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Laien-Predigten für das deutsche Haus

Otto von Leixner: Laien-Predigten für das deutsche Haus - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
authorOtto von Leixner
titleLaien-Predigten für das deutsche Haus
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160422
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Zweite Predigt.
Von dem Werte der Zeit, von der Langweile und dem beschäftigten Müßiggange

Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen einen philosophischen Vortrag über den Begriff Zeit halten werde. Was ich zunächst sagen will, soll sich nicht in das Blau der abgezogenen Gedanken verlieren, sondern auf der festbegründeten Erde wandeln.

Die Zeit ist etwas Seltsames, nicht nur für den Philosophen, sondern für jeden, der einmal etwas über sie nachdenkt. Sie ist schwer zu fassen, stets wechselnd, – sollte das vielleicht daher rühren, daß sie weiblichen Geschlechtes ist?

Wir teilen sie für den Menschengebrauch ein in Jahre, Tage, Stunden u. s. w. – wie wir auch die Mädchen und Frauen in Blonde, Braune und Schwarze, in Schlanke und – nicht Schlanke einteilen. Aber wie das uns noch nichts sagt über das Wesen des Weibes, so jenes nichts über das der Zeit. Es ist ja sehr leicht gesagt, ein Jahr habe 365 Tage, und ein Tag 24 Stunden, und eine Stunde 60 Minuten. Aber wie unendlich verschieden ist das, was sie enthalten können!

Eine Mutter sitzt eine Stunde am Bette des totkranken Lieblings und erwartet den Arzt; ein liebendes Paar ist nach langer Trennung eine Stunde beisammen; ein geistig ungelenker furchtsamer Kandidat der Rechte sitzt eine Stunde vor seinem strengen Prüfungsausschuß; ein Dichter, ergriffen vom Sturm der Begeisterung arbeitet die gleiche Zeit; ein ungeduldiger Mann wartet, von wahnsinnigen Zahnschmerzen geplagt, ebenso lange im überfüllten Vorzimmer des Arztes; ein frohes, gesundes Kind spielt, die Wangen vor Eifer glühend, eine Stunde mit seinen Bausteinen oder es schläft.

Vor dem Verstande ist das alles die gleiche Zeit, ganz genau bestimmbar durch einen Zeitmesser. In der Wirklichkeit aber welch ein gewaltiger Unterschied. In einem Falle schleichen die Augenblicke und dehnen sich zu angsterfüllten Ewigkeiten; im anderen tanzen, im dritten fliegen sie dahin, und im Schlafe ist die Zeit oft gar nichts, oder ein sekundenlanger Traum umfaßt die Ereignisse von Jahren.

So gleicht die Stunde einem Sacke aus sehr dehnbarem Stoff: er faßt wenig, aber man kann unbesorgt viel hinein thun, denn er vergrößert sich mit dem Inhalt. Und darum kann ein Mensch in einem Jahre mehr erleben, als ein anderer in Jahrzehnten.

Das alles sind Erfahrungen des Alltags, und jeder von uns macht sie. Aber nicht alle ziehen aus ihnen Nutzen für ihr Leben und Treiben; nicht alle ziehen daraus die Lehre von dem unendlichen Werte der Zeit. Wohl ist sie an sich leer, aber wir können ihr Inhalt, reichen Inhalt geben, ja wir müssen es, wenn wir es redlich mit uns und unseren Mitmenschen meinen.

Welche Zeitverschwendung schließt aber unser heutiges Leben in sich! Wenn man in die Jahre der Reife gekommen ist und zurückblickt auf den durchschrittenen Weg, wie viel kostbare Tage und Monate hat man weggeschleudert um der größten Nichtigkeiten willen.

Wir wollen einen kleinen Ausflug in das Gebiet der Arithmetik machen. Ich wähle, um die Wirkung zu vergrößern, eine Frau, die den reicheren Kreisen angehört und viel Gesellschaften und andere Vergnügungen besucht. Dennoch habe ich nicht die Absicht, zu übertreiben, ich bin ja als deutscher Dichter und Schriftsteller gewohnt, mit kleinen Zahlen zu rechnen.

