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Laien-Predigten für das deutsche Haus

Otto von Leixner: Laien-Predigten für das deutsche Haus - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorOtto von Leixner
titleLaien-Predigten für das deutsche Haus
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zweite Predigt.
Vom Manne und vom Weibe, vom Suchen der fehlenden Rippe und von der Ehe

Die Beziehungen zwischen Mann und Weib füllen einen großen Teil der ungeschriebenen Weltgeschichte; nur zuweilen hat sich ein Bruchstück auch in die geschriebene verirrt. Diese Beziehungen bilden eine Unterströmung mancher großen Ereignisse, sie wirken im Kleinleben der Einzelnen oft viel mehr entscheidend, als es den Anschein hat, und viel mehr von Euch, als Ihr selbst denkt und offen zugesteht, könnten im Knopfloch als Orden einen kleinen, niedlichen Pantoffel tragen.

Es giebt heute eine ziemlich große Zahl von weiblichen Wesen, die alles, was ihr Geschlecht drückt, den Männern zuschreiben. Wollte man ihnen glauben, dann wären die Weiber von jeher mängellose Geschöpfe gewesen, die aber durch unsere Roheit und Herrschsucht zu Mägden erniedrigt worden seien. Ursprünglich hätten überhaupt nur die Frauen geherrscht, als noch das sogenannte Mutterrecht heilig gehalten war. (Reste davon haben sich noch in vielen Familien erhalten, wo immer die Mutter recht hat und der Mann niemals.) Frevelhaft schafften es die Männer, weil sie stärkere Muskeln hatten, ab, und von da schreibt sich die Unterdrückung des Weibes her.

Nun giebt es heute auch Männer, die für die unbedingte Gleichstellung der Geschlechter eintreten. Es sind das Leute, die nur eins vergessen, daß diese Gleichstellung die volle Unterdrückung des Mannes bedeutet. Denn die Frauen nähmen die Rechte sofort an und verteidigten zugleich bis aufs Blut die Vorrechte, die sie heute besitzen. Eine bezeichnende Geschichte ist folgende: Eine amerikanische Frauenrechtlerin »von schärfster Tonart« pflegte der Gleichheit wegen stets in männlicher Tracht zu gehen. Einmal stieß auf der Straße zufällig ein Herr an sie, und da schrie sie ihn wütend an: »Herr, sehen Sie denn nicht, daß Sie eine Lady vor sich haben?«

Ich gehöre nun nicht zu den Verteidigern der Gleichheit der Geschlechter. Es mag ja sein, daß ich etwas hinter dem Zeitgeist zurückgeblieben bin, aber ich bekenne mich noch zu der Ansicht, daß das Bestehen zweier Geschlechter einen tiefen Sinn habe, der – ganz im Geiste unseres Jahrhunderts – durch die Gleichmacherei nur verflacht wird. »Mann und Weib sind das Gleiche«, das ist eine jener hohlen Wahrheiten, die heute so sehr beliebt sind, weil man sie nachsprechen kann, ohne zu denken. Es ist viel schwerer tiefe Unterschiede bei in manchen Zügen tief Verwandtem zu finden und fest zu umgrenzen, als einfach ohne Geistesarbeit die Gleichheit beider als ein Dogma hinzustellen.

Aber trotzdem ich innerhalb bestimmter Grenzen die sogenannten Vorrechte des Mannes entschieden verteidige, muß ich Euch, verehrte Geschlechtsgenossen, ebenso entschieden wegen mancher Anschauungen und Handlungen angreifen. Wer sich rein von Schuld weiß, der kann diese Predigt überschlagen. Sie richtet sich nur gegen jene, die sie treffen soll – die andern mögen in Frieden ziehen und wiederkommen, wenn sie vorüber ist. Sie können ja inzwischen die erste noch einmal lesen, es wird ihnen sehr gut thun.

