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Laien-Predigten für das deutsche Haus

Otto von Leixner: Laien-Predigten für das deutsche Haus - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorOtto von Leixner
titleLaien-Predigten für das deutsche Haus
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Sechste Predigt.
Von der Religion des deutschen Mannes

Nun bin ich mit Dir ganz allein – und weiß nicht einmal, ob Du mich bis zum Schluß anhörst. Aber ich nehme es an – der Mensch hofft ja so gerne – und will zu Dir sprechen wie zu einem lieben Bruder, und ich wäre glücklich, gelänge es mir, Dich zu überzeugen. Solltest aber auch Du mir den Rücken kehren, nun, so werde ich die letzte Predigt als ein Selbstgespräch meiner Seele betrachten. Sie unterredet sich oft so mit sich selbst und sagt sich dabei Grobheiten ohne alle Umschreibungen; aber manchmal ist sie dabei auch sehr glücklich gewesen und hat inneren Frieden genossen, der nicht von dieser Welt ist. – –

Du hast sicher oft den Ausspruch gehört, ihn vielleicht auch gethan, daß Religion mit Beziehung auf ein »Gott« genanntes Wesen recht gut sei für Frauen, der Mann aber sie nicht nötig habe. Ihm biete, falls er überhaupt ein Bedürfnis darnach habe, Philosophie oder Naturwissenschaft genug Stoff, um sich eine »Weltanschauung« zu bilden.

Ich denke nun sicher hoch von der männlichen Geisteskraft. Ich habe auch viele ernste, tüchtige Männer gekannt und kenne deren viele, die nach dem Zusammensturz des Kinderglaubens sich mit genügendem Rüstzeug versorgten und dann nun sich eine Anschauung vom All zu schaffen suchten, bei der sie sich beruhigten. Mancher von ihnen war durch Anlage, Erziehung und durch unbewußt aufgenommenen Einfluß der Kindheitreligion so veredelt, oder er besaß so schwache Leidenschaften, daß er sicher durch alle Versuchungen durchschritt und gut handelte, auch wenn er, dem Verstande nachgebend, aus seiner Weltansicht alles Geistige abwies. Er stand also als Handelnder unbewußt unter der Herrschaft der sittlich-religiösen Mächte, während er als Verstandesmensch oft Anschauungen huldigte, aus denen ein schlecht gearteter oder erzogener Mann mit starken Leidenschaften und scharfem Verstande für sich das Recht unbedingter Ichsucht hätte entwickeln können.

Ich habe aber auch andere kennen gelernt, die überdrüssig des Kirchenglaubens in der Pflege und im Genuß der Künste, im sogenannten »Humanitätsglauben« sich einen Ersatz für das Religiöse zu gewinnen strebten; wieder andere, die sich irgend einem Philosophen anschlossen oder sich ohne Widerspruch auf den Boden der »naturwissenschaftlichen Weltanschauung« stellten und nun, so gut es gehen mochte, ihr Handeln ihren Anschauungen anzupassen strebten. Bei gar vielen aber entdeckte ich eine Kluft, die das Denken und Handeln von einander schied: es ging ein von ihnen selber kaum geahnter Riß durch ihr Wesen, und sie bemühten sich auch nicht, nach Einheit zu streben. Das Gleiche fand ich, nebenbei bemerkt, bei vielen, die äußerlich streng dem überlieferten Glauben anhingen und den Satzungen der Kirche nachkamen, innerlich aber nichts weniger als Christen waren und Gott und Nächstenliebe nur mit den Lippen bekannten.

