißen. Sie hatte die List entdeckt, die Laurentia anwandte, um Montgenays zur Erklärung zu zwingen, und dieselbe in gleicher Weise wie Montgenays, gedeutet. Sie zürnte daher ihrer Freundin tödtlich, weil dieselbe versucht habe, und es ihr gelungen sei, ihr die Liebe eines Mannes zu rauben, die sie bis zum letzten Tage für aufrichtig gehalten hatte. Sie legte das Betragen Laurentia's einer hassenswerthen Laune zur Last, welche eine Folge des Verlangens der Schauspielerin sein sollte, alle Männer zu ihren Füßen zu sehen. »Sie mußte sogar den an sich locken, der ihr am gleichgültigsten war, sobald sie sah, daß er sich mir zuwandte,« sagte sie zu sich selbst. »Ich wurde ein Gegenstand der Geringschätzung und der Abneigung für sie, sobald sie vermuthen konnte, ich würde, und wäre es auch nur von Seiten eines einzigen Mannes, neben ihr bemerkt. Daher ihre zudringliche Neugier und Spionage, um zu enträthseln, was zwischen ihm und mir vorging, daher alle ihre Bemühungen jetzt, um zu verhindern, daß er mit mir zusammentrifft, daher endlich der schmähliche Sieg, den sie in Folge ihrer Koketterien errang, und der erbärmliche Triumph, den sie über mich davonträgt, indem sie einem schwachen Mann, den ihr Ruf blendet und mein Trübsinn langweilt, den Kopf verwirrt.«

Pauline wollte Montgenays keines schlimmern Vergehens als eines unfreiwilligen Hingerissenseins anklagen. Viel zu stolz, um bei einer übelbelohnten Liebe zu beharren, litt sie bereits nur noch unter der Demüthigung, verlassen worden zu sein, aber dieser Schmerz war der größte, den sie empfinden konnte. Sie besaß kein weiches Gemüth, und der Zorn richtete daher mehr Verheerungen in ihrem Innern an, als das Bedauern. Ihre natürlichen Gesinnungen waren dabei edel genug, um sie zu bestimmen, selbst bei all den Verirrungen, zu denen der verletzte Stolz sie hinriß, edel zu denken und zu handeln. Sie hielt daher Laurentia in Bezug auf das Benehmen derselben gegen sie wol für hassenswerth, hatte aber bei diesem Gedanken, der doch an sich eine bedauernswürdige Undankbarkeit war, weder den Wunsch noch den Willen, undankbar zu sein. Sie tröstete sich damit, daß sie sich in Gedanken über ihre Nebenbuhlerin stellte und sich das Besprechen gab, ihr ohne Selbsterniedrigung und Groll das Feld frei zu lassen. »Mag sie befriedigt werden,« sagte sie zu sich selbst, »mag sie triumphiren, ich gönne es ihr. Gern will ich ihr als Trophäe dienen, in der Voraussicht, daß sie eines Tages gezwungen werde, mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, meine Seelengröße zu bewundern, meine unerschütterliche Ergebenheit nach ihrem wahren Werthe zu schätzen und über ihre Treulosigkeit zu erröthen! Montgenays wird ebenfalls die Augen öffnen und einsehen, was für eine Frau er dem Glanze eines Namens geopfert hat. Er wird Reue empfinden, und es wird zu spät sein. Der Glanz meiner Tugend wird mich rächen.«

Es gibt Gemüther, denen es nicht an Erhabenheit, aber an sanfter Güte fehlt. Man wäre im Unrecht, wollte man die Menschen, welche das Böse aus Bedürfniß, und die, welche es unbewußt und wider Willen thun, mit demselben Spruche richten, ohne zu befürchten, daß man dabei der Gerechtigkeit ermangle. Die letztern sind bei weitem unglücklicher: sie suchen unaufhörlich ein Ideal, das sie niemals finden, denn es existirt nicht auf Erden, und haben dabei im Innern nicht jenen Schatz von Zärtlichkeit und Liebe, der die Unvollkommenheiten des Menschengeschlechts erträglich macht. Man kann mit Recht von diesen Personen behaupten, daß sie nur liebreich und gütig sind, wenn sie träumen.

