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Lavinia - Pauline - Kora

George Sand: Lavinia - Pauline - Kora - Kapitel 10
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typenovelette
authorGeorge Sand
titleLavinia ? Pauline ? Kora
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kora

1.

Nach meiner Rückkehr von der Insel Bourbon – ich befand mich damals in ziemlich mißlicher Lage – erbat und erhielt ich ein kleines Amt bei der Postverwaltung. Ich wurde tief in die Provinz nach einer kleinen Stadt geschickt, deren Namen ich verschweige, und zwar aus Gründen, die man mit Leichtigkeit begreifen wird.

Das Auftauchen eines neuen Gesichts ist ein Ereigniß in einem kleinen Städtchen, und ich war daher, obgleich mein Amt zu den mindest bedeutenden gehörte, nächst einem Seehunde und zwei Riesenschlangen, die sich kurz zuvor auf dem Marktplatze einquartirt hatten, einige Tage lang der die öffentliche Neugier am meisten erregende und für die häuslichen Unterhaltungen ergiebigste Gegenstand.

Eine nichtsnutzige Trägheit, deren Opfer ich war, hielt mich während der ganzen ersten Woche in meiner Wohnung zurück. Ich war noch sehr jung, und die Vernachlässigung, die ich bis dahin aus natürlicher Neigung der wichtigen Rücksicht auf Kleidung und Haltung hatte zu Theil werden lassen, begann sich jetzt meinem Geiste in der Gestalt von Gewissensbissen darzustellen.

Nach einem mehrjährigen Aufenthalte in den Colonien zeigte meine Tracht die deutlichen Spuren der schmählichen Stagnation, bei welcher der Fortschritt des Jahrhunderts sie gelassen hatte. Mein Hut à la Bolivar, mein Backenbart à la Bergami und mein Mantel à la Ouiroga waren um mehrere Lustra hinter der Mode zurück, und der Rest meiner Kleidung hatte ein so exotisches Gepräge, daß ich darüber zu erröthen anfing.

Ich hätte zwar in der Einsamkeit des Landlebens, im Incognito einer großen Stadt oder im Wirbel des fahrenden Lebens noch lange existiren können, ohne das Unglück meiner Lage zu ahnen, allein ein einziger Spaziergang auf den Wällen der Stadt belehrte mich in dieser Hinsicht auf betrübende Weise. Ich that keine zehn Schritte außerhalb meiner Wohnung, ohne heilsame Belehrungen über die Unschicklichkeit meines Kostüms zu erhalten. Zuerst warf mir eine niedliche Putzmacherin einen spöttischen Blick zu und sagte zu ihrer Gefährtin, während sie an mir vorübergingen: »Der Herr trägt eine sehr schlecht geknüpfte Cravatte.« Dann sagte ein Arbeiter, den ich in Folge dessen des Handels mit Filzhüten verdächtigte, während er die Arme auf die mit einem Lederschurz umkleideten Hüften stemmte, in possenhaftem Tone: »Wenn der Herr mir seinen Hut leihen wollte, würde ich mir nach dem Modell einen zweiten fabriciren, um mich beim Carneval als Roastbeef zu verkleiden.« Dann wieder murmelte eine »elegante Dame«, während sie sich aus dem Fenster neigte: »Es ist schade, daß er eine so verblichene Weste und einen so schlecht geschnittenen Bart trägt.« Ein Schöngeist des Ortes endlich sagte, indem er die Lippen zusammenkniff: »Augenscheinlich ist der Vater dieses Herrn ein großer Mann – man sieht es an der Weite seines Rockes.« Kurz und gut, ich mußte bald genug umkehren und war noch sehr beglückt, den Spöttereien eines Dutzends zerlumpter Straßenjungen zu entgehen, die aus voller Kehle hinter mir herschrien: »Nieder mit dem Engländer! Nieder mit dem Mylord! Nieder mit dem Fremden!«

