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Lavinia - Pauline - Kora

George Sand: Lavinia - Pauline - Kora - Kapitel 4
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typenovelette
authorGeorge Sand
titleLavinia ? Pauline ? Kora
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2.

Als indessen Schlag zwölf Uhr die Blinde erwachte, kannte Pauline das Leben Laurentia's ganz und gar, sogar jene Theile, welche dieselbe ihr nicht erzählt hatte, und diese vielleicht besser als die übrigen. Denn die Personen, welche in der Zurückgezogenheit und Einsamkeit gelebt haben, besitzen einen merkwürdigen Instinct, wenn es darauf ankommt, sich das Leben anderer vorzustellen, das inzwischen voller Stürme und Unglücksfälle war, wobei sie sich im Geheimen beglückwünschen und sich brüsten, daß sie dergleichen vermieden haben. Es ist das ein innerer Trost, den man ihnen lassen muß, denn die Eigenliebe findet dabei ihre Rechnung, und die Tugend allein genügt nicht immer, um für die unendliche Langeweile der Einsamkeit zu entschädigen.

»Nun, wer ist denn da bei uns?« sagte die blinde Mutter, indem sie sich, auf ihre Tochter gelehnt, auf den Bettrand setzte. »Ich rieche jenen Duft, den eine schöne Dame um sich verbreitet. Ich wette, es ist Madame Ducornay, die mit allerlei schönen Toiletten, die ich nicht werde bewundern können, und allerhand Wohlgerüchen, die uns Migräne verursachen, aus Paris zurückgekehrt ist.«

»Nein, Mama,« erwiderte Pauline, »Madame Ducornay ist es nicht.«

»Wer denn?« fragte die Blinde, indem sie die Hand ausstreckte.

»Rathen Sie,« sagte Pauline und machte Laurentia ein Zeichen, sie solle die Hand ihrer Mutter berühren.

»Wie zart und klein diese Hand ist!« rief die Blinde, indem sie mit ihren harten Fingern über die sammtweiche Hand der Schauspielerin fuhr. »Gewiß, das ist keineswegs Madame Ducornay. Es ist keine von unsern hiesigen Damen, denn, was sie auch thun, immer erkennt man an der Pfote den Hasen. Und dennoch kenne ich diese Hand. Aber ich habe sie seit langer Zeit nicht gesehen. Kann sie nicht reden?«

»Meine Stimme hat sich verändert wie meine Hand,« antwortete Laurentia, deren klares, frisches Organ bei den theatralischen Studien einen tiefern, vollern Klang angenommen hatte.

»Auch die Stimme ist mir bekannt,« sagte die Blinde, »und dennoch erkenne ich sie nicht wieder.«

Sie schwieg einige Minuten lang, ohne Laurentia's Hand loszulassen, und blickte mit den todten, verglasten Augen, deren Starrheit beängstigend war, die Unbekannte an.

»Sieht sie mich?« fragte Laurentia ihre Freundin leise.

»Keineswegs,« entgegnete diese. »Aber sie ist im vollen Besitz ihres Gedächtnisses, und da überdies unser Leben so arm an Ereignissen ist, ist es kaum denkbar, daß sie dich nicht auf der Stelle wiedererkennen sollte.«

Kaum hatte Pauline diese Worte gesprochen, als die Blinde mit einem Gefühl des Widerwillens, das sich bis zum Abscheu steigerte, die Hand Laurentia's von sich schleuderte und mit ihrer trocknen, gebrochnen Stimme ausrief:

»Ah, es ist jene Unglückliche, die Komödie spielt! Was will sie hier? Ihr solltet sie nicht empfangen, Pauline!«

»Mutter!« rief Pauline, während sie vor Scham und Kummer erröthete und ihre Mutter in die Arme schloß, um ihr begreiflich zu machen, was sie in diesem Augenblicke empfand.

Laurentia erbleichte, erholte sich aber sofort wieder.

»Ich war darauf gefaßt,« sagte sie zu Pauline mit einem Lächeln, dessen Güte und Würde die Freundin ein wenig in Erstaunen setzte und verwirrte.

»Schon gut,« sagte die Blinde, die, da sie der Ergebenheit ihrer Tochter bedürftig war, instinktmäßig derselben zu mißfallen fürchtete, »laßt mir Zeit, mich ein wenig zu fassen. Ich bin so überrascht, und dann, beim Erwachen weiß man nicht recht, was man sagt ... Ich wollte Sie nicht verletzen, Mademoiselle .... oder Madame .... Wie nennt man Sie jetzt?«

»Immer noch Laurentia,« entgegnete die Schauspielerin ruhig.

»Und sie ist immer noch Laurentia,« sagte die gute Pauline mit Wärme, indem sie ihrer Freundin einen Kuß gab, »immer noch die hochherzige Seele, das edle Gemüth« ....

»Genug, kleide mich an, meine Tochter,« sagte die Blinde, die, da sie sich nicht entschließen konnte, ihrer Tochter zu widersprechen oder ihre Lieblosigkeit gegen Laurentia wieder gut zu machen, dem Gespräche eine andere Richtung geben wollte. »Ordne mir das Haar, Pauline. Ich vergesse immer, daß die andern nicht blind sind, und in mir etwas Abscheuliches sehen. Gib mir meinen Schleier, meine Mantille .... So ist's gut. Und nun bring mir meine Gesundheits-Chocolade und präsentire davon auch dieser ... Dame.«

