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Laien-Predigten für das deutsche Haus

Otto von Leixner: Laien-Predigten für das deutsche Haus - Kapitel 13
Quellenangabe
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authorOtto von Leixner
titleLaien-Predigten für das deutsche Haus
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Dritte Predigt.
Vom falschen Bildungsbegriff. Mann und Weib

Ehe ich auf den Stoff dieser Predigt eingehe, muß ich meine Freude darüber aussprechen, daß sich die Reihen der Zuhörerinnen nicht gelichtet haben; es scheinen mir sogar mehrere als bisher. Es ist ganz sicher, daß das geistige Streben unter den Frauen in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, ebenso sicher, daß sie für jedes ehrlich gemeinte Wort mehr zugänglich sind, als der Mann von heute. Meine Geschlechtsgenossen sind heute geteilt in hundert Kasten, jede Kaste zerfällt in hundert Vereine; jeder Verein gliedert sich in hundert Sippen, jede Sippe zerbröselt in tausend Einzelne – und die Einzelnen sind oft in sich entzweit. Es ist minder noch als je denkbar, daß man eine Überzeugung aussprechen könnte, der sich die Mehrheit rückhaltlos anschlösse. Der Eine mäkelt an dem, der Andere tadelt das; der Dritte bekrittelt jenes, der Vierte will an der Hauptsache markten und feilschen, und der Fünfte verwirft den Beistrich in der Mitte und den Punkt am Schluß. Und so findet jeder etwas, daß zuletzt nichts übrig bleibt, als der Schatten – und um diesen zankt man weiter. Eine Gefolgschaft finden gewöhnlich nur solche, die sich mit Leidenschaft an die Ichsucht der Menge wenden, bis deren Leidenschaft zum Sturme anwächst, der die Schürer auf die Höhe trägt. Zuweilen auch von dort wieder hinunter.

Viel eher findet man Zustimmung bei den klugen und warmherzigen Frauen. Die sind nicht so von ihrer Unfehlbarkeit überzeugt, nicht so von Verstandesvorurteilen befangen, und sind noch näher ursprünglichem, natürlicherem Empfinden. So werden auch Sie meinen Worten das Herz öffnen.

Ein Hauptmangel liegt heute in dem falschen Bildungsbegriff.

Will man etwas als falsch erweisen, so muß man zuerst das Richtige feststellen. Was ist Bildung? Die Frage ist leicht, die Antwort sehr schwer, obwohl schon von Tausenden gegeben, mit mehr oder minder Geist. Meistens mit minder.

Wir Menschen sind hier an drei Mächte gebunden: an die Natur, im engeren Sinne, an die Gemeinschaft und an unser Selbst. Die erste fordert, daß wir uns erhalten, die zweite, daß wir ihr in bestimmten Grenzen dienen, die dritte, daß wir in uns frei werden, d. h. an Gott binden.

Die beiden ersten hängen zumeist enge zusammen: indem wir der Gemeinschaft in irgend einer Weise nützen, bietet sie uns die Mittel, die körperlichen Bedürfnisse zu decken. Dem ersten Zwangsherrn, der Natur, entringen wir uns nie ganz, dem zweiten unendlich selten; für den Dienst des dritten – Gott, so weit wir ihn im Selbst erkennen – können wir uns heranbilden, indem wir den Selbstand der freien Persönlichkeit erreichen.

Gebildet sollen wir also werden für drei Zwecke: für die Natur, die Gemeinschaft, für unser Selbst. Vollständig sein wird daher nur jene Bildung, die den ganzen Menschen umfaßt, sodaß er den ihm auferlegten Pflichten: sich zu erhalten, der Gemeinschaft zu dienen, sein Selbst zu gewinnen, Nachkommen kann in den Grenzen seiner Begabung.

Das ist eine allgemeine Erklärung des Begriffs Bildung, die alle die Tausenden von Einzelnfällen umfaßt.

Nun vermögen wir zu beantworten, welcher Begriff von Bildung unzureichend und daher falsch sei.