Der erste Vorwurf richtet sich gegen alle jene, denen das Weib fast nur als angenehmer Zeitvertreib dient, und die sich in falscher Auffassung des Wortes als »Herrn der Erde« fühlen. Sie vergessen fast alle, daß eine Mutter sie unter Schmerzen geboren, sich um sie so oft gebangt und gesorgt hat; sie vergessen, daß sie Schwestern besitzen. Wagte es ein Anderer die Ehre dieser anzutasten, sie als Gegenstand des Spiels zu betrachten, sie würden zornig aufbrausen und ihn zur Rechenschaft ziehen. Und sie selber thun, was sie verdammten, träfe es ein nahe stehendes Weib.

Ihr junge Männer handelt oft geradezu mit gewissenlosem Leichtsinn an Mädchen, denen vielleicht weder Eltern noch Brüder oder Verwandte schützend zur Seite stehen. Ihr erregt oft Hoffnungen, obwohl Ihr sicher wißt, daß Euere Verhältnisse Euch nicht gestatten, sie zu verwirklichen, ja, Ihr erregt sie, nur um verführen zu können. Ein dumpfes Gefühl verläßt die Besseren von Euch nicht, und sagt: »du bist im Begriffe, ein großes Unrecht zu begehen.« Aber die Stimmung, in der sich seelische und rein sinnliche Begehrungen verschwistern, gewinnt Oberhand – oder es gesellt sich Schwäche hinzu, und zuletzt ist das Unrecht vollbracht.

Unter gesunden Verhältnissen, wie sie noch bei unseren alten Vorfahren geherrscht haben, und noch hier und dort herrschen, wird der Mann später geschlechtsreif; die Natur verwendet alle Säfte, um den Körper kraftvoll auszubauen. Heute aber, besonders in größeren Städten, tritt der sinnliche Trieb, durch alle möglichen Reizungen geweckt, frühzeitig hervor, was stets ein Zeichen von ungesunden Verhältnissen ist. Das Leben in den halb und ganz geistigen Berufen und die Vorbereitung für sie bietet dem Körper nicht genug Gelegenheit zu kräftiger Bewegung, die ein gesundes Müdigkeitsgefühl hervorruft. Der jugendliche Körper erzeugt, da er auch auf körperliche Arbeit angelegt ist, mehr Säfte, als bei der meist sitzenden Lebensweise verbraucht werden. Dieser Überschuß, der zum organischen Ausbau verwendet werden sollte, weckt nun unter den bestehenden Verhältnissen die verfrühte Sinnlichkeit.

Bücher und Bilder, Schaustellungen und Schauspiele enthalten heute eine Menge von Reizungen, die nach der gleichen Richtung auf die Jugend, oft schon auf halbwüchsige Knaben wirken. So bildet sich ein unnatürliches »Bedürfnis« heraus, und diesem zu Liebe schaffen sich die Männer Anschauungen, mit denen sie allen Leichtsinn, ja selbst offene Lasterhaftigkeit zu beschönigen suchen. In den Kreis dieser Ansichten tritt nun der unerfahrene Jüngling. Und nun geschieht das Gleiche, wie beim Trinken. Er schämt sich, wenn er hinter den Genossen zurück bleibt; er fürchtet ihren Spott, wenn er willenskräftig seine Kräfte zusammenhielte. So beginnt dann schon sehr früh die Verschwendung der kostbarsten Körpersäfte, deren Sammlung gesunde Nachkommen verbürgte. Von anderen Folgen will ich schweigen.

Aber Geist und sittliches Feingefühl leiden ebenso wie der Körper. Der sich auf die fleischliche Sinnlichkeit beziehende Vorstellungskreis gewinnt eine zu große Ausdehnung den anderen Vorstellungen und Gefühlen gegenüber; er drängt sich störend in die Entwickelung des inneren Wesens; er mindert die Lust an ernster Arbeit, an Vertiefung in das eigene Wesen, ja nicht selten zerstört er das innere Gefüge des Geistes vollständig. Wenn nun auch viele Männer noch zur rechten Zeit sich belehren lassen, so haben auch diese zu kämpfen, um das ursprüngliche sittliche Gefühl, das alle gesunden Naturen dem anderen Geschlecht gegenüber besitzen, wieder zu gewinnen.