Man glaubt nicht, wie zahllos heute, oben und unten, die Menge jener Männer ist, die als Doppelwesen leben, mit dem Verstande und dem Willen zwei getrennten Welten angehören. Nichts ist ja überhaupt schwieriger, als einheitlich zu werden, d. h. vom Standpunkte eines unerschütterlichen Satzes aus die ganze innere Welt der Gefühle, Vorstellungen und Begriffe zu ordnen und das Handeln nach ihm zu bestimmen. Dazu gehört das stille Insichsinken, das Freiwerden vom Zauber der Außenwelt, so weit es für den lebendigen Geist eine solche giebt. In Wahrheit tragen wir ja alle, du und ich auch, nicht eines der »Dinge«, die das sinnenfällige All bilden, selber in uns, sondern nur Abbilder dieser Dinge und ihrer Bewegungen und Umänderungen, und jedes dieser Bilder, die sich in merkwürdiger Weise in uns trennen und verbinden und im Denken zu Begriffen werden, erhält in uns einen bestimmten Gefühlswert, der nicht dauernd festzustehen braucht. So hat jeder sein All und für jeden ist dieses All zunächst zugleich das All. Nur dadurch, daß der Lebensbau des Geistes in uns allen nach bestimmten allgemeinen Grundformen sich aufbaut, nur darum können wir uns in verschiedenen bemessenen Grenzen verständigen. Und doch wie schwer ist es, einem Andern, selbst wenn er liebevoll uns entgegenzukommen strebt, unsere innere Welt mitzuteilen. Wir haben ja nur Worte zur Verfügung. Der gemeine Menschenverstand, der niemals in die Tiefen geht, glaubt an deren Allmacht und Allklarheit. Er glaubt, sie geben die Dinge wieder. Und für seinen beschränkten Kreis hat er ja recht. Wenn er sagt, ein Scheffel Korn koste so und so viel, oder sein Sohn habe den roten Adlerorden erhalten, oder seine Tochter heirate den reichen Meyer, so läßt das an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Sobald wir aber höhere Gedanken und Begriffe mitteilen oder gar Gefühle aussprechen wollen, verwandelt sich die Brücke, die vom Ich zum Du führt und zurück, in einen dünnen Faden oder reißt ganz. Jeder von uns belebt das Wort mit seinem Wesen, giebt ihm verschiedenen, ja oft den entgegengesetzten Inhalt. Und für das Tiefste, für Gefühle, die in uns so klar, so bestimmt und zwingend sind, läßt sich, streng betrachtet, die Sprache kaum verwenden; sie sinkt zum bloßen Deutbilde hinunter, das jeder nach seiner Art auslegt und das nur dort seinem Zwecke entspricht, wo Sprecher und Hörer schon durch das gleiche Gefühl verbunden sind, also das schon gegeben ist, was die Sprache erst erreichen will.

Ich bitte Dich also, hab den guten Willen mir zu folgen. Aber nicht nur mit dem kühlen Verstande, sondern mit Deinem ganzen Wesen. Mit dem ganzen Wesen folgen, heißt aber leben, was man hört. Nur wenn Du den Weg gehst, ein Einheitlicher im Vorstellen, Denken und Fühlen, wirst Du die Wahrheit finden. Nicht meine Wahrheit, obwohl auch ich sie in mir unter Kämpfen und Leiden erlebt habe. Denn, was ich hier sagen werde, das haben mit anderen Worten, zu verschiedenen Zeiten, andere, größere, vor mir gesagt und keiner so wie der Stifter des Christentums, Jesus. Er aber, der »Menschensohn« sprach, göttlichen Geistes voll, in der Sprache seiner Zeit. Was er im Gemüte, das den »Vater« in sich trug und ihm ganz hingegeben war, erlebt hatte, er verkündete es in Sprüchen und Bildern, ohne weiter zu zeigen, wie das alles in ihm geworden war.

Glaub nicht, daß ich es wage, mich ihm an die Seite zu stellen, aber da ich ihn liebe, hat mir diese Liebe als Fackel gedient, den »Weg« zum »Vater« zu finden. Aber ich spreche mit den Worten meiner Zeit und meines Wesens zu Dir, dem Zeitgenossen.

Wenn das Kind ins Leben eintritt, ist sein Lebensbau ausgestattet mit vollendet angelegten Fähigkeiten und Sinneswerkzeugen, die ihm ermöglichen sollen, unter den Bedingungen dieser Erde zu sein. Aber ein Etwas muß sich erst entwickeln, um den Gebrauch dieser Gaben zu lernen, ihrer Herr zu werden. Rings umher wirken Reize, die von den Sinnen empfunden, aber noch nicht in ihren Beziehungen verstanden werden. Aber diese Empfindungen sind ganz entschieden gefärbt, treten als Abstufungen von Lust und Unlust auf. Diese beiden sind nun bestimmt von dem, was von innen heraus zunächst den Reizen antwortet, von Trieben. Die Triebe wählen unter den Reizen; was ihnen entspricht, wird vom Kinde, z. B. die Muttermilch, mit Lust aufgenommen, was nicht, mit Unlust, oder es wird mehr oder minder ungestüm abgewehrt. Allmählich bilden sich aus den empfangenen Wahrnehmungen der Sinne Vorstellungskreise, die zunächst einfache Gruppen bilden, nach äußeren Beziehungen geordnet, wie Mutterbrust, Hungergefühl und Stillung, dabei der Klang der mütterlichen Stimme u. s. w. Langsam lernt das Kind seinen Körper als ihm zugehörig zu erfassen und die anderen Dinge von ihm zu trennen. So bildet sich die Vorstellung »Ich«, in der alle von Trieben und Reizen geweckten Vorstellungskreise ihren Mittelpunkt finden. Aber auch Gefühle, wie Zorn, heftiges Begehren u. s. w. werden im Wechselspiel von Reiz und Trieb entbunden und als zum Ich gehörig aufgefaßt. In dieser Richtung geht nun die Entwickelung weiter. Alles, was von »Außen« eintritt, alles, was von innen auftaucht, wird mit dem Ich in Beziehung gesetzt, das nun, wenn nicht durch fremden Willen (Erzieher, Eltern u. s. w.) gehemmt, den Drang entfaltet, das ihm Lustbringende zu suchen.