Pauline besaß Gerechtigkeitssinn und wirkliche Gerechtigkeitsliebe, aber zwischen der Theorie und der Praxis befand sich ein Schleier, der ihre Urtheilskraft schwächte: es war das jener ungeheure Eigendünkel, den nichts beschränkt, sondern im Gegentheil alles ins Unendliche begünstigt hatte. Ihre Schönheit, ihr Geist, ihr schönes Benehmen gegen ihre Mutter, die Reinheit ihrer Sitten und ihrer Gedanken, das alles stand ihr vor Augen wie ein langsam angehäufter Schatz, an dessen Werth man sie unaufhörlich erinnern mußte, damit sie nicht andere um ihre Reichthümer beneide; denn sie wollte etwas sein, und je mehr sie sich den Anschein gab, als rechne Sie sich zur Menge der gewöhnlichen Menschen, desto mehr empörte sie der Gedanke, wirklich dazu gezählt zu werden. Es wäre ein Glück für sie gewesen, hätte sie mit dem Scharfblick, den tiefe Weisheit oder erhabene Herzenseinfalt verleiht, in ihr eigenes Innere hinabtauchen können: sie würde entdeckt haben, daß ihre häuslichen Tugenden allerdings einige Flecken zeigten, daß ihr Christentum nicht immer allzu christlich gewesen, ihre frühere Toleranz gegen Laurentia niemals so vollständig, so herzlich gewesen war, als sie sich eingebildet hatte, und vor allem würde sie gefunden haben, daß ein ganz persönliches, selbstsüchtiges, eigennütziges Bedürfniß sie ansporne, anders zu leben als früher, sich zu entschleiern, sich zu zeigen. Das ist ein berechtigtes Bedürfniß, welches zu den heiligen Rechten des Menschen gehört, aber eben deshalb ist es nicht statthaft, sich eine Tugend daraus zu machen, und stets ist es ein schweres Unrecht, sich selbst zu täuschen, um in den eigenen Augen größer zu erscheinen. Von diesem Punkte bis zu der Eitelkeit, auch die andern über sein eigenes Verdienst zu täuschen, ist nur ein Schritt, und Pauline hatte diesen Schritt bereits gethan. Es war ihr unmöglich, umzukehren und zuzugeben, daß sie nur eine einfache Sterbliche sei, nachdem sie sich einmal hatte heilig sprechen lassen.

Da sie Laurentia nicht die Freude bereiten wollte, sich gedemüthigt zu zeigen, erheuchelte sie die größte Gleichgiltigkeit und trug ihren Schmerz mit stoischer Geduld. Diese Ruhe, welche Laurentia nicht täuschen konnte, denn sie sah, wie Pauline hinwelkte, erschreckte und ängstigte die Schauspielerin. Sie konnte sich nicht entschließen, ihr den letzten Schlag beizubringen und ihr die schmähliche Untreue Montgenays' zu beweisen; lieber ertrug sie die stumme Beschuldigung, ihn verführt und der Freundin entrissen zu haben. Sie hatte Montgenays' Brief nicht annehmen wollen. Lavall hatte ihr den Inhalt desselben mitgetheilt, und sie hatte ihn gebeten, das Schreiben unentsiegelt aufzubewahren, um sich desselben nöthigen Falls bei Pauline zu bedienen. Aber wie hätte sie wünschen mögen, daß dieser Brief einer andern Frau zukäme! Sie wußte allzu gut, daß Pauline mehr die Ursache als den Urheber ihres Unglücks haßte.

Als Lavalle eines Tages aus Laurentia's Wohnung kam, begegnete er Montgenays, der sich soeben, wol zum zehnten Male, hatte abweisen lassen. Er war außer sich, und jede Mäßigung verlierend, überhäufte er den alten Schauspieler mit Vorwürfen und Drohungen. Anfangs begnügte sich dieser, die Achseln zu zucken, als er aber hörte, wie Montgenays seine Beschuldigungen auch auf Laurentia ausdehnte und, während er sich beklagte, daß man ein Spiel mit ihm getrieben habe, in Rachedrohungen ausbrach, konnte Lavallée, ein geradsinniger, gutmüthiger Mann, seine Entrüstung nicht bemustern. Er behandelte Montgenays wie einen jämmerlichen Feigling und schloß mit den Worten:

»Ich bedauere in diesem Augenblick mehr als je, daß ich alt bin, denn es scheint, als ob graue Haare ein Vorwand wären, um zu verhindern, daß man sich schlägt, und Sie möchten glauben, daß ich dies Privilegium mißbrauche, um Sie ungestraft zu beleidigen. Ich gebe Ihnen aber die Versicherung, daß ich, wäre ich zwanzig Jahre jünger, Ihnen Ohrfeigen verabreichen würde.«

»Die Drohung genügt zur Bezeichnung der Feigheit,« entgegnete Montgenays, bleich vor Wuth, »und ich gebe Ihnen die Beleidigung zurück. Wäre ich zwanzig Jahre älter, so würde ich betreffs der Ohrfeigen den Anfang machen.