Tief gedemüthigt durch mein Mißgeschick, beschloß ich, mich im Hause zu halten, bis der Schneider des Ortes mir einen vollständigen Anzug nach der neuesten Mode geliefert haben würde. Der brave Mann schonte sich nicht und stattete mich mit einem so winzigen, koketten Kostüm aus, daß ich vor Entsetzen umfallen zu müssen glaubte, als ich mich auf die Grundrisse meiner Gestalt reducirt sah und erkannte, daß ich in allen Punkten den Caricaturen Pariser Stutzer und Laffen glich, bei deren Anblick wir im vorigen Jahre auf der Insel Mauritius vor Lachen hatten bersten wollen. Ich konnte mich nicht überreden, daß ich in diesem Anzuge nicht noch hundert Mal lächerlicher sein sollte, als in der Tracht, die ich aufgab, und wußte wirklich nicht, was werden sollte, denn ich hatte meiner Wirthin (der Frau des dicksten Notars im ganzen Arrondissement) feierlich versprochen, sie zu Balle zu führen und den ersten und wahrscheinlich einzigen Contretanz mit ihr zu tanzen, auf den Anspruch zu erheben ihre Reize sie berechtigten. Unschlüssig, beschämt und zitternd entschloß ich mich endlich, hinabzusteigen und diese achtungswürdige Frau um ein strenges, aufrichtiges Urtheil über meine Figur zu bitten. Ich nahm ein Licht und wagte mich bis an die Thür ihres Zimmers. Aber zitternd und verzweifelnd machte ich Halt, als ich aus diesem Heiligthum das Geräusch frischer, heller Stimmen und gelles, naives Lachen erschallen hörte und dadurch von der Anwesenheit von fünf oder sechs jungen Damen des Städtchens unterrichtet wurde. Beinahe wäre ich umgekehrt, denn mich dem Urtheile eines so gefährlichen Areopags in einem in meinen Augen mehr als problematischen Schmuck auszusetzen, war ein Heroismus, dessen sich nur wenige junge Leute an meiner Stelle fähig gefühlt haben würden.

Endlich trug meine Willenskraft den Sieg davon. Ich fragte mich, ob ich denn Locke und Condillac umsonst gelesen hätte, und trat, indem ich mit fester Hand die Thür aufstieß, mit verzweifelter Entschlossenheit in das Zimmer. Ich habe fürchterliche Begebenheiten in der Nähe gesehen, kann ich sagen – ich habe Meere und Stürme kennen gelernt, ich bin im Königreich Java den Klauen eines Tigers und in der Bai von Tunis den Zähnen eines Crocodiles entschlüpft, ich habe den gähnenden Feuerschlünden der Flibustier-Schaluppen ins Gesicht gesehen, ich habe Meerbiscuit d.h. Tintenfische gegessen, die mir das Zahnfleisch zerlöcherten, ich habe die Tochter des Königs von Timor geküßt – – nun ich gebe Jedem die Versicherung, das war alles nichts im Vergleich mit meinem Eintritt in dies Zimmer, und nie und nimmer in meinem Leben habe ich einen gleich glorreichen Nutzen aus meiner philosophischen Bildung gezogen.

Die jungen Damen saßen abwartend, bis die Frau des Notars mit dem Einflechten eines Päonienkranzes in ihre schwarzen Haare zu Ende gekommen wäre, im Kreise herum und wechselten Scherzworte und naive Liedchen miteinander. Mein unerwarteter Eintritt lähmte den Schwung der reizenden Heiterkeit dieser schmucken Naturkinder. Die Göttin des Schweigens breitete ihre Eulenschwingen über die blonden Häupter, und alle Augen richteten sich mit dem Ausdrucke des Zweifels, des Mißtrauens und der Furcht auf mich.

Da entschlüpfte plötzlich ein Ruf der Überraschung den Lippen der jüngsten, und mein Name flog von Mund zu Mund wie der Kanonendonner an Bord einer kampffertigen Fregatte. Das Blut erstarrte mir in den Adern, und beinahe hätte ich die Flucht ergriffen wie eine Brigg, die ein Fischerboot anzugreifen glaubte und nun durch das Fernrohr einen schönen Dreimaster erblickt, der nachlässig seine Stückpforten demaskirt, um ihr einen Willkomm zu bereiten.