Viele aber »verlieren die Achtung vor dem Weibe.« Welche Heuchelei liegt in dieser beliebten Wendung! Weil diese Männer entweder nur mit verderbten Weibern Beziehungen gepflogen haben, oder selbst an Vertrauenden Unrecht verübten, halten sie sich berechtigt, über das Geschlecht ein Verdammungsurteil abzugeben. So kommt es denn auch vor, daß viele unter uns das kleinste Unrecht dem Manne gegenüber vermeiden, daß sie in allen Fragen der Ehre strenge denken, unantastbar sind, im Geschlechtlichen aber leichtfertig, gewissenlos werden; sie fühlen nicht, daß damit in ihr Inneres eine Bresche gelegt ist, durch die unter Umständen auch eine offenbar schlechte That ins Leben treten kann.

Alle Ausschweifungen entadeln den rechten Mann, mögen sie sich auch vor der Welt verbergen. Keine aber so wie die Knechtschaft unter die geschlechtliche Sinnlichkeit.

Ich verkenne nicht den Unterschied, der in diesem Punkte zwischen Mann und Weib vorhanden ist. Die Folgen sind andere für die zwei Geschlechter: ein Mann kann sich die seelische Scham trotz mancher Fehltritte erhalten, ein Weib unter tausenden von Fällen vielleicht einmal. Die »reine Gefallene« ist sehr häufig in Romanen, Dramen und Gedichten, sehr selten im Leben. Aber auch wir verlieren mehr, als wir ahnen, wenn wir den »natürlichen« Trieb nicht mit fester Hand im Zügel behalten, uns nicht zu seinem Herrn machen. Ich weiß es, viele von Euch werden über diese Wahrheit spotten, aber im tiefsten Innern wird mir eine Stimme recht geben. Fragt nur, Ihr Jüngeren, ältere Männer, die nicht Wüstlinge waren und sind, sie werden Euch sagen, daß sie es bereuen, einige Zeit durch den Schlamm gegangen zu sein. Das Tiefste und Beste in uns läßt sich nichts vorschwindeln, es verlangt die volle Wahrheit.

Und wie viele müssen es schwer büßen, daß sie nicht die Kraft fanden, Herren des Triebs zu werden. Das Gift geht vielleicht auf ein geliebtes Weib, auf arme schuldlose Kinder über, untergräbt ihre Gesundheit und schädigt ihren Geist. Erfahrene Ärzte wissen genau zu sagen von solchen Tragödien, die sich in manchem Hause abspielen, wo der Fluch der Vergangenheit den Vater in seinen Kindern trifft. –

Die Folgen des mehr oder minder leichtsinnigen Lebens vieler junger Männer zeigen sich dann auch gar oft in der Art, wie sie den wichtigsten Schritt im bürgerlichen Leben, den Eintritt in die Ehe auffassen.

Ich weiß auch hier sehr gut, daß viele Ehen, besonders in den mittleren Schichten aus wirklicher Herzensneigung geschlossen werden; daß man sich vorher innerlich kennen gelernt hat – nicht nur auf Bällen und in Gesellschaften – und das Glück in der Zusammengehörigkeit der Seelen sucht und findet.

Aber immer mehr nimmt die Zahl jener Männer zu, denen die Ehe als bloßes Geschäft gilt. Daß ein Heiratslustiger überlegt, ob er seinen Pflichten, Frau und Kinder zu unterhalten, wird nachkommen können, ist sicher auch eine ernste Pflicht. Aber zwischen dieser Überlegung und der bloßen Berechnung ist ein großer Unterschied. Die Junggesellen, so weit sie nur für sich zu sorgen haben und nicht starken Sparsinn besitzen, gewöhnen sich sehr leicht überflüssige Bedürfnisse an. So ist dann der Ausspruch begreiflich, den man heute von manchen von Euch hören kann: »Wenn ich heirate, will ich besser oder doch nicht schlechter leben, als bisher.«

