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Laien-Predigten für das deutsche Haus

Otto von Leixner: Laien-Predigten für das deutsche Haus - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
authorOtto von Leixner
titleLaien-Predigten für das deutsche Haus
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Sechste Predigt.
An die Schwankenden. – Schlußworte

Ich wende mich, liebe Zuhörerinnen, in der letzten Predigt an eine nicht kleine Gruppe von weiblichen Wesen, die auch in Ihrer Mitte Vertreterinnen aufweist. Es ist die Gruppe der Schwankenden.

Der Ausdruck ist nicht kennzeichnend genug, aber ich habe keinen besseren gefunden. Er umfaßt eine Anzahl verwandter Sippen, deren Gemeinsames darin besteht, daß sie zuweilen klar das Unrichtige einsehen, aber es aus verschiedenen Gründen nicht lassen können. Denken Sie nicht, daß ich meine, es gäbe unter uns Männern solche nicht oder mir einbilde, ich wäre über jedes Schwanken erhaben. Nein, gewiß nicht. Aber wer eine Krankheit an sich durchgemacht hat und zuweilen noch an Rückfällen leidet, der wird deren Zeichen an anderen besser und leichter erkennen; er wird vielleicht im stande sein, Vorschläge zu machen, die ihren Ausbruch schon am Beginn verhindern oder das Leiden beschränken können. Und zu den größten Leiden dieses Erdenlebens gehört das Schwanken, wenn auch gar viele, die von dieser Krankheit befallen sind, sich für gesund halten. Es liegt ja in uns Menschen der Hang, die Fehler so lange zu vergolden, bis sie uns als »liebenswürdige Schwächen« oder gar als Vorzüge erscheinen. Besitzt sie ein anderer, dann schütteln wir mißbilligend das tugendsame Haupt und tadeln, ja schmälen sogar mit grobklotzigen oder fein zugespitzten Worten, ohne zu ahnen, daß die Pfeile auf uns zurück fliegen.

Pflicht des Mannes wie des Weibes, die besser und reiner werden wollen, ist vor allem die Wahrheit sich selbst gegenüber. Diese ist der Grundstein zum Bau des Selbst. Aber während wir so viel Zeit für Nichtiges und Flüchtiges verschwenden, finden wir keine, um den Blick in uns zu wenden, unser Ich vor den Richterstuhl des Selbst zu rufen. Gewiß haftet uns allen Schwäche an, dem einen in dieser, dem andern in anderer Art. Aber im Wichtigsten können wir sie überwinden, wenn wir nur wollen. Und wer einmal den Mut der Wahrheit gegen sich gehabt hat, wer einmal erst festen Blickes sein Schlechtes, Niedriges ins Auge gefaßt hat, trotzdem er darüber erschrak, der wird nicht ruhen noch rasten, ehe er nicht Hand ans Werk gelegt hat. Denn in einem, oft versteckten Winkel des Herzens ruht fast bei allen Menschen stille Sehnsucht nach dem Guten. Ich kenne ein Menschenkind, das stets spöttelt, wenn es guten, milden Herzen begegnet und sie für »furchtbar langweilig« erklärt. Und dennoch weiß ich, daß dieses Wesen im Geheimen weint, weil es nicht so sein kann, wie diese Verspotteten. Und ich habe Frauen gekannt, die alles anwendeten, um tadellos reine Geschlechtsgenossinnen in den Sumpf zu ziehen. Sie fühlten diese Reinheit aus Ton, Blick und Bewegung heraus; im Innersten hatten sie den Wunsch: Wäre ich nur auch noch gut! – aber dieser bittere Schmerz wandelte sich in das Bestreben, Reines zu beflecken, um sich sagen zu können: Nun ist sie auch so schlecht, wie ich. Die größte Huldigung jedoch, die das Böse der Macht des Reinen zu Füßen legt, ist die Heuchelei. Wer Laster und niedrige Triebe unter der Maske der Tugend und edeln Sinnes verbirgt, der erkennt an, ohne es zu ahnen, die Heiligkeit des Sittengesetzes, der enthüllt, daß er sich seines Denkens, seines versteckten Thuns schämte.

