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Laien-Predigten für das deutsche Haus

Otto von Leixner: Laien-Predigten für das deutsche Haus - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorOtto von Leixner
titleLaien-Predigten für das deutsche Haus
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Erste Predigt.
Vom lästerlichen Trinken und einigem andern, was damit verbunden ist

Es war einmal ein Mann, der etwa zweimal im Monate abends Durst verspürte. Und da pflegte er denn nach einer nahen Straße zu gehen, wo sich ein hohes, bemaltes Haus erhob, in dem edler Gerstensaft geschenkt wurde – nein, ausgeschenkt ist besser, sonst könntet Ihr denken, es sei ohne Bezahlung geschehen. Sittig und still, wie es einem wohlerzogenen Deutschen zukommt, setzte er sich an einen Tisch, bestellte ein Glas und trank es langsam aus. Indessen horchte er, um sich zu bilden, auf die Gespräche der Nachbarn. Nirgendwo bekanntlich kann man sich so gut über alles unterrichten, wie in der Kneipe. Hier werden alle Fragen erörtert und gelöst, die jemals ein deutsches Gehirn aufwerfen kann – und das will was sagen. Klipp und klar erledigten kluge Männer die verwickeltesten Angelegenheiten: sie bauten neue Religionen, erhellten dunkle Fragen der Wissenschaft und der Kunst, lösten die sozialen Wirren, rissen den jetzigen Staat um und führten einen neuen auf u. s. w. Dem lernbegierigen Zuhörer schwoll das Herz vor Stolz darüber, daß sein Volk so viel bedeutende Leute besitze, die alles wüßten und könnten. Besonders in der Politik waren sie hochgebildet; sie schichteten – wenn das Bild erlaubt ist – »elegant« auf die Geistestenne das Stroh, das später in Bezirksvereinen und im Reichstag ausgedroschen wurde. Es fiel zwar dem Horcher auf, daß die größten Widersprüche mit gleicher Kühnheit vorgetragen wurden, sodaß er zuweilen nicht wußte, wer recht habe; andermals schien es ihm, als werde Unsinn gesprochen, aber er mißtraute seinem Urteil, denn auch der Unsinn fand lauten Beifall – und da er nur Einer war und die andern mehrere, so mußten sie recht haben.

Hatte er nun sein Glas Bier geleert, so zahlte er und begab sich auf den Heimweg. Nun entstand in ihm die Überzeugung, daß alle jene vielen Bier- und Weinhäuser nur des Abends besucht werden und man dort seinen berechtigten Durst lösche. Zufälle führten ihn nun aber zu verschiedenen Stunden des Tages an jenen Trinkstätten vorüber und was sah er da? Keine Stunde des Tages von etwa 8 Uhr morgens an bis in die späte Nacht, wo schon der Morgen dämmert, blieben die Hallen leer. Da suchte sich der Mann damit zu trösten, daß er sich sagte, es seien stets andere Leute, die zu verschiedenen Stunden den berechtigten Durst löschten. Aber diese schöne Täuschung hielt nicht lange vor. Denn mit der Zeit lernte er, je mehr seine Aufmerksamkeit sich der Sache zuwandte, die Gesichter auswendig, und da nahm er zu seinem Entsetzen wahr, daß gar viele mindestens zweimal vor dem Kruge saßen, und manche drei- und viermal, – und daß sie nicht nur einen, sondern viele Krüge leerten. Da kam seine Vorstellung vom »berechtigten« Durst ins Wanken und fiel zuletzt in Nichts zusammen. Ein Durst, der vom Morgen an beginnt und nur durch den Schlaf auf einige Zeit unterbrochen wird, kann nicht mehr berechtigt genannt werden und ist kein echter, sondern ein künstlicher, ein unnatürlicher.

Als der harmlose Mann – ich selber – so weit mit seinen Beobachtungen gekommen war, begann er das ganze Gesellschaftsleben der Männer, Euer Leben, liebe Zuhörer, vom Standpunkt des »unberechtigten Durstes« sich anzusehen.

Was ich da gesehen habe, war nicht schön und nicht erfreulich.

Man spricht von Zielen der nationalen Erziehung. Ich habe nur Eins gefunden: die höchste Ausbildung des Durstes.