Auf dieser Stufe bestehen zwei scheinbar ganz verschiedene Welten, die des Inneren – im Erfahrungsraume durch den Körper begrenzt –, Triebe, Vorstellungen, Begriffe einschließend, und die des Äußeren, die alles enthält, was das Ich sucht oder meidet. Da nun aber in Wahrheit kein Ding der sogenannten Außenwelt in uns hineinkann; da wir von ihm nur Abbilder, Vorstellungen erlangen können, so giebt es für das Einzelnwesen nur eine Welt, die des Innern. Und Jeder hat zunächst nur seine Welt, und in ihr steht in der Mitte das Ich, auch nur ein Bild unter Bildern, scheinbar aber etwas Feststehendes, Wirkliches. Diese Welt nun verlassen wir niemals, da wir aus ihr gar nicht heraus können. Was in sie will, muß – bildlich ausgesprochen – den Körper ablegen, kann nur als Geistiges in dieser Geisteswelt Bürgerrecht erwerben.

Aber eine Scheidung vollzieht sich dennoch im lebendigen Gefühl (Ausnahmszustände haben mich hier nicht zu beschäftigen): wir wissen, ob eine auftauchende Vorstellung uns durch einen Reiz von »außen« erregt worden ist, oder ob sie von »innen« herauftaucht in das Bewußtsein.

Etwas, was man Willen nennt, und das auch die Maske des Ichs trägt, trifft nun unter den Vorstellungskreisen eine Auslese. Es vernachlässigt einige, die ihm Unlust erzeugen und bevorzugt andere, die dem Ich zusagen. Diesen führt es Nahrung zu, die anderen strebt es auszuhungern. Das erstere geschieht auf zweifache Weise: das Ich verhält sich aufnehmend oder suchend. Aufnehmend, indem es jede von »außen« kommende Vorstellung auf ihre Beziehung zu den bevorzugten Vorstellungskreisen untersucht und die verwandten in sie einordnet, die anderen aber ablehnt; suchend, indem es solche verwandte Vorstellungen an sich zu ziehen strebt oder aus sich erzeugt. In jedem Stückchen dieser bevorzugten Kreise liegt etwas vom Willen eingeschlossen, und so bildet sich ein zusammenhängendes Ganze von mächtiger Spannkraft, das nach der Vorherrschaft in der Innenwelt ringt und sie erringt, sich gegen andere Vorstellungskreise nicht nur behauptet, sondern sie nach sich umändert oder sie so des »Willens« beraubt, daß sie nur mehr als machtlose Schattenbilder oder blutleere Worte im Gedächtnis gespenstern. Und alle Teile des herrschenden Vorstellungskreises sind auf das Ich bezogen, und aller Wille ist bestrebt es zu befriedigen und dadurch zu befestigen.

Wenn nun keine Hindernisse sich entgegenstellen, wird die Spannkraft des herrschenden Kreises das Handeln bestimmen, das sich des Verstandes bedient, um ein dem Ich Lust erzeugendes Ergebnis zu bewirken. Über jedes neue »Ding«, das dabei als Vorstellung in das Innere tritt, wird vom Ichwillen ein Werturteil abgegeben, der zunächst keinen anderen Maßstab hat, als sich selbst und das Verhältnis zu sich. Indem er nun den Dingen, so wie sie scheinen, Wirklichkeit zuschreibt, setzt er sich in Bewegung, um sie zu erringen.

Daß sie aber nichts Feststehendes, für alle Menschen Gleichwertiges sind, beweist die Thatsache, daß die verschiedenen Ich über die gleichen Dinge ganz verschiedene Werturteile abgeben, daß eines etwas leidenschaftlich begehrt, was dem anderen gleichgiltig ist oder sogar Unlust erweckt.

Was folgt nun daraus?

Der Schluß ist sehr einfach: Der Ichwille legt in die für wirklich gehaltenen Dinge sein eigenes Begehren, er strebt also nicht nach dem Dinge selbst, sondern nach den Vorstellungen, die er mit ihrem Bilde verknüpft. Er genießt daher nicht das Ding, sondern sich selber, seine eigenen Erregungen.

Das ist der Zustand, zu dem sich jeder zunächst entwickelt, und in dem die unendliche Mehrheit zeitlebens beharrt. Auf dieser Stufe der Entwickelung ist ein echt sittlich-religiöses Leben unmöglich, es besteht nur als zumeist machtloser Vorstellungskreis, der vom Gedächtnis festgehalten wird und nur durch Zwang oder Gewohnheit stoßweise das Handeln bestimmen kann.