Trotzdem man heute alles durch Vererbung erklären will, trotzdem ich nicht glaube, daß wir von Natur aus gut sind, behaupte ich doch: Menschen von angeborener Schlechtigkeit sind sehr selten. Häufig aber sind die Schwächlichen.

So giebt es Mädchen und Frauen, die sich ganz dem Einfluß ihrer Umgebung hingeben. Ohne je allein zu denken und selbständig zu fühlen, nehmen sie alle Vorurteile und Gewohnheiten ihres Kreises auf. Ihre Welt erscheint ihnen als die Welt; was diese fordert, als höchstes Gesetz oder als unantastbarer, natürlicher Brauch. Natürlich modelt sich diese Beschränktheit des Geistes nach dem Stande. Die Adelige glaubt ihrer Ahnen wegen etwas Besonderes zu sein; die Tochter des reichen Mannes steift sich auf das Bewußtsein des Besitzes; der Abkömmling eines hohen Beamten blickt mit Hochmut auf die Töchter der unteren Schichten und die Tochter des Offiziers achtet die bürgerliche Menschheit nur halb, wie die eines Professors die Töchter eines Hauses, dessen Vater nicht gelehrt ist. Gewiß dürfen auch Töchter auf echtes Verdienst der Vorfahren stolz sein und diesen Stolz als Stachel zu eigner Vervollkommnung auf sich wirken lassen. Aber bei vielen weiblichen Wesen wird nicht Stolz, sondern äußerer Standesdünkel genährt. Sie glauben überall für sich besondere Rücksicht fordern zu dürfen, ohne jemals solche zu üben. Klatsch, Neid, Lieblosigkeit, Kleinlichkeit entwickeln sich in ihnen, ohne daß sie es bemerken. Sie sind nicht böse von Natur, vielleicht sogar gutmütig, aber die Vorurteile, von Jugend an genährt, machen sie blind. Und selbst wenn die Einsicht zuweilen aufzuckt, hilft es selten; sie besitzen eben weder den Mut der Wahrheit sich gegenüber, noch den gesellschaftlichen Mut, der sie frei machte von den Scheuklappen der Überlieferung.

Viele werden ganz im Hause erzogen, besonders Töchter der reichen und vornehmen Häuser. Sie lernen Mädchen anderer Stände kaum kennen, sie lernen sich bald als Wesen fühlen, die über der anderen Welt stehen, die ihnen nicht »ebenbürtig« ist. Von den Kämpfen der Mitbrüder und Mitschwestern erfahren sie nur aus weiter Entfernung eine schwache Kunde; sie wissen nicht, was Arbeit, Not und Kampf um den Tag bedeutet und verstehen es kaum, wenn sie es einmal sehen. Man lehrt sie die Gebote der Religion, aber sie lernen sie nur auswendig, denn man erzieht sie weder, der eigenen Gotteskindschaft bewußt zu werden, noch die fremde zu achten; bestenfalls wird ihnen die Pflicht äußerlicher Wohlthätigkeit vorgehalten, durch die man sich vom Dienste echter Liebe loskaufen kann. Sie unterhalten sich, tanzen, liebeln, reiten und spielen – für die Armen. Ganz harmlos – und sie ahnen nicht einmal, welche Gemütsroheit diese Mittel für diesen Zweck bekunden. Woher sollten sie es auch? Ist's nicht allgemeine Sitte? Thun nicht Hunderte das Gleiche? Gewiß, aber eine Sitte kann vor dem höheren Richter sehr widersittlich sein.