Bei halbwüchsigen Jungen beginnt der Unterricht. Gymnasiasten, Kunstschüler und Zöglinge anderer Unterrichtsanstalten sehen im Trinken eine besonders mannswerte Beschäftigung. Im Geheimen oder offen wird das Vertilgen von geistigen Getränken geübt. Schülerverbindungen haben eigentlich kaum einen anderen Zweck, denn das Singen und Rauchen soll doch nur den Durst mehren. Junge Leute, die körperlich kaum mehr als halbausgebildet sind, sitzen dann bis nach Mitternacht, vielleicht in einer qualmerfüllten Hinterstube, beisammen und kommen sich ungeheuer bedeutend vor, wenn sie mit den Deckeln der Bierkrüge klappern und eine bunte Mütze auf dem Kopf tragen können. Die dummen Jungen ahmen dann die Trinksitten der Erwachsenen nach, »erlauben sich einen Schluck auf das Spezielle,« »werfen schundige Reste hinaus,« kommen Halbe und Ganze vor und nach. Sie lernen Albernheiten Bedeutung beilegen und behandeln den Unsinn mit wichtiger Miene. Dabei schmeckt ihnen das Gebräu gar nicht oder sehr mäßig. Mancher von ihnen muß würgen und drücken, um das erste Glas zu leeren und bedarf für die weiteren der Aufbietung einer Willenskraft, die hinreichte, um sämtliche Briefe Alexander von Humboldts auswendig zu lernen. Aber die Vorstellung, er könnte von den Genossen als minderwertig angesehen werden, reicht hin, den Widerwillen zu unterdrücken und weckt allmählich den Ehrgeiz, mehr zu trinken, als die andern.

Mit einer schon ganz achtbaren Neigung zu unberechtigtem Durst tritt nun der Jüngling in eine höhere Schule oder in das Leben ein. Zahllose Vereine aller Art öffnen ihre Arme, den Einsamen aufzunehmen. In diesem Alter von 17-19 Jahren etwa gibt es wenige, die den Hang haben, sich in einer ernsten Vereinigung zu beschäftigen; sie wollen zunächst »die Freiheit genießen«, so weit es die Mittel erlauben, d. h. fast immer: darüber hinaus.

Die meisten Genüsse dieser »Freiheit« werden vom Trinken begleitet; nicht selten bildet es den Mittelpunkt. Was die Knaben begonnen haben, führen die Jünglinge weiter, besonders viele Besucher der Hochschulen. Sie fürchten für »Philister« gehalten zu werden, wenn sie mäßig sind, oder sie haben schon Freude daran gefunden, Flüssigkeiten in sich aufzunehmen – natürlich Wasser ausgenommen. Schon physiologisch ist es unmöglich, daß ein Mensch nach Löschung des natürlichen Durstes wirklichen Genuß von weiterem Trinken haben kann. Aber es wird zur Gewohnheit; die trockene Kneipenluft, das Rauchen, der Genuß gewürzter Speisen dörrt die Kehle aus, und so findet sich stets von neuem ein Grund, weiter zu trinken. Zuletzt wird die Unmäßigkeit Bedürfnis, der Körper gewöhnt sich bis zu einem bestimmten Grade wie auch an andre Gifte, so an den Alkohol, hat aber immer mehr nötig, um das zu fühlen, was Ihr so schön »die nötige Bettschwere« nennt. Das ist ein Zustand, wo man meist die Beihilfe von weniger »schwankenden Gestalten« braucht, um »Bude und Bett« überhaupt zu finden.

Ich gehöre weder einem Mäßigkeits- noch einem Enthaltsamkeitsvereine an, ich will die Jugend nicht duckmäuserisch; sie soll und darf überschäumen. Aber ich meine: gesunde Jugend ist an sich Trunkenheit. Wie braust und jagt das Blut zu Haupt und Herz, wie leicht berauscht ein Gedanke, eine Vorstellung! Der Trieb nach Wissen und »Wahrheit«, nach freier Entfaltung des Eigenwesens, das erste Aufzucken sinnlich-übersinnlichen Begehrens, die Begeisterung für alle möglichen – meist aber unmöglichen – Leitbilder, ja selbst die Freundschaft gewinnen so leicht etwas Rauschartiges. Es zuckt in den Armen nach Kampf und nach Thaten, jeder Nerv bebt einer Arbeit, einer schweren Aufgabe entgegen, deren Lösung dem träumenden Geiste unendliches Glück in sich zu tragen scheint.

Das ist der echte Rausch gesunder Jugend, die keiner Reizmittel oder nur sehr mäßiger bedarf, um überzuschäumen.