Darum kann aus ihm bestenfalls eine Nützlichkeitsmoral sich entwickeln, die, mag sie auch mit schönen Worten sich umkleiden und vom Verstand logisch begründet sein, nur äußere Beziehungen vom Ich zu den Anderen durch Satzungen zu regeln vermag, aber nie die Menschen innerlich verbindet. Herrscht das Ich, so werden alle Einrichtungen der Gesellschaft mehr oder minder entadelt, und die Religion sinkt zu einer blos äußeren Beziehung zum »Weltganzen« hinunter.

Unter der Herrschaft des Ichwillens entwickeln sich die mannigfaltigsten, oft seltsam verknoteten Gefühle, verschieden nach der Beziehung zu den erstrebten »Dingen«.

Diese können erreicht werden; dann entstehen Hochmut, Ehrgeiz, Gier nach mehr, Eitelkeit.

Im Kampfe um sie bilden sich Neid, Haß, Zorn, Lieblosigkeit, Heuchelei u. s. w.

Wenn die Dinge nicht erreicht werden, neben Neid u. s. w., Mißmut, Bitterkeit, Bosheit, Schadenfreude, Verdüsterung, Rachsucht.

So entwickeln sich neben dem Vorstellungskreise, der auf die Befriedigung des Ichs bezogen ist, andere, die eine Verneinung des Ichwillens in sich schließen. Dieser taumelt oft haltlos zwischen ihnen hin und her und diese Verwirrung führt in den äußersten Fällen zu dem, was wir Wahnsinn nennen.

Viele Menschen beharren lebelang in der Wirrnis der Gefühle. Ihr sittliches Leben nach außen ist fast ganz Zufällen preisgegeben, wenn nicht Gewohnheit, äußere Umstände oder scharfer Verstand dem Handeln eine gewisse Richtung geben. Sie werden aber fast immer ichsüchtig handeln, auch in ihren sogenannten guten Thaten.

Da die durch Reize von außen und Triebe von innen genährten Vorstellungskreise das Herrschende bleiben und alle auf den Ichwillen bezogen sind, so befinden sich die Menschen auf dieser Stufe im Zustande der Unfreiheit.

Da nun das Ich nicht stets das gleiche ist, indem es nach den zufließenden Vorstellungen seinen Inhalt, seine Strebensrichtung ändert; da es niemals ganz befriedigt wird und darum stetig stärkere Reize verlangt, das Erreichen dieser aber von der Außenwelt oft verhindert wird, und auch scharfer Verstand das Gelingen nicht verbürgen kann, so entsteht eine sich langsam mehrende Unzufriedenheit, eine innere Leere.

Auch auf dieser Stufe verharren viele Menschen. Der Ichwille ist müde; er erwartet nichts oder wenig mehr oder er wird krankhaft erregbar, tastet stets nach Neuem, ohne je mehr als augenblickliches Vergessen finden zu können. Das Ich sammelt ewig wechselnde Vorstellungen um sich, es wird »zerfahren«, bis ihm das innere Weltbild in tausend Scherben zerschlagen ist, ein zertrümmerter Spiegel, und aus jedem Stückchen die Unbefriedigung hervorgrinst. Das Leben erscheint zwecklos, der Traum eines Irrsinnigen; ein Wirrsal ohne Gedanken, gehalt- und gestaltlos.

Aber manche Menschen bleiben nur kurze Zeit auf dieser Stufe. Es geht ihnen die Ahnung auf, daß jenes Ich, dessen Befriedigung sie anstrebten, ein Schein gewesen sei, und Schein dessen Befriedigung selbst, Schein jenes Glück, das sie in der Vorstellung mit den »Dingen« verknüpften. Ein noch unverstandener Drang leitet sie, die Augen des Geistes abzuwenden von den Bildern, die im Wechselspiel von Reiz und Trieb geboren werden, und sie zu richten in sich hinein, das Ich auszulöschen aus den Vorstellungskreisen, deren Mittelpunkt es bildete.

Indem sich diese Um- und Einkehr vollzieht, wird die Ahnung zur Gewißheit, daß das Ich ein Schein war. Im Inneren ist nun ein Chaos von ungeordneten Bildern, Trieben, Begriffen, Gefühlen. Das Ich ist nicht zu finden. Wohl meint der Beschauer des eigenen Seins » ich fühle«, » ich denke«, » ich will« – aber in Wahrheit fühlt, denkt, will ein Etwas. Nicht ich liebe, nicht ich hasse, nein, eine Gefühlswelle, empfunden als Liebe oder Haß ergießt sich in eine Vorstellung, die es liebt oder haßt; sie ist zugleich erlebt an einer Ich genannten Vorstellung, ist aber nicht deren Thätigkeit.