Man bewahrt die Mädchen ängstlich vor jeder Berührung mit dem Laster und lehrt sie mit Verachtung auf alle sehen, die auf der Straße des Lebens gefallen sind. Kein Wort, kein Blick ist zu scharf für solche verachtete niedrige Geschöpfe. Aber wer lehrt sie sehen, was da oft voran ging? Mangel liebender Eltern, thörichtes Vertrauen, maßlose Liebe, zuweilen Not und Hunger. Sicher sind viele der Verlorenen unrettbar verloren; aber viele können gerettet werden, wenn jene Liebe lebendiger wäre, die auch in der Gefallenen ein Geschöpf des einen, gemeinsamen Vaters sieht. Wie viele reiche, vornehme Mütter lehren aber ihre Töchter diese Milde, die aus reinem Herzen stammt, dieses Erbarmen der echten Liebe? So sündigen die Töchter arglos, ohne zu ahnen, wie grausam, wie herzlos sie handeln.

Aber die innere Keuschheit der Seele wird oft gar nicht bewahrt. Man führt die Mädchen, die noch körperlich unreif sind, in die »Welt«, wo sie mit einer Menge von Männern zusammen kommen, die unter vollendeten Umgangsformen innere Verderbtheit verbergen; man besucht mit ihnen Stücke, die innerlich schamlos sind; man läßt oft die Bücher, die sie lesen, ungeprüft. So wird manches Mädchen schon in der Zeit vor dem 20. Jahre vergiftet und hat die Scham der Seele verloren, ehe es in die Ehe tritt! Und wer ist der schuldige Teil?

Dann entwickelt sich die Lust an äußerlichen Vergnügungen und Genüssen, die den Geist aushöhlen und jede Freude am Ernst allmählich ersticken. Aber das gleiche Leben führen ja Tausende, es ist Sitte, und darum erscheint es nicht nur berechtigt, sondern notwendig. Und aus verbildeten Mädchen werden Frauen, in denen das Fieber der Genußsucht weiter brennt, Frauen, die im Innern die Mutterschaft verwünschen und sich ihr zu entziehen suchen, da sie nur dem eigenen Ich leben wollen und jedes Opfers der Liebe unfähig sind. Und wer ist da vornehmlich der schuldige Teil?

In allen diesen innerlich glücklosen Leben reißt zuweilen der Schleier, der die Wahrheit deckt. Aber selten genug wirkt diese befreiend, denn der sittliche Wille, das klare Urteil sind unerzogen geblieben. Diese Armen alle sind schwankende Seelen, die in Stunden der Reue, des inneren Frostes sich gerne aufraffen möchten, aber nicht die Kraft finden, dem zu entsagen, woran man sie gewöhnt hat. Hier giebt es dann nur zwei Heilmittel: schwere Schicksalschläge oder eine tiefe, echte Liebe zu einem echten, edlen Mann.

Es ist unendlich traurig zu beobachten, wie viele Schätze des weiblichen Gemüts im Leben der »Gesellschaft« verdorren. Wie glänzt das alles, die Augen strahlen vor Lebenslust und Übermut, blitzen von Geist; nirgendwo stört ein Ton, eine Bewegung, die sich nicht »schickten«; es scheint, als sei aller Schatten aus dieser Lichtwelt verbannt. Wer aber in den Augen zu lesen versteht, der empfindet oft im tiefsten Herzen Mitleid mit manchem Weibe, denn er fühlt dessen innere Glücklosigkeit und Leere und weiß, daß es zu Grunde gehen werde in der Tretmühle des Genusses.

Anders sündigen andere. Es giebt Tausende von Mädchen des gebildeten Mittelstandes, die im Geheimen arbeiten. Wenn sie es thun, um die Sorgen der Eltern zu mindern, verdienen sie nur Lob. Aber dieser Beweggrund ist nicht in der Hälfte aller Fälle vorhanden. Das oft mühselig genug erworbene Geld wird für Nichtigkeiten verschwendet, zumeist für überflüssigen Luxus. Das Mädchen will wohlhabenden Altersgenossinnen nicht nachstehen, es opfert das Erworbene dem Schein. Manchmal denkt es wohl, es sei schade um das Geld, und fühlt Reue, wenn der »elegante« Hut nach einigen Monaten nicht mehr modern genug ist, oder kostspielige Blumen nach einem Balle unscheinbar aussehen. Aber das Luxusbedürfnis trägt immer wieder den Sieg davon. Eins jedoch bedenken diese Mädchen, die unglücklich wären, wüßte man, daß sie »für Fremde arbeiten«, niemals: daß sie Tausenden Arbeiterinnen durch ihren Wettbewerb den Lohn schmälern.