In diesem »Gut leben wollen« liegt eine der Krankheiten unserer Zeit eingeschlossen. Sie schleicht ungesehen durch Paläste, Häuser und Hütten; sie streut giftige Keime aus, die wir ohne Wissen einatmen, bis wir zu kränkeln beginnen an der Genußsucht. Doch wir sind sehr geschickt, hübsche Worte zu machen und nennen den Drang nach Genuß »Recht auf Glück«. Daß echtes Glück in der Beschränkung liegt, die allein ein volles Ausleben der Kräfte ermöglicht, wollen wir nicht gelten lassen; daß nur durch treue Arbeit erworbene Güter Wert besitzen, wir glauben es nicht.

So ist denn das Streben vieler jüngerer Männer darauf gerichtet, durch die Frau zu Geld zu gelangen, um entweder mühelos zu genießen oder durch das Geld in irgend einer Art Zwecke verfolgen zu können, die außerhalb der Ehe liegen.

Zeitungsanzeigen sind heute der Weg, auf dem Gott Amor zum Tempel – oder besser: zur Börse Hymens wandelt; Unterhändler, die dafür Prozente beziehen, wie für ein anderes »Geschäft«, dienen dem blinden Gott als Führer. Ich leugne nicht, daß auch durch eine Anzeige zwei Menschen zusammen kommen können, die sich lieb gewinnen und eine gute Ehe führen. Aber im Allgemeinen ist diese Art wenig würdig des Mannes und des Weibes, wenig würdig der Ehe, die ein Bund zweier Herzen und nicht die Verkuppelung einer Rechenmaschine und eines gefüllten Geldbeutels sein soll.

Was mir aber diese Art so häßlich erscheinen läßt, ist die in ihr sich zeigende Mißachtung des Weibes. Wenn findige Geschäftsleute es thun, um zu Betriebsgeldern zu gelangen – so mag es sein. Aber heute beschreiten diesen Weg Männer der verschiedensten Stände, Ärzte, Rechtsanwälte, Gelehrte, Offiziere, Künstler, aus Gründen, die oft recht unreinlich sind.

Auch in der sogenannten Gesellschaft werden die jungen Mädchen zumeist nach der Mitgift geschätzt und behandelt. Eine Erbtochter, mag sie auch reiz- und geistlos sein, wird umschmeichelt von Mitgiftjägern, die nicht einmal fragen, auf welche Weise das Geld zusammengekommen ist. Dem Mammon gegenüber vergessen viele von uns jedes Gefühl der Mannesehre; sie heucheln Liebe, sie ertragen den innerlich schmierigen Schwiegervater und die protzige Schwiegermutter; sie lassen sich Demütigungen gefallen – nur um des Geldes willen. Daß dabei ein seelenbegabtes, vielleicht ganz vertrauendes Menschenwesen auch im Spiele steht, bekümmert sie nicht. Sie sind oft nicht schlecht und verderbt, aber das häufige Beispiel anderer hat das feinere Empfinden und den männlichen Stolz in ihnen allmählich eingeschläfert. Andere wieder sind ehrgeizige Streber und wollen Geld, um ein Haus machen zu können und dadurch vorwärts zu kommen. Andere aber haben Schulden und wollen sie bezahlen, oder huldigen teueren Gewohnheiten und Liebhabereien, die sie aus eigener Tasche nicht mehr befriedigen können – und so suchen sie dann ein reiches Mädchen zu angeln, dessen Geld ihnen erlaubt, das gewohnte Leben fortzusetzen. Ein Mann, der nur aus Ichsucht, nur weil er Knecht der Genußgier ist, die Ehe als ein Geschäft abschließt, entwürdigt sich und das Weib. Es kommt ausnahmsweise ja auch in solchen Fällen vor, daß der Bund zum Glücke führt, zumeist aber geschieht das Gegenteil; der Mann sinkt noch tiefer, die Frau vielleicht mitreißend. Unselig die armen Kinder, die einer solchen Scheinehe entsprossen sind! Was sie am besten erzieht, die innere Einheit der Eltern, die auf Liebe und Achtung fußt, das mangelt ihnen; früher als man denkt, bemerken sie den Zwiespalt und lernen die Gründe verstehen. So wird in ihnen die Einheitlichkeit des Wesens geschädigt, oder sie nehmen unbewußt in sich ähnliche Anschauungen auf, die dem sittlichen Zweck der Ehe zuwiderlaufen.