Lassen Sie uns also annehmen, die Heldin dieser Berechnung sei mit dem vollendeten zwanzigsten Jahre in das Gesellschaftsleben eingetreten – Sie sehen, daß ich nicht übertreibe, denn heute sind ja schon Sechzehnjährige gesellschaftsfähig – und hat von da an 16 Jahre im Strudel gelebt. Auch diese Annahme ist sehr bescheiden.

Sie braucht für das Richten der Haare und die »Toilette« im weitesten Sinne des Wortes bei mindestens dreimaligem Umziehen (Morgenkleid, Straßenanzug, Gesellschaftskleid) drei Stunden täglich. Das macht im Jahre 1080, in 16 Jahren 11 280 Stunden und wenn ich den Tag mit Abzug von Schlaf und Essen mit 14 Stunden rechne, 806 Tage rund. Rechnen wir nun hinzu, daß sie für Ausgänge, Besuche, Besprechungen mit Schneidern u. s. w., für Gesellschaften aller Art und für Schauspiele und verwandte Vergnügungen im Durchschnitt sechs Stunden täglich verwendet, so sind das 2184 in einem Jahre und in 16 Jahren 34 944 Stunden, gleich 2496 Tagen. Beide Zahlen zusammen ergeben 9 Jahre und 17 Tage, d. h. die Dame hat ein Viertel ihres wahren Lebens für nichts verschwendet.

Nun bin ich natürlich überzeugt, daß sich unter meinen verehrten Zuhörerinnen nicht eine einzige dieser Gattung befindet. Aber dennoch muß ich auch viele von Ihnen mit strenger Miene der Zeitverschwendung anklagen, trotzdem mir das Herz dabei blutet. Ich bitte dringend, dieser Versicherung unbedingten Glauben zu schenken.

Meine Anklage richtet sich zunächst auf den beschäftigten Müßiggang.

Lassen Sie mich den Begriff durch Beispiele erläutern.

Ich kenne eine Mutter mit zwei Töchtern. Die Mädchen haben eine gute Bildung genossen, sind in Sprachen und in Musik ausgebildet worden; die eine hat die Prüfung für das Lehrfach vortrefflich bestanden. Die Beiden zogen sich stets einen Tadel zu, wenn sie ein Dichterwerk oder sonst ein nicht unmittelbar Lernzwecken dienendes Buch lasen. Hatte eine nicht die »Woche« im Haushalt, so mußte sie täglich 3-4 Stunden Handarbeiten machen. Aber da die Mutter selbst thätig war, so waren die nötigen bald erschöpft, und die unnötigen kamen an die Reihe. Da wurden Tischläufer mit Sprüchen bestickt, gehäkelte Spitzen in unendlicher Länge gearbeitet, Schoner für jeden Stuhl ein Dutzend hergestellt; Vier-, Sechs- und Achtecke zu tausenden gemacht, aus denen man Tisch- und Bettdecken zusammensetzen konnte; Spitzen wurden geklöppelt und gestickt, daß man damit die nicht sichtbaren Kleidungsstücke eines Amazonenheeres hätte besetzen können u. s. w. u. s. w. Das ging und geht Jahr ein Jahr aus. Alle Laden und Lädchen, Kisten und Kasten sind voll von diesen Arbeiten – die zum größten Teile gar nicht verwendet werden können, da sie unmodern geworden sind, oder bei Seite geschafft wurden, weil ihr Übermaß allmählich lästig fiel. Ich will ganz davon absehen, daß diese Arbeiten teilweise sehr kostspielig sind, und man sie, soweit sie notwendig sind, billiger kauft, als selbst herstellt, aber ist diese Beschäftigung nicht Zeitverschwendung, nicht beschäftigter Müßiggang? Sie hat Berechtigung nur in engen Grenzen, vornehmlich dann, wenn sich ein Mädchen zur Handarbeitlehrerin ausbilden will.

