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Laien-Predigten für das deutsche Haus

Otto von Leixner: Laien-Predigten für das deutsche Haus - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
authorOtto von Leixner
titleLaien-Predigten für das deutsche Haus
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Im Lande der stillen Augen

Es ist seltsam, wie mich ein Bild verfolgt, die Erinnerung an eine Reise. Ich sehe deutlich das Land vor mir, das merkwürdig genug war, denn es vereinte in sich Merkmale aller Länder. Ich zog durch liebliche Gelände vorbei an rauschenden Strömen, die von Hügelreihen begleitet waren. Dann wieder durch weite Ebenen, wo Weizenfelder wogten, so weit das Auge reichte; durch Steppen mit Riedgras und silbern schimmerndem Waisenmädchenhaar. Und dann stieg ich auf hohe Bergen hinauf, vorbei an Sennenhütten und kleinen Dörfern, und mein Blick konnte Schneefelder und Gletscher erkennen. Und nicht weit davon dehnten sich Orangenhaine aus, überragt von Palmen, und weithin glänzte, am Himmelsrande im Fernduft verschimmernd, das Meer. So klar steht jede der Landschaften vor mir, daß ich sie zeichnen könnte; ich atme dabei die herbe Luft der Alpen, dann wieder die warme und doch erfrischende des Meeres, als stände ich leibhaftig dort. Ja, dort – aber wo? Wo ist dieses Land, das auf kleinem Raum alles umschließt? Umsonst suche ich es auf den Karten – und doch, doch bin ich einmal dort gewesen. Auch weiß ich nicht wann. Ich vermag mein Leben vor mir langsam aufzurollen, sodaß Jahr um Jahr erscheint, aber nirgendwo zeigt sich mir jenes, in dem ich dort war, in jenem seltsamen Lande. Ein Traum aber kann es nicht gewesen sein, denn noch heute begegne ich zuweilen hier und dort, mitten im Gewühl der Weltstadt oder in kleinen Orten oder plötzlich in der Einsamkeit eines Waldes einem Bewohner jenes Landes. Und ein Land, das Bewohner in sich hat, kann doch unmöglich nur erträumt sein.

Diese merkwürdigen Menschen sind es, die mir jenes Land unvergeßlich machen. So verschieden sie geartet waren an Gestalt und Aussehen, so verschieden in Bildung und Besitz – ganz so wie es bei uns der Fall ist – sie trugen alle ein gemeinsames Kennzeichen an sich. Nicht etwa eine bunte Schleife an der Brust oder gleichmäßige Hüte; ihre Augen stimmten im Ausdruck überein. Wenn ich durch die Menge schreite, liebe ich es, jedem Vorübergehenden in die Augen zu blicken und da im Nu herauszulesen, was sie erzählen – oder verschweigen. Scheinbar ist der Inhalt dieser Geschichten sehr verschieden. Aber im Kerne sind sie alle, alle gleich, denn alle sprechen von Wünschen, Hoffen und Begehren und von Dingen, die damit zusammenhängen: von der Unruhe beim Besitz, von widerwilligem Entsagen. Und darum sind die Augen unrastig; ihr Strahl geht nach außen, er glitzert, blitzt, flimmert und flackert, aber ihm fehlt ganz das, was ich bei den Menschen jenes Landes gefunden habe: das ruhige Leuchten, in dem sich so seltsam tiefer Ernst und innige Heiterkeit verbinden.

Als ich damals zu jener unbestimmbaren Zeit das Weichbild jenes Reiches überschritt, da hatte ich auch Augen wie die anderen, suchende Augen, die sich begehrlich festsaugten an der Welt – ohne daß die Seele jemals Befriedigung gefunden hätte. Wie herrlich schien alles Unerreichte, und wie zerfiel es zu Zunder, wenn meine zitternden Hände es endlich festhielten.