Wo alles darauf zielt, den Einzelnen als Naturwesen mit seinen Forderungen und Trieben zu erhalten, wo die dazu nötigen Kräfte, Verstand und Wille, allein ausgebildet werden, dort ist die Bildung falsch.

Wo die Geisteskräfte, die der Gemeinschaft nützen, damit sie uns wieder nütze, allein zur Reife gebracht werden, neben Verstand und Wille das Gedächtnis, die Phantasie, dort ist die Bildung falsch.

Wo alles nur in den Dienst des Selbst gestellt wird, die Pflichten gegen Natur und Gemeinschaft vernachlässigt werden, dort ist sie für dieses Dasein falsch, weil der allseitig gebildete Mensch Gott auch dadurch dienen muß, daß er der Gemeinschaft dient und sich zu diesem Zwecke erhält. Der letzte Fall ist indessen heute bei den Völkern des Westens ein so seltener, daß er für die wirklichen Verhältnisse kaum in Rechnung zu ziehen ist.

Es sind zwei Gründe, die für die Erziehung und Bildung des weiblichen Geschlechts der Gegenwart große Gefahren in sich schließen, zwei irrtümliche Anschauungen, die aber eigentlich zusammenfallen. Erstlich die Ansicht, daß Mann und Weib gleich seien, und zweitens das Bestreben, die weibliche Bildung nach der Art der männlichen umzugestalten. Das Zweite ist aus dem Ersten notwendig hervorgegangen.

Lassen Sie uns zuerst über die angebliche Gleichheit der Geschlechter sprechen.

Der Freiheitsgedanke, obwohl im Laufe der Geschichte, so weit wir sie kennen, oft aufgetaucht, hat erst seit etwas über ein Jahrhundert sich die Herrschaft über die Geister erobert. Es bildete sich der Begriff einer Freiheit, die thatsächlich nur in der Vorstellung des Menschen möglich ist, in der Wirklichkeit aber nicht. Denn Freiheit des Einzelnen bedeutet so viel, als Freimachung aller seiner Kräfte. Da aber die Kräfte und Anlagen verschieden sind, und demnach in den meisten Fällen die stärkere siegt, so geht aus der Freiheit unabwendbar die teilweise Unfreiheit der Schwächeren, der Minderbegabten hervor.

Aus diesem falschen Begriff von Freiheit mußte sich gleich am Beginn der Begriff der Gleichheit entwickeln, ebenso falsch wie jener. Wenn ich im Kopfe jeden Menschen gleich einer Eins setze, so ist es sehr leicht zu sagen: »1 gleich 1«. Das gilt aber nur für die Mathematik, nicht für das Leben. Je niedriger ein Lebewesen steht, desto eher ist es einem andern seiner Art gleich. Zwei Aufgußtierchen, die ich nur unter dem Vergrößerungsglas wahrnehme, mögen mir für gleich gelten. Je vielgestaltiger sich aber der Lebensbau entwickelt, desto ungleicher werden trotz aller Ähnlichkeit die Einzelnen, und beim Menschen erreicht diese Ungleichheit in der Reihe der irdischen Wesen ihre Höhe und nimmt mit steigender Gesittung nicht ab sondern zu. Die Anlagen sind verschieden, sind in unübersehbaren Mischungen vorhanden, und zwei thatsächlich gleiche Menschen sind nirgendwo zu finden, trotzdem im Körper und im Geiste bestimmte noch kaum geahnte Kräfte nach Gesetzen wirken, deren klare Erkenntnis uns bis heute noch fehlt. Aus den falschen Begriffen von Freiheit und Gleichheit ist auch jene Bewegung hervorgegangen, die von den Vorkämpfern der sogenannten »Frauen-Emancipation« vertreten wird.

Mann und Weib sind gleich; sie haben in allem gleiche Fähigkeiten, müssen also in allem gleiche Rechte haben, zu den gleichen Aufgaben erzogen werden. Die Herrschaft des Mannes ist zu beseitigen, beide Geschlechter im ganzen Umfang des Gemeinschaftslebens auf die gleiche Stufe zu stellen.