»Ah,« rief Lavallée, »hüten Sie sich, mich aufs Aeußerste zu bringen! Ich könnte mich über jedes Bedenken und jede Scheu hinwegsetzen und Ihnen öffentlich eine Schmach anthun, wenn Sie sich die geringste Niederträchtigkeit gegen eine Person zu Schulden kommen lassen, deren Ehre mir theurer ist, als meine eigene.«

Als Montgenays nach Hause zurückgekehrt war und seine Wuth sich gelegt hatte, bedachte er mit Recht, daß jeder Racheact, der Aufsehen erregen könnte, die Spitze gegen ihn selbst kehren würde, und nachdem er lange nachgesonnen, fand er endlich ein Mittel, Vergeltung zu üben, das abscheulicher war als alle andern: es bestand darin, daß er sein Verhältniß mit Pauline wieder anknüpfte, um sie von Laurentia loszureißen. Er wollte nicht durch zwei gleichzeitige Niederlagen gedemüthigt werden und bedachte zudem sehr wohl, daß, sobald der erste Sturm vorüber wäre, die beiden Frauen gemeinsame Sache machen würden, um ihn mit Spott oder Verachtung zu strafen. Lieber wollte er Haß erregen und die eine verderben, um die andere zu schrecken und zu quälen.

In dieser Absicht schrieb er an Pauline, versicherte sie seiner ewigen Liebe und protestirte gegen das schändliche Complot, das seiner Angabe nach Lavallée und Laurentia gegen sie beide angezettelt haben sollten. Er bat um eine Gelegenheit zur Erklärung und versprach dabei, nie wieder vor Pauline zu erscheinen, wenn sie ihn nach dieser Zusammenkunft nicht vollständig gerechtfertigt fände. Das Stelldichein müßte aber geheim gehalten werden, da Laurentia sie trennen wolle. – Pauline ging zu dem Rendezvous, ihr Stolz und ihre Liebe bedurften gleicherweise des Trostes.

Lavallée, der alles, was sich im Hause zutrug, überwachte, fing die Botschaft Montgenays' auf. Er ließ sie passiren, entschlossen, Pauline bei ihrem gefährlichen Vorhaben nicht zu verlassen, und verlor sie von diesem Augenblick ab nicht mehr aus den Augen. Er folgte ihr, als sie, zum ersten Male in ihrem Leben, allein, zu Fuß und so furchtzitternd das Haus verließ, daß sie bei jedem Schritte umsinken zu müssen glaubte. An der ersten Straßenecke zeigte er sich ihren Blicken und bot ihr seinen Arm an. Pauline glaubte, ein Unbekannter insultire sie, stieß einen Schrei aus und wollte fliehen.

»Fürchte nichts, armes Kind,« sagte Lavallée in väterlichem Tone zu ihr. »Aber sieh, welchen Dingen du dich aussetzt, wenn du bei Nacht so allein gehst. Komm,« fuhr er fort, indem er Pauline's Arm in den seinen legte, »du willst eine Thorheit begehen, begeh sie zum wenigsten mit Anstand! Ich werde dich führen, ich weiß, wohin du gehst und werde dich nicht aus den Augen lassen. Ich werde nichts hören, wenn ihr mit einander redet – ich werde mich entfernt halten und dich nachher zurückführen. Nur denke daran, daß ich, wenn Montgenays das Geringste von meiner Anwesenheit ahnt oder wenn du versuchst, dich aus meinem Gesichtskreise zu entfernen, mit Stockschlägen über ihn herfallen werde.«

Pauline versuchte nicht zu läugnen. Sie war verwirrt von der Bestimmtheit, mit welcher Lavallée sprach, und da sie sein Benehmen nicht zu deuten wußte, zudem auch alle Demüthigungen der Schmach, von ihrem Geliebten verlassen zu werden, vorzog, ließ sie sich mechanisch und halb betäubt bis zum Parke von Monceaux führen, wo Montgenays sie in einer Allee erwartete. Der Schauspieler verbarg sich zwischen den Bäumen und folgte ihnen mit den Augen, während Pauline, seiner Warnung eingedenk, mit Montgenays auf und ab spazierte, ohne sich aus dem Auge verlieren zu lassen und ohne ihrem Geliebten über die Hartnäckigkeit, mit der sie weiterzugehen sich weigerte, Aufklärung geben zu wollen. Er schrieb diese Beharrlichkeit kleinstädtischer Prüderie zu, die er außerordentlich lächerlich fand, denn er war nicht thöricht genug, um die Intrigue mit einer Frechheit zu beginnen. Er nahm eine ernste Miene an, gab seiner Stimme einen dumpfen Klang und sprach in gefühlvollen, ehrerbietigen Worten. Bald ward er inne, daß Pauline weder von der unglücklichen Liebeserklärung noch von dem ärgerlichen Briefe wußte, und von diesem Augenblicke an hatte er leichtes Spiel, den Absichten Laurentia's zuvorzukommen. Er stellte sich, als empfinde er bittere Reue und habe ernste Entschlüsse gefaßt. Er erfand einen neuen Roman, bekannte sich zu einer alten Leidenschaft für Laurentia, die er Pauline nie zu gestehen gewagt habe, und die wider seinen Willen von Zeit zu Zeit von Neuem bei ihm erwacht sei, sogar dann, als er dieses liebenswürdige, reine, sanfte, bescheidene Mädchen anbetete, das der hochmüthigen Komödiantin so weit überlegen war. Er hatte schrecklichen Verführungskünsten, wahnwitzigen Anträgen nachgegeben und war noch ganz zuletzt toll genug und so sehr Feind seiner eigenen Würde gewesen, daß er einen Brief an Laurentia gerichtet hatte, einen Brief, den er widerrief, den er verabscheute, dessen wortgetreuen Inhalt er aber nichtsdestoweniger Pauline mitzutheilen verbunden sei. Er wiederholte ihr das Schreiben Wort für Wort, und hob dabei das Schlimmste, das am wenigsten Verzeihliche besonders hervor, da er, wie er sagte, keine Gnade verlange und sich ihrem Hasse unterwerfen, ihr Nichtgedenken erdulden, aber nicht ihre Verachtung verdienen wolle.