Als mich nun zum ersten Male ein solches leuchtendes Augenpaar ansah, da ward es mir wunderbar zu Mute. Das stets vom Sturm des Verlangens aufgewühlte Gemüt schien langsam zu ebben; mählich beruhigte sich des Herzens fiebernder Schlag, und es verschwand die Glut im Haupte. Der das bewirkt hatte mit seinem Blick, war ein einfacher Arbeitsmann, der hinter dem Pfluge herging. Auf abschüssiger Halde lag sein Feld, der Boden war schlecht, und mühsam, schwer rang er ihm ab, was er und die Seinigen an Nahrung bedurften. Ärmlich war die strohbedeckte Hütte, aber die kleinen Fenster blinkten, und in dem kleinen Garten blühten einfache Blumen – die wir Stadtmenschen gar nicht mehr kennen, da sie längst aus der Mode sind – und standen einige wohlgepflegte Obstbäume. Und als ich den Mann und dann sein Weib fragte, wie sie es denn aushalten könnten in dieser Beschränktheit und ob sie denn nicht sich hinaus sehnten, da schüttelten beide lächelnd den Kopf: » Bei uns sehnt man sich nicht«. Ein Klang für mich, wie die Sprache einer anderen Welt. »Bei Euch?« erwiderte ich. »Was heißt das?« »Bei uns, das ist im Lande der stillen Augen.« Niemals noch hatte ich davon gehört – oder doch. Denn aus meiner Kinderzeit klang auch ein Märchen davon herüber, aber ich wußte den Sinn nicht mehr, und Augen mit ähnlichem Leuchten hatten einst auf mich niedergeblickt. Längst versunkene Sterne!

Und ich lernte auf meiner Wanderung noch andere Bewohner kennen, Männer und Frauen, Reiche und Arme, Menschen von großem Wissen und ganz ungelehrte Leute. So verschieden sie sein mochten, so verwandt waren alle. Die Oberen kannten nicht Hochmut, die Unteren nicht Kriecherei; sie traten sich alle entgegen wie brüderliche Genossen. Und als solche halfen sie einander, wenn Not, Krankheit und Alter es forderten. Und es schien mir, als ob die Gebenden glücklich wären, geben zu können aus der Fülle des Herzens. Und es geschah ohne Prunk, ohne salbungsvolle Worte. Und die Empfänger nahmen mit stillem Dank; ohne Neid, ohne Verbissenheit, wie man von einem geliebten Bruder nimmt, der mehr besitzt.

Und ich sah die Menschen, wenn sie arbeiteten, der der eine mit den Armen, der andere mit dem Kopf, aber ich sah kein Mißvergnügen, denn innere Freudigkeit schien alles zu erfüllen, mochten sie im Sonnenbrände Lasten tragen, unter der Erde Erze loshämmern, oder in der Arbeitsstube sitzend sich mühen um geistige Erkenntnis. Und ich sah diese Menschen bei ihren Festen. Wie waren sie glücklich im Genuß der Rast! Nirgendwo artete die Freude in Roheit aus, nie in wilde Genußsucht. Da beobachtete ich die Augen besonders genau. An das Meer mußte ich denken, wenn es friedlich da liegt im Morgensonnenschein. Da springen tausend fröhlich Funken umher, gekleidet in verschiedene Farben – und der Himmel spiegelt sich darin: alles so köstlich, so sorgenlos. Aber dabei so seltsam still, so friedevoll. So schienen mir die Augen in der Freude.

Und ich sah die Menschen wieder in Leid und in Schmerz. Selten blieb einer dann allein, denn fast immer fand er einen Bruder, der ihm Hilfe oder Trost brachte nach seiner Kraft.

Aber mochte das Weh auch groß sein und die Augen verschleiern, dennoch brach aus den Tiefen immer und immer wieder jener stille, geheimnisvolle Blick. Und ich mußte des Himmels denken, den Sturmwolken bedecken zu dichten Schwaden gesammelt – aber an einer kleinen Stelle bricht ein Sonnenstrahl durch, ein Lächeln des Lichts: es fürchtet sich nicht vor Sturm und Wolken; all der Lärm spielt sich ab ferne vor ihm und kann sein Wesen nicht ändern. So wurden die Augen in wildem Leid zwar verdunkelt, aber nimmer erstarb ganz jenes Aufleuchten ruhiger, sieghafter Heiterkeit. Edles Selbstgefühl sprach sich im Wesen aller Bewohner aus, ein Bewußtsein innerer Freiheit. Da sie nicht mit fieberndem Begehren nach äußeren Gütern trachteten, nicht nach Sinnengenuß gierten, so war jeder wie ein Fürst von Geburt und jeder achtete in jedem die hohe Abkunft, den Gottesadel.