Eine zweite Familie; angesehen und wohlhabend. Die Mutter duldet nicht, daß die drei Töchter sich »die Hände verderben«, Köchin und Hausmädchen besorgen ja alles, die jungen Damen haben also im Hause fast nichts zu thun, aber sie sind doch alle drei beschäftigt. Wie? Ein Zimmer ist ihnen zur Werkstätte eingeräumt. Da machen sie Kerbholzarbeiten, sie schnitzen ohne künstlerischen Geschmack Nähkästchen, Deckel für Schreibunterlagen, auf denen niemand schreiben kann; Rauchtischchen, die, wenn fertig, mit größter Vorsicht benutzt werden müssen, da sie sonst auseinanderfallen. Sie bemalen gewöhnliche Thontöpfe mit fabelhaftem Getier und Gepflanze, mit grellen Farben, die nach einem Jahre abblättern; sie färben Gräser mit Gold- und Silberbroncefarben, und stellen aus ihnen schaudererregende Makartsträuße zusammen; machen aus alten Weinflaschen Blumenvasen, aus Caviarfäßchen, Cigarrenkisten u. s. w. überraschende Geschmacklosigkeiten für Oheime, Basen, Vettern, Eltern und Freunde. Kein alter Pappendeckel, kein gelbes Cigarrenband, kein Fleckchen buntes Tuch ist vor ihnen sicher, alles wird zu einem »Schmuckgegenstand« verwendet, der dem Beschenkten ästhetischen Schauder erregt.

Was ist nun dieses Arbeiten anderes, als beschäftigter Müßiggang?

Und wenn auch nicht überall drei Töchter solches Nichtsthun mit Leidenschaft betreiben, so giebt es doch heute in den Mittelschichten des Volks eine große Menge von Mädchen, die nur zum Zeitvertreib solchen nichtigen Spielereien viele Tage opfern.

Glauben Sie nicht, daß ich den Gemütswert verkenne, den solche Geschenke, mögen sie den Gipfel der Geschmacklosigkeit darstellen, besitzen können. Will mir jemand mit reinster Absicht eine Freude machen, und er schenkt mir ein mit entsetzlich gemalten Vergißmeinnicht geschmücktes Caviarfäßchen, das als Aschenbecher dienen soll, so werde ich mich sicher über die Absicht freuen. Bringt es jemand im Kerbschnitt zu solcher Fertigkeit, daß er durch geschmackvolle Arbeit etwas erwerben kann, wird man es gewiß nur billigen. Aber solche Dinge zu betreiben, allein um leere Stunden auszufüllen, ist Zeitverschwendung.

Unberechenbar viel Zeit wird auch mit der Pflege verschiedener Künste verbraucht. Ist bei einem weiblichen Wesen wirkliche Begabung zur Malerei, Musik oder Dichtkunst vorhanden, soll sie auch ernstlich entwickelt werden, oder doch so, daß die Gabe der Besitzerin und ihrer nächsten Umgebung Freude machen kann.

Aber die Kunstspielerei ist heute in gefährlicher Weise entartet. Und daran sind sehr oft auch die Eltern schuld, die einem falschen Bildungsbegriff huldigen. Ein Mädchen erhält Unterricht im Klavierspiel oder im Gesang und gewinnt im Laufe der Jahre eine gewisse Geläufigkeit rein äußerer Art. Die Lehrer sind oft, fast immer, darauf angewiesen, sich die Schüler zu erhalten und darum leicht geneigt, der Schülerin zu schmeicheln. So befestigt sich in ihr und den Eltern die Vorstellung, sie sei eine künftige Esipoff oder Clara Schumann. Nun wird die Sache mit Dampfkraft betrieben. Man bringt oft auf Kosten der anderen Kinder Opfer, um das Familiengenie zu entwickeln. Bis sich nach Jahren zeigt, daß alles Geld zum Fenster hinausgeworfen war, weil die Gabe den Durchschnitt nicht überstieg. Ein durch Überanstrengung geschwächter Körper und ein verbittertes Gemüt sind meist die einzigen Ergebnisse dieses beschäftigten Müßigganges.

Ebenso gehts oft mit der Malerei. Statt die Mädchen zum Kunsthandwerk gründlich anleiten zu lassen, das immerhin die Ausüber nähren kann, sollen sie »Künstlerinnen« werden. Es giebt Anstalten und einzelne Maler, die möglich viele Schülerinnen anzuwerben suchen. Da wird nun die Kunstspielerei im Großen betrieben. Von Hunderten besitzt eine hinreichend Begabung, um die anständige Mittelmäßigkeit zu erreichen, die sich eben durch's Leben pinseln kann; die anderen opfern Jahre und Jahre und erreichen schließlich nichts.