Pauline warf ihrer Freundin einen bittenden Blick zu, den diese mit einem Kuß beantwortete. Als die alte Dame in ihren Mantel aus braunem Zitz mit großen rothen Blumen gehüllt und ihr Kopf mit der weißen Haube bedeckt war, von der ein schwarzer Kreppschleier herabhing, welcher die obere Hälfte ihres Gesichtes verdeckte, ließ sie sich vor ihrem frugalen Frühstück nieder und besänftigte sich nach und nach. Das Alter, die Langeweile und das Siechthum hatten jenen Egoismus bei ihr ausgebildet, der alles, sogar die am tiefsten eingewurzelten Vorurtheile, dem Bedürfniß der Behaglichkeit opfert. Die Blinde lebte in solcher Abhängigkeit von ihrer Tochter, daß eine Verdrießlichkeit, eine Zerstreutheit derselben eine Störung in der Reihenfolge der zahllosen kleinen Aufmerksamkeiten hervorbringen konnte, deren geringste ihr durchaus nothwendig war, um ihr das Leben erträglich zu machen. Sobald die Blinde bequem und behaglich gebettet lag und für einige Stunden keine Gefahr und keine Entbehrung fürchtete, machte sie sich das grausame Vergnügen mit bittern Worten und ungerechten: Tadel die Leute zu verwunden, deren sie nicht mehr bedurfte; in den Stunden ihrer Hilflosigkeit und Abhängigkeit aber wußte sie sich sehr gut zu beherrschen und den Eifer derselben durch entgegenkommendere Manieren an sich zu fesseln. Laurentia hatte im Laufe des Tages Muße genug, diese Beobachtung zu machen. Sie bemerkte auch noch einen andern Umstand, der sie weit mehr betrübte: die Mutter hatte eine wahre Furcht vor ihrer Tochter. Es schien, als ob durch die ununterbrochene Opferwilligkeit Pauline's ein stummer, aber unaufhörlicher Vorwurf hindurchschimmere, den ihre Mutter sehr wohl verstand und vor dem sie sich entsetzlich scheute. Die beiden Frauen schienen sich vor einer gegenseitigen Aufklärung über die Abspannung und den Ueberdruß zu fürchten, die sich an das Verhältniß knüpften, das sie beide, ein todtkrankes und ein lebenskräftiges Wesen, an einander fesselte: die eine erschrak vor den Bewegungen, die ihr den letzten Athemzug entreißen konnten, die andere entsetzte sich vor diesem Grabe, in das sie von dem Leichnam, hineingezogen zu werden fürchtete.

Laurentia, die mit scharfem Geiste und edlem Herzen begabt war, sagte sich, daß es nicht anders sein konnte, und daß dies unüberwindliche Leiden Pauline's Unermüdlichkeit nicht abschwächte und nur ihr Verdienst vergrößerte. Trotzdem aber fühlte Laurentia, daß Entsetzen und Langeweile zwischen diesen beiden Opfern sie übermannten. Eine Wolke zog über ihre Stirn, und ein Schauer durchrieselte ihre Adern. Am Abend fühlte sie sich von Ermüdung überwältigt, obgleich sie den Tag über keinen Schritt gemacht hatte. Schon zeigte sich das Schreckliche des wirklichen Lebens hinter dieser Poesie, mit der sich für ihre Künstleraugen das reine, stille Dasein Pauline's im ersten Augenblicke umwoben hatte. Sie hätte in ihrer Täuschung beharren, die Freundin für glücklich und in ihrem Märtyrerthum für wonnetrunken wie eine christliche Jungfrau der Vorzeit halten mögen, sie hätte die Mutter, in der Freude, so geliebt und unterstützt zu werden, ihr Elend vergessen und ebenfalls glücklich sehen mögen, sie hätte endlich, da das düstere Gemälde ihr unabweislich vor Augen stand, darin lichte Engelsangesichter und nicht traurige Gestalten, die verkümmert und kalt waren wie die Wirklichkeit, zu erblicken gewünscht. Aber die leichteste Falte auf der engelreinen Stirn Pauline's warf einen Schatten auf dies Bild, ein in trockenem Tone ausgesprochenes Wort dieses reinen Mundes zerstörte die geheimnißvolle Stille und Milde, die Laurentia beim ersten Anblick gefunden zu haben glaubte. Und doch war diese Falte auf der Stirn ein Gebet, doch dies über die Lippen gleitende Wort ein Wort der Sorglichkeit und des Trostes! Aber das alles war eiskalt, wie der Egoismus des Christentums, der uns in Erwartung des künftigen Lohnes alles ertragen läßt, das alles war trostlos wie die Entsagung und Verzichtleistung des Klosterlebens, das uns verbietet, das Leben anderer ebenso wenig als unser eigenes zu erleichtern.