Anfangs dachte ich, das Geheimnis bestände darin, daß jeder zufrieden sei. Aber da entsann ich mich aus der anderen Welt vieler die zufrieden waren, aber in ganz anderer Art: zufrieden im gesättigten Ich. In den Augen solcher lag ein gebundener Strahl, der sich im Ich selbstgefällig spiegelte, sie hatten alles und begehrten darum nichts, als daß die anderen sie beneideten. Solcher Art war die Zufriedenheit hier nicht; so mußte sie wohl auch aus anderer Quelle stammen. Und ich fragte einen nach ihr. Er sah mich an und hieß mich ihm folgen. Und wir betraten zusammen eine Art von Kirche, wo die Gemeinde schon versammelt war. Der Anblick ergriff meine Seele, denn ein Blick zeigte mir, daß hier wahrhaftig Brüder versammelt waren, verbunden im Geiste der gleichen Liebe und des gleichen Glaubens: Frieden auf den Stirnen, doppelt leuchtend den geheimnißvollen Strahl der Augen. Und nachdem ein schlichter, aber herzerhebender Gesang verklungen war, betrat ein älterer Mann die Kanzel. Ich lauschte gespannt seinen Worten. Und er sprach Altes, das wunderbar neu war; mir fremd und dennoch vertraut; mir war's als klängen die Worte aus des eigenen Herzens Tiefen hervor, als Offenbarung, lang geahnt, aber nie noch verstanden. Und er sprach vom Vater, der nicht einmal die Welt geschaffen habe, sondern der stets schaffe, verborgen in jeder Erscheinung; vom Vater, der stets in Gegenwart lebe. Wie ein Funke seines Geistes des Menschen Selbst sei, unzerstörbar, auch teilhaftig jener steten Gegenwart, die nur vor den Sinnen als Vergangenheit und Zukunft erscheint, so sei der Vater das Selbst des Alls; eine Einheit, trotz der tausendfältigen Formenentfaltung. Er sprach von der suchenden Seele, die zuerst hinausflute in die äußere Welt, dort das Glück zu suchen; wie sie aber im Wirbel des äußeren Werdens Gefahr laufe sich selber aufzulösen. Müde kehre sie endlich zu sich und wende sich nun suchend nach innen. Und da fände sie das Selbst, und immer tiefer hinein versinkend, fände sie im tiefsten Selbst den Vater und werde zum Kinde dessen, den Menschensprache Gott nennt. Und da springe aus der gefühlten Berührung von Gott und Menschen der heilige Geist der Liebe hervor. Und diesen Weg sei einst vor vielen Hunderten von Jahren der Christ gegangen und darum habe er so reiche Offenbarungen empfangen, wie kein anderes Kind Gottes vor ihm, und so durfte er sprechen: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.« – So ward er ein Erlöster und so kann er Erlöser sein, wenn wir seinen Weg gehen. Aber wie der Christ nicht lebensfeindlich war, so auch nicht seine Lehre, die, richtig erfaßt, eine lebensfreudige sei, da sie aus dem Wesen alle Erscheinung verkläre; nicht Christi Tod, Christi Leben im Vater sei das stets Erlösende, wenn es sich erneuere in der Menschenseele. Und weil der Erdengang des Einzelnen nicht seines Wesens Dauer beschließe, sondern nur einen Teil von ihr, so dürfe er auch im Erdensein nichts Bleibendes suchen, nicht glauben, daß irgend etwas von seinem Besitze, Stand, Reichtum, Wissen ein an sich Wertvolles darstelle. Bleibend sei nur eins: jene Verbindung mit dem Vater; diese zu erstreben, darum das Ziel des Lebens. Aus ihr gehe hervor die Liebe zu den Brüdern, die sich freudig bethätige und die Kinder Gottes einige, die darnach streben, erkanntes Unrecht zu beseitigen, auszulöschen den Neid und den Haß; allen Brüdern nach Maßgabe ihrer Kräfte die Teilnahme am Licht, an der Wahrheit, an der Freude zu bringen. Diese Liebe zum Vater sei schon Überwindung des Weltleids und damit Quelle stiller, tiefer Heiterkeit, die da noch leuchte über Schmerzen, wie blauer Himmel über sturmbewegtem Meere.

Und als ich mit feuchten Augen auf die Gemeinde sah, strömte mir von überall her das wunderbare Leuchten entgegen: Bruderliebe aus tausend Blicken und in allen lebendig der Geist des Vaters. Da war nicht reich und arm, nicht gelehrt und unwissend: nur Gotteskinder und Christi Brüder waren alle, verbunden im Geiste der gleichen Liebe und des gleichen Glaubens. Und ich beugte Herz und Haupt vor dem Atem Gottes, der über alle hinwehte, und ich fühlte, daß er segnend auf mich niedersank. Und Frieden und Freude kam über mich. – –

Und ich bin nicht mehr in jenem Lande. Aber überall finde ich einen, der von dort herstammt, und meine Blicke und mein Herz grüßen ihn und ich freue mich im tiefsten Gemüte, denn ich weiß dann wieder, woran ich zuweilen in bösen Stunden zweifeln könnte: nicht Traum und nicht ein Märchen ist das Land der stillen Augen.

 

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig

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