In ein Geschäft in Berlin trat ein junges Mädchen und bot dem Besitzer eine kunstvolle Stickerei an. Es war die Tochter eines kinderreichen Hauses, die fast nichts vom Erwerb für sich verbrauchte, sondern das Meiste der Mutter gab. Sie forderte einen bescheidenen Betrag. Da sagte der Mann: »Ja, was denken Sie denn? Das liefern mir Damen, wirkliche Damen« – und sein Blick streifte die bescheiden gekleidete Gestalt – um den halben Preis.« Und die Arme überließ die Arbeit, mühsam die Thränen hinunter würgend, um den »halben Preis«. Alles Arbeiten, dessen Erträgnis zur Beschaffung von überflüssigem Luxus verwendet wird, ist im Kerne unsittlich und eine Sünde an den Mitschwestern, die mit Not und Elend kämpfen.

Eine nicht kleine Gruppe bilden die Willensträgen mit Einsicht. Sie besitzen Herz und Verstand. Wenn sie ihre guten Stunden haben, dann sehen sie klar ein, daß sie Unrecht thun. Sie sind dann im stande, Eltern oder den Gatten unter strömenden Thränen um Vergebung zu bitten, fassen die besten Vorsätze, geben die heiligsten Versprechungen. Erwacht aber der andere Teil ihres Wesens, dann ist alles Vergessen. Sie sind mit allem unzufrieden, quälen ihre Umgebung bis auf's Blut, sind boshaft, zornmütig, ichsüchtig, lieblos. Und so geht es auf und nieder. Gestern haben sie eingesehen, daß sie geradezu ein Verbrechen an den Ihrigen begehen, wenn sie sich nicht beherrschen lernen, heute toben sie sich aus, daß jede Spur von Frieden aus dem Hause schwindet, und morgen werden sie vor Übermut nicht wissen, was sie beginnen sollen. Jetzt begeistern sie sich für das, dann für jenes; einmal arbeiten sie, sei es im Hause, sei es geistig – und morgen langweilt sie alles, und sie verfluchen das öde Einerlei des Lebens. Statt mit festem sittlichen Willen gegen ihr Ich, das alles um sich aussaugt und verbraucht, zu kämpfen, löst sich der Groll gegen dieses Ich in empfindsamen Thränen, in träger Wehmut auf. Und alle ihre Religion ist nichts als äußerer Schein – sie finden ihr Selbst nicht und gehen gar oft an dem Ich zu Grunde, das sie gehätschelt haben, dessen springende Launen sie vielleicht für »Genialität«, dessen thörichten Eigensinn und kindische Herrschsucht sie für Willenskraft halten. Sind sie verheiratet, so haben Mann und noch mehr die Kinder schwer zu büßen, was Weib und Mutter gesündigt haben. Nicht selten aber büßt ein solches Geschöpf, was dessen eigene Mutter an ihm gefehlt hat. Sie verstand es nicht, das Pflichtgefühl, das Verständnis für echte Liebe zu erwecken. Wenn aber ein solches Weib alle Kräfte des Guten in sich zu Hilfe ruft, kann es sich auch aus der zehrenden Friedlosigkeit befreien. Dazu der erste Schritt ist zu erkennen, daß dieses unrastige, begehrliche Ich ein Schein ist und der Wert des Menschen tief im Selbst ruht. Das Ich vergessen: darin ruht alles. Das ist der Quell echter Liebe, frohen Opfermutes, ist die Pforte zum Selbst, zu Gott und zum Frieden.