Sehr oft wird von Euch auch in anderer Art gefehlt. Ihr seht ein Mädchen, dessen äußere Verhältnisse das Eingehen des Ehebundes rechtfertigen. Bildung, Stellung der Eltern, Vermögen stimmen mit Eurer Lage überein. Ihr seid von »Liebe« entflammt und in einen Rausch der Leidenschaft versetzt, der Euere Urteilskraft vollständig aufhebt. Im Grunde hat Euch nichts als unbändiges Begehren gefangen genommen, und von diesem Aussichtspunkte erscheint Euch alles an der Geliebten schön und gut. Es kommt zur Hochzeit. Und nun bricht für Euch eine Zeit heran, wo Ihr nichts kennt als die Leidenschaft. Bis diese gesättigt und übersättigt ist. Jetzt holt Ihr nach, was Ihr vorher hättet thun sollen: Ihr beobachtet kühl und kühler von Tag zu Tag. Und entdeckt täglich etwas, was Euerem Wesen widerlich, ja feindlich ist. Wohl kann ja auch dieses innere Widerstreben zuweilen durch die Gewohnheit, durch einzelne gute Eigenschaften des Weibes gemindert werden, vielleicht sogar ausgelöscht. Sehr oft aber tritt das Gegenteil ein. Euer Geist, befreit vom Nebel der Sinnlichkeit, sieht stetig das Fremde und Feindliche, ja, er sucht es zu vergrößern, – um Recht zu gewinnen – zur Ungerechtigkeit. Statt Euch anzuklagen, klagt Ihr das Weib an; aus dem gefügigen Sklaven wird der Zwangsherr; statt daß Ihr Euer Edles zu Hilfe ruft, um das Gute im Weibe zu wecken, statt Geduld zu haben, werdet Ihr mürrisch, abweisend, zornmütig – und bald lodert der häßlichste der Kriege, der Ehekampf, zwischen Euch Beiden. Viele beginnen nun, nicht selten nach kaum einjähriger Ehe, hausflüchtig zu werden und suchen »Ersatz«. Sie reden sich ein, daß ihr Geist und ihr Herz hungere. Es kann das ja vorkommen. Aber sehr oft ist auch hier hinter dem geistigen Mäntelchen nichts versteckt, als die Begier nach Wechsel. Sobald aber der Mann einmal wieder gefallen ist, pflegt es meist rasch abwärts zu gehen, und er wird Ehebrecher, zuerst mit Gewissensbissen, dann ohne sie. Aber noch eins kann geschehen. Er hat zuerst durch seinen Sinnenrausch den Dämon der Begier in seinem eigenen Weibe genährt, da er mit ihr lebte nicht wie mit einer Genossin des Herzens und Geistes, sondern wie mit einem »ausgehaltenen Weibe«. Nun ist das Weib im Allgemeinen in der Sinnlichkeit viel passiver als der Mann, aber auch in ihm kann zuweilen, wenn nicht geistige und seelische Gegenkräfte ausgelöst werden, das schwälende Feuer der Sinnengier entfacht sein. Nun vernachlässigt sie der Mann plötzlich, und es kommt vielleicht nicht einmal das erste Kind. Oder es erwacht durch die Abkehr des Gatten die Sehnsucht nach Nahrung für Geist und Gemüt. Wenn nun das Weib durch Schuld des Mannes zum Unrecht, zur Sünde geführt wird, da auf einmal erhebt sich der Gatte zur »Höhe des sittlichen Bewußtseins«, und wer der Urheber, wird nun der Richter, er, der vor Gott Schuldige, spielt den Betrogenen, sammelt heuchlerisch die Zustimmung der Welt ein, die nun über die Gefallene herfällt, um sie zu zerfleischen. Aber es kann auch geschehen, daß beide Teile einen Vertrag ohne Worte schließen, dessen einzige Bestimmung lautet: »Sei vorsichtig, damit kein öffentliches Ärgernis entstehe; ich werde es auch sein.« Dann ist die Ehrlosigkeit beider Teile besiegelt.