Während so der Enthusiasmus der natürlichen Bewunderung ganz ebenso natürlich und ihr selbst zum Trotze sich bei der Schauspielerin abschwächte, vollzog sich bei den beiden bürgerlichen Frauen eine Ideenmodification im entgegengesetzten Sinne. Die Tochter, die bei dem Gedanken an den weltlichen Pomp und Prunk, mit dem ihre Freundin sich umgeben hatte, erbebte, hatte trotzdem, vielleicht gegen ihr Wissen und Wollen, oftmals ein neugieriges Verlangen nach dieser unbekannten Welt empfunden, in die nur einen einzigen Blick zu thun ihre Principien ihr verboten. Als sie nun Laurentia neben sich sah, ihre Schönheit, ihre Anmuth, ihre Manieren bewunderte, die bald edel wie die einer Theaterkönigin, bald ungezwungen und heiter waren wie die eines Kindes (denn die beim Publicum beliebte Künstlerin gleicht einem Kinde, dem die Welt als Familie dient), da fühlte sie in ihrem Herzen ein zugleich berauschendes und schmerzliches Gefühl sich entfalten, eine Empfindung, welche die Mitte hielt zwischen Bewunderung und Furcht, zwischen Zärtlichkeit und Neid. Was die Blinde anbetrifft, so wurde sie unwillkürlich gefesselt und wie neu belebt durch den schönen Klang dieser Stimme, durch die Reinheit dieser Sprache, durch die Lebendigkeit dieses geistreichen, farbenprächtigen, tief natürlichen Geplauders, das die wahren Künstler und namentlich die Schauspieler kennzeichnet. Pauline's Mutter, obgleich devot, starrköpfig und ländlich dünkelhaft, war doch vornehm und unterrichtet genug für die Gesellschaft, in der sie gelebt hatte. Zum Wenigsten hatte sie Geist genug, um sich angeregt und bezaubert zu fühlen bei der Erzählung von Dingen, die von ihrer gewöhnlichen Umgebung so verschieden und allem, was sie je erlebt und erfahren, so weit überlegen waren. Vielleicht gab sie sich selbst nicht Rechenschaft darüber, gewiß ist aber, daß die Bemühungen Laurentia's, sie von ihrer Voreingenommenheit zurückzubringen, über alle Erwartung hinaus von Erfolg waren. Die alte Frau begann an der Plauderei der Schauspielerin Gefallen zu finden und sich wirklich daran zu ergötzen, so daß sie mit Bedauern, ja beinahe mit Schrecken dieselbe nach Postpferden verlangen hörte. Sie überwand sich jetzt selbst und bat Laurentia, bis zum folgenden Tage zu bleiben. Laurentia ließ sich etwas bitten. Ihre Mutter war in Paris durch ein Unwohlsein ihrer zweitältesten Tochter zurückgehalten worden und hatte nicht mit ihr abreisen können. Ein Engagement bei dem Theater zu Orleans hatte Laurentia gezwungen, ihnen vorauszueilen; sie hatte ihnen jedoch in Lyon Rendezvous gegeben und wollte dort gleichzeitig mit ihnen eintreffen, da sie wohl wußte, daß ihre Mutter und ihre Schwester sie nach dieser vierzehntägigen Trennung – der ersten in ihren: Leben – mit Ungeduld erwarteten. Die Blinde beharrte indessen so inständig bei ihrer Bitte, und Pauline vergoß bei dem Gedanken, sich jetzt von Neuem und zweifelsohne für immer von ihrer Freundin trennen zu sollen, so bittere Thränen, daß Laurentia nachgab, ihrer Mutter schrieb, sie möge sich nicht darüber beunruhigen, wenn ihre Ankunft in Lyon sich um einen Tag verzögere, und die Pferde erst für den Abend des folgenden Tages bestellte. Die Blinde, mehr und mehr fortgerissen, trieb nun die Liebenswürdigkeit so weit, daß sie einige freundschaftliche Worte an ihre alte Bekannte, die Mutter Laurentia's dictirte.

»Die arme Madame S ...,« fügte sie hinzu, als sie den Brief hatte zusammenfalten und den Siegellack hatte knistern hören, »es war eine sehr ausgezeichnete Persönlichkeit, geistreich, heiter, arglos ... und so unbesonnen! Denn nur sie, du armes Kind, wird am Ende das Unglück, daß du zur Bühne gegangen bist, vor Gott zu verantworten haben. Sie konnte sich dem widersetzen und hat es nicht gethan! Ich habe ihr bei der Gelegenheit drei Briefe geschrieben – Gott weiß, ob sie sie gelesen hat! Ach, hätte sie auf mich gehört, so würdest du nicht Schauspielerin sein!« ...

»Und wir würden im tiefsten Elend stecken,« antwortete Laurentia mit sanftem Feuer. »Wir würden den Schmerz erdulden, einander nicht helfen, nichts für einander thun zu können, während ich heute die Freude habe, meine gute Mutter im Schooße angemessenen Wohlstandes sich verjüngen zu sehen. Und sie ist, wenn möglich, noch glücklicher als ich, daß sie ihr Wohlbehagen meiner Arbeit und meiner Beharrlichkeit verdankt. O! sie ist die beste Mutter, liebe Madame D ..., und obgleich ich Komödiantin bin, seien Sie versichert, daß ich sie ebenso sehr liebe, als Pauline Sie liebt.«

»Du bist immer eine gute Tochter gewesen, ich weiß das,« sagte die Blinde. »Aber wie soll das enden? Ihr seid nun reich, und ich begreife, daß deine Mutter sich dabei wohl befindet, denn sie liebte immer das Wohlleben und das Vergnügen. Aber an das andere Leben, mein Kind, daran denkt ihr alle beide nicht! .... Nun, ich tröste mich mit dem Gedanken, daß du nicht immer auf der Bühne bleiben wirst, und daß der Tag kommen wird, wo du Buße thust.« –

Inzwischen hatte das Gerücht von dem Abenteuer, welches eine Dame, die nach Villiers an der Straße nach Lyon zu fahren glaubte, in ihrer Postchaise nach Saint-Front auf der Straße nach Paris geführt hatte, sich in dem Städtchen verbreitet und gab dort seit einigen Stunden Stoff zu seltsamen Commentaren. In Folge welches Zufalls, welches Wunders, entschloß sich die Dame aus der Postchaise, nachdem sie gegen ihre Absicht nach Saint-Front gekommen war, den ganzen Tag dort zu bleiben? und was that sie, gerechter Gott! bei Madame D ...? woher war sie mit den Damen bekannt? und was konnten sie sich in der langen Zeit, während welcher sie zusammen eingeschlossen waren, sich zu sagen haben? Der Stadtsecretär, der in dem Café, das dem Hause Madame D ...'s gerade gegenüber lag, seine Partie Billard spielte, sah oder glaubte zu sehen, daß die fremde Dame hinter den Fenstern des Hauses hin und her ging; sie wäre eigentümlich, fast prächtig gekleidet, sagte er. Laurentia's Reisetoilette war jedoch nur von allerdings geschmackvoller Einfachheit, die Pariserin aber, und vor allem die Künstlerin, verleiht dem einfachsten Anzuge einen Reiz, der für die Provinz blendend ist. Die Damen in den benachbarten Häusern drängten sich an die Fenster, ja, öffneten dieselben und erkälteten sich alle mehr oder weniger, in der Hoffnung, zu ergründen, was im Hause der Nachbarin vorgehe. Als die Magd zum Markte ging, rief man sie an und fragte sie aus. Sie wußte nichts, hatte nichts gehört, nichts verstanden. Die fragliche Dame war aber nach ihrem Berichte sehr seltsam. Sie nahm große Schritte, sprach mit lauter Stimme und trug einen Pelzmantel, so daß sie den wilden Thieren in einer fahrenden Menagerie glich, etwa einer Löwin oder einer Tigerin – die Magd wußte nicht recht, welcher von beiden. Der Stadtsecretär entschied, daß es eine Pantherhaut wäre, und der Adjunct des Bürgermeisters fand es sehr wahrscheinlich, daß die Fremde die Herzogin von Berry sei. Er hatte die alte D ... stets im Verdachte gehabt, daß sie im Grunde ihres Herzens legitimistisch gesinnt sei, denn sie war fromm. Der Bürgermeister, von den Damen seiner Familie mit Fragen bestürmt, fand einen bewunderungswürdigen Ausweg, ihre und seine eigene Neugierde zu befriedigen. Er befahl dem Postmeister, der Fremden erst nach Durchsicht ihres Passes Pferde zu geben. Da die Fremde ihren Entschluß änderte und ihre Abreise auf den folgenden Tag verschob, ließ sie durch ihren Diener erwidern, sie würde ihren Paß vorzeigen, sobald sie abermals Pferde fordere. Der Bediente, ein pfiffiger Bursche und wahrer Spiegelberg, ergötzte sich an der Neugierde der Saint-Fronter Spießbürger und band jeden: einzelnen ein anderes Märchen ans. Tausend Gerüchte circulirten in der Stadt und durchkreuzten sich. Die Geister erhitzten sich, der Bürgermeister fürchtete einen Auflauf, der Procurator des Königs ertheilte der Gendarmerie den Befehl, sich schlagfertig zu halten, und die bedauernswerthen Dienstpferde hatten den ganzen Tag über den Sattel auf dem Rücken.