»Nie wird Ihnen Laurentia diesen Brief zeigen,« sagte er, »denn sie hat meine Rückkehr zu ihr viel zu sehr selbst herbeigeführt, als daß sie Ihnen diesen Beweis für ihre Gefallsucht liefern würde. Ich hatte also von dieser Seite nichts zu fürchten, aber ich wollte Sie nicht verlieren, ohne Sie wissen zu lassen, daß ich mein Urtheil mit Ergebung, mit Reue, mit Verzweiflung annehme. Ich wünsche, daß Sie wissen, daß ich jenes Schreiben widerrufe, und hier ist ein neuer Brief, den ich Sie Laurentia zuzustellen bitte. Sie sollen sehen, wie ich sie richte, wie ich sie behandle, wie ich sie verachte, sie, dies hochmüthige, kaltherzige Weib, das niemals geliebt hat und ewig angebetet sein wollte! Sie ist das Unglück meines Lebens, nicht nur weil sie alle Hoffnungen, die sie mir einflößte, vereitelt, sondern mehr noch weil sie mich verhindert hat, mich an Sie anzuschließen, wie ich es sollte, wie ich es konnte, wie ich es noch immer können würde, wenn Sie mir meine Erbärmlichkeit, mein Verbrechen und meine Narrheit verzeihen könnten. Zwischen zwei Leidenschaften, von denen die eine wild, verzehrend, verderblich, die andere rein, himmlisch, belebend wirkte, hin und her geworfen, verrieth ich die, welche meine Seele gekräftigt und geheilt haben würde der andern wegen, welche mein Herz zerreißt und zerstört. Ich bin ein Unglücklicher, aber kein Schurke. Halten Sie mich für nichts Anderes als für einen Menschen, den die langanhaltenden Qualen einer beklagenswertem Leidenschaft entnervt und niedergedrückt haben. Aber erfahren Sie auch, daß ich meine Reue nicht überleben werde; nur Ihre Verzeihung allein wäre im Stande gewesen, mich zu retten. Ich kann sie nicht erbitten, denn ich verdiene sie nicht. Sie sehen mich gelassen und ruhig, weil ich weiß, daß ich nicht lange leiden werde. Scheuen Sie sich wenigstens nicht, mir ein wenig Mitleid zu Theil werden zu lassen, denn bald werden Sie vernehmen, daß ich Ihnen Genugthuung verschafft habe. Sie sind beleidigt worden, Sie bedürfen eines Rächers – ich bin der Schuldige, ich werde auch der Rächer sein.«

In dieser Weise sprach Montgenays zwei ganze Stunden lang zu Pauline. Sie zerfloß in Thränen, sie verzieh ihm, sie schwur ihm, alles vergessen zu wollen, flehte ihn an, sich nicht zu tödten, verbot ihm, sich zu entfernen und versprach, ihn wiederzusehen, müßte sie sich deswegen auch mit Laurentia überwerfen und entzweien. Montgenays hoffte nicht, soviel zu erreichen, und verlangte nicht mehr.

Lavallée führte sie zurück. Pauline sprach während des ganzen Weges kein einziges Wörtchen. Ihre Ruhe setzte den alten Komödianten nicht in Erstaunen, denn er dachte sich recht wohl, daß Montgenays schöne Worte und kräftige Lügen nicht gespart hätte, um sie zu beruhigen. Er bedachte auch, daß sie verloren wäre, wenn er nicht scharfe Gegenmittel in Anwendung brächte. Bevor er sie daher an der Thür Laurentia's verließ, schob er ihr heimlich den ersten Brief Montgenays', der noch nicht geöffnet worden war, in die Tasche.