Das ist in Kürze das Glaubensbekenntnis, in dem das anzustrebende Ziel enthalten ist.

Sind nun Mann und Weib thatsächlich gleich?

In allen Formen dieser Welt, in der wir mit unseren Sinnen leben, sprechen sich aufbauende Kräfte aus, d. h. die Erscheinung ist ein notwendiges Ergebnis dessen, was sie gestaltet hat. So deutet auch die trotz aller Ähnlichkeiten so große Verschiedenheit des weiblichen und männlichen Körpers auf eine Verschiedenheit in der Anlage des ursprünglichen Keimes. Wohl zeigt uns der Bau, daß beide auf einander bezogen, für einander bestimmt sind, aber dennoch prägen beide ein anderes aus. Zeugen und Aufnehmen sind die beiden Pole, die hier ihre Verkörperung gefunden haben. Und dieser Unterschied geht im Allgemeinen durch das gesamte Geistes- und Gemütsleben des Mannes und des Weibes, beide trennend und verbindend zugleich. In der Thatsache der Geschlechtstrennung offenbart sich uns ein Teil des Weltplanes, ein mächtiger Wille, der nicht zu beugen und zu brechen ist.

So hat sich auch von jeher eine Arbeitsteilung der Geschlechter vollzogen. Jene strenge Wissenschaft, die sich nur mit dem unbedingt Sicheren beschäftigt, weiß nicht viel über jenen Teil der Menschheitgeschichte, der ungefähr über die Zeit von 4000 v. Chr. fällt; sie schließt nur mit Besonnenheit aus gewissen Überresten in Sitten und Denkmalen, in Götter- und Heldensagen auf jene dunkle Vorgeschichte. Nur Leute, die mit der Wissenschaft spielen und das Wissen durch Annahmen ersetzen, die ihnen in den Kram passen, sprechen darüber, als hätten sie schon damals gelebt.

Mögen nun auch die Vorfahren der geschichtlichen Völker schweifende Horden gebildet haben, so muß schon damals eine Arbeitsteilung stattgefunden haben. Die Väter rangen und kämpften um Nahrung, die Mütter bereiteten sie zu, sorgten für den Nachwuchs. Die Männer hatten den Hang zum Schweifen, bei dem Weibe muß das Streben nach Seßhaftigkeit sich früher geltend gemacht haben. Im weiblichen Gemüt sind die Gründe für die frühesten Formen des Familienlebens zu suchen; der Mann fügte sich dabei mehr äußeren Verhältnissen, als einem inneren Drange. Bei dem Weibe zuerst müssen durch die Mutterpflichten die zarteren Empfindungen der Sorge, der Liebe entstanden sein, darum auch das Bestreben, nicht dem Augenblick zu leben, sondern den Blick in die Zukunft zu richten, Vorräte anzusammeln, das Feld zu bestellen, die keimende Saat zu pflegen. So hat, abgesehen vom Einfluß bestimmter geographischer Verhältnisse, das Gemüt des Weibes den ungestümen, unrastigen Mann an die Scholle gebunden und sein Wesen veredelt; das Weib war es, das den Herd schuf und die Flamme hütete; das Weib war es, das die Anfänge des vorhandenen Wissens, wie gering es sein mochte, auf die Kinder übertrug und in ihnen das Gemütsleben hegte und pflegte. In der ganzen Thätigkeit des Weibes war so das Gefühl beteiligt, sie ging durchaus aus der Eigenart des Weibes hervor, nicht von außen aufgezwungen, sondern dem Innern entsprechend. Die Quelle aller feineren Gefühle war ihm die Mutterliebe, und die Mutter mußte so zu einem Mittelpunkte der Familie werden, innerhalb bestimmter Grenzen Einfluß gewinnen auch auf die Männer. Der sich langsam entwickelnde innere Zusammenhang der Einzelnfamilie, späterhin des Stammes ist die erste, gewaltige Kulturthat des Weibes als Mutter.