Je mehr nun der Suchende das Ich ausschaltet, desto mehrere vom Willen auf dieses Ich bezogene Vorstellungen siechen dahin; je weniger er die Befriedigung dieses Ichs anstrebt, desto mehr ordnet sich von noch unerkannter Macht bestimmt die Wirrnis. Langsam taucht auf ein Gefühl der Freiheit von der Reizwelt; nicht mehr antwortet, stets beunruhigend, Trieb auf Reiz, weil die Brücke fehlt: Ich. Und der Trieb, dessen Nahrung Reize sind, beginnt zu welken.

Auch auf dieser Stufe kann die Entwickelung abschließen. Das Ich erscheint überwunden, und es kann nun eintreten das Handeln für andere ohne Rücksicht auf den eigenen Nutzen. Hier beginnt die Möglichkeit einer höheren Sittlichkeit, der es aber an einem zureichenden innersten Grunde fehlt. Sie hat nur Luftwurzeln, die leicht verdorren können, da sie den Mutterboden des Menschenwesens nicht erreicht haben.

Aber bei vielen wirkt jene noch unerkannte Macht weiter. Langsam oder schnell – das ist verschieden bei verschiedenen Menschen – wird das lebendige Bewußtsein von etwas Grundlegendem, von einer Quelle des Innenlebens, einem lebenden Feuerherd auftauchen. Das Vorhandensein dieses Grundlegenden wird nicht durch logische Untersuchungen und Verstandesschlüsse erwiesen, sondern es macht sich mit zwingender Gewalt als innere Lebensmacht geltend.

Wenn es Dir, lieber Freund, einmal gelungen ist, eine That zu thun, in der alle Ichsucht aufgehoben war, so kann jenes Bewußtsein wie ein Sturm urplötzlich über Dich kommen. Aber dieser Sturm führt Dich in einen Hafen. Auf einmal fühlst Du Dich von der Unrast des Ichwillens befreit, und eine noch nie geahnte Ruhe kommt über Dich, die ganz verschieden ist von der augenblicklichen Befriedigung des Ichs. Nicht mehr bist Du preisgegeben dem Wirbel der Erscheinungen der »Außenwelt«, Du stehst auf einem Beharrenden, aber nicht auf einem Starren, sondern Lebendigen. Dieses Innere, das Du nun erlebst und dessen Du gewiß wirst im Erleben, nenne ich das Selbst und seine Thätigkeit fasse ich in dem Worte Gemüt zusammen.

Aber auch hier kann die Entwickelung wieder abschließen. Der Mensch versinkt in das Gefühl der Freiheit von dem Ichwillen, der Welt der Erscheinungen. Und in einen Irrschluß kann er zu der Überzeugung gelangen, daß in diesem Absterben für die Welt, im vollen Versinken in die Stille die Erlösung gewonnen sei. Er empfindet die Erscheinungen als Leid, sucht von ihm frei zu werden, leidlos, wunschlos, voll Mitleid für alle, die noch von dem Reiz der Erscheinungen befangen sind. Aber allmählich wendet er sich noch mehr ab; dann lösen sich für ihn alle Bande, und er sieht die höchste Stufe in dem schweigenden Betrachten der stummen Stille. Wohl ist das Ich tot, gestorben sind Begier, Haß u. s. w. – aber auch die Liebe und der Thatenwille der Liebe muß zuletzt erlöschen. Auf dieser Stufe fühlt sich der Mensch getragen vom Weltgeist, in den er ganz aufgehen will, um in ihm vollste Ruhe zu finden und erlöst zu sein von den Schmerzen neuer Entwickelungen. Auf dieser Stufe ist ein Buddha stehen geblieben. Aber sie ist nicht die höchste.

Wohl fühlt sich das Selbst getragen, bestimmt von Etwas, das nicht nur es allein, sondern alle und alles trägt. Es fühlt mit der unbedingten Klarheit der Erkenntnis, daß es nicht abhänge von dem Körper, der eine Erscheinung unter Erscheinungen ist und darum allein dem Wechsel, dem Vergehen unterworfen wie alles, was da vor den Sinnen erscheint. Aber je mehr nun Ruhe, Frieden und Stärke im Selbst wachsen, je tiefer das Ingefühl dringt, desto klarer erkennt das Selbst, daß nicht es diese Unzerstörbarkeit aus sich erzeugt hat, sondern daß diese aus einem gleichfalls Unzerstörbaren stammen müsse. Nun aber wohnt nichts Unzerstörbares in der Welt der »Dinge« – sie werden vor den Sinnen und vergehen vor ihnen. Also kann jenes Etwas nicht sinnlich wahrnehmbar sein, ist also das, was wir übersinnlich, geistig nennen. Und darum ist das Selbst ebenfalls ein Geistiges, nicht vom Körper entwickelt, sondern – Schöpfer im begrenzten Sinn – den Körper erzeugend, der somit als Erscheinung der Ausdruck der aufbauenden Kraft des Selbst, dessen Symbol ist.