Heute aber tritt an seine Stelle nur allzuoft der künstlich erzeugte, an Stelle der Seelentrunkenheit die Betrunkenheit; statt der Anregung sucht die Jugend die Übererregung, die rein körperlich und am anderen Morgen verflogen ist, und nur den »Kater« zurückläßt. Je mehr man sich aber an äußere Reizmittel gewöhnt, desto seltener wird die ursprüngliche, natürliche Begeisterungsfähigkeit den Zustand erhöhten Lebensgefühls hervorbringen.

Daß so viele junge Menschen heute bei aller Erregbarkeit nüchtern sind und über die Hingabe an höhere Gedanken spotten; daß sie zu sinnlicher Genußsucht und äußerlichen Ehrgeiz, zum Strebertum neigen, ist zum großen Teil in dem Kneipenleben, im unmäßigen Verbrauch berauschender Getränke begründet.

Oft genug kommt es dann vor, daß schon Jünglinge, die noch die Schwelle des ersten Mannesalters nicht beschritten haben, mit 22-23 Jahren geistig und körperlich geschwächt sind, und im Äußeren entweder krankhafte Hagerkeit oder ungesunde Aufschwemmung zeigen.

Die Ungebundenheit des Kneipenlebens macht ihnen den Umgang mit Familien unbequem, oder sie erzeugt ein geckisches Wesen, das man wie ein Gesellschaftskleid anlegt, wenn man in besseren Kreisen verkehrt.

Welchen Einfluß die Kneipe oft auf die Wirtschaftsführung junger Leute ausübt, ist bekannt. Oft genug sparen sich die Eltern mühsam ab, was sie den Söhnen zuwenden; die Schwestern besonders müssen auf alles verzichten, damit der Bruder »seine Bildung vollenden« kann. Statt aber alle Kräfte auf sein Ziel zu lenken – was ja Stunden der Erholung nicht ausschließt – verschwendet der Sohn seine Mittel, aus falscher Eitelkeit zuerst, dann aus Leichtsinn in der Kneipe, verzettelt seine Gesundheit in nichtigen Scheingenüssen und geht nicht selten an den Folgen von Ausschweifungen aller Art körperlich und sittlich zugrunde.

Nun gibt es gewiß viele, die noch zur rechten Zeit in den Weg der Vernunft einlenken. Die strengen Forderungen des Lebens treten an sie heran; das schlummernde Pflichtgefühl wird geweckt, der gesunde Kern des innersten Wesens entfaltet seine Triebkraft und ringt sich durch den Schutt von Nichtigkeiten zum Lichte. Vielleicht erwacht irgend eine tiefere Begabung, die Lust am Schaffen in irgend einem Kreise, oder eine starke, echte Liebe übt ihren rettenden Zauber.

Aber leider verliert die Kneipe auch den verheirateten Männern gegenüber nicht so oft ihren Reiz, als es wünschenswert wäre.

Es ist begreiflich, wenn der Mann zuweilen Kreise der Geschlechtsgenossen aufsucht. Die gleichmäßige Berufsarbeit ermüdet; man kann auch nicht immer mit Frau und Kindern zusammensitzen, obwohl dieser Umgang bei gesunden Verhältnissen dem Herzen und dem Geiste eine Quelle der Erquickung sein kann. Man will sich aussprechen mit Bekannten und Freunden, will andere Meinungen hören, Anregungen geben und empfangen, sich vielleicht an einem bildenden oder gemeinnützigen Vereine beteiligen.

Aber auch da kommt es nur zu häufig vor, daß Ihr, Gatten und Väter, wieder den Verlockungen der Kneipe zu sehr unterliegt, und daß mancher von Euch zuletzt kaum mehr die Zeit erwarten kann, wo er abends im Flur den Hut vom Nagel nimmt und in's Wirtshaus geht.