Zu meiner großen Verwunderung aber eilte die Gattin meines Wirthes, während sie die eine Hälfte ihrer frisch gekräuselten, verführerischen Locken herabwallen ließ, indeß die andere Hälfte noch unter dem grauen Papier der Haarwickel versteckt lag, auf mich zu und rief:

»Es ist unser junger Mann! es ist unser armer Georges! Ah, mein Gott! welche Metamorphose! wie trefflich ist er gekleidet! welch reizender Anzug! welch eleganter, moderner Schnitt! – O, sehen Sie doch, meine Damen, sehen Sie doch, wie Herr Georges sich verändert, was für ein distinguirtes Aussehen er hat! Sie werden mit den Damen tanzen, Herr Georges, doch erst, wenn Sie mit mir getanzt haben! Sie zwangen mich, Ihnen den ersten Tanz zuzusagen – erinnern Sie sich dessen?«

Die jungen Damen beobachteten Stillschweigen, und ich zweifelte noch immer an meinem Triumphe. Daher raffte ich all meinen Muth zusammen und fragte sie schüchtern um ihr Urtheil über meinen Anzug, und sogleich erhob sich um mich ein Chor von Lobsprüchen, die meinem Ohre so rein und melodisch klangen wie Engelsstimmen. Niemals hatte man etwas Geschmackvolleres und Besseres gesehen – nicht eine Falte fand man zu tadeln. Der steife, weite Rockkragen war von ausgezeichnetem Geschmack, die kurzen, geschweiften Rockschöße besaßen die größte Anmuth, die mit gigantischen Rosetten besäete Weste war von einem Glanze ohne Gleichen, die steife, mit systematischer Genauigkeit ins Kreuz geknüpfte Cravatte ein Meisterstück der Erfindung, und die Manschetten und das schreckliche Jabot endlich die Krone des Werks. Seit junge Mädchen sich erinnerten, war kein Beamter der Postverwaltung mit solchem Glanze in die Welt eingetreten.

Ich muß bekennen, daß mein triumphirender Einzug in den Ballsaal keine der wenigst glänzendsten Erinnerungen aus meiner Jugendzeit bildet. Zwar war ich in dem neuen Rocke unbehaglich beengt, zwar drückte mich das Fischbeingestell meiner Weste und peinigte mich der Rigorismus meiner Aermellöcher, zwar hatte ich auf der Rechten die Frau des Notars, auf der Linken ihre Nichte, Fräulein Feodora, die älteste und häßlichste Jungfer des Departements – was thut's, ich war stolz, ich war glücklich, ich war gut gekleidet!

Der Saal war ein wenig kalt, ein wenig dunkel, ein wenig unsauber, die Polsterbänke hier und da reichlich mit Oelflecken versehen, und die Lampen spielten über den blumenbedeckten, federgeschmückten Köpfen der Ballgäste die uralte Rolle des Schwerts des Damokles. Das Parquet war nicht allzu glatt und glänzend, die Roben der Damen nicht allzu frisch, die Frische gewisser Gesichter nicht allzu natürlich. Man entdeckte ein wenig große Füße in den etwas plumpen Atlasschuhen, etwas rothe Arme unter den Spitzenärmeln, ein wenig sonnverbrannte Nacken unter den Perlenhalsbändern, etwas robuste Taillen unter den Moiré-Gürteln. Man spürte einen leichten Knastergeruch in den Röcken der Männer, einen etwas zudringlichen Glühweinduft im Büffetzimmer, eine etwas ländliche Staubwolke in der Luft – und dennoch, bei meiner Ehre! war es ein reizendes Fest, eine liebenswürdige Gesellschaft! Die Musik war nicht viel schlechter als in Port-Louis oder Saint-Paul,Port-Louis, jetzt Port-Nord-Ouest oder Port-Napoleon, Hauptstadt der Insel Mauritius (östl. von Madagaskar); Saint-Paul, jetzt Alexandria, Hauptort auf der Insel Kodiak an der russischen Nordwest-Küste Nord-Amerikas. D. Uebers. die Moden sicherlich nicht so hinter der Zeit zurück, noch so übertrieben närrisch als in Calcutta, und die Frauen im Allgemeinen weißer, die Männer weniger grob und weniger lärmend als dort.