Indem das Selbst sich als Unzerstörbares getragen fühlt, sicher in jenem Etwas ruht, ihm sich hingiebt in vollem Vertrauen, desto mehr wächst in ihm ein Gefühl, das sich voll Klarheit von anderen Gefühlen unterscheidet: es ist die Liebe. Aber nicht unerwiderte. Das Selbst empfängt stetig; es findet Ruhe, Frieden, Heiterkeit als ein Geschenk jenes Etwas, es fühlt sich geliebt. Wir nennen es Gott; das Gemüt aber nennt es den »Vater«, weiß sich als dessen Kind; glaubt nicht nur ihn, weil einer ihm von ihm gesagt hat, sondern weiß ihn, erkennt ihn viel schärfer, als wir irgend ein Ding der »Außenwelt« jemals zu erkennen im stande sind, denn es faßt ihn nicht in Begriffen, sondern es erlebt ihn an sich, durch eine Offenbarung; Gott geht ihm auf, wie die Sonne der Erde, alles Dunkele erhellend, das Zusammenfließende scheidend in bestimmte, klar abgegrenzte Gefühle, die sich mit einander nach innerer Gesetzmäßigkeit verbinden. Nicht sind sie äußerlich aneinander geschmiedet, wie logische Verstandesschlüsse, sondern als Lebendiges wächst ein Gefühl aus dem anderen, wie aus einem Samenkorn, und die Frucht bildet das Wissen vom Vater, das Leben in ihm.

Aber dieser Gottvater ist kein unbestimmter Begriff, den der Verstand mühselig und doch nicht überzeugend zu beweisen gesucht hat, er ist wirkende Lebensmacht, ist Persönlichkeit, ist das Selbst des Alls, in sich Allwillen, Allvernunft, Allliebe einschließend.

Das Selbst, dem der Vater aufgegangen ist, lebt nun frei von der Reizwelt. Aber es erscheint unfrei, weil gebunden an den Willen Gottes. Da aber in dieser Gebundenheit das tiefste Wesen des Selbst sich entfaltet, und in ihr kein blos äußerliches Gebot erfüllt wird, so wird es als freie Entwickelung vom Selbst empfunden; es handelt nach eigenem Wesen und erreicht so den Selbststand der freien Persönlichkeit.

Nun aber bedarf es eines Mittels, um mit der Außenwelt verkehren zu können. Und dieses Mittel wird das zweite Ich, das vom Selbst geschaffen wird. Das gottinnige Selbst will nicht beharren in der schweigsamen Ruhe der Weltabgestorbenheit, will nicht den Willen töten, sondern ihn, der nun nicht mehr Ichwille, sondern Liebeswille ist, ausleben durch die That. Durch sie will es hinaustreten in die Welt der Erscheinungen, unter die Menschen. Mit diesen ist es nun nicht mehr äußerlich verbunden, da es sich als Kind des Vaters weiß; da es weiß, daß in den anderen auch – obwohl zumeist unerkannt – das gleiche Selbst ruht, wird ihm offenbar das klare Gefühl innerster Gemeinsamkeit, der Brüderschaft mit allen, ob sie Kronen tragen, oder im Bettlergewande schreiten, ob sie Geisteshelden sind oder arm an Geist, ob sie frei sind vom Ich oder noch in dessen Banden als Knechte des Scheins dahin leben.

Nur aus diesem freien Selbst, das vom Vater weiß, gehen echte Religion und echte Sittlichkeit hervor. Nicht aber getrennt, noch trennbar; denn es giebt im tiefsten Wesen keine Sittlichkeit ohne Religion, diese nicht ohne jene. Es ist das Eine von zwei Seiten betrachtet, ein Haupt mit zwei Gesichtern, aber einem Gehirn: die Augen des einen schauen auf den Vater, die Augen des anderen auf die Brüder, und Liebe spricht aus beider Blicken. Was die einen an Licht einsaugen aus dem Antlitz Gottes, strahlen die anderen aus in die Seelen der Brüder. Das freie sittliche Handeln ist immer eine religiöse Handlung, da es die Beziehung zu Gott einschließt und nur dadurch sittlich wird. Dann aber ergiebt sich auch ein Sittengesetz, nicht künstlich erdacht, sondern aus der Wesenheit des Menschengemüts hervorblühend: » Handle so, daß Deine That das Band zwischen dem Selbst und dem Vater nicht zerreißt

Das Selbst bedarf also des Ichs, um mit der Welt der Erscheinungen in Verbindung zu treten. Alle jene Thätigkeiten, die wir am (nicht im) ersten Ich gefunden haben, sind auch am zweiten vorhanden; Vorstellungen entstehen, Werturteile knüpfen sich an sie; es bilden sich Begriffe, der Wille erscheint am Ich.