Aber auf keinem Gebiete wird so sehr gesündigt, wie auf dem der Schriftstellerei. Zum Klavierspiel hat man ein Klavier nötig, zum Malen Leinwand, Farben, Pinsel u. s. w. –, zum Dichten aber nichts als leeres Papier, Feder und Tinte. Mit dem Aufwand von etwa einer Mark kann man ein »unsterbliches« Werk schreiben. Wie verführerisch!

Die Schreibwut ist heute ein verbreitetes Frauenleiden. Ich stehe nun seit bald siebenundzwanzig Jahren im Schrifttum, und bin an 15 Jahre in unmittelbarem Verkehr mit den Schreibenden. Ich erhalte jährlich als Leiter der »Deutschen Roman-Zeitung« etwa 300 meist mehrbändige Romane, etwa 1000-1200 Aufsätze und etwa 5000 Gedichte und 3500 Briefe. Davon stammen ungefähr zwei Drittel aus weiblichen Tintenfässern.

Mit vierzehn Jahren beginnen die Schülerinnen der höheren Mädchenschulen ihre überschüssigen Gefühle in Lieder auszuströmen; mit fünfzehn und sechszehn schreiben sie über Erziehung, über das »Wahre Glück der Ehe«, oder sie machen Novellen mit sehr viel Liebe und Schmerz. Siebzehn- und Neunzehnjährige senden zuweilen sogar Romane, in denen es manchmal von Ehebrüchen und anderen Unregelmäßigkeiten wimmelt. Ich muß betonen, daß ich streng wahrheitgemäß schildere.

Es sind mir nur in den letzten zehn Jahren etwa 900-1000 weibliche Wesen, die schreiben, entgegengetreten, davon vielleicht die Hälfte persönlich. Zehn davon sind wirklich begabt, vielleicht vierzig liefern brauchbares Füllsel, alle anderen besitzen nicht einen Funken echter Kraft. Aber auch von diesen hören dennoch sehr, sehr viele nicht auf, stets weiter zu dichten und zu lehren und senden stets wieder dickleibige Schriftstücke ein.

Lehrerinnen, die einige Stunden täglich frei haben; Erzieherinnen mit viel verfügbarem Gefühl und einer regen Einbildungskraft, Frauen aller Stände und Kreise, alle, alle drängen sich in die Vorhallen des Musentempels, und fast jeder glaubt, weil Fr. X. und Frl. v. Z. für ihre Mode gewordenen Romane große Summen bezieht, das Gleiche erreichen zu können. Wenn es aber auf Erwerb wegen Mangels an Einnahmen abgesehen ist, mag man die ärmlichsten Versuche vergeben, kann die Schreibenden, ist auch nur ein Fünkchen Anlage und viel ernster Wille vorhanden, unterstützen und zu fördern suchen. Aber viele dieser »Schriftstellerinnen« ohne Begabung leben in besten Verhältnissen und haben »nur« die Absicht, unsterblich zu werden. Hundert und hundertmal kehrt in den Briefen dieser Kunstspielerinnen das Wort wieder: »Ich kann nicht anders, ich muß dichten. Ich bin glühend ehrgeizig und ich will berühmt werden«. Diese Ehrsucht, der es an jeder Berechtigung fehlt, ist heute bei weitem verbreiteter bei dem weiblichen, als bei dem männlichen Geschlechte. Kein Mittel bleibt unversucht, um die Leiter der Zeitschriften zu gewinnen; vielversprechende Blicke, zärtliche Händedrücke, alle Kunststücke der weiblichen Staatskunst werden in Bewegung gesetzt, zum Ziele zu gelangen, d. h. den Mann so zu erwärmen, daß sich der Zeitungsleiter als solcher zu Diensten bereit erklärt. Und mancher thut es dann, trotzdem er erklären müßte, daß jede Begabung fehlt.

Ist unter solchen Umständen die schriftstellerische Thätigkeit etwas anderes als beschäftigter Müßiggang? Was ich von jenen Kunststückchen denke, will ich für mich behalten.