Der Mann aber war thätig als Jäger, Krieger, auch als Hirte; er beschützte den Herd und die Familie. Freier konnte er sich bewegen, weil sein Körper ihn minder hinderte. Mut, Entschlossenheit, List gewann er; sein Auge lernte weiter schauen, als das des Weibes; sein Verstand wurde in anderer Art geschult, seine Einbildungskraft flog weiter hinaus, da ihn das minder entwickelte Gemüt nicht so mit Liebe am Nahen, am Gegebenen haften ließ. Er begriff bald die Vorteile des äußeren festen Zusammenhangs der Stammesgenossen, aus dessen Pflege sich Grundzüge eines Rechts entwickeln mußten, das wieder überall mit religiösen Vorstellungen verknüpft auftrat. So muß sich schon sehr frühe selbst bei niedriger Bildung – niedrig von uns aus gesehen – im Manne ein unentwickelter Hang nach Bildung allgemeiner Begriffe geregt haben. Während das Weib mit sorgendem Gemüt das Nächste umfaßte und dadurch der Natur näher blieb, strebte der männliche Geist schon frühe über das Wahrnehmbare hinaus und begann in den verschiedensten Formen eine Gedankenwelt zu schaffen.

So treten uns die Geschlechter in verschiedener aber gleichwertiger Arbeit entgegen; das weibliche begründet die Gemütsgesittung, es führt den unbändigen Willen und den schweifenden Geist des Mannes immer wieder in die Welt der Empfindung; das männliche aber lebt sich aus im Wollen und Kämpfen und im Ringen nach der Welt des Gedankens.

Beide Geschlechter folgen dabei ihrer innersten Anlage, gehorchen unbewußt dem Gesetze, das ihnen durch ihr Wesenhaftes vorgeschrieben ist. Nicht die »rohe Kraft des Mannes« – diese Begründung hört man heute tausendmal – hat das Weib »unterdrückt«, sondern die Arbeitsteilung vollzog sich aus dem notwendigen Wirken der seelischen Kräfte. Auch eine Fabel ist es, daß der Mann die Frau stets von allen geistigen Thätigkeiten ausgeschlossen habe. Wenn wir die Geschichte der Menschheit, soweit sie durch irgendwelche Urkunden beglaubigt ist, überschauen, zeigen sich uns Frauen auf sonst allen Gebieten mitthätig. Sie übten jede Kunst aus, sie beflissen sich verschiedener Wissenschaften, auch der Philosophie; sie übten die Heilkunde, sie lehrten – sogar Mathematik und Rechtsgelehrtheit. Es hat Zeiten gegeben, wo die Frauen der höheren Schichten im Durchschnitt eine größere Bildung empfingen, als die Männer desselben Kreises; so zum Teile im Mittelalter in Deutschland wie in Frankreich. Groß ist die Menge dessen, was diese Frauen gedichtet, geschrieben, gemalt, gedacht und gewußt haben.

Aber fast alle empfingen vom männlichen Geiste. Auf keinem einzigen Gebiete hat die weibliche Begabung ein Begründendes hervorgebracht. Nicht einer der Gedanken, die das Gebiet des Wissens plötzlich erhellten, stammte vom Weibe; nicht einer der Gedanken, die Recht und Staat begründet, die Beziehungen der Völker vermenschlicht haben; nicht ein einziges großes Werk der hohen Kunst stammt von einem Weibe. Was eine Sappho gedichtet, eine Hypatia gedacht hat, bis auf die Neuzeit hinunter: alles könnte ausgelöscht werden aus dem Buche der Menschheit und es verschwände damit nicht eins der Lichter, die den geistigen Emporgang der Menschheit beleuchten. Immer hat der weibliche Geist empfangen, und oft Empfangenes mit feinstem Sinn im Gemüt gehegt und fortgebildet nach der Gefühlsseite hin, nie aber hat er gezeugt.

Diese Thatsache ist unumstößlich und läßt sich durch alle Donnerworte der Gleichmacher nicht aus der Welt schaffen. Die Geschichte des menschlichen Gedankens ist und bleibt die Geschichte des männlichen Geistes.