Aber während die erste Innenwelt im Wechselspiel von Trieb und Reiz entstanden ist, nichtig und flüchtig; ohne inneren Zusammenhang, bildet sich nun alles heraus in lebendigem Wachstum, wurzelnd im Selbst, das seine Nahrung von Gott empfängt. Was früher preisgegeben war dem Zufall, den Einflüssen der Außenwelt, ist nun wesenhaft geändert, fest begründet auf ein Unzerstörbares, aufwachsend, gleich einem Baum, in dem ein Strom gestaltender Kraft von Wurzel zu Gipfel und zurück, auf und nieder fließt, in dem jede Zelle, jede Knospe, jedes Blatt, jede Frucht bezogen ist auf das gemeinsame Sein.

Der Ichwille, der unberechtigte Zwangsherr, ist der Herrschaft beraubt und nun ein gehorsamer Diener des Selbst. Die neuen herrschenden Vorstellungskreise enthalten auch in jedem Gliede ein Stück Willen und besitzen Spannkraft, aber ihre Anordnung ist nun vom Wesenhaften bestimmt und nicht mehr auf ein Schein-Ich, sondern auf das Selbst bezogen.

Die Leidenschaften sind gestorben, aber nicht die Leidenschaft, d. h. die schöpferische Wärme des Gemüts; unter deren Reizen und Trieben findet nun eine Auslese statt durch das Selbst, und sie werden in freier Thätigkeit verwendet für den erkannten Zweck des Lebens: den Selbstand der freien Persönlichkeit mitten im Fließen der Erscheinungen zu behaupten und den Liebeswillen in Thaten auszuprägen.

Nicht wirst Du aller Leiden frei, aber sie haben den vergiftenden Stachel verloren und werden den Frieden im tiefsten Innern nicht stören. Da Du die Flüchtigkeit des Ichglücks erkannt hast, wirst Du es lernen, heiter zu sein auch ohne dieses, und das Geheimnis des echten Humors wird sich Dir erschließen. Wird Dir aber zu Teil, was die Menschen Glück nennen, Besitz, Ehren, Ansehen, Einfluß, so wird es Dich nicht mehr mit Hochmut erfüllen und blenden, sondern Dein Selbst wird alles benutzen als Mittel für höhere Zwecke, und immer wirst Du sein ein Diener des erkannten Gottes, ihm treu, wie er Dir treu ist.

Nicht ohne Kampf aber vermagst Du die Freiheit zu bewahren. Wenn Du aber auch wieder abirrst vom Wege des Sittlichen, so wirst Du doch nicht das Streben lassen, stets wieder nach der Einheit mit dem Vater zu ringen. Nicht ist es uns gegeben, hier die höchste Stufe zu erreichen. Ist aber das Selbst als ein Unzerstörbares erkannt, so folgt daraus, daß auch mit dem Tode seiner Hülle, des Leibes, die Entwickelung und Vervollkommnung nicht abgeschlossen ist. Hier gilt es, den »Weg« zu erkennen, hier genügt es, das Ziel zu ahnen. Was wir hier waren, ist eine Folge eines früheren Seins, denn unser Selbst muß schon vor unserem Erdenleben gewesen sein; was wir einst sein werden, wird sich darstellen als Ergebnis dessen, was wir hier aus uns gemacht haben. Wenn Du Dein lustbegehrendes Ich in Dir befestigst, als Sinnenwesen nur in der sinnlich wahrnehmbaren Welt lebst, dann giebt es für Dich keine Verpflichtung zum sittlichen Leben. Dann wäre jener der Weiseste, der mit Klugheit alle Dinge und Menschen für seine Ichsucht ausnützt; der seine Kräfte so stählt, daß er im Lebenskampfe stets der Stärkste bleibt, und der seine List so verfeinert, daß er dabei die Bestimmungen der Gesellschaft, des Staates geschickt umgeht. Dann hätte sich aber im Laufe der Geschichte nicht einmal die Ahnung einer höheren Sittlichkeit entwickeln können; dann wären nicht die Vertreter der höchsten Ichsucht so oft an einer geheimen Ordnung des Seins gescheitert; dann wären nicht Staaten und Völker durch Entfesselung des Kampfes um nur irdische Güter zu Grunde gegangen.