Im Ganzen genommen konnte mir, der ich die äußersten Wunder der Civilisation noch nicht gesehen hatte, der ich die Oper nur in Amerika und Tanzvergnügungen nur in Asien kennen gelernt hatte, dieser nahezu öffentliche und allgemeine Ball in der Provinzialstadt wol prächtig und entzückend schön erscheinen, wenn man überdies in Betracht zieht, welche große Sensation ich mit meinem Anzuge erregte, und welchen unstreitigen Erfolg ich gleich beim ersten Anlauf zu Ende des ersten Contretanzes davontrug.

Aber die naive Freude befriedigter Eitelkeit machte bald einem Gefühle Platz, das mehr meiner leicht erregbaren, phantastischen Natur entsprach. Es trat ein Mädchen in den Saal, und ich vergaß alle andern, ich vergaß sogar meinen Triumph und meinen neuen Anzug. Ich hatte nur noch Augen und Gedanken für sie.

O, sie war wirklich wunderbar schön, und man brauchte nicht fünfundzwanzig Jahre alt zu sein und aus Indien zu kommen, um von ihrer Schönheit ergriffen zu werden. Ein berühmter Maler, der im folgenden Jahre durch das Städtchen kam, ließ den Postwagen halten, als er sie am Fenster erblickte, ließ die Pferde abspannen und blieb acht Tage lang im Gasthof zum silbernen Löwen, während er unausgesetzt alles Mögliche versuchte, um bis zu ihr zu dringen und sie zu malen. Er war jedoch nicht im Stande, ihren Eltern begreiflich zu machen, daß man aus Liebe zur Kunst das Bildniß einer Frau malen könne, ohne dabei Absichten auf ihre Tugend zu haben. Man wies ihn also höflich ab, und so ist denn von der Schönheit Kora's keine andere Spur als vielleicht im Hirn jenes großen Künstlers und im Herzen eines armen, ehemaligen Postbeamten zurückgeblieben.

Sie war von mittlerer, wunderbar ebenmäßiger Gestalt, leichtfüßig und behend wie ein Vogel, dabei aber auch gravitätisch und stolz wie eine Römerin. In Rücksicht auf das gemäßigte Klima, in welchem sie geboren worden, war ihre Gesichtsfarbe außerordentlich gebräunt, die Haut aber war fein und glatt wie das beste Wachs. Der hervorstechendste Charakterzug ihres schön gezeichneten Kopfes war etwas Unbestimmbares, etwas Ueberirdisches, das man gesehen haben muß, um es zu begreifen. Die Linien ihres Gesichts waren von wunderbarer Reinheit, die großen Augen von so mattgrüner, durchsichtiger Farbe, daß sie mehr für die Geheimnisse der Geisterwelt, als für die Dinge des wirklichen Lebens geschaffen schienen. Den Mund mit den feinen, schmalen Lippen, denen nur selten ein Wort entfiel, umspielte ein unmerkliches Lächeln, das Profil war streng und melancholisch, der Blick kalt, schwermüthig, nachdenklich, der Ausdruck ihres Gesichts schwankte zwischen Trübsinn, Langeweile und Geringschätzung. Dazu kamen noch weiche, sittsame Bewegungen, eine feine, schmale, weiße Hand, wie sie bei den Frauen aus dem Mittelstande selten ist, eine einfache, angemessene Toilette, welche einen bei einer Kleinstädterin befremdenden Geschmack verrieth, und vor Allem eine Miene voll ruhiger, unerschütterlicher Hoheit und Würde, die unter dem Diamantendiadem einer spanischen Königin erhaben gewesen wäre, bei diesem armen Mädchen, aber der Stempel des Unglücks, das Anzeichen einer außergewöhnlichen Natur und Organisation zu sein schien.

Denn sie war – – soll ich es aussprechen? Ich muß wol: Kora war die Tochter eines Dütchenkrämers!

Heilige Dame Poesie, verzeihe mir, daß ich das Wort ausgesprochen habe! Doch was thut's? – Kora würde das Schild einer Schenke geheiligt, wie ein Engel Rembrandts über einer flamändischen Gruppe würde sie sich über das gemeine Leben erhoben haben. Wie eine schöne Blume hätte sie auch in schlammigen Untiefen geglänzt. Im Kramladen ihres Vaters würde sie den Blick des großen Scott auf sich gezogen haben, dem zweifelsohne eine unbeachtete Schönheit wie sie, die reizende Idee zu dem »schönen Mädchen von Perth« eingab.