Aber das was in der Menschheit denkt und zeugt, hätte allein nicht hingereicht, es forderte eine Ergänzung, das weibliche Wesen, das da empfängt, den Keim hegt im Gemüte.

Das männliche Wesen ist in der Grundanlage schroff, ja hart; es ist durch das Denken mehr zur Gerechtigkeit neigend, als zur Liebe; in rücksichtslosem Willensdrange drängt es oft vorwärts, ohne das Gefühl zu beachten. So hätte, falls nur das Männliche in der Menschheit Herrscher gewesen wäre, aller Geist nicht hingereicht, um echte Gesittung hervorzubringen. Es wäre ein geistig glänzendes Barbarentum entstanden.

Und hier griff nun das Weibliche ergänzend und bereichernd ein.

Aus der Mutterliebe und -Sorge entfalteten sich die weicheren Gefühle, jene Tugenden des Gemüts, ohne die wir niemals zum Besitze sittlich-religiöser Bildung gekommen wären. Alle Tugenden, die das Heim erzeugen kann, Hingabe, Milde, Duldung, Opferfähigkeit für den Einzelnen, Innigkeit u. s. w. sind aus dem weiblichen Wesen hervorgegangen, von ihm genährt und gehegt und dem werdenden Geschlechte angebildet oder vererbt worden. Unter dem Einfluß des Weibes wandelte sich langsam die angreifende Sinnlichkeit des Mannes in tiefere Liebe, die Seelen vereint und nicht nur wie jene die Körper.

In diesem Wirken entfaltete sich die Bestimmung des Weiblichen in der Geschichte der Menschheit, in ihm trieb es aus seinem innersten Keime Blüten und Früchte. Dieses Wirken stellt das Weib dem Manne ebenbürtig an die Seite; erst im wunderbaren Zusammenspiel des Männlichen und Weiblichen ist das Leitbild menschlicher Gesittung, so weit es auf der Erde zu verwirklichen ist, erreichbar.

Also: Mann und Weib sind nicht das Gleiche, darum haben beide ihre bestimmten Wirkungskreise, die sich schneiden können, sodaß ein Feld gemeinsamer Arbeit gegeben ist, deren Mittelpunkte aber nicht zusammenfallen.

Der Vollständigkeit wegen erwähne ich noch Eins. Es giebt Ausnahmen, d. h. Männer, in denen Weibliches bei weitem überwiegt, und Frauen, in denen männliche Eigenschaften das Wesen bestimmen. Aber diese für den Seelenforscher sehr merkwürdigen Erscheinungen sind in solcher Minderzahl vorhanden, daß allgemeine Erörterungen auf sie nicht Rücksicht nehmen können.

Wir kommen nun zu dem zweiten Gegenstande, zu den Bestrebungen, die weibliche Bildung nach der männlichen umzuwandeln, also Gymnasien und Hochschulen für Mädchen einzurichten. Es giebt Frauen und alte Mädchen, die davon einfach alles erwarten. Manche – nicht alle – sind sehr reich im Wissen, was aber bekanntlich niemanden hindert unvernünftig zu sein. Diese Forderungen sind aber unvernünftig. Es ist meine Pflicht, die Behauptung zu beweisen.

Unser Mittelschulwesen befindet sich eben im Beginn einer Umwälzung. Die Gymnasien sind zu einer Zeit entstanden, wo alles Wissen mehr oder minder auf klassischem Boden stand. Es genügte vollkommen zur Vorbereitung für jene Fächer, die als die herrschenden bezeichnet werden konnten, für Gottes- und Rechtsgelehrsamkeit und für Heilkunde; es wurzelte im Geiste der Zeit und erfüllte seine Aufgabe vortrefflich. Wurden auch Gedanken ausgesprochen, die eine Änderung des Unterrichtsstoffs und der Unterrichtsart anstrebten, so änderten sie doch nur sehr wenig. Allmählich aber, etwa seit 150 Jahren, hat sich das ganze Leben umgestaltet, aber die Mittelschule verhielt sich im allgemeinen ziemlich abwehrend. So hat sich ein Zustand herausgebildet, der unbedingt eine Umgestaltung der Gymnasien nach sich ziehen wird.