Wer sich nur durch äußere Schönheit und Sinnenreiz zur Ehe verführen läßt, begiebt sich auf eine schiefe Ebene. Denn diese Reize stumpfen sich um so schneller ab, je gewaltiger sie gewirkt haben. Sie reichen wohl hin, um das Geschlecht zu erhalten, nicht aber um einen sittigenden Bund zusammenzuhalten, aus dem wieder sittlich angelegte Kinder hervorgehen können. Aber nur als sittlicher Bund ist die Ehe Grundlage der Staaten, die lebendige Quelle von Gemütswerten, die auf keine andere Weise zu erzeugen und zu erhalten sind, als wenn Gatte und Gattin eine Einheit bilden im Guten und durch ihr Beispiel erziehend wirken auf das emporwachsende Geschlecht. Nicht leicht sind für den Mann die Ehepflichten, aber auch nicht für das Weib, besonders wenn die Vermögensverhältnisse das kluge Zusammenhalten fordern. Der Mann ist den Schlägen des Schicksals mehr ausgesetzt, als das Weib, das Weib mehr den Nadelstichen – der Bosheit der kleinen Objekte. Das alles aber wird es leicht und gern ertragen, wenn der Mann als Gatte und Hausvater treu und liebevoll seine Pflichten erfüllt.

Ich wende mich nun an Euch, ältere und alte Männer, die Ihr lange ehelos geblieben seid, sei es aus berechtigten oder aus unberechtigten Gründen. Zu den letzteren rechne ich den Hang nach ungebundener Freiheit. Viele von Euch spüren so zwischen 45 und 55 Jahren eine Art von Sehnsucht nach einem Heim, selbst wenn ihr Reichtum ihnen gestattet, sich mit dem Scheine eines »Zuhause« zu umgeben. Andere sind müde der Gasthauskost, der freundlich grüßenden Zimmervermieterin, müde der Ungebundenheit, denn die Schatten der sinnlichen Freuden werden stetig länger, je älter man wird. Wieder andere fühlen das Herannahen des Alters; andere haben erst in reifen Jahren so viel Einnahmen, um ein Haus ergründen zu können. Wenn solche Leute nun ein älteres Mädchen heiraten, das zu ihnen paßt, so ist sicher nichts gegen eine Ehe einzuwenden. Aber da kommt es nun häufig vor, daß sich gerade solche Junggesellen – oft nur durch ihren Reichtum – junge blühende Geschöpfe zugesellen oder erkaufen. Das ist fast immer eine sittlich zu verdammende Handlung, weil sie allen Gesetzen natürlichen Empfindens Hohn spricht. Ich sagte: fast immer, weil es Ausnahmsfälle giebt, zumeist aber ist es ein Verbrechen an dem Weibe, weil dessen Drang sich mit Leib und Seele rückhaltlos hinzugeben, unbefriedigt bleibt, wenn es nicht zu den geborenen Müttern gehört. Das sind solche weibliche Wesen, denen der Mann kaum mehr bedeutet, als den Vater des Kindes, bei dessen Geburt alle unbewußte Liebeskraft erst erwacht, um sich ganz dem kleinen Sprößling hinzugeben. Aber nur ein Teil der Weiber ist so einseitig auf die Mutterschaft angelegt, und auch da kann ja bei großem Unterschied der Jahre Nachkommenschaft versagt bleiben. Anders geartete Frauen aber haben zu viel – oft ungesund viel – von der Liebe geträumt, als daß sie nicht an der Seite eines um 25 und mehr Jahre älteren Gatten Enttäuschungen erlebten. Edel angelegte Mädchen können ja trotzdem es lernen, sich zu fügen, und als Mütter und Hausfrauen, oder durch geistige Hilfsmittel das innere Gleichgewicht nach oft schweren Kämpfen erringen. Sind sie aber trotz ehrlichen Sinnes schwach, so verdorren sie an Leib und Seele, und sind sie leidenschaftlich, dann betreten sie aus Gier nach »Glück« die Bahn des sittlichen Verderbens.