Laurentia war sehr überrascht, noch am Abend in dem Augenblicke, wo sie sich zu Bett begeben wollte, Pauline, die seit acht Tagen nur trockene oder höhnische Worte für sie gehabt hatte, mit ruhiger Miene und liebenswürdigem Wesen in ihr Zimmer treten zu sehen. Sie hielt einen Brief in der Hand, den sie Laurentia mit dem Bemerken überreichte, Lavallée habe sie mit dem Ueberbringen desselben beauftragt. Als sie die Handschrift und das Siegel Montgenays' erkannte, glaubte Laurentia, Lavallée würde seine Gründe gehabt haben, Pauline diese Botschaft anzuvertrauen und der Moment wäre gekommen, ein starkes Mittel gegen das starke Uebel anzuwenden. Mit zitternder Hand öffnete sie das Schreiben und überlief es, während sie noch immer schwankte, ob sie es der Freundin mittheilen solle, so sehr war sie von der fürchterlichen Wirkung überzeugt. Wie groß war aber ihr Befremden und ihre Bestürzung, als sie Folgendes las:

»Laurentia,

Ich habe Sie getäuscht! Ich liebe nicht Sie, sondern Pauline. Verdammen Sie mich nicht, ich täuschte mich selbst. Alles, was ich sagte, dachte ich in jenem Augenblicke wirklich – aber einen Augenblick später und jetzt und immer widerrufe und verläugne ich es. Nur ihre Freundin bete ich an und ihr würde ich mein Leben weihen, wenn sie mir meine Thorheiten und meine Unentschlossenheit verzeihen könnte. Sie wollten mich irre führen, mich täuschen, mich glauben machen, Sie könnten und wollten mich beglücken. Das wäre Ihnen nicht gelungen, denn Sie lieben mich nicht, und ich, ich bedarf einer wahren, tiefen, dauernden Liebe. Verzeihen Sie mir daher meine Schwäche, wie ich Ihnen Ihre flüchtige Neigung zu mir verzeihe. Sie sind großherzig, aber Sie sind ein Weib, ich bin aufrichtig, aber ich bin ein Mann. In dem Momente, wo wir einen großen Fehler begehen wollten, der uns eine gegenseitige Täuschung bereiten mußte, haben wir überlegt und sind beide andern Sinns geworden – nicht wahr? Ich bin dagegen bereit, mein ganzes Leben Ihrer Freundin zu Füßen zu legen, und Sie, Sie sind zu dem Entschlüsse gebracht, mir zu gestatten, daß ich ihr unablässig meine Huldigungen darbringe, wenn sie selbst mich nicht verschmäht. Seien Sie überzeugt, daß Sie, wenn Sie sich mit Aufrichtigkeit und Edelmuth benehmen, an mir einen treuen, zuverlässigen Freund haben werden.«

Laurentia stand verwirrt, sie konnte eine solche Unverschämtheit nicht begreifen. Sie legte jedoch den Brief in ihr Schreibpult, ohne ihre Ueberraschung zu verrathen. Pauline aber glaubte in ihrem Herzen zu lesen und war entrüstet über die schlimmen Absichten, die sie bei Laurentia voraussetzte.

»Man hatte einen Brief, der mich kränken mußte,« sagte sie zu sich selbst, während sie sich in ihr Zimmer zurückzog, »und man steckte ihn mir zu. Jetzt hat man einen andern, von dem man vermuthet, daß er mich trösten müsse, und man stellt ihn mir nicht zu.« Voll Verachtung gegen ihre Freundin schlief sie ein. Der Freudenrausch in ihrer Seele und die Wollust, sich endlich Laurentia so weit überlegen zu wissen, hinderten die verrathene Freundschaft, ein Gefühl des Bedauerns aufkommen zu lassen. Die Unglückliche triumphirte, daß sie eben mit einer Art Bosheit zu ihrem eigenen Verderben geholfen und beigesteuert hatte.

Am folgenden Tage hatte Laurentia wegen dieses Briefes eine eingehende Unterredung mit Lavallee. Der Zufall oder die Gewohnheit des Schreibenden hatten es gefügt, daß er in Couvert und Siegel genau mit jenem übereinstimmte, den Montgenays unter den Augen Lavallée's geschrieben hatte. Man fragte Pauline, ob sie nicht zwei ähnliche Briefe in der Tasche gehabt habe, als sie den vorliegenden Laurentia überbrachte. Im Innern entzückt über die Verstimmung der Beiden, spielte sie die Erstaunte und behauptete, nichts von dieser Frage zu begreifen und auch nicht zu wissen, von wem der Brief wäre, noch wie und warum man ihn ihr in die Tasche gesteckt habe. Der andere befand sich bereits wieder in den Händen Montgenays'. In wahnwitziger Freude hatte ihn Pauline unerbrochen zurückgeschickt, um Montgenays einen großartigen, romanhaften Beweis ihres Vertrauens und ihres Verzeihens zu geben.