»Was thun?« sagte der Bürgermeister, der ein Mann von sanfter Gemüthsart und mit einem für das schöne Geschlecht empfindlichen Herzen war. »Ich kann doch nicht einen Gendarmen abschicken, um die Papiere einer Dame gewaltsam untersuchen zu lassen.«

»An Ihrer Stelle würde ich mich nicht geniren!« sagte der Substitut, ein junger, grimmiger Beamter, der nach der Procuratorwürde strebte und sich eifrig und unausgesetzt um die Verminderung seines Embonpoints bemühte, um ganz und gar dem Junius Brutus ähnlich zu sehen.

»Sie wollen, daß ich den Tyrannen spiele!« entgegnete der friedliebende Bürgermeister.

Die Frau Bürgermeisterin hielt mit den Gattinnen der übrigen Stadtbeamten großen Rath, und es wurde beschlossen, daß der Herr Bürgermeister in Person mit aller möglichen Höflichkeit und unter der Entschuldigung, daß er höhern Befehlen gehorche, der Unbekannten den Paß abfordern solle.

Der Bürgermeister gehorchte und hütete sich dabei weislich, zu sagen, daß jene höhern Befehle von seiner Frau ausgingen. Die Mutter D... war ein wenig erschrocken über diesen Schritt, Pauline, die den Grund desselben sehr gut erkannte, wurde dadurch beunruhigt und verletzt, Laureutia aber lachte blos darüber, wandte sich zu den: Bürgermeister, nannte ihn bei Namen, bat ihn um Nachrichten über die Personen seiner Familie und seiner Freundschaft, indem sie ihm mit bewunderungswürdiger Gedächtnißstärke die Namen derselben bis herunter zu dem jüngsten seiner Kinder hernannte, foppte ihn eine Viertelstunde lang und gab sich endlich zu erkennen. Sie war so liebenswürdig und reizend bei diesem Scherze, daß der gutherzige Bürgermeister sich närrisch in sie verliebte, ihr die Hand küssen wollte und sich nicht eher zurückzog, als bis Madame D... und Pauline ihm versprochen hatten, ihn mit der schönen Schauspielerin aus der Hauptstadt bei ihnen zu Mittag speisen zu lassen. Das Diner war äußerst heiter. Laurentia versuchte die trüben Eindrücke abzuschütteln, die sie empfangen hatte, und wollte der Blinden das Opfer, das dieselbe ihr durch Hintenansetzung ihrer Vorurtheile brachte, damit lohnen, daß sie ihr einige heitere Stunden verschaffte. Sie erzählte tausend kleine, scherzhafte Geschichten über ihre Reisen in der Provinz und ließ sich beim Dessert sogar herbei, dem Herrn Bürgermeister Stellen aus den klassischen Dichtern zu recitiren, die ihn in einen Taumel des Entzückens versetzten, vor dem die Frau Bürgermeisterin sich sicherlich außerordentlich entsetzt hätte. Niemals hatte die Blinde sich so ausgezeichnet amüsirt. Pauline war seltsam bewegt: sie erstaunte, daß inmitten des Vergnügens und der Freude ein Gefühl des Trübsinns sie überschlich. Laurentia, die nur die andern zerstreuen wollte, zerstreute sich am Ende selbst. Sie glaubte sich um zehn Jahre verjüngt, als sie sich wieder in dieser Welt der Erinnerungen befand, in der sie nur noch im Traum: manchmal zu weilen glaubte.

Man war aus dem Speisezimmer in den Salon getreten und hatte eben den Kaffee eingenommen, als das Geräusch von Galoschen auf der Treppe die Ankunft eines Besuches verkündete. Es war die Gattin des Bürgermeisters, welche, da sie ihrer Neugier nicht länger widerstehen konnte, auf geschickte Art und Weise und wie aus Zufall Madame D ... zu besuchen kam. Sie hatte sich wohl gehütet, ihre Töchter mitzubringen: sie befürchtete, einer spätern Verheirathung der jungen Damen Abbruch zu thun, wenn sie dieselben hätte mit der Komödiantin zusammentreffen lassen. Diese Damen schliefen in Folge dessen in der Nacht nicht, und nie erschien ihnen die mütterliche Autorität ungerechtfertigter und unbilliger. Die jüngste weinte vor Aerger.