Und nun sollen diese als Vorbild für weibliche Anstalten genommen werden, wenn auch mit Ausschluß des Griechischen und Verkürzung der Lernzeit. Wenn die Unterrichtsgegenstände nur halbwegs gründlich behandelt werden sollen, so ergiebt sich unabweisbar das, worüber bei dem Knaben geklagt wird (oft übertrieben): die Überbürdung.

Der ganze Bau des weiblichen Körpers ist besonders vor Eintritt der Reife und in deren ersten Jahren ungemein leicht geschädigt. Das viele Sitzen und Stubenhocken ist für ihn aus zunächst physischen Gründen noch viel gefährlicher als für den männlichen.

Im Winter von 1892 auf 93 sind in Berlin etwa 50 junge Klavierspielerinnen vor die Öffentlichkeit getreten. Fast alle trugen das Gepräge der größten Blutleere und waren im höchsten Maße nervös. Betrachtet man die jungen Mädchen, die sich für das Lehrfach vorbereitet haben, so kann man die gleiche Beobachtung machen. Ein Angehöriger des Prüfungsausschusses hat mir gegenüber schon 1877 die Äußerung gethan: »Wenn ich mir die jungen fast durchweg bleichsüchtigen und schmalbrüstigen Geschöpfe ansehe, dann denk ich mir: Am besten, wenn alle alte Jungfern werden, denn solche Weiber können die Menschheit nur mit kranken Kindern vermehren.« Ich habe eine große Zahl begabter, ehrgeiziger Mädchen gekannt, deren Lebensgang ich durch Jahre verfolgen konnte. Sie hatten sich mit glühendem Eifer auf das Studium geworfen, um sich als Lehrerinnen für die »höheren Mädchenschulen« vorzubereiten, oder sie betrieben verschiedene Wissenschaften ohne dieses Ziel. Reichte der Tag nicht hin, so nahmen sie die Nacht zu Hilfe. Ein halbwegs gesunder junger Mann zwischen 19-24 Jahren kann, falls er sonst vernünftig lebt, ohne besonderen Schaden durch Jahre täglich 12-14 Stunden sitzen und studieren, ohne mehr als eine gewisse Ermüdung zu spüren. Ich habe ein Jahr mit Ausnahme der Sonntage täglich 16 Stunden mich geistig beschäftigt, ohne zu erkranken.

Welche Folgen aber traten bei den erwähnten Mädchen ein? Mit kaum 20 Jahren begann sich die Blutarmut bemerkbar zu machen. Ihr Gang verlor alle Schnellkraft, die Augen wurden matt oder glänzten fieberhaft; der Atem kurz und flach. Störungen verschiedener körperlicher Vorgänge, deren regelmäßiges Auftreten für die Gesundheit des Weibes unbedingt nötig ist, traten ein. Nun kam das »Eisen« in allen Formen zur Anwendung; dann, wo es die Verhältnisse erlaubten, der Besuch von Bädern und Luftkurorten, oder der Aufenthalt in Heilanstalten. Mit 25-26 Jahren waren die Mädchen trotz allem alt, verblüht, verbraucht. Und ihr Geist? Sie besaßen einen Haufen äußeren Wissens, das vom Gedächtnis festgehalten war, aber der Einheit und Klarheit entbehrte; alle Frische und Ursprünglichkeit des Gemüts war dahin, der Wille gelähmt oder in falsche Bahnen geleitet. Besonderes aber hat nicht eine davon geleistet, trotzdem mehrere sich den Doktorgrad erworben haben und Bücher schrieben, sogar philosophische. Nach kurzem Aufflackern waren die Kräfte verzehrt, und alles brach zusammen. Die eine dieser Gelehrtinnen hat Jahre in einer Heilanstalt für Gemütskranke zugebracht.