Und nun zu Euch, Ihr Ehescheuen und Ehehasser! Nicht alle will ich verdammen. Wenn ein Mann, obwohl zu Opfern gern bereit, in seinen Einnahmen auf schwankendem Boden steht oder nur so viel verdient, als in seiner gesellschaftlichen Lage bei Sparsamkeit für ihn allein ausreicht, so sei ihm verziehen. Ich verzeihe dann nicht nur, sondern ich fordere Ehelosigkeit von allen, die mit schweren vererblichen Krankheiten behaftet sind. Solche begehen ein Verbrechen, wenn sie den Stamm fortpflanzen. Ich rate den Verzicht auf die Ehe allen, die ganz und gar sich einer großen Sache widmen, die in jedem Augenblick den ganzen Mann verlangt. Die Sorge für Weib und Kinder fesselt an die bestehenden Satzungen der Gesellschaft, sie zwingt oft zwischen innerem Drange und Weltklugheit den Mittelweg zu suchen oder das Leitbild des Geistes zu opfern, um Vater und Gatte sein zu können. Ein solches Thun verstrickt aber den Kämpfer in so schmerzlichen inneren Zwiespalt, daß ihm das Leben zur Qual wird, von der ihn alle Liebe des Weibes und der Kinder nicht erlösen kann.

Aber diese Fälle sind die Minderheit. Die meisten Junggesellen könnten sich einen Herd gründen, wären sie nicht zu ichsüchtig, zu eitel, zu – – nun, ich will Euere Sünden nicht alle aufzählen, teils um Raum zu sparen, teils um Euch nicht gegen mich aufsässig zu machen. Die Menschen sind ja so eigentümlich geartet, daß sie, um einen Prediger mit scheinbarem Recht den Rücken kehren zu dürfen, behaupten, er ärgere sie. Ich thue es ebenso. Also, liebe Brüder, habt Geduld und hört weiter!

Als Junggeselle hat man zumeist nur für sich zu sorgen. Das aber erzieht die Ichsucht. Man gewöhnt sich, oft nur um der Einsamkeit in der stillen, nicht selten wenig anheimelnden Klause zu entgehen, an die Hausflüchtigkeit und dadurch an »Bedürfnisse« aller Art; das aber bedingt stets Ausgaben, so daß selbst eine gute Einnahme dadurch verbraucht wird. Der eine besucht oft öffentliche Vergnügungen, nicht selten auch solche zweifelhaftester Art; der andere gewöhnt sich an das Kneipenleben mit dessen Ungebundenheit in Wort und Benehmen; ein dritter opfert dem Kartenspiel viele Stunden; mancher wird in Ausschweifungen hineingezogen. Wer das nun durch Jahrzehnte betreibt, dem wird es zur »zweiten Natur«. Gewiß beschäftigen sich viel Junggesellen auch mit anderen nützlicheren Dingen, durch Teilnahme am Vereinsleben, durch Pflege von Wissenschaft oder Kunst. Im Allgemeinen aber tritt immer mehr das eigene Ich mit seinen Wünschen, das Freude am eigenen Behagen in den Mittelpunkt aller Sorgen, und das Gemütsleben verknöchert.

Wenn solche Junggesellen in leidlichen Verhältnissen sich zu beschränken wüßten, dann könnten sie wohl Frau und Kinder erhalten. Aber die Vorstellung, daß sie dann eben »Opfer« bringen, auf ihre »Vergnügungen« verzichten müßten, wird ihnen allmählich ganz unfaßbar. Und einige wollen vor allem die »Freiheit« nicht aufgeben. Im Vertrauen – es hört ja kein weibliches Wesen, was ich Euch da sage – habt Ihr selber besondere Achtung für das, wozu Ihr diese Freiheit benutzt? Ist sie im Grunde etwas anderes, als Zügellosigkeit? Deckt sie nicht sehr oft recht unlautere Genüsse, die Euch innerlich entadeln, die Gesundheit des Geistes und des Körpers mindern, wenn nicht vernichten?