Und sie hieß Kora, sie hatte eine sanfte Stimme, einen sittigen Gang, eine träumerische Haltung. Ihr braunes Haar war das schönste, das ich in meinem Leben gesehen habe, und sie allein unter allen ihren Gefährtinnen trug es einfach in Locken gekräuselt, ohne jeden Schmuck. Aber in der Fülle dieser dichten Locken lag mehr Erhabenheit und Stolz als im Glanze eines Diadems. Auch trug sie weder ein Collier, noch Blumen am Busen. In stolzer Schönheit hob sich der braune, sammetweiche Nacken vom Spitzenbesatze des Mieders ab, und das blaue Kleid ließ ihren Teint noch gebräunter, ihr Gesicht noch düsterer erscheinen. Sie selbst schien auf den eigentümlichen Charakter ihrer Schönheit stolz zu sein.

Sie schien errathen zu haben, daß sie in anderer Weise schön war als die übrigen Damen: denn ich brauche kaum zu sagen, daß Kora mit den seltsamen Gesichtszügen und dem orientalischen Colorit, Kora, die der Jüdin Rebekka oder Shakespeares Julia ähnelte, die majestätische, leidende, etwas wild-scheue Kora, Kora, die weder rosenfarben, noch vollwangig, noch herausfordernd, noch lieblich war, unter der Menge weder bemerkt noch gesucht wurde. Wie eine in der Einöde erblühte Rose, eine im Sand verlorene Perle, stand sie unter den andern Damen, und der erste Beste, dem gegenüber ihr eurer Bewunderung für Kora Ausdruck gegeben hättet, würde euch erwidert haben: »Gewiß, sie wäre so übel nicht, wenn sie nur weißer und weniger mager wäre.«

Ich fühlte mich in ihrer Nähe so verwirrt, so jählings liebebethört, daß ich ganz die Zuversicht verlor, die mein neuer Rock und die rosettenbesäete Weste mir hätten einflößen müssen. Sie schenkte diesen Gegenständen allerdings sehr wenig Beachtung, mit zerstreuter Miene hörte sie auf die faden Schmeicheleien, die ich im Schweiße meines Angesichts zu Tage förderte, ließ bei jeder Aufforderung zum Tanze nur ein leises Wort über ihre Lippen gleiten und legte in meine bebende Hand ihre schlanken Finger, deren Kälte ich trotz des Handschuhs spürte. O, wie unnahbar und stolz sie war, die Tochter des Dütchenkrämers! Wie eigentümlich und geheimnisvoll war sie, die braune Kora! Während der ganzen Nacht konnte ich ihrem Munde nicht mehr als ein halbes Dutzend einsilbiger Wörter entlocken.

Zu meinem Unglück las ich am nächsten Tage zufällig die »Wundergeschichten«,Contes fantastiques, Gesammttitel der von Xaver Marmier und Loeve-Beimars i. J. 1828 übersetzten dämonisch-phantastischen Erzählungen E. T. A. Hoffmann's, die vom französischen Publikum mit ungeheurem Beifall aufgenommen wurden. Anm. d. Uebers. und – abermals zu meinem Unglück – schien kein Wesen unter der Sonne ein vollkommnerer Typus phantastischer Schönheit und deutscher Poesie zu sein, als Kora mit den grünen Augen und der schlanken Taille.

Die bewunderungswürdigen Dichtungen Hoffmann's begannen in der Stadt in Umlauf zu kommen und bekannt zu werden. Die Matronen und die Familienväter fanden das Genre abscheulich und den Stil geschmacklos, und die Notare und die Frauen der Advocaten bekämpften vor allem die Unwahrscheinlichkeit der Charaktere und das Romanhafte der Begebenheiten bis aufs Blut. Der Friedensrichter des Cantons pflegte im Lesecabinet um die Tische zu gehen und den jungen Leuten, denen diese seltsame, alles Hergebrachte umstürzende Poesie den Kopf verdrehte, Phrasen vorzutragen, wie: »Nur das Wahre ist schön« u. s. w. Ich erinnere mich, daß bei einer solchen Gelegenheit ein Schlingel von einem Gymnasiasten – es war während der Ferien – ihm kurzweg erwiderte, indem er ihn scharf ansah:

»Mein Herr, die große Warze, die Sie auf der Nase haben, ist demnach ohne Zweifel unecht?«

Trotz aller väterlichen Ermahnungen und trotz des Anathems der Principale und der Professoren der Sexta griff das Uebel in größter Schnelle um sich, und ein großer Theil der Jugend wurde von dem tödtlichen Gifte angesteckt. Man sah junge Tabaksverkäufer sich nach dem Typus Kreßler modeln und Supernumerare während des Protocollirens beim fernen Klange eines Dudelsacks oder eines Volksliedes in Ohnmacht fallen.