Aber wie die Kunstübung, kann auch der Kunstgenuß zum beschäftigten Müßiggange werden.

Welche hohe Bedeutung die Kunst für die Genießenden haben kann, wissen wir alle. Der Mensch hat das tief innerliche Bedürfnis, in irgend einer Weise der Alltäglichkeit für einige Zeit zu entkommen. Selbst ein sogenanntes glückliches Leben ist nicht frei von Mißklängen oder doch von Stunden der Gemütsmüdigkeit. Da tritt die Einbildungskraft mit ihren Forderungen hervor. Schon wenn wir uns in stillen Augenblicken eine Hoffnung als Erfülltes vorstellen, genießen wir, strenge betrachtet, ein Kunstwerk. In einer solchen Vorstellung sind die Widersprüche des Seins ausgelöscht; die Phantasie überwindet die vorliegenden Hindernisse und baut nun in Bildern einen Zustand der Wunschfreiheit auf. Das gedrückte Gemüt wird entlastet, es atmet freier und genießt die Zukunft wie ein einheitliches Werk der Kunst. Wohl giebt es auch solche, die stets nahende Schrecknisse vor sich sehen, ja in ihnen schwelgen, aber sie sind in der Minderzahl. Die Meisten aber wandeln den entgegengesetzten Weg, suchen in der Phantasie das Widerspruchlose, Geklärte, Erfreuende. Dieser Zug ist auch der tiefste Grund, warum eine Kunst, die nur Häßliches, Bedrückendes, Unerfreuliches darstellt, sich immer nur kurze Zeit zu behaupten vermag.

So suchen denn auch die Menschen, besonders die der gebildeteren Schichten, in der Kunst für Stunden Befreiung von dem, was sie als Druck des Lebens empfinden. Sie wollen sich erfreuen, begeistern lassen, erfreuen selbst durch tiefe Erschütterung des Geistes, die auch als Genuß wirkt, weil sie stets als »Schein« empfunden wird. Aus dem tiefsten Bedürfnis des Menschenwesen, aus dem Drange frei zu werden von der Wirklichkeit, sind Kunst, Religion und Wissenschaft hervorgegangen.

So ist auch das Verlangen nach Kunstgenuß ein für Mann und Weib vollberechtigtes; wer dieses Verlangen nach edlen und reinen Erzeugnissen der schaffenden Geister hinlenkt, wird nicht nur den Geschmack bilden, sondern auch den Geist bereichern und das Gemüt veredeln.

Heute aber ist auch dieses Verlangen sehr oft krankhaft gesteigert, vor allem in den Großstädten. Man liest, hört, schaut zu viel und darum oberflächlicher; man begehrt stets Neues, mehr Aufregendes und zeitigt so eine ästhetische Genußsucht, die weder für den Körper noch für den Geist nützlich ist.

In manchen Familien herrscht Musiktollheit. Man besucht wöchentlich zwei, drei und mehr Musikaufführungen, und ist unglücklich, wenn man eine neue Oper nicht schon bei der ersten Vorstellung besuchen kann. Die Musik richtet sich mit ihren Wirkungen unmittelbar auf das Gefühl und befördert leicht eine Überreizung der Nerven, zu der unsere modernen Frauen und Mädchen leider so wie so neigen. Das Schwelgen in Empfindungen bringt dann oft etwas Auflösendes mit sich; Verstand und Wille leiden, die Erregbarkeit des Geistes nimmt zu und pflanzt sich auf den Körper fort. Wird daneben noch Musik ausgeübt, so sind Erkrankungen unausbleiblich. Besonders das stundenlange Üben und Sitzen ist wegen des Körperbaues dem Weibe viel schädlicher noch als dem Manne. Nicht selten aber ist das Konzertlaufen aber nichts, als das Mitmachen einer Sitte, und wird dann zum beschäftigten Müßiggang.

In anderen Häusern werden Bücher zu Hunderten verschlungen, besonders Romane; nebenbei hält man »Mappen« und liest fünf, zehn und mehr Geschichten nebeneinander, so daß man sich zuletzt mit den Helden und Heldinnen gar nicht mehr zurechtfindet.