Und viele, ja die meisten von Euch, dürften es schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht thun. Ihr handelt oft – ich kann kein milderes Wort gebrauchen – gewissen- und lieblos. Die Frau mag zusehen, wie sie mit dem oft kärglich bemessenen Hausgelde auskommt. Ist sie es trotz allem Rechnen, Sparen, ja Knausern nicht im Stande und kommt so gegen den 25. des Monats zu Euch, dann setzt Ihr Heuchler Euer Censorgesicht auf und werdet tugendhafte Catone; dann redet Ihr von Verschwendung, von unnötigen Ausgaben, von Mangel an Hausfrauentugenden oder werdet sogar grob. Ja, so ist es – da hilft alles »Murren rechts« und »Zischen links« nichts: die Thatsache steht wie ein Fels von Erz da. Statt dessen solltet ihr in Eurem Kämmerlein zusammenrechnen, was euch die Kneipe im Monate kostet. Die Mäßigen unter Euch trinken vielleicht nur 2-3 Gläser Bier oder ein Fläschchen billigen Weins; sie essen nur »hie und da eine Kleinigkeit«, wenn »zufällig« das Abendbrot zu Hause mißraten oder ungenügend war – d. h. für Frau und Kinder war es gut genug, nur für Euch nicht. Ich verstehe; Ihr seid ja die Erwerber, Ihr müßt es besser haben, Ihr Selbstlinge! Aber trotz Eurer »Mäßigkeit« verbraucht Ihr 30-50 Mark und mehr noch monatlich für die Kneipe.

Und die Unmäßigen? die erst mit 6 und mehr Gläsern Bier oder mit »einigen« Fläschchen genug haben? Die manchmal eine Bowle ansetzen – da man ja so jung doch nicht mehr zusammenkomme? Oder – »einmal ist keinmal« – Champagner trinken und Austern essen? Es giebt sogar unter Euch solche, die ganz im Geheimen für sich Feinschmeckerei huldigen und ohne Gewissensbisse bedeutende Summen ausgeben, zu Hause aber grollen und schelten, wenn die Frau einige Mark mehr für Notwendiges verlangt. Wenn ich, statt ein bescheidener Prediger in der Wüste, der liebe Herrgott wäre, Euch, Vertreter der letzten Gattung der heimlichen Sektschlürfer und Austernschlucker, Euch schickte ich nach dem ersten Beweise Eurer Denkungsart die Gicht, aber derartig zugemessen, daß Ihr froh wäret, still zu Hause bleiben zu können bei Thee und Wasser.

Wenn alle die unmäßigen Ehemänner die Hälfte des verschwendeten Geldes für das Wohl der Ihrigen verwendeten, so brauchte die Gattin und Mutter nicht oft mit der nötigen Nahrung für Kinder und Dienstboten so zu knickern, hätte nicht nötig bei dem Manne zu betteln, wenn unumgängliche Neuanschaffungen sich aufdrängen, und könnte noch manches Goldstück zurücklegen. Natürlich denke ich in allen diesen Fällen, daß Ihr gute und tüchtige Frauen habt. Wenn es nicht der Fall ist, dann begreife ich alles, sogar das Kneipenlaufen – bei mir ist aber begreifen noch durchaus nicht verzeihen.

Aber selbst wenn die Verhältnisse derartig sind, daß die Auslagen kaum in's Gewicht fallen, so bleiben doch die Folgen, für die Gesundheit zunächst, nicht aus.

Ein großer Teil der Krankheiten, an denen heute die Männer in den »besten« Jahren leiden, hängt mittelbar oder unmittelbar mit der Kneipe, mit dem unberechtigten Durste zusammen. Die Fettleibigkeit bei jungen Leuten nimmt zu; eine Menge von Männern zwischen 30 und 40 muß – wenn die Mittel es erlauben oder auch mit Opfern – jährlich nach Marienbad oder anderswohin, um sich 10-20 Pfund abzuquälen, oder zur Entfettung die Oertelische Kur durchmachen. Ebenso häufig sind Magenkrankheiten und Rheumatismen als Folgezustände der Unmäßigkeit im Trinken.

Und wieviel geistige und sittliche Kraft wird jährlich auf dem Altar des Bachus und Gambrinus geopfert! Man spricht so oft mit gerungenen Händen von den Opfern großer Kriege. Und doch; was bedeuten sie gegenüber jenen Zehntausenden, die Jahr um Jahr der Unmäßigkeit zum Opfer fallen!