Laurentia wollte noch immer an eine Art Redlichkeit von Seiten Montgenays' glauben. Lavallée konnte sich nicht darüber täuschen. Er berichtete ihr das Stelldichein, zu dem er Pauline geführt hatte und machte sich diesen Schritt zum Vorwurf. Er hatte darauf gerechnet, daß nach einer Zusammenkunft, bei welcher Montgenays auf das Unverschämteste lügen würde, der Brief eine entscheidende Wirkung auf Pauline ausüben müsse, und konnte sich noch nicht erklären, in welch wunderbarer Weise Pauline ihre Ränke getrieben habe, so daß sie alle Hindernisse hatte besiegen können. Laurentia aber wollte nicht glauben, daß auch ihre Freundin sich auf das Intriguiren verstehe und einen ihrer Würde und Ehre so verderblichen Antheil daran nähme.

Was konnte Laurentia thun? Sie machte einen letzten Versuch, der Freundin die Augen zu öffnen. Jetzt aber machte Pauline ihrem Herzen Luft. Sie weigerte sich, andern Erklärungen, als denen, die Montgenays ihr gegeben hatte, Glauben zu schenken und zerriß in der Trunkenheit ihres vermeintliches Triumphes ihrer Freundin mit bittern Vorwürfen und verächtlichen Hohnworten das Herz. Laurentia war gezwungen, einige ernste Warnungen an sie zu richten, die Pauline vollends erbitterten. Sie erklärte, sie wäre unabhängig, großjährig, Herrin ihrer Handlungen und keineswegs geneigt, sich der tyrannischen Willkür einer Person zu fügen, von der sie schmählich betrogen worden sei. Das zwang Laurentia, ihr zu sagen, daß sie zu ihrem Verderben nicht die Hand bieten könne, und daß sie es sich nie verzeihen würde, wenn sie in ihrem Hause, im Schooße ihrer Familie die Unternehmungen eines Verführers und Feiglings dulde.

»Ich bin vor Gott und Menschen für dich verantwortlich,« sagte sie. »Wenn du dich in einen Abgrund stürzen willst, will ich wenigstens dich nicht dazu treiben.«

»Darum ging auch Ihre Aufopferung so weit,« entgegnete Pauline, »daß Sie sich an meiner Stelle hineinstürzen wollten.«

Ueber diese ungerechte Schmähung und diese Undankbarkeit entrüstet, sprang Laurentia auf, schleuderte Pauline einen furchtbaren Blick zu und wies ihr die Thür, da sie fürchtete, ihr Zorn möchte sie übermannen, mit einer Handbewegung und einem Gesichtsausdruck, der Pauline versteinerte. Nie war die Tragödin schöner erschienen, selbst damals nicht, als sie im »Bajazet«Trauerspiel von Racine (s. Univ.-Bibl. Nr. 839.) D. Uebers. ihr königlich-erhabenes »Hinaus!« rief.

Als sie allein war, schritt sie im Zimmer wie eine gefangene Löwin hin und her, zerschmetterte dabei ihre etrurischen Vasen und ihre Statuetten, zerknitterte ihre Kleider und raufte sich beinahe ihr schönes schwarzes Haar aus. Alles, was sie an Großmuth, Aufrichtigkeit und wahrer Zärtlichkeit im Herzen trug, war verkannt und entheiligt worden von dem Wesen, das sie so sehr geliebt hatte, für welches sie ihr Leben hingegeben hätte! Es gibt heilige Ausbrüche des Zorns, wo Jehova in uns spricht, und wo die Erde erbeben würde, wenn sie empfände, was in einem beleidigten großen Herzen vorgeht. Die kleine Schwester Laurentia's trat herein, glaubte, sie studire eine Rolle ein und beobachtete sie einige Minuten lang, ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Bewegung zu wagen. Dann aber lief das Kind, über die Blässe und Entstelltheit der Schwester erschrocken, zu Madame S ... und sagte:

»Mama, geh doch zu Laurentia. Sie wird sich krank machen, wenn sie soviel arbeitet. Ich fürchte mich vor ihr.«