Dann giebt es Schwankende, die zwischen Tugend und Laster hin und her pendeln. Die Zahl ist größer, als man denkt. Meist stellen sie dar eine Verbindung von heißem Blut, oder doch sinnlich gefärbter Einbildungskraft und scharfem, selbst kaltem Verstande. Es sind das Frauen, die heute mit fast schwärmerischer Andacht beten und bereuen, aufrichtig nach dem Guten ringen und morgen wieder einer Versuchung erliegen, sei es auch nur in Gedanken. Ihr Verstand zerfasert die Vergnügungen und Genüsse, erkennt deren Hohlheit, und doch können sie Thaten vollbringen, um deren Willen sie sich selber verachten. Sie fühlen sich glücklich in reiner geistiger Luft, können dann vom Herzen gütig, opferfähig sein; mit Leidenschaft klammern sie sich an gute und edle Menschen, weil sie sich vor ihrem anderen Ich fürchten. Gewinnt dieses wieder den Sieg, dann sind sie viel toller, frivoler als die ganz verderbten, weil sie mitten im Taumel die Stimme des warnenden Selbst hören und sie zu übertäuben versuchen. Manche rettet sich mit dem Aufgebot aller sittlichen Kraft durch ernste Arbeit oder die sorgende Liebe, manche aber geht in diesem Wirrsal zu grunde, von der Welt verdammt, die nicht ahnt, wie unglückselig sie sind.

Und die letzte Sippe der Schwankenden bilden jene weiblichen Wesen, die sich stets langweilen. Man darf aber nicht annehmen, daß sie dann dumm sein müßten. Es giebt in den besitzenden und vornehmen Ständen sehr viel Frauen und Mädchen von geistiger Begabung und von warmem Herzen. Aber sie leben aus Angewöhnung das oft so inhaltleere Leben ihres Kreises mit. Sie gehen in Gesellschaften, in Musik- und Schauspielaufführungen; sie reiten, jagen vielleicht, spielen Croquet, reisen in fremde Länder, ziehen sich täglich viermal um; sie gebrauchen die Redensarten ihres Kreises und hören die gleichen, tausendmal gehörten mit stets gesellschaftsmäßiger Liebenswürdigkeit an. Das gesellige Nichtsthun läßt ihnen keine Zeit, sich mit irgend etwas ernstlich zu beschäftigen. Dabei fühlen und durchschauen sie die Leerheit dieses ganzen Treibens, Geist und Herz hungern, und endlich schleicht sich unendliche Müdigkeit in ihr Gemüt. Wohl wissen sie, daß vieles, was sie hindert, sich von innen frei auszuleben, nur mürber Zunder ist, aber er ist durch das Übereinkommen der Gesellschaft oder der Überlieferung von Geschlechtern »geheiligt«. Und so thun sie den anderen den Gefallen, die einengenden Pappwände für Steinmauern zu halten und gehen den Weg des Herkömmlichen.

Und doch gäbe es auch für sie Erlösung, wenn sie es wagten, mutig zu sein, und dem innersten Drange gehorchten. Es giebt so viel Dunkel, in das sie bei ihren Mitteln und mit ihrer Herzenswärme Licht bringen könnten. Sich in den Dienst der Liebe zu stellen, ist jeder möglich, die ernstlich will. Hier öffnet sich nun ein unendliches Feld der Arbeit, heute mehr, denn je. Und wer für andere sorgt, mit Liebe, ohne Ichsucht, gewinnt nicht nur sein Selbst, sondern auch Lebensfreude, da er weiß, daß sein Dasein Wert gewonnen hat. Jeder Strahl, den wir in ein verfinstertes Leben bringen, erhellt uns im Widerschein; und je mehr Liebe wir hingeben, desto reicher sprudelt ihr Quell aus dem Herzen des Vaters. Und in seinen reinen, tiefen Fluten versinken Langweile und Friedlosigkeit für immer. – –

Ich habe Ihnen nachgewiesen, daß die Mütterlichkeit die Quelle der zarteren Regungen der Menschheit gewesen sei. Aus der Muttersorge sei die opferwillige Liebe hervorgegangen, die zuerst unbewußt die sittliche Urthat vollbrachte: das Ich zu vergessen. Aus dem Herzen der Mutter sprudelte in Vorzeiten der Quell und befruchtete langsam das Empfindungsleben des Mannes. Dieses Gefühl der Mütterlichkeit zerbrach allmählich die engen Schranken des Hauses; es umfaßte Sippe, Geschlechter, dann Stämme, Völker und Menschheit. Darum habe es die Quelle der Gemütsgesittung genannt.