Wenn ich die Blicke in meine Vergangenheit wende, so tauchen vor mir gar viele Gestalten auf, die mir diese traurige Erfahrung erhärten. Ein junger Baumeister, sehr begabt, witzig, gutmütig bis zur Selbstverleugnung. Er hätte Bedeutendes leisten können, aber er konnte dem Durste nicht Widerstand leisten und war, damals Mitte der Vierziger, nahe am Untergang. Freunde verschafften ihm eine gute Stellung, da, in einem Anfall der Trunkenheit, sprang er aus einem Fenster des Gasthofes, wo er übernachtete, und blieb mit zerschlagenem Schädel tot liegen. Ein zweiter, ein süddeutscher Offizier, ungemein beanlagt, durch seine Großmutter, die morganatische Gattin eines Prinzen, dem Fürstenhause verwandt, opferte dem Trunke allmählich alles, Gesundheit, Stellung und das Glück der Seinigen. Wieder einer, ein sehr bedeutender Dichter, zerrüttete Geist und Körper durch die Unmäßigkeit, bis das Trauerspiel seines Lebens im Irrenhause endigte. Ein russischer Graf, als Mensch ungemein liebenswert, von großem Wissen, betrank sich zuletzt Tag für Tag mit Champagner, bis er in Siechtum verfiel. Ein Bildhauer von Ruf, ein Mensch von ursprünglich bärenhafter Gesundheit, kam so weit, daß er mit etwa 45 Jahren starb. Diese Reihe könnte ich lange noch fortsetzen; sie enthielte Ärzte, Rechtsgelehrte, Männer der Wissenschaft, Gutsbesitzer, – leider aber auch verbummelte junge Männer von noch nicht dreißig, die alle Hoffnungen der Ihrigen, alles Ehrgefühl in der Schenke opferten.

Ihr könnt mir nun ja einwenden, das seien Ausnahmen – dem widerspricht die Menge; Ihr könnt sagen, sie seien »unmäßig« gewesen, Ihr aber wäret es nicht. Ich kenne dieses Lied und den Ton, nach dem es gesungen wird, ganz genau. Ihr geht meistens von dem Grundsatze jenes Mannes aus, der da sagte: »Wenn einer es vertragen kann und er trinkt täglich zehn Maß, dann beweist er nur seine Dankbarkeit für die Gottesgabe; wenn einer aber so elendig ist, daß er nicht einmal ein Seidel verträgt und er trinkt's doch, der ist ein – Borstentier.« Ich bitte Euch, das letzte Wort durch ein kräftigeres zu ersetzen, wenn Ihr den Urtext haben wollt.

Mit dem »Vertragen« ist es ein seltsam Ding. Gewiß macht Übung den Meister. Ich kannte einen Bajuvaren, der es durch einige Hingebung soweit gebracht hatte, daß er täglich sechszehn Maß – alte, nicht schmächtige Liter – Münchner Bieres trinken konnte. Also eine Menge Flüssigkeit, die für mich z. B. zu einem Vollbade genügte. Dabei war der Mann nicht einmal betrunken. Um mich eines Ausdrucks der Biologie zu bedienen: der Mann hatte nur mehr den »Formwert eines Darmsacks«, durch den die Flüssigkeit ohne Aufhören durchgluckste. Zum Gehirn steigen konnte ihm der Alkohol nicht, denn das war längst weggeschwemmt und nur ein Nervenknötchen übrig geblieben. So war er auch geistig so hinuntergekommen, daß er nichts verstand, als das Politisieren.

Wenn also auch einer von euch noch so viel verträgt, so ist es dennoch eine menschenunwürdige Rolle, sich zum Darmsack zurückzubilden. Die Art des Getränks ist da ziemlich gleichgiltig, ob leichtes oder schweres Bier, ob heimtückischer Burgunder, glatter Chablis, leichter Mosel oder würziger Champagner oder reizloser Schaumwein aus Grüneberg: das Endergebnis ist stets so ziemlich gleich. Vom Schnaps will ich nicht reden, da er bei Euch doch zumeist nur als Randverzierung verwendet wird oder als Satzzeichen.

Mögen geistreiche Trinklieder – und ich leugne nicht, viele von den alten der fahrenden Leute bis zu den neuen Scheffels, sind geistreich – noch so sehr die Urväter rühmen, die nach Tacitus den Durst »durchaus nicht« ertragen konnten, warum sollen die Deutschen gerade diese Eigenschaft so liebevoll bewahren? Unsere Ahnen hatten andere, noch bessere, edlere – um deren Erhaltung haben wir uns sehr wenig gekümmert. Der männliche Sinn, dem Freiheit über alles ging, der sich aber mit niemals wankender Treue gegen den Volkskönig verband; die Verachtung verweichlichenden Wohllebens, die Freude an der Gefahr, die Hochachtung gegebenen Wortes; die Keuschheit; die heilige, aber nie knechtische Ehrfurcht vor den Göttern: das haben wir so nach und nach zum größten Teile verkümmern lassen. Ausgestorben sind diese guten Eigenschaften in Euch nicht, aber gefesselt mit verschiedenen Ketten, und eine davon hat Euch die Kneipe angelegt.