Du wirst mir, geliebter Bruder, vielleicht vorwerfen, meine Anschauungen seien »mystisch«. Darauf kann ich nur antworten: »Was der ehrlich Suchende durch Versenken in sich an sich erleben kann, und damit erweisen, ist nicht Mystik im Sinne der Menge. Es ist nur die teilweise Entschleierung Deines tiefsten Wesens. Aber erste Bedingung ist: Gehe den Weg – mit reinem Herzen; so weit Du kannst.

Und nun Bruder, überschaue, was ich Dir gesagt habe, und dann blicke auf die Lehren Christi. Was er, der »Menschensohn« gelehrt, was er gelebt hat in einzig dastehender Vollendung, ist gefunden auf dem »Wege«. Es entspricht dem tiefsten Wesen des Menschengeistes, wie er sein soll. Und so ist Christus der fleischgewordene Wille des Vaters, er selber »des Gesetzes Erfüllung«. In ihm erreicht ist der unbedingte Selbstand der freien Persönlichkeit, die mit allen Fasern in Gott wurzelt und dessen bewußt ist im Gemüte, die frei dem Vater dient und in dieser Freiheit ihr gottverwandtes Wesen auslebt: treu und mannhaft, voll Liebe und gerechtem Sinn.

Im Selbst vereint sind die zwei Richtungen des Strebens, die durch alles Seiende ziehen: für sich ein Freies, Abgeschlossenes sein zu wollen; und zugleich sich anzugliedern an die Brüder in Familie, Gesellschaft, Staat, Kirche und Volk. Diese beiden Triebe treten uns heute verzerrt im Anarchismus und der Sozialdemokratie entgegen, verzerrt, weil beide vom Schein-Ich ausgehen, bejahend und verneinend – nichts aber wissen vom Selbst.

Und nun vergleiche diesen Geist Christi mit dem tiefsten Wesen deutscher Eigenart und Du wirst sehen, daß diese in jenem vorgebildet war. Das Leitbild, das wir aus dem Walten des Sprachgenius, aus der Götter- und Heldensage, aus dem Leben der Vorfahren und der besten deutschen Männer entwickeln können, ist jener Selbstand der freien Persönlichkeit, die im Göttlichen wurzelt, und durch dieses gebunden ist an die Volksgenossen. Nicht nur durch den bloßen Nutzen, sondern durch Treue, Wahrhaftigkeit, durch brüderlichen Sinn, dabei frei auf sich gestellt.

Und wie der milde Christus nach der Geißel griff, als Göttliches entweiht und geschändet wurde, so liegt im deutschen Wesen jener Kampfesmut, der nicht fremdes Recht mißachtet, aber todesfreudig zum Schwerte greift im Kampfe der Geister und der Körper, wenn es gilt, die Heiligtümer des Volkes vor frechem Angriff und scheuloser Besudelung zu schützen.

Ich weiß es, der Tag wird kommen, wo das deutsche Selbst, so lang in Gefangenschaft gehalten, sich wieder erhebt und die Ketten bricht; frei und stark wird es hinaustreten in das Leben des Volkes, wird die Fehden der Sippen schlichten, den Haß, der heute die Volksgenossen in so viele Sonderbünde zerklüftet, auslöschen. Deutscher Sinn wird von uns nehmen das Joch der Fremdländerei, das noch in Recht und Wissenschaft, in Kunst und Dichtung, und im Leben des Alltags auf den strebenden Geistern lastet; er wird das goldene Kalb von dem prunkenden Unterbau schleudern, daß es in Stücke bricht; wird, so weit es möglich ist, bessere Tage für alle bringen.

Aber er wird auch den Ungeist der Verneinung bannen, der heute noch die zeitgenössische Bildung beherrscht, und wird den Völkern hinstellen ein neues Leitbild des sittlich-religiösen Daseins, daß es wieder die heimatlosen Geister an den »Vater« binde.

Ob wir, die auf der Höhe des Einzelnlebens stehen und schon in die Niederung des nahenden Alters schauen, das Licht des neuen Tages erblicken werden, gilt gleich. Wir müssen auch die Kraft haben zu entsagen für uns. Da wir des Morgens gewiß sind, so kämpfen wir treu und unermüdlich weiter für Söhne und Enkel und erziehen sie so, daß sie einmal, jeder ein freies Selbst und doch verbunden unter sich, deutschen Wesens echte Erben seien, deren jeder es wieder für sich neu erobert.

Das ist die Religion des deutschen Mannes, deren Wesen dem tiefsten Grunde der Geistnatur entspricht und sich im Laufe der Jahrhunderte Weltgiltigkeit erobern wird. Wer sie zu üben strebt, arbeitet für Gott und die Menschheit zugleich.

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