Die Frau Bürgermeisterin, obgleich ziemlich verlegen, in welcher Weise sie Laurentia – dieselbe hatte früher ihren Töchtern Unterricht ertheilt – begrüßen sollte, hütete sich doch durchaus, unhöflich zu sein. Sie wurde sogar liebenswürdig, als sie die ruhige Würde bemerkte, die im Wesen Laurentia's herrschte. Als aber einige Minuten später ein zweiter Besuch, natürlich ebenso »zufällig«, ankam, schob die Bürgermeisterin ihren Stuhl zurück und sprach etwas weniger mit der Schauspielerin. Sie wurde von einer jener intimen Freundinnen beobachtet, die nicht verfehlt haben würde, ihre Vertraulichkeit mit einer Komödiantin haarscharf zu kritisiren. Dieser zweite Besuch hatte sich vorgenommen, ebenfalls seine Neugierde zu befriedigen, indem er Laurentia zum Sprechen brachte. Aber, ungerechnet, daß diese selbst mehr und mehr gravitätisch und zurückhaltend wurde, beengte und hinderte auch die Anwesenheit der Bürgermeisterin den Vorwitz der Folgenden. Der dritte Besuch genirte die beiden ersten noch weit mehr und wurde seinerseits wieder in noch höherem Grade von der Ankunft des vierten genirt. Nach weniger als einer Stunde endlich war der alte Salon Pauline's so dicht gefüllt, als ob sie die ganze Stadt zu einer großen Soirée geladen hätte. Niemand konnte widerstehen. Auf die Gefahr hin, etwas Seltsames oder sogar Unschickliches zu thun, wollte man die kleine Unterlehrerin sehen, der Niemand Geist und Verständniß zugetraut hatte, und die jetzt ganz Frankreich kannte und pries. Um der jetzt aufgetauchten Neugier den Schein der Berechtigung zu geben und zugleich den geringen Scharfsinn, den man früher bewiesen hatte, zu entschuldigen, stellte mau sich, als bezweifle man noch immer das Talent Laurentia's und zischelte sich deshalb in die Ohren:

»Ist es wol wahr, daß sie die Freundin und Favoritin der Mademoiselle Mars ist?« »Man sagt, sie habe in Paris großen Erfolg gehabt!« – »Glauben Sie, daß das möglich ist?« – »Es verlautet, daß die berühmtesten Autoren Stücke für sie schreiben.« »Vielleicht übertreibt man das alles!« – »Haben Sie mit ihr gesprochen?« – »Sprechen Sie mit ihr?« u.s.w. u.s.w.

Nichtsdestoweniger konnte Niemand durch seine Zweifel Laurentia's Anmuth und Schönheit vermindern. Wenige Minuten vor dem Diner hatte sie ihr Kammermädchen kommen lassen, und aus einem kleinen Carton, der jenen Zaubernüssen glich, die nach der Berührung mit dem Zauberstabe einer Fee die ganze Ausstattung einer Prinzessin enthalten, war eine äußerst einfache, aber ausgesucht geschmackvolle und merkwürdig frische Toilette hervorgegangen. Pauline konnte nicht begreifen, wie man in so kurzer Zeit und mit so wenig Mühe sich aus der Reise dergestalt umkleiden konnte, und die Eleganz ihrer Freundin verursachte ihr eine Art Schwindel. Die Damen des Städtchens hatten sich geschmeichelt, diese Toilette und diese Tournure, die man als seltsam angekündigt hatte, zu bekritteln zu haben. Sie waren jetzt gezwungen, die weichen und zarten, in üppiger Fülle herabwallenden Stoffe und den eng anschließenden, aber trotzdem nicht steif und auffallend erscheinenden Schnitt des Kleides zu bewundern und mit den Augen zu verschlingen, denn zu solcher Wahl der Farben wird die Modedame einer kleinen Stadt nie gelangen, selbst wenn sie die Stutzerin der Großstädte mit peinlicher Genauigkeit copirt. Dazu kam noch die Gesuchtheit und Feinheit der Stiefel, des Weißzeugs und des Haarschmucks, welche die Frauen, denen es an Geschmack fehlt, entweder bis ins Widersinnige übertreiben oder bis zur Unordentlichkeit vernachlässigen. Was aber mehr als alles Uebrige befremdete und einschüchterte, das war der ungezwungene Anstand Laurentia's, jener Ton der besten Gesellschaft, den man in der Provinz nicht bei einer Komödiantin zu finden erwartet, und der sicherlich bei keiner Frau in Saint-Front anzutreffen war. Laurentia war ganz nach ihrem Belieben imponirend oder einnehmend. Sie lächelte bei sich selbst über die Bestürzung, in welche sie alle diese kleinlichen Geister versetzte, die, jeder ohne Wissen des andern und jeder in dem Glauben, allein die Kühnheit zu haben, um sich über die Unschicklichkeiten einer »Zigeunerin« lustig zu machen, dorthin gekommen waren und nun einer über die Anwesenheit des andern und mehr noch über die Täuschung, bewundern zu müssen, wo man verspotten, vielleicht gar demüthigen wollte, verstimmt, beschämt und verlegen dastanden. Alle diese Frauen hielten sich wie ein in Verwirrung gerathenes Regiment auf der einen Seite des Salons, während auf der andern, von Pauline, ihrer Mutter und einigen vernünftigen Männern umringt, die sich nicht scheuten, ehrerbietig mit ihr zu reden, Laurentia wie eine Königin thronte, die leutselig ihrem Volke zulächelt und es in ehrerbietiger Entfernung hält. Die Rollen waren vertauscht: das Unbehagen stieg auf der einen Seite, während die wahre Würde auf der andern triumphirte. Man wagte nicht mehr zu flüstern, ja, nicht einmal mehr nm sich zu schauen, wenn es nicht verstohlen geschehen konnte. Endlich, nachdem der Weggang der Verdrießlichsten und Enttäuschtesten die Reihen gelichtet hatte, wagte man sich zu nähern, um ein Wort, um einen Blick zu betteln, die Robe zu berühren, nach der Adresse der Weißzeughändlerin, nach dem Preise der Juwelen, nach dem Titel der jetzt in Paris beliebten Theaterstücke zu fragen und für die erste Reise, die man nach der Hauptstadt thun würde, um Theaterbillets zu bitten.