Madame S... eilte zu ihrer Tochter. Als Laurentia sie erblickte, warf sie sich in ihre Arme und brach in Thränen aus. Nachdem es ihr im Verlaufe einer Stunde gelungen war, sich zu beruhigen, bat sie ihre Mutter, Pauline zu rufen. Sie wollte die Freundin wegen ihrer Heftigkeit um Verzeihung bitten, um selbst Gelegenheit zu haben, Verzeihung zu gewähren. Man suchte Pauline im ganzen Hause, im Garten, auf der Straße ... Mit Schrecken trat man in ihr Zimmer. Laurentia durchforschte alles, sie suchte die Spuren einer Flucht und zitterte, die Anzeichen eines Selbstmordes zu finden. Sie befand sich in einem unbeschreiblichen Seelenzustande, als Lavallée eintrat, und ihr sagte, er sei Pauline soeben in einem Fiacre auf den Boulevards begegnet. Mit Angst erwartete man ihre Rückkunft, aber sie kam auch zum Mittagsessen nicht zurück. Die Familie war äußerst bestürzt, Niemand konnte essen. Man fürchtete Pauline zu beleidigen, wenn man annähme, sie sei entflohen. Lavallée wollte endlich, auf die Gefahr einer stürmischen Scene hin, bei Montgenays Erkundigungen über sie einziehen, als Laurentia folgenden Brief erhielt:

»Sie haben mich aus dem Hause gejagt – ich danke Ihnen dafür. Schon seit langer Zeit war der Aufenthalt bei Ihnen mir verhaßt. Ich hatte vom ersten Tage an empfunden, daß er mir verderblich werden müßte. Es trugen sich dort allzuviel Scenen des Aergernisses und der Leidenschaft zu, als daß ein friedliches, ehrliebendes Gemüth nicht erniedrigt oder gebrochen worden wäre. Sie haben mich genug gedemüthigt, Sie haben mich zu Ihrer Magd, zu Ihrer Närrin, zu Ihrem Opfer gemacht! Nie werde ich den Tag vergessen, an welchem Sie in Ihrer Theaterloge, da Sie fanden, daß ich Sie nicht schnell genug ankleide, mir das Diadem aus den Händen rissen mit den Worten: »Ich werde mich ohne dich und trotz dir krönen!« Sie haben sich in der That gekrönt! Meine Thränen, meine Demüthigung, meine Schmach, meine Entehrung – denn Sie haben mich entehrt bei Ihrer Familie und bei Ihren Freunden – sind die glorreichen Perlen in Ihrer Krone. Aber es ist nur ein Theaterkönigthum, eine Flitter-Majestät, die nur Ihnen selbst und dem Publicum imponirt, das Sie bezahlt. Jetzt adieu! Ich verlasse Sie auf immer, niedergedrückt von der Schmach, von Ihren Wohlthaten gelebt zu haben. Ich habe sie theuer bezahlt – – –«

Laurentia las den Brief nicht zu Ende. Vier ganze Seiten lang ging es in diesen: Tone fort: Pauline hatte darin die ganze Bitterkeit ausgeströmt, die sich während der vierjahrelangen Eifersucht und Nebenbuhlerschaft langsam in ihrem Herzen angesammelt hatte. Laurentia zerknitterte das Papier in den Händen und warf es ins Feuer, ohne weiterlesen zu wollen. Sie legte sich im Fieber zu Bett und verließ es erst nach acht Tagen, niedergedrückt und im tiefsten Herzen, das für Pauline die Gefühle einer Mutter und Schwester gehegt hatte, gebrochen.

Pauline hatte sich in eine Mansarde zurückgezogen und lebte dort einige Monate lang versteckt und elend von dem Ertrage ihrer Arbeit. Montgenays hatte nicht viel Zeit gebraucht, um sie aufzufinden. Er besuchte sie täglich, konnte aber ihren Stoicismus nicht leicht überwinden. Sie wollte lieber alle Entbehrungen ertragen, als Hilfe von ihm annehmen. Mit Abscheu wies sie die Geschenke zurück, welche Laurentia auf die erfinderischste Weise in ihre Dachstube einzuschmuggeln wußte. Alles war unnütz. Pauline wies die Anerbietungen Montgenays' mit Ruhe und Würde zurück und errieth die Gaben Laurentia's mit dem Instinct des Hasses, um sie ihr mit dem Heroismus des Stolzes zurückzusenden. Sie wollte die Freundin nicht wiedersehen, obgleich diese tausend Versuche machte; alle Briefe derselben sandte sie uneröffnet zurück. Ihr Groll war unerschütterlich, und die edelherzigen Bemühungen Lanrentia's verliehen ihm nur immer neue Kraft.