Ich habe nichts gegen die Lesung eines guten Romans einzuwenden. Aber im Allgemeinen haftet dem Roman etwas Vorübergehendes an, inhaltlich wie künstlerisch. Kein Ruhm geht rascher vorüber, als der des Romanschreibers. Was man vor 20-30 Jahren in den Himmel hob, ist heute mit unendlich wenigen Ausnahmen langweilig, und was man heute bewundert, ist oft schon in wenigen Jahren vergessen und fristet in den Leihbüchereien kleiner Orte noch für kurze Zeit ein bescheidenes Dasein, um dann spurlos zu verschwinden.

In dem Roman sucht eben das Zeitliche seine Zuflucht, um zu Worte zu kommen; alle vorübergehenden Stimmungen, gesunde und ungesunde, reine und unreine, alle Gedanken, klare und unklare, nützliche und verderbliche fließen in dieses Sammelbecken hinein. Das ist's auch, was dem Sittenforscher oft ältere Romane wertvoll machen kann.

Aber gerade dieses Wirrsal von Empfindungen, Vorstellungen und Ansichten macht das ungezügelte Lesen von Romanen zu einer Gefahr besonders für die Jugend. Es strömt in sie eine Überfülle von Bildern, Empfindungen und Anschauungen, die sich oft geradezu widersprechen; Gutes und Schönes tritt ihnen ebenso entgegen, wie das Gegenteil, nur ist dieses vielleicht viel besser geschrieben, oder Frivolität jeder Art, wenn nicht Laster, werden so verlockend geschildert, daß sie sich in die Vorstellungswelt einschleichen, mit erwachenden Trieben verschwistern und diese in oft sehr gefährliche Irrwege leiten.

Das Mitleben in doch sehr oft innerlich unwahre Schicksale verbraucht eine Menge von Kraft, um so mehr, je lebhafter und rascher der Lesende empfindet. Der Verbrauch an Gefühlen kann oft so groß werden, daß für das Leben nichts übrig bleibt. Ich habe manche Frau, manches junge Mädchen gekannt, die über gelesene Schmerzen Thränen vergossen haben und wegen des Leides einer ›Heldin‹ oder eines ›Helden‹ kaum einschlafen konnten, die aber ganz ungerührt bleiben, wenn ihnen wirkliches Elend im schroffen Lichte des Tages entgegentrat. Durch das übertriebene Lesen entwickelt sich nur zu oft die Vorliebe für Scheingefühle, die leichtlich zersetzend auf das Innere wirken; man wird zum Widerhall, der Fremdes zurückruft, zum Saitenspiel, das ein Anderer meistert – und da das sehr bequem ist, gewöhnt sich das Ich daran und büßt dabei die Kraft ursprünglicher Empfindung ein. Es spinnt aber doch manches Gefühl, manchen Gedanken weiter fort, nicht immer das reinste und den besten; es hängt Vorstellungen nach, die zuweilen für die gesunde Entwickelung des inneren Lebens gefährlich sind und das sittliche Feingefühl, die Schamhaftigkeit der Seele schädigen.

Und hier will ich im Vorübergehen etwas erwähnen, was immer mit Schweigen übergangen wird. Den Kern der Romane bildet fast immer die Beziehung der Geschlechter. Früher wurde sie stets von der geistigen Seite aufgefaßt, oft in unwahrer Einseitigkeit; heute geschieht sehr oft das Gegenteil – ebenso einseitig. Nun aber wird in der Mädchenerziehung die körperliche Bestimmung des Weibes, an sich groß und heilig, mit dichten Schleiern bedeckt – man bildet sich's wenigstens ein, daß die Sache verhüllt sei, die es in Wirklichkeit nicht ist. Wenn liebende Mütter ihre mannbar gewordenen Töchter – also etwa zwischen dem 16. und 18. Jahre – mit Ernst und Vernunft auf den hohen Zweck der Liebe hinwiesen, auf die Schmerzen und das Glück des Muttertums, dann verlören die Romane den größten Teil des Schädigenden. »Ich habe Dich, geliebtes Kind, in Schmerzen geboren, auch Dein Loos wird Schmerz sein; aber wie ich es trug aus Liebe zu meinem Manne, so wirst