Allmählich wuchs daneben der Verstand und der Wille empor und riß zuletzt die Herrschaft so sehr an sich, daß dem Gemüte, dem Mutterborn des Guten, ein Ausgedinge gegeben wurde, bis die Menschheit zu frieren begann. Und aus den kalten Herzen wuchs zur Riesengröße jene Ichsucht, die Schwächere auf allen Gebieten ausbeutete, für sich die Festgerichte des Lebensmahles in Anspruch nahm und allmählich alle Beziehungen der Menschen, auch die zu Gott fälschte und vergiftete.

Darum ist es unausreichliche Notwendigkeit, soll nicht ein Schwall des Verderbens rasend über uns kommen, daß von neuem das Aschenbrödel Gemüt in seine Fürstenwürde zurück geführt werde. In der Neubelebung der Mütterlichkeit liegt die soziale Pflicht des Weibes, eine Aufgabe so herrlich und groß, wie sie noch niemals der Frau geboten war.

Ich spreche zu Euch als Kind unseres gemeinsamen Vaters, als liebender Bruder. Nehmt auf, deutsche Frauen und Mädchen, den Kampf gegen das Ich; erlöst in Euch die schlummernde Mütterlichkeit, die lebensvolle echte Liebe, die in Gottesfreude lächelnd dem Scheinwesen entsagt, und teil nimmt an der großen Aufgabe der Zeit: auszufüllen die Abgründe, die heute noch zwischen den Kindern des einen Volkes klaffen; helft auslöschen die Flammen des Hasses, des Neides geheimschwälende Glut, statt sie durch Genußsucht, Eitelkeit, Gemütsträgheit und Herzenshärte zu schüren.

Der Mann hat Gerechtigkeit zu üben, das Weib die Liebe. So verbünden sich beide im Dienste jenes Leitbildes, das immer wieder am geistigen Himmel der Menschheit aufstrahlt, wenn auch tötendes Dunkel ihn verschleiern will. Und heute regt sich in tausend, tausend Herzen ein dunkler Drang, ein Seufzen nach Erlösung. Auch viele von jenen, die scheinbar alles besitzen, haben Stunden, wo von ihren zuckenden Lippen die Worte gleiten: »Mich dürstet!« Und sie suchen nach dem Trank des Genusses. Der aber berauscht nur und erquickt nicht.

Los vom Ich! Das ist der Schlachtruf. Geht in Euch, befreit Euer Selbst, damit Ihr Gotteskinder werdet, und in Euere Herzen, die nicht schlecht, sondern nur verhärtet sind, die lösende Flut der Liebe rausche.

Die Kluft, die von dem hohen Gott Dich trennt,
Es ist Dein Ich, das eigene Lust nur kennt.
Je mehr Du schleuderst in die Kluft hinein,
Um desto leerer wird der Abgrund sein.
Das Ich gieb hin, dann schließt er sich im Nu
Und Liebe trägt Dich still dem Himmel zu.

Der Himmel, den ich in diesem Spruch meine, ist der Himmel auf Erden, der Zustand des inneren Friedens, der Thatenfreudigkeit, des Bewußtseins, daß trotz allem Leid des Lebens für den erlösten Geist der Schmerz nur ein vorübergleitender Schatten ist, wir aber bestimmt sind einst einzugehen in ein Reich des Lichtes.

Euere Hilfe ist unentbehrlich für die Zeit, die nicht durch den Verstand allein zu erlösen ist. Ich danke Euch allen, die Ihr bis zum Schluß ausgeharrt habt und rufe Euch zum Abschied einen zweiten Spruch zu:

Großes wirkt des Willens Kraft,
Größeres der Gedanke schafft,
Doch das Größte wird entblüh'n,
Herzen, die allmächtig glüh'n
.

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