Da sie Montgenays nicht wirklich liebte und sich nur an ihn angeschlossen hatte, um über Laurentia zu triumphiren, drückte dieser Mann ohne Herz, der sie zu seiner Maitresse machen oder sich ihrer entledigen wollte, ihr beinahe das Kaufgeld in die Hand. Sie jagte ihn fort. Er aber erweckte nun den Glauben bei ihr, Laurentia habe ihm verziehen und er kehre zu ihr zurück. Sofort rief sie ihn zurück, und so behauptete er noch sechs Monate lang seine Herrschaft über sie. Ihn fesselte die Schwierigkeit, ihre Tugend zu besiegen. Am Ende aber gelangte er zum Ziele durch ein schmähliches Mittel, das seinem Systeme entsprach und unglücklicherweise wol geeignet war, Pauline zu erregen. Er erniedrigte sich dazu, ihr täglich und stündlich zu wiederholen, Laurentia sei nur aus Berechnung tugendhaft, um einen reichen oder angesehenen Mann zum Gatten zu bekommen. Die strenge Sittlichkeit Laurentia's, die man schon seit mehreren Jahren an ihr bemerkte, war in Pauline's bösen Stunden oft ein Gegenstand des Aergers für dieselbe gewesen. Sie hätte gewünscht, Laurentia wäre ausschweifend, damit sie eine hervorstechende Ueberlegenheit über dieselbe besäße. Montgenays gelang es nun, ihr die Dinge von einem andern Gesichtspunkte aus zu zeigen. Er bemühte sich, ihr darzuthun, daß sie sich, indem sie seine Liebe ausschlage, auf den Standpunkt Laurentia's erniedrige, deren Taktik darin bestehe, daß sie sich begehrenswerth mache, um sich heirathen zu lassen. Er brachte ihr den Glauben bei, als ob sie, indem sie sich ihm mit Aufopferung und ohne Nebengedanken hingebe, der Welt ein erhabenes Beispiel von Liebe, Uneigennützigkeit und Seelengröße geben würde, und wiederholte ihr das so oft, daß das unglückliche Mädchen es am Ende glaubte. Um das Gegentheil von dem zu thun, was Laurentia, die hochherzigste, leidenschaftlichste Seele, that, beging sie, das kalte, klügelnde Herz, Acte der Leidenschaft und der Großmuth. Sie stürzte sich ins Verderben.

Nachdem Montgenays sie zur Mutter gemacht und das ganze Abenteuer viel Aufsehen erregt hatte, heirathete er sie aus Hang zur Großthuerei. Er besaß, wie man weiß, den Dünkel, excentrisch zu sein. Aus Princip moralisch, war er doch, wie er sagte, in Folge seiner übermäßigen Gewandtheit und Macht bei den Frauen ein Roué. Er machte von sich reden, soviel als nur immer möglich war, sagte Böses von Laurentia, von Pauline und von sich selbst und ließ sich mit Beharrlichkeit und Ausdauer beschuldigen und tadeln, um nur Gelegenheit zu einem Knalleffecte zu haben, indem er dem Kinde seiner Liebe seinen Namen und sein Vermögen gab.

Dieser platte Roman endete also mit einer Heirath, und das war das größte Unglück Pauline's. Montgenays liebte sie schon nicht mehr, wenn er sie überhaupt je geliebt hatte. Nachdem er vor der Welt die Rolle des bewunderungswürdigen Gatten gespielt hatte, ließ er seine Frau hinter dem Vorhang weinen und ging seinen Geschäften oder seinem Vergnügen nach, ohne nur daran zu denken, daß sie existirte. Nie wurde eine eitlere, ruhmgierigere Frau mehr vernachlässigt, mehr gedemüthigt, mehr ins Dunkel zurückgedrängt. Sie sah Laurentia wieder in der Hoffnung, derselben mit der Schaustellung ihres Glücks einen Schmerz zu bereiten. Laurentia täuschte sich darüber nicht, ersparte ihr jedoch die Marter, ihren Scharfblick zu erkennen zu geben. Sie verzieh ihr alles, vergaß alle Beleidigungen, um nur noch ihrer Leiden und ihres Unglücks zu gedenken und sie zu bemitleiden. Pauline aber konnte ihr nie verzeihen, daß Montgenays sie geliebt hatte, und war ihr Lebelang auf sie eifersüchtig.

Viele Tugenden gleichen negativen Eigenschaften. Doch deshalb muß man sie nicht weniger schätzen. Die Rose hat sich nicht selbst geschaffen, ihr Duft ist drum nicht weniger süß, weil sie ihn unbewußt und unabsichtlich verströmt. Aber man darf nicht allzusehr erstaunen, wenn die Rose in einem Tage welkt, und die großen häuslichen Tugenden sich schnell auf einem Schauplatze verändern und trüben, für den sie nicht geschaffen worden waren.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.