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Lavinia - Pauline - Kora

George Sand: Lavinia - Pauline - Kora - Kapitel 8
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typenovelette
authorGeorge Sand
titleLavinia ? Pauline ? Kora
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6.

Montgenays bemerkte die Vorsichtsmaßregeln, die Laurentia ergriff, um ihn von Pauline fern zu halten, er bemerkte auch die düstere Traurigkeit, die sich des jungen Mädchens bemächtigte. Er drang mit Fragen in sie, da sie aber ihm gegenüber immer noch den Vertheidigungszustand festhielt und nur im Geheimen mit ihm reden wollte, konnte er nichts Gewisses in Erfahrung bringen. Er wurde nur die Autorität gewahr, die Laurentia im reinen Gefühle ihrer Freundschaft über ihre Freundin auszuüben sich nicht scheute, und entdeckte auch, daß Pauline sich nur mit einer Art verhaltener Entrüstung derselben unterwarf. Daher glaubte er, Laurentia beginne die Freundin mit ihrer Eifersucht zu quälen, denn er wollte gegen sich selbst nicht zugeben, daß die Bevorzugung einer andern von seiner Seite Laurentia gleichgültig und unberührt lassen könnte.

Er fuhr nun fort, seine wunderliche, absichtlich räthselhaft gehaltene Rolle weiterzuspielen, um die beiden in Ungewißheit zu lassen. Er gebrauchte den Kunstgriff, wochenlang nicht bei ihnen zu erscheinen; dann erschien er plötzlich wieder mit größter Beharrlichkeit, gab sich eine unruhige, verzweiflungsvolle Miene und erkünstelte üble Laune, wenn er ruhig war oder Gleichgültigkeit, wenn man ihn für verstimmt halten konnte. Diese Unentschiedenheit ermüdete Laurentia und setzte Pauline in Verzweiflung. Ihre Stimmung ward von Tag zu Tag bitterer und gereizter. Sie fragte sich, warum Montgenays, nachdem er ihr eine so eifrige Zuneigung bewiesen hatte, jetzt so lässig in der Wegräumung der Hindernisse wurde, die man zwischen ihnen aufgethürmt hatte. Im Geheimen schrieb sie Laurentia die Schuld zu, daß sie ihr diese Enttäuschung bereitet habe, denn sie wollte nicht einsehen, daß man ihr einen Dienst leiste, indem man ihr die Augen öffne. Wenn sie Montgenays mit einer Miene, der sie den Ausdruck der Gelassenheit zu geben suchte, über seine häufige Abwesenheit befragte, entgegnete er, sobald er mit ihr allein war, er habe unaufschiebliche Geschäfte gehabt; war aber Laurentia zugegen, so entschuldigte er sich mit der einfachen Laune, ein Bedürfniß nach Einsamkeit oder Zerstreuung empfunden zu haben.

Eines Tags sagte ihm Pauline in Gegenwart der Madame S..., deren beständiges Zugegensein eine Marter für sie war, er müsse eine Liebe in der bessern Gesellschaft haben, da er im Kreise der Künstler ein so seltener Gast geworden sei. Montgenays entgegnete ziemlich barsch:

»Wenn das auch der Fall wäre, so sehe ich doch nicht ein, wie eine so ernsthafte Persönlichkeit als Sie sich für die Thorheiten eines jungen Mannes interessiren kann.«

Im selben Moment trat Laurentia in den Salon. Sie entdeckte auf den ersten Blick ein schmerzliches, gezwungenes Lächeln auf dem Gesicht Pauline's, deren Seele soeben auf den Tod verwundet worden war. Laurentia näherte sich ihr und legte liebreich die Hand auf ihre Schulter. Pauline, von einem Weh, für das sie, wenigstens in diesem Augenblicke, ihre Rivalin nicht verantwortlich machen konnte, zu einer zärtlichen Empfindung gegen dieselbe fortgerissen, wandte leicht den Kopf und berührte die Hand Laurentia's mit ihren Lippen. Sie schien die Freundin um Verzeihung zu bitten, daß sie sie in Gedanken gehaßt und verleumdet habe. Laurentia verstand diese Bewegung nur zur Hälfte und legte ihre Hand zum Zeichen des Mitgefühls fester auf die Schulter des armen Kindes. Pauline verschluckte nun ihre Thränen und machte eine neue Anstrengung.