Wie mancher Mann klagt, nach Mitternacht zumeist erst, daß es zu Hause ungemütlich sei. Wie aber kann sich denn echte Gemütlichkeit, die wie das Wort von »Gemüt« stammt, entfalten, wenn der Mann und Vater brummig wird, falls er einmal zu Hause bleiben muß? Eine Menge zarter Fäden, die sich zwischen ihm, Frau und Kindern bilden, wenn die innere Einheit gepflegt wird, zerflattern; die Beziehungen werden allmählich äußerlich; die Liebe des Weibes mindert sich und trägt nicht die edelste Frucht, für welche die Leidenschaft nur den Samen bildet: die Frucht inniger Freundschaft. Zu häufige Abwesenheit des Vaters wirkt auch auf die Erziehung der Kinder, besonders der Knaben, schädlich – Ihr zieht in ihnen die gleiche Hausflüchtigkeit groß, der Ihr selbst huldigt.

So ist die Kneipe der größte Feind des deutschen Familienlebens geworden, und die Einbuße, die dieses zu erleiden hat, wird besonders in größeren Städten von Jahr zu Jahr größer. Sie stellt sich als Gemütsverarmung und sehr oft auch als Verflachung des Geistes dar.

Denn wenn einige Gläser die Geister der Frohlaune herbeibringen, so entfesselt das Übermaß zwar auch Geister, aber es sind zumeist recht unreinliche, die sonst in einem Winkel des sogenannten Unbewußten ein bescheidenes Dasein fristen. Unsere Vorfahren sprachen den »unberechtigten Durst« – verzeiht mir das derbe Wort – als »Saufteufel« an. Dieser aber hat zum Gefolge sehr oft noch eine Schar von Verwandten. Zuerst die verschiedenen Spielteufel, genannt Skatos, Häufeler, Templer, doppelte Tante; dann den Unflat, der die Männer zu Zwei- und Eindeutigkeiten verleitet, und noch einen Teufel, dessen Taufung ich Euch überlasse.

Wenn ich das alles überlege, so kann ich nur sagen, daß heute die Kneipe ein Volksübel geworden ist, mag sie nun in Marmor, Gold und Sammet prunken oder sich als schmutzige, muffige Bierstube darstellen. Die Zukunft – vielleicht eine nahe – wird an unser deutsches Volk Aufgaben stellen, wie sie der Weltgeist noch nie einem Volke gestellt hat. Eine solche Zeit fordert markige Männer, die sich nicht betäuben, sondern klaren Blick behalten, feste Hände, hellen Kopf; Männer, die in sich, um der Ihrigen und des Vaterlandes willen, die Genußgier, die Ichsucht, unterdrücken. Diese Zeit verlangt von uns, daß wir mit allen Kräften deutschen Gemüts uns selber adeln, um die Entsumpfung des öffentlichen Lebens ernstlich beginnen zu können. Eins der Worte, das wir uns zurufen sollen, ist: »Los von der Kneipe!«

Damit will ich nicht jeden Genuß geistiger Getränke verdammen. Die es thun, gehen von der Ansicht aus, daß der Mensch viel eher ganz enthaltsam, als mäßig sein könne. Ich aber kann nur den wahrhaft männlich nennen, der im sinnlichen Genuß Maß zu halten versteht. Ich fordere nicht einmal, daß ihr den Wein wässert, denn da stimme ich dem unbekannten Dichter jenes Vagantenliedes bei, der den Streit zwischen Wasser und Wein schildert und in einer Strophe sagt:

Fühlt der Wein des Wassers Nähe,
Ruft er schmerzlich: »Wehe, Wehe!
Was beginnst, was schaffst du hier?
Mach dich fort und pack dich schnelle!
Nicht sollst an derselben Stelle
Weilen du vereint mit mir.«

Aber was ist mäßig? Die Frage habe ich schon andeutend beantwortet. Im ersten Glase wohnt der Geist des Getränks, ein edler Geist, im zweiten wohnt nichts, weder ein edler noch ein unedler, im dritten schon ein zweifelhafter Geselle und in den folgenden jene früher gekennzeichnete Sippschaft. Darnach richtet Euch!

Und indem ich den Wunsch hege, daß meine Worte nicht ganz verhallen mögen, trinke ich auf Euer Wohl ein Glas – Wasser.

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