Die Ehelosigkeit aus solchen Gründen ist ein Verbrechen am eigenen Geiste und sittlich zu verdammen; sie ist zugleich eine gesellschaftliche Sünde, da durch sie die Zahl der unverheirateten Mädchen vermehrt wird.

Für den Durchschnitt der Männer ist die Ehe ein Segen, wenn sie in rechter Gesinnung eingegangen wird. Sie gestaltet sich zur Schule des Pflichtgefühls, in der die Ichsucht gebrochen wird. Die Sorge um Weib und Kind weckt die Thatkraft bei schwächeren Männern, verstärkt sie bei willenskräftigen. Alle sittlichen Kräfte werden zu höherem Zweck, als zur bloßen Erhaltung des eigenen Ichs benutzt; durch den Einfluß der Frau werden die Ecken und Härten des Mannes abgeschliffen, oder wird oft zu große Weichheit überwunden. Und während der Einzelne gar oft zum Körnchen Treibsand wird, das von den Fluten des Lebensmeers von der Insel des Vaterlandes leicht losgeschwemmt ist, wird der Gatte eine Krume fruchtbaren Brodes. Noch stärkere Banden knüpfen sich durch die Kinder an die Allgemeinheit. In ihnen wird die Zukunft geboren und damit für den Vater ein neuer Pflichtenkreis geschaffen. Legt er auch Bürde auf, so giebt er zugleich Würde und eint den Willen der Ehegenossen auf ein schönes Ziel: auf die Erziehung von Gliedern des künftigen Geschlechts.

Je weniger Vater und Mutter künstliche Bedürfnisse in sich pflegen, desto leichter wird ihnen auch bei mäßigem Besitz die Erziehung der Kinder. Sorgen bleiben ebenso wenig aus als Freuden, aber beide stellen Gemütswerte dar, die nicht gering zu achten sind, und bereichern das Herz und den Geist des Vaters. Je ernster er seine Pflichten nimmt, desto leichter reißt er sich los von allem, was den Junggesellen so oft verführt, desto früher reinigt er sein Wesen von den Schlacken, desto früher wird er zum echten, innerlich freien Manne. Aber in seinem Weibe als Mutter lernt er auch den Wert des Frauengemüts ehren und offenbar wird ihm der Segen des eigenen Heims.

Damit ist aber der günstige Einfluß noch nicht erschöpft. Wenn der Mann Sorgen und Leid, Glück und Freude des Gatten und Vaters an sich erlebt, so gewinnt er auch die Einsicht in das Leben um sich, in viele Erscheinungen, denen gar viele Junggesellen verständnislos gegenüber stehen. Er ist vollberechtigtes Glied der sittlichen Gemeinschaft geworden und besitzt nun höhere Anschauungen von den Pflichten gegen Familie, Vaterland und Staat. Und indem er an seiner Stelle, nach Maßgabe seiner Kräfte den Seinigen dient, dient er zugleich seinem Volke und wird durch die Kinder an dessen Zukunfthoffnungen gebunden, die sein Gemüt und seinen Geist von jenem frühen Altern bewahren, das so oft das Los der Junggesellen bildet.

Also: laßt Euch nicht bestimmen von der Begier nach reicher Mitgift;

nicht nur fesseln durch die äußeren Vorzüge des Weibes;

verstrickt Euch nicht in die harte Ichsucht des Junggesellentums.

Je edlere Beweggründe zur Ehe führen, desto mehr werden die Anklagen gegen sie verstummen; desto höher werden Mann und Weib in der sittlichen Vervollkommnung gelangen; desto gesunder werden Söhne und Töchter sein. Dann aber wird das Heim wieder der feste Grund für den Aufbau des Staates und der Menschheit sein.

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