Ich meinerseits bekenne und erkläre an dieser Stelle, daß ich ganz und gar den Kopf verlor. Kora verwirklichte alle die wonnigen Träume, die der Dichter mir eingab, und ich vergnügte mich damit, ihr eine geistige, feenhafte Beschaffenheit anzudichten, die eigens für sie erfunden zu sein schien. Ich fühlte mich auf diese Weise glücklich. Allerdings sprach ich nicht mit ihr, denn ich hatte keinen Vorwand und kein Recht, auf Grund deren ich mich ihr hätte nähern können. Meine Liebe fand keine Ermuthigung, ich suchte eine solche nicht einmal. Ich verließ nur das Haus des Notars und miethete eine elende Kammer, die dem Hause des Krämers gerade gegenüber lag. Das Fenster meines Zimmers verhüllte ich mit einem dichten Vorhang, in welchem ich geschickt versteckte Oeffnungen anbrachte, und dort verbrachte ich wonnetrunken all die Stunden, die ich meiner Arbeit abstehlen konnte.

Die Straße war öde und still. Kora saß im Erdgeschoß am Fenster. Sie las. Was sie las? Gewiß ist, daß sie vom Morgen bis zum Abend las. Und dann legte sie das Buch auf eine Vase blühenden Goldlacks, der das Fenster schmückte, und das Haupt auf die Hand stützend, die Locken des schönen Haares ungekünstelt und nachlässig mit den gold- und purpurglänzenden Blüten vermengend, schien sie mit starrem, glänzendem Auge das Pflaster zu durchdringen und durch die dicke Kruste der Erde die Geheimnisse des Todes und des Entstehens der Lebensquellen zu beobachten, die Geburt der Rosenfee zu belauschen und dem Lebenskeime einer schönen Elfe mit goldenen Schwingen im Kelche einer Tulpe Muth einzusprechen.

Und ich – ich betrachtete sie und war glücklich. Ich hütete mich wol, mich zu zeigen, denn bei der geringsten Bewegung des Vorhangs, beim leisesten Klirren meines Fensters verschwand sie wie ein Traum. Wie ein silberner Nebel verflüchtigte sie sich im Halbdunkel der Hinterstube. Ich blieb daher unbeweglich, mit angehaltenem Athem, den Schlägen meines Herzens Schweigen gebietend und zuweilen im Stillen meine Fee aus den Knieen anbetend hinter dem Vorhänge versteckt und widmete ihr die glühende Inbrunst eines Herzens, das ihre zauberkundige Seele ergründen und verstehen sollte. Zuweilen bildete ich mir auch ein, unsere beiden Seelen eng vereint in einem jener goldig glänzenden Staub strahlen schweben zu sehen, die die Mittagssonne in die enge, winklige Straße sandte. Ich glaubte in ihrem Auge, das so krystallklar schien wie die Quelle, die über Moos und Gräser rinnt, das Aufflammen eines tiefern Gefühls zu entdecken, das mich mit ganzer Seele zu ihr hinzog.

So stand ich dort den ganzen Tag, sinnbethört und albern und belachenswerth, aber begeistert und verliebt und jung, aber umbraust von den Wogen der Poesie! Ich weihte Niemand in meine geheimen Gedanken ein und fühlte meine Begeisterung nie durch die Furcht behindert, ich könne ins Abgeschmackte verfallen, da ich nur Gott zum Richter und zum Vertrauten meiner Wonnetrunkenheit und meiner Träume hatte.

Und wenn dann der Tag sich neigte, wenn die blasse Kora das Fenster schloß und den Vorhang zuzog, dann öffnete ich meine Lieblingsbücher und fand sie mit Manfred auf den Alpen, mit Nathanael beim Professor Spallanzani, mit Oberon im Reich der Lüfte wieder.