Denken Sie nicht, daß ich nach Art mancher Männer aus diesen Thatsachen zu viel Schlüsse ziehen wolle oder gar die Absicht hege, das Weib »hinunterzusetzen«. Dieser Vorwurf wird sehr gerne erhoben, wenn man einfach die Thatsachen sprechen läßt. Das Angeführte soll nur feststellen, daß die einseitige, auf Wissen gerichtete Bildung dem weiblichen Wesen, den Bedingungen seines Lebensbaues nicht gemäß sei.

Man weist nun auf weibliche Ärzte in Deutschland, auf englische Hochschulen für Mädchen und auf amerikanische Verhältnisse hin.

Auf den Schweizer Hochschulen haben nach dem Berichte des Rektors Prof. Dr. Fehling von 1864-1891 789 Mädchen und Frauen die Heilkunde studiert. Natürlich waren es durchwegs solche, die besondere Anlagen besaßen, also in gewissem Sinne nach der geistigen Richtung eine Auslese des Geschlechts. Davon haben 141 den Doktortitel erlangt, aber nur 26, also ein Dreißigstel, sind im stande gewesen, die Fachprüfungen abzulegen, von denen die Berechtigung, die Heilkunde auszuüben, abhängt. Einige davon leisten als Frauen- und Kinderärztinnen Tüchtiges, so weit nicht schwierigere Operationen nötig sind, die meisten bleiben in der Mittelmäßigkeit stecken; die Wissenschaft gefördert hat nicht eine einzige.

Die Forderungen, die man auf den englischen weiblichen Hochschulen stellt, erreichen kaum das, was von unseren Gymnasiasten verlangt wird. Die Kosten des Studiums sind, die Freistellen ausgenommen, sehr hoch; dieses selbst ist zu einer Art von Sport geworden. Ähnlich steht es in Amerika, trotzdem dort die Zahl der weiblichen Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren und Prediger groß ist. Ein kleiner Bruchteil hat Erfolg, die meisten vermehren das geistige Proletariat. Bezeichnend ist ein Vorgang aus der jüngsten Zeit. Auf einer der wenigen Hochschulen, die den unsrigen gleichgestellt werden können, hatten alle männlichen Studenten den Besuch der medizinischen Vorlesungen eingestellt, weil durch den Zudrang der weiblichen Hörer die wissenschaftlichen Leistungen in den Fächern von Jahr zu Jahr hinuntergingen.

Natürlich schließen diese Thatsachen nicht aus, daß stets einzelne Frauen sich gründliches Wissen erwerben und es geistig durchdringen können. Aber sie beweisen doch, daß jede Bewegung, die das Weib in gleicher Art wie den Mann zum Träger und Fortbilder der Wissenschaft machen will, nicht die Geistnatur des Weibes zum Bundesgenossen hat.

Ich habe schon meinen Geschlechtsgenossen in der fünften Predigt gesagt, daß wie ein Volk, so auch der Einzelne in der Richtung eingeborener Kraft das Höchste zu leisten vermag. Also auch das Weib. Nicht soll es, wo der Drang vorhanden ist, ausgeschlossen werden von den Schätzen nationaler Bildung, aber zunächst muß es entwickelt werden in seinem eigenen Wesen, so daß ein vollendetes Weib ebenso ein Höchstes darstellt, wie ein vollendeter Mann, aber in seiner Art und den Grundkräften seines Geschlechtes gemäß. Wenn jemand seiner tiefsten Anlage nach Musiker ist, und er betreibt die Bildhauerei, so wird er nur Mittelmäßiges leisten. Das Weib, zu höchsten Leistungen in bestimmter Richtung fähig, zu Leistungen, die ganz jenen des Mannes ebenbürtig sind, wird durch falsche Bildungsbegriffe zu einem Zwitterwesen. Dieser Gefahr gilt es entgegenzutreten. Wenn ich es thue, so weiß ich, daß Hunderte gebildeter, warmherziger Frauen auf meiner Seite stehen.

Ich werde es in der nächsten Predigt versuchen, eine Art von Leitbild weiblicher Erziehung zu entwerfen.

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