Bei der Ankunft der ersten Besucherinnen hatte sich die Blinde verwirrt, dann verstimmt und endlich verletzt gefühlt. Als sie jetzt hörte, wie die Gesellschaft ihren seit so langer Zeit verödeten und verlassenen Salon füllte, faßte sie ihren Entschluß und affectirte, während sie aufhörte, sich der Freundschaft zu schämen, die sie der Komödiantin bezeigt hatte, noch eine größere Zuneigung zu Laurentia. Mit spitzen, spöttischen Worten empfing sie alle diejenigen, welche herantraten, um sie zu begrüßen.

»Ja wol, meine Damen,« entgegnete sie auf die üblichen Begrüßungsphrasen, »ich befinde mich besser, als ich dachte, da meine Gebrechen Niemand mehr Furcht einflößen. Seit zwei Jahren hat man mich nicht mehr besucht, um mir Abends Gesellschaft zu leisten, und es ist ein merkwürdiger Zufall, der mir heute auf einmal die ganze Stadt zuführt. Sollte der Kalender in Unordnung gerathen sein, und mein Geburtstag, den ich bereits seit sechs Monaten vorübergegangen glaubte, auf den heutigen Tag fallen?«

Andern gegenüber, die früher beinahe nie zu ihr gekommen waren, trieb sie die Bosheit so weit, daß sie ihnen ganz laut ins Gesicht sagte:

»Ah, Sie machen es wie ich, Sie beschwichtigen die Bedenken Ihres Gewissens und bringen, sich selbst zum Trotze, dem Talente ihre Huldigungen dar? Es ist immer so, sehen Sie. Der Geist triumphirt immer und über alles. Sie tadelten Mademoiselle S ... gewaltig, als sie zur Bühne ging; ganz wie ich fanden Sie diesen Schritt empörend, entsetzlich! Und jetzt liegen Sie ihr sämmtlich zu Füßen! Sie werden nicht das Gegentheil behaupten, denn am Ende ist es doch unglaublich, daß ich plötzlich liebenswürdig und hübsch genug geworden sei, so daß man sich in Menge herandränge, um meine Gesellschaft zu genießen.«

Pauline war für ihre Freundin vom Anfang bis zum Ende der Soirée bewunderungswürdig. Sie schämte sich ihrer nicht einen Augenblick, und indem sie mit einem in der Provinz unerhörten Heroismus dem Tadel trotzte, den über sie auszuschütten man sich anschickte, entschloß sie sich freimüthig, auch für die Oeffentlichkeit in Bezug auf Laurentia das zu sein, was sie ihr im engern Kreise war. Sie überhäufte Laurentia mit Bezeugungen der Zuneigung, der Zuvorkommenheit, sogar der Ehrerbietung. Sie schob ihr eigenhändig ein Kissen unter die Füße, präsentirte ihr eigenhändig die Platte mit Erfrischungen und erwiederte ihre Dankesworte mit einem herzlichen Kusse. Und als sie sich endlich wieder neben sie setzte, hielt sie während der ganzen Soirée die Hand der Freundin auf der Lehne des Sessels in der ihren.

Diese Rolle war ohne Zweifel schön, und Laurentia's Anwesenheit wirkte Wunder, denn diese Kühnheit hätte Pauline mit Entsetzen erfüllt, wäre ihr am vorhergehenden Tage die unumgängliche Nothwendigkeit derselben angekündigt worden. Und jetzt kostete ihr dieselbe so wenig Anstrengung, daß sie selbst darüber erstaunte. Hätte sie in die Tiefe ihrer Seele hinabtauchen können, so hätte sie vielleicht entdeckt, daß diese Rolle der Hochherzigkeit die einzige war, mittelst der sie sich in ihren eigenen Augen zu dem erhabenen Standpunkte Laurentia's erheben konnte. Zweifelsohne hatten die Anmuth, die Noblesse und der Geist der Schauspielerin sie bis dahin etwas verstimmt, seitdem sie sich aber gewissermaßen als Beschützerin zu ihrer Freundin gesetzt hatte, bemerkte Pauline diese Ueberlegenheit nicht mehr, die ebenso schwer zwischen Frauen als zwischen Männern zu ertragen ist.

Es ist gewiß, daß, als die beiden Freundinnen sich wieder mit der blinden Mutter allein am Kamin befanden, Pauline überrascht und sogar ein wenig verletzt war, als sie sah, wie Laurentia all ihr Dankgefühl auf die alte Frau übertrug. Mit edlem Freimuth sagte die Schauspielerin, während sie Madame D ... die Hand küßte und sie nach ihrem Zimmer führte, derselben, daß sie den vollen Werth dessen, was die alte Frau gethan und während dieser kleinen Prüfung für sie gewesen sei, wol zu schätzen wisse.

»Was dich betrifft, meine Pauline,« sagte sie zu ihrer Freundin, als die beiden allein waren, »so würde ich dich kränken, dankte ich dir ebenso. Deine Vorurtheile sind nicht hartnäckig genug, als daß deine Mißachtung der kleinstädtischen Beschränktheit mir eine große Anstrengung schiene. Ich kenne dich, du würdest nicht du selbst sein, wenn du nicht ein wahres Vergnügen daran gefunden hättest, dich in ganzer Größe über diese Zierpuppen zu erheben.«

»Nur deinetwegen ist es mir ein Vergnügen geworden,« entgegnete Pauline etwas verstimmt.

»Geh doch, du Schelm!« erwiderte Laurentia, indem sie die Freundin umarmte, »du thatest es dir selbst zu Liebe.«

War es eine instinctive Undankbarkeit, die der Freundin Pauline's diese Worte in den Mund legte? Nein. Laurentia war gegen andere peinlich gerecht und gegen sich selbst am strengsten. Wäre ihr das Benehmen ihrer Freundin erhaben erschienen, so würde sie sie, nicht gescheut haben, ihr ihre Dankbarkeit zu erkennen zu geben. Sie besaß aber ein so sicheres und berechtigtes Gefühl ihrer eigenen Würde, daß sie den Muth Pauline's für eben so natürlich und leicht zu üben hielt, als den ihren. Sie ahnte durchaus nichts von der geheimen Beklemmung, die ihr Benehmen in diesem, in Aufruhr versetzten Gemüthe erregte. Sie konnte dieselbe nicht errathen, denn sie hätte dieselbe auch nicht begriffen.

Pauline, entschlossen, die Freundin nicht einen Augenblick zu verlassen, verlangte, daß dieselbe in ihrem eigenen Bette schlafen sollte. Sie hatte ein großes Sopha mit Kissen belegen lassen und streckte sich darauf hin, um so lange als irgend möglich mit Laurentia plaudern zu können. Jeder Augenblick vermehrte die Unruhe der jungen Klausnerin und ihr Verlangen, das Leben mit den Genüssen, welche Kunst und Ruhm, Arbeit und Unabhängigkeit darbieten, kennen zu lernen. Laurentia wich ihren Fragen aus. Es schien ihr von Seiten Pauline's unbesonnen, die Vortheile einer von der eigenen so verschiedenen Existenz kennen lernen zu wollen, und sie hielt es ihrerseits für wenig zartsinnig, ein verführerisches Gemälde von denselben zu entwerfen. Daher bemühte sie sich, die Fragen der Freundin mit andern Fragen zu beantworten, sie zur Schilderung der innigen Herzensfreuden ihres stillen, gottesfürchtigen Lebens zu veranlassen, und das Schwärmerische in ihrer Unterhaltung auf jene Poesie der Pflichterfüllung hinzulenken, die ihr das eigentliche Gebiet und Wirkungsfeld eines kindlich frommen, gottergebenen Gemüthes zu sein schien. Aber Pauline antwortete darauf nur mit Stillschweigen. In der ersten Unterhaltung am Morgen hatte sie bereits alles erschöpft, was ihre sittliche Kraft an Stolz und List besaß, um ihre Leiden zu verdecken. Am Abend dachte sie schon nicht mehr an ihre Rolle. Das glühende Verlangen, daß sie, gleich einer Blume, die lange das Licht und die Luft entbehrt hat, nach dem Leben und nach dem Genusse empfand, wurde mit jedem Momente brennender. Die Begierde riß sie fort und zwang Laurentia, sich dem größten Vergnügen, das sie kannte, hinzugeben, d. h. ihre Seele im traulichen, natürlichen Gespräch zu erschließen und auszuschütten. Laurentia liebte ihre Kunst nicht allein ihrer selbst, sondern auch der Freiheit und des geistigen, sowie gesellschaftlichen Aufschwungs wegen, den sie derselben verdankte. Sie rühmte sich edelsinniger Freundschaften, sie hatte auch leidenschaftliche Wallungen kennen gelernt, und obgleich sie zartfühlend genug war, Pauline nicht davon zu erzählen, so verliehen diese noch nachzitternden Erinnerungen ihrer natürlichen Beredsamkeit doch einen entzückenden, schwungvollen Nachdruck.

Pauline verschlang ihre Worte. Wie ein Feuerregen fielen dieselben in ihr Gemüth und ihren Geist. Bleich, mit gelöstem Haar, mit flammenden Blicken, den Ellbogen auf ihr jungfräuliches Kissen gestützt, erschien sie beim bleichen Schimmer der Lampe, die zwischen den beiden Lagern brannte, schön wie eine antike Nymphe. Laurentia blickte sie an und war über den Ausdruck ihrer Züge betroffen. Sie fürchtete, zuviel gesagt zu haben und machte es sich zum Vorwurf, obgleich alle ihre Worte rein gewesen waren wie die, welche eine Mutter zu ihrer Tochter spricht. Aber mehr und mehr von dem schönen Bilde ergriffen, vergaß sie, was sie soeben gesagt hatte, um mit ihrem Ideengange zu ihrer Kunst zurückzukehren, und rief begeistert aus:

»Mein Gott! wie schön du bist, mein Kind! Die Classiker, die mich über die Rolle der Phädra belehren wollten, hatten dich nicht gesehen! Das ist eine Pose der modernen Schule! ja, das ist Phädra ganz und gar!... vielleicht nicht die Phädra Racine's, aber die des Euripides bei den Worten: Ihr Götter! weilt' ich draußen in der Wälder Dunkel!...Racine, Phädra, 1. Act, 3. Scene (vgl. Univ.-Bibl. 54). D. Uebers. Wenn ich dir das nicht auf Griechisch sage,« fügte Laurentia hinzu, während sie ein leichtes Gähnen unterdrückte, »so geschieht es nur, weil ich des Griechischen nicht mächtig bin ... Ich wette, du verstehst diese Sprache, du« ...

»Das Griechische? welche Thorheit!« entgegnete Pauline, indem sie sich zu einem Lächeln zwang. Was sollte ich damit anfangen?«

»O!« rief Laurentia, »wenn ich wie du Zeit hätte, alles zu studiren, ich würde alles können!«

Es entstand eine Pause. Pauline versank in schmerzliche Selbstbetrachtung. Sie fragte sich, wozu in der That alle diese wunderbaren Stickereien dienten, mit deren Anfertigung sie die langen, stillen Stunden der Einsamkeit ausfüllte, und die weder ihren Geist noch ihr Herz beschäftigten. Sie erschrak über die vielen schönen, verlorenen Jahre, und es schien ihr, als habe sie von ihren edelsten Fähigkeiten und von ihrer kostbarsten Zeit einen unwürdigen, beinahe schlechten Gebrauch gemacht. Sie richtete sich auf dem Ellnbogen auf und sagte zu Laurentia:

»Warum vergleichst du mich mit Phädra? Weißt du, daß das eine abscheuliche Gestalt ist? Kannst du das Laster und das Verbrechen poetisch verklären?« ...

Laurentia antwortete nicht. Ermüdet von der Schlaflosigkeit der vergangenen Nacht und in tiefster Seele ruhig, wie man es ist, wenn man trotz aller Lebensstürme in sich selbst den wahren Zweck und das wahre Mittel seines Daseins gefunden hat, war sie beinahe noch während des Sprechens eingeschlafen. Dies schnelle, friedliche Einschlummern vermehrte den Schmerz und die Unruhe Pauline's.

– Sie ist glücklich ... dachte sie ... glücklich und mit sich selbst zufrieden, ohne Mühe, ohne Kampf, ohne Unschlüssigkeit ... Und ich! ... O Gott! das ist nicht gerecht! –

Pauline schlief die ganze Nacht nicht. Am Morgen erwachte Laurentia ebenso friedlich, als sie eingeschlummert war, und zeigte sich frisch und ausgeruht. Ihr Kammermädchen kam mit einer hübschen weißen Robe, die ihr während der Toilette als Pudermantel diente. Während die Zofe das prächtige, schwarze Haar Laurentia's glättete und flocht, ging diese nochmals die Rolle durch, in welcher sie über drei Tage in Lyon auftreten sollte. Jetzt war die Reihe, schön zu sein, an sie gekommen: sie entzückte mit den wallenden Haaren und dem tragischen Gesichtsausdruck. Zuweilen entschlüpfte sie hastig den Händen der Zofe und schritt im Zimmer auf und ab.

»Das ist nicht das Richtige!« ... rief sie aus. »Ich will es so ausdrücken, wie ich es empfinde!«

Dann folgten Exclamationen, Stellen aus dem Drama. Vor dem alten Spiegel Pauline's übte sie sich in Posen und Geberden. Die Kaltblütigkeit der Zofe, die an dergleichen gewöhnt war, und die vollständige Vergessenheit, in welche alle äußern Gegenstände für Laurentia versunken schienen, setzte die junge Kleinstädterin auf's Höchste in Erstaunen. Sie wußte nicht, ob sie lachen oder sich vor der pythischen Miene der Freundin entsetzen sollte. Sie wurde ergriffen von der tragischen Schönheit Laurentia's, wie diese wenige Stunden zuvor von der ihren ergriffen worden war. Dabei aber sagte sie zu sich selbst:

»Sie thut das alles mit kaltem Blute, mit studirter Glut, mit erkünsteltem Schmerze. Im Innern ist sie durchaus ruhig und glücklich. Und ich, die ich göttliche Ruhe auf der Stirn zeigen muß, ich gleiche in Wahrheit der Phädra!«

Gerade als sie mit diesem Gedanken beschäftigt war, sagte Laurentia plötzlich:

»Ich mühe mich aus allen Kräften, deine Pose von gestern Abend wiederzufinden, als du dich auf den Ellnbogen stütztest, kann aber nicht zum Ziele kommen! Das war ausgezeichnet. Nun, der Gedanke ist noch zu neu. Ich werde das später wiederfinden – durch Inspiration! Jede Inspiration ist eine Erinnerung, nicht wahr, Pauline? Doch deine Frisur ist nicht schön, mein Kind. Trag' das Haar in Flechten, anstatt in breiten, glatten Streifen. Komm, Susette wird es dir zeigen.«

Und während nun das Kammermädchen die eine Flechte vollendete, stellte Laurentia die andere her, und nach einem Augenblick fand sich Pauline so gut frisirt und so verschönert, daß sie einen Schrei der Ueberraschung ausstieß.

»Mein Gott! welche Geschicklichkeit!« rief sie. »Ich frisirte mich nicht in dieser Weise aus Furcht, zuviel Zeit dabei zu verlieren, und brauchte trotzdem doppelt so viel!«

»O, das kommt daher,« entgegnete Laurentia, »weil wir Schauspielerinnen uns möglichst schön und möglichst schnell schön machen müssen.«

»Und wozu würde mir das nützen, mir?« sagte Pauline, indem sie die Ellnbogen auf das Toilettentischchen sinken ließ und sich mit düsterer, tief trüber Miene im Spiegel beschaute.

»Halt!« rief Laureutia. »Sieh, nochmals Phädra! Bleib so sitzen, ich studire dich.«

Pauline fühlte, wie ihre Augen sich mit Thränen füllten. Damit Laurentia es nicht bemerke – und das war's, was Pauline in diesem Augenblick am meisten auf der Welt fürchtete – flüchtete sie in ein anderes Zimmer und drängte mühsam ein bitteres Stöhnen zurück. In ihrer Seele wogten Schmerz und Zorn, aber sie wußte selbst nicht, warum dieser Sturm sich in ihr erhob. Am Abend war Laurentia abgereist. Pauline hatte geweint, als sie die Freundin in den Wagen steigen sah, und diesmal ans aufrichtigem Schmerze. Denn Laurentia hatte für sechsunddreißig Stunden ihr Dasein belebt, und mit Schrecken dachte sie jetzt an die Zukunft. Von Müdigkeit überwältigt, sank sie auf ihr Bett und schlief erschöpft ein mit dem Wunsche, nie wieder zu erwachen. Als sie erwachte, warf sie einen Blick dumpfen Schreckens auf diese Wände, die keine Spur von dem kurzen, schnell entschwundenen Traumbild des Glücks bewahrten, das Laurentia darin heraufbeschworen hatte. Langsam erhob sie sich von ihrem Lager, setzte sich mechanisch vor den Spiegel und versuchte, ihr Haar wie am vorigen Tage in Flechten zu ordnen. Plötzlich aber, durch den Gesang ihres Zeisigs, der, immer heiter, immer gleichgültig gegen die Gefangenschaft, in seinem Käfig erwacht war, an die Wirklichkeit erinnert, sprang sie auf, öffnete das Bauer, dann das Fenster und trieb den stubenhockerischen Vogel, der durchaus nicht davonfliegen wollte, hinaus.

»Ach, du bist der Freiheit nicht würdig!« sagte sie, als sie ihn ohne Verzug zurückkehren sah.

Sie wandte sich wieder zu dem Toilettentisch, löste mit einer Art Wuth die Flechten gänzlich auf und legte dann das Gesicht in die krampfhaft verschlungenen Hände. In dieser Stellung verharrte sie, bis ihre Mutter erwachte. Das Fenster war offen geblieben, aber Pauline hatte die Kälte nicht empfunden. Der Zeisig war wieder in seinen Käfig geschlüpft und sang aus Leibeskräften.

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