Doch leider war mein Glück von kurzer Dauer. Bis dahin hatte Niemand Kora's Schönheit bemerkt, nur ich allein genoß dieselbe, nur ich hatte Verständniß und Bewunderung dafür. Doch als die Pest der Phantastik sich unter den jungen Leuten des Städtchens verbreitete, fiel ein Lichtblitz auf die romantische Spießbürgerin.

Eines Morgens gerieth ein naseweiser, impertinenter Student, als er unter ihrem Fenster vorüberging, auf den Einfall, sie mit Anna von Gierstern, der Tochter des Nebels zu vergleichen. Das Wort machte Glück: man wiederholte es auf dem nächsten Balle. Die Schöngeister des Ortes bewunderten Kora's leichten, ätherischen Tanz. Ein anderes Genie in der Gesellschaft verglich sie mit der Feenkönigin Mab. Nun wollte jeder seine Gelehrsamkeit glänzen lassen und schleppte ein Epitheton oder eine Metapher herbei, so daß das arme Mädchen wider ihr Wissen damit überschüttet wurde. Und als sie dann mein Idol genugsam mit ihren Bildern und Vergleichen in den Staub gezogen hatten, umringten sie es, überhäuften sie es mit Zuvorkommenheiten und galanten Schmeicheleien, tanzten sie mit ihm, bis die letzte Lampe erlosch, und gaben es mir endlich, ermüdet von ihrem Witze, von ihrem Geschwätz gelangweilt und von ihrer Bewunderung entweiht, am nächsten Tage zurück. Was mir aber vollends das Herz brach, war, daß ich das runde, joviale Gesicht eines Studenten der Pharmacie neben dem zarten, griechischen Profil meiner Sylphide am Fenster auftauchen sah.

Lange Zeit versuchte ich morgens und abends hinter meinem schützenden Vorhange den Zauber zu bekämpfen, mit dem mein schändlicher Nebenbuhler die Familie des Dütchenkrämers umsponnen hatte. Doch vergebens rief ich Amor, den Teufel und alle Heiligen an, ich konnte seinen bösen Einfluß nicht verdrängen. Unermüdlich kehrte er Tag für Tag zurück und setzte sich neben Kora in die Fensternische, um mit ihr zu reden. Worüber wagte er mit ihr zu reden, der Unglücksmensch! Kora's undurchdringliches Gesicht verrieth nichts davon. Sie schien seine Worte zu hören, ohne sie zu verstehen, und aus der unmerklichen Bewegung ihrer Lippen schloß ich zuweilen, daß sie ihm eine kurze, kalte Antwort gab, wie es ihre Gewohnheit war. Und dann schien die Unterhaltung zu stocken.

Das gelangweilte Pärchen beengte sich gegenseitig und unterdrückte ein leises Gähnen. Kora schaute traurig das zugeschlagene Buch auf dem Fensterbrette an und schien zu bedauern, daß die Anwesenheit ihres Verehrers sie am Weiterlesen hindere. Dann stützte sie den Ellbogen auf den Goldlacktopf und das Kinn auf die Hand und schien, indem sie den Pharmaceuten mit festem, eisigem Blick anstarrte, durch die Lupe des Meister Floh die derben Fibern seines moralischen Wesens zu studiren.

Dessenungeachtet aber ertrug sie seine Galanterien und beständigen Besuche wie ein notwendiges Uebel, und nach sechs Wochen führte der Apothekergehilfe die schöne Kora zum Altar, wo sie den ehelichen Segen empfingen. Kora war wunderbar züchtig und ernst in ihrem Brautanzuge. Sie hatte eine ruhige, gleichgiltige, gelangweilte Miene wie immer. Gemessenen Schritts wie gewöhnlich ging sie durch die schaulustige Menge und musterte die erstaunten Zuschauer mit trocknem, forschenden Auge. Als ihr Blick auf mein fahles, entstelltes Gesicht traf, machte er einen Moment lang Halt und schien zu sagen: Sieh da! ein Mensch, den Schnupfen oder Zahnweh plagt.

Ich meinerseits befand mich in solcher Verzweiflung, daß ich meine Versetzung nachsuchte. – –

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