»Ich war eben im Zuge,« sagte sie, während sie ihre Lippen abermals zu einem Lächeln zwang, » Ihrem Freunde die Vereinsamung und Vernachlässigung, die er uns zu Theil werden läßt, zum Vorwurf zu machen.«

Laurentia's forschendes Auge richtete sich auf Montgenays. Dieser hielt diesen Blick voll gerechter Strenge für einen Ausbruch der Gereiztheit des Weibes und näherte sich ihr.

»Sie beklagen sich darüber, Madame?« sagte er mit einer Betonung, bei der Pauline erbebte.

»Ja, ich beklage mich darüber,« gab Laurentia in einem Tone zur Antwort, der noch strenger war, als ihr Blick.

»Ah, das tröstet mich über das, was ich, entfernt von Ihnen, gelitten habe,« sagte Montgenays, indem er ihr die Hand küßte.

Laurentia fühlte, wie Pauline bebte.

»Sie haben gelitten?« sagte Madame S..., die Montgenays' Gemüth ergründen wollte. »Sie sagten soeben etwas ganz anderes. Sie sprachen mit uns von den »Torheiten eines jungen Mannes«, die Ihren Kummer während Ihrer Abwesenheit betäubt hätten.«

»Ich ging auf den Scherz ein, mit dem Sie mich beehrten,« entgegnete Montgenays. »Laurentia würde sich darüber nicht getäuscht haben. Sie weiß, daß dem Manne, den sie mit ihrer Achtung beehrt, keine Thorheit, keine Flatterhaftigkeit mehr möglich ist.«

Während er so sprach, glänzten seine Augen von einem Feuer, das den Worten eine ganz andere Bedeutung als die einer friedlichen Freundschaftsversicherung verlieh. Pauline beobachtete alle seine Bewegungen: sie sah diesen Blick und wurde davon in's Herz getroffen. Sie erbleichte und schüttelte mit einer unsanften, trotzigen Bewegung Laurentia's Hand von ihrer Schulter. Laurentia selbst stand einen Augenblick überrascht und erstaunt. Sie befragte mit den Augen ihre Mutter, die ihr mit einem Zeichen des Einverständnisses antwortete. Nach einem Augenblick verließen sie beide unter einem unbedeutenden Vorwande das Zimmer, legten die Arme in einander und schritten auf der Terrasse des Gartens mehrere Male auf und ab. Laurentia begann endlich das empörende, niederträchtige Geheimniß zu ergründen, mit dem der erbärmliche Liebhaber Pauline's sich umhüllte.

»Was ich da zu errathen glaube, verwirrt und empört mich,« sagte sie bewegt zu ihrer Mutter. »Ich bin entrüstet darüber und wage es noch immer nicht zu glauben.«

»Ich bin schon lange davon überzeugt,« entgegnete Madame S... »Er spielt eine abscheuliche Komödie. Sein Dünkel erhebt sich bis zu dir, und Pauline ist das Opfer seiner frechen Pläne.«

»Gut denn,« sagte Laurentia, »ich werde Pauline die Augen öffnen. Zu diesem Zwecke aber muß ich Gewißheit haben. Ich werde ihn zu einem Geständnisse kommen lassen und ihn entlarven, wenn er in der Falle sitzt. Da er eine so gewöhnliche und bekannte Theaterintrigue mit mir wagt, werde ich ihn mit denselben Waffen schlagen, und man wird sehen, wer von uns beiden am besten Komödie zu spielen weiß. Ich hätte nie geglaubt, daß er sich mit mir in einen Wettstreit einlassen wolle, er, dessen Handwerk das Komödienspielen nicht ist.«

»Nimm dich in Acht!« sagte Madame S... »Du wirst dir einen Todfeind machen, und was schlimmer ist, einen literarischen Feind.«

»Da man einmal Feinde unter den Journalisten haben muß, was thut da einer mehr?« versetzte Laurentia. »Es ist meine Pflicht, Pauline vor Unglück zu behüten, und damit sie nicht unter dem Gedanken, ich verrathe sie, leide, werde ich sie von meinen Plänen in Kenntniß setzen.«

»Das wäre das beste Mittel, um ein Mißlingen derselben zu sichern,« gab Madame S... zur Antwort. »Pauline ist vertrauter mit ihm, als du denkst. Sie leidet, sie liebt, sie ist thöricht. Sie will nicht, daß du sie enttäuschst, und wird dich hassen, wenn du es gethan hast.«

»Nun, mag sie mich hassen, wenn es sein muß,« sagte Laurentia, während ihr einige Thränen entfielen. »Ich will lieber diesen Schmerz ertragen, als zusehen, wie sie das Opfer einer Schurkerei wird.«

»Dann mache dich auf alles gefaßt; willst du aber deinen Zweck erreichen, so berichte ihr nichts davon. Sie würde Montgenays warnen, und du würdest dich ganz vergeblich und zu deinem eigenen Schaden mit ihm compromittiren.«

Laurentia achtete auf die Rathschläge ihrer Mutter. Als sie wieder in den Salon traten, hatten auch Pauline und Montgenays einige Worte gewechselt, welche die Unglückliche wieder in Sicherheit gewiegt hatten. Pauline strahlte: sie küßte ihre Freundin mit einer Miene, aus welcher der Haß und der Spott des Triumphes hervorleuchteten. Laurentia verbarg den tödtlichen Schmerz, den sie darüber empfand, und begriff nun vollständig das Spiel, welches Montgenays spielte.

Da sie sich nicht dazu herablassen wollte, dem Elenden eine wirkliche Hoffnung zu geben, ahmte sie seine Miene und sein Benehmen nach und umgab sich mit einem System geheimnißvoller Bizarrerien. Bald erkünstelte sie die unruhige Melancholie einer verkannten Liebe, bald die gezwungene Heiterkeit eines hochherzigen Entschlusses, dann wieder schien sie in tiefe Muthlosigkeit zu versinken. Unfähig, Montgenays einen herausfordernden Blick zuzuwerfen, nahm sie die Zeit wahr, wo sie von ihm beobachtet wurde und Pauline den Rücken wandte, um jener mit der Ungeduld anscheinender Eifersucht nachzublicken. Kurzum, sie spielte die verzweifelte Frau, welche Stolz genug besitzt, um den Tod der Schmach einer Zurückweisung vorzuziehen, mit solchem Geschick, daß Montgenays, hingerissen, seine Rolle vergaß und nur noch daran dachte, die ihre zu enträthseln. Sein Eigendünkel deutete dieselbe seinen Wünschen entsprechend, aber er wagte sich noch nicht hervor, denn Laurentia konnte sich nicht entschließen, in unzweideutiger Weise eine Erklärung von seiner Seite herauszufordern. Als ausgezeichneter Künstlerin war es ihr unmöglich, in vollkommen gelungener Weise einen Charakter darzustellen, dem die innere Wahrscheinlichkeit fehlte, und sie sagte daher eines Tages zu Lavallée, den ihre Mutter gegen ihren Willen in's Vertrauen gezogen hatte (er hatte überdies schon alles von selbst errathen):

»Vergeblich mühe ich mich ab, ich bin schlecht in dieser Rolle. Es ist mir gerade, als ob ich ein schlechtes Stück spiele: ich kann mich nicht in die Situation hineinversetzen. Erinnere dich einmal, wie wir, wenn wir mit dem armen Mélidor, der die leidenschaftlichsten Dinge mit der ruhigsten Miene von der Welt recitirte, zusammen spielten, uns hüten mußten, einander anzusehen, um nicht zu lachen – mit Montgenays ist es ganz dasselbe. Wenn du da bist und meine Augen den deinen begegnen, bin ich immer im Begriff, loszuplatzen. Um meine traurige Miene behaupten zu können, muß ich dann immer an das Unglück Pauline's denken; das führt mich natürlich zu meiner Rolle zurück, aber auf meine eigenen Kosten, denn das Herz blutet mir dabei. Ach! ich wußte nicht, daß das Komödienspielen in der Welt noch anstrengender ist, als auf den Brettern!«

»Ich werde dir helfen müssen,« versetzte Lavallée, »denn ich sehe ein, daß du allein nie dahin gelangen wirst, ihn zum Abwerfen der Maske zu bewegen. Verlaß dich auf mich, ich werde ihn in seinen letzten Verschanzungen forciren, ohne dich ernstlich zu compromittiren.«

Eines Abends spielte Laurentia die Hermione in der Tragödie »Andromache«.Tragödie von Racine (s. Univ.-Bibl. 1137). D. Uebers. Schon seit Langem wartete das Publicum auf ihr Wiederauftreten in diesem Stücke. Mochte sie es nun von Neuem einstudirt haben, oder der Anblick eines zahlreichen, glänzenden Zuschauerkreises sie mehr als gewöhnlich begeistern, oder endlich das Bedürfniß sie treiben, diesem schönen Werke all die Glut und Kunst einzuhauchen, die sie seit vierzehn Tagen auf ihr unangenehme Weise bei Montgenays verschwendete – kurzum, sie war so wunderbar in dieser Rolle und erzielte einen solchen Erfolg, wie er ihr auf dem Theater noch nicht zu Theil geworden war. Nicht aber das Genie, sondern der Ruhm Laurentia's machte sie Montgenays verlangenswerth. An Tagen, wo sie ermüdet war oder das Publicum sich etwas kalt zeigte, schlief er weit ruhiger ein bei dem Gedanken, daß sein Plan mißglücken könnte; wenn man sie aber hervorrief und mit Kränzen überschüttete, schlief er gar nicht und verbrachte die Nacht mit dem Aussinnen und Ueberdenken seiner Verführungspläne. An jenem Abend wohnte er der Vorstellung mit Pauline, Madame S ... und Lavallée in einer kleinen Loge bei und war von dem rasenden Beifallssturm, der die schöne Tragödin begrüßte, so erregt, daß er nicht einmal an die Anwesenheit Pauline's dachte. Zwei oder drei Mal stieß er – man weiß, wie eng diese Logen sind – sie heftig mit dem Ellbogen, als er ungestüm Beifall klatschte. Er wünschte, daß Laurentia ihn sähe, ihn durch den Lärm im Saale hindurch höre, und als Pauline sich mit Bitterkeit beklagte, daß sein Eifer, zu applaudiren, sie verhindere, die letzten Worte jeder Rede zu. hören, entgegnete er ihr brutal:

»Was brauchen Sie zu hören! Verstehen Sie denn etwas davon, Sie?«

Zu Zeiten konnte Montgenays trotz seiner diplomatischen Gewohnheiten doch die ungeschliffene Geringschätzung gegen das arme Mädchen nicht unterdrücken. Er liebte sie nicht, wie groß auch ihre Schönheit und die Vorzüge ihres Charakters waren, und ärgerte sich über die leichtgläubige Zuversicht dieser Spießbürgerin, die den Glorienschein der großen Künstlerin in seinen Augen zu überstrahlen glaubte. Ueberdies war er seiner Rolle müde und überdrüssig. Denn so böswillig auch Jemand immer sei, nie wird er dahin gelangen, daß er das Böse mit Vergnügen thut. Wenn nicht Reue, lähmt am Ende oft Scham die Hilfsmittel der Verderbtheit.

Pauline fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Sie schwieg, beklagte sich einen Augenblick später, daß sie die Hitze nicht ertragen könne, erhob sich und ging hinaus. Die gutherzige Madame S ..., welche Pauline aufrichtig beklagte, folgte ihr und führte sie in die Loge Laurentia's, wo Pauline auf das Sopha sank und die Besinnung verlor. Während nun Madame S ... und die Kammerfrau Laurentia's ihr das Corsett öffneten und sie wieder zu beleben suchten, fuhr Montgenays, weit entfernt, das Böse zu ahnen, was er eben gethan, fort, die Tragödin zu bewundern und ihr Beifall zu klatschen. Als der Act zu Ende war, bemächtigte sich Lavallée seiner und sagte mit dem ernstesten Gesichte, das die Kunst des Komödianten je auf der Bühne hervorgezaubert hatte:

»Wissen Sie, daß unsere Laurentia nie sonderbarer gewesen ist, als heute? Ihr Blick, ihre Stimme zeigen ein Feuer, das mir bis jetzt nicht bekannt war. Das beunruhigt mich.«

»Wieso?« fragte Montgenays. »Befürchten Sie etwa, daß es die Wirkung des Fiebers sei?«

»Ohne jeden Zweifel ist es eine fieberhafte Kraft und Aufregung,« entgegnete Lavallée. »Ich verstehe mich darauf, ich weiß, eine zarte, leidende Frau wie sie gelangt zu solchen Effecten nicht ohne verderbliche Erregtheit. Ich möchte wetten, daß Laurentia während des ganzen Zwischenactes in Ohnmacht liegt. Das ist immer so bei den Frauen, deren ganze Kraft die Leidenschaft bildet.«

»Gehen wir zu ihr!« sagte Montgenays, indem er aufsprang.

»Keineswegs,« erwiderte Lavallée, indem er ihn mit einer Feierlichkeit, über die er selber lächeln mußte, wieder zum Niedersitzen zwang. »Ihr Anblick würde nicht sehr geeignet sein, ihre Lebensgeister zu beruhigen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« rief Montgenays.

»O, nichts,« entgegnete Lavallee mit der Miene eines Menschen, der sich verrathen zu haben glaubt.

Dies Spiel dauerte den ganzen Zwischenact hindurch. Es fehlte zwar Montgenays nicht an Mißtrauen, aber an Scharfblick. Er besaß zu viel Eigendünkel, als daß er eingesehen hätte, man mache sich lustig über ihn. Zudem hatte er es mit einem allzu gewandten Gegner zu thun, und Lavallée sagte zu sich selbst:

»Ja, ja, du willst dich mit einem alten Komödianten messen, der fünfzig Jahre lang das Publicum zum Lachen oder zum Weinen gebracht hat, ohne die Hände aus den Taschen zu ziehen! Du sollst sehen!«

Als das Stück sich dem Ende näherte, hatte Montgenays vollständig den Kopf verloren. Ohne ihm ein einziges Mal zu sagen, daß er geliebt werde, hatte Lavallée ihm auf tausend Arten zu verstehen gegeben, er werde leidenschaftlich angebetet. Sobald Montgenays sich dadurch auf sichtbare Weise fortreißen ließ, stellte sich Lavallée, als wolle er ihn enttäuschen, benahm sich aber dabei mit so geschickter Ungeschicklichkeit, daß der Mystificirte sich mehr und mehr in der Schlinge verfing. Während des fünften Actes endlich suchte Lavallée Madame S ... auf.

»Bringen Sie Pauline zu Bett,« sagte er zu ihr. »Lassen Sie sich von der Kammerfrau begleiten und schicken Sie dieselbe erst eine Viertelstunde nach Beendigung des Schauspiels zu Ihrer Tochter zurück. Montgenays muß mit Laurentia in ihrer Loge eine Zusammenkunft unter vier Augen haben. Der Augenblick ist gekommen – er ist unser! Ich werde mich hinter dem Stehspiegel verbergen und Ihre Tochter keinen Augenblick aus den Augen lassen. Gehen Sie und bauen Sie auf mich.«

Alles geschah, wie er vorhergesehen hatte, und der Zufall begünstigte ihn sogar noch über Erwarten. Als Laurentia am Arme Montgenays' in ihre Loge trat und Niemand erblickte – Lavallée hatte sich bereits hinter dem Vorhang verborgen, der die an der Wand aufgehängten Costüme bedeckte, und zum Ueberfluß deckte ihn noch der große Toilettenspiegel – fragte sie, wo ihre Mutter und ihre Freundin wäre. Ein Theaterdiener, der im Corridor vorüberging und an den sie diese Frage richtete, benachrichtigte sie – und leider sprach er die Wahrheit – daß man gezwungen gewesen wäre, Fräulein D ... nach Hause zu führen, da sie Krämpfe bekommen habe. Laurentia wußte nichts von der Scene, die Lavallée durch sein umsichtiges Benehmen herbeiführen wollte und würde auch ganz darauf vergessen haben, als sie diese traurige Nachricht vernahm. Das Herz blutete ihr, und bei dem Gedanken an die Leiden ihrer Freundin und in Folge der Anstrengung und Aufregung des Spiels sank sie auf das Sopha und brach in Thränen aus. Bei diesem Anblick verlor Montgenays, der frech genug war, um sich für den Meister und den Gegenstand des Kummers dieser beiden Frauen zu halten, alle Klugheit aus den Augen und wagte die verworrenste, kaltherzig wahnwitzigste Erklärung, die er in seinem Leben gemacht hatte. – Nur Laurentia habe er geliebt, sagte er; nur sie allein könne ihn verhindern, sich zu tödten oder noch etwas Schlimmeres, einen moralischen Selbstmord, eine Heirath aus Aerger zu begehen. Er habe alles gethan, um sich dieser Leidenschaft zu entziehen, die er unerwiedert glaubte: er habe sich in den Strudel des gesellschaftlichen Lebens geworfen, sich mit den Künsten, mit der Kritik beschäftigt, sich in die Einsamkeit geflüchtet, sich in eine neue Liebe versenkt, aber vergebens. Pauline sei wol schön genug, um seine Bewunderung zu verdienen, um aber etwas anderes als kalte Achtung für sie zu empfinden, hätte er nicht unaufhörlich Laurentia neben ihr erblicken müssen. Er wüßte wohl, daß er verschmäht werde, und da er nicht das Unglück Pauline's wolle, indem er sie noch länger täusche, sei er im Begriffe, sich für immer zu entfernen! ... – Und während er diesen niedrigen Entschluß aussprach, wagte er sogar die Hand Laurentia's zu ergreifen, die sie ihm mit Abscheu entriß. Einen Moment lang war sie dergestalt von dem Gefühl der Empörung und des Ekels beherrscht, daß sie auf dem Punkte stand, ihn schamroth zu machen. Doch Lavallée, der Beweise zu erhalten wünschte, hatte sich an die Thür geschlichen, die er absichtlich mit einem wie zufällig davor geworfenen Zipfel des Vorhanges verhüllt hatte. Er stellte sich nun, als käme er eben, klopfte an, hustete leicht und trat schnell ein. Mit einem Wink der Augen gebot er dem gerechten Zorn der Tragödin Schweigen, und während Montgenays ihn zu allen Teufeln wünschte, gelang es ihm, Laurentia wegzuführen, ohne daß jener Zeit gehabt hätte, die Wirkung seiner Worte zu erkunden. Inzwischen kam die Kammerfrau, und während sie ihre Herrin umkleidete, glitt Lavallée an Laurentia's Seite und unterrichtete sie in wenig Worten von dem, was sich zugetragen hatte. Er sagte ihr, sie solle sich krank stellen und Montgenays am nächsten Tage nicht empfangen. Dann wandte er sich zu diesem, und führte ihn nach Hause, wo er bis zum Morgen verweilte, jenen immerfort aufreizte und sich im Stillen mit wirklich komischer Ernsthaftigkeit an den romantischen Ideen ergötzte, die er ihm einflößte. Er verließ Montgenays nicht eher, als bis er denselben überredet hatte, an Laurentia zu schreiben. Zur Mittagsstunde kehrte er dann wieder zurück, um den Brief zu lesen, den Montgenays während seiner tollen Schlaflosigkeit bereits hundert Mal vollendet und von Neuem wieder begonnen hatte. Der Komödiant stellte sich, als finde er denselben zu zurückhaltend, zu nichtssagend.

»Seien Sie versichert,« sagte er, »daß Laurentia noch lange an Ihnen zweifeln wird. Ihre Laune für Pauline hat ihr Besorgniß einflößen müssen, und sie werden Mühe haben, sie zu beruhigen. Sie kennen den Stolz der Frauen. Sie müssen die Kleinstädterin opfern und ihr klar und deutlich erklären, wie wenig sie sich aus derselben machen. Sie können das, ohne gegen die Galanterie zu verstoßen. Sagen Sie, Pauline sei vielleicht ein Engel, aber eine Frau wie Laurentia mehr als ein Engel, sagen Sie, was Sie in ihren Novellen und Zwischenspielen so schön auszudrücken wissen. Vorwärts, verlieren Sie vor allem keine Zeit: man weiß nicht, was sich zwischen den beiden Frauen zutragen kann. Laurentia ist romantischer Natur, sie besitzt die Seelengröße einer Königin aus der Tragödie. Eine Regung der Großmuth, ein Rest von Zweifeln können sie möglichen Falls bewegen, sich der Rivalin zu opfern ... Beruhigen Sie sie vollständig, und wenn Sie sie liebt, wie ich glaube, wie ich sogar fest überzeugt bin, obgleich sie es mir niemals hat zugestehen wollen, so gebe ich Ihnen die feste Versicherung, daß die Freude des Triumphes alle ihre Bedenken zum Schweigen bringen wird.«

Montgenays zögerte, schrieb, zerriß den Brief, schrieb von Neuem ... Lavallée trug den Brief zu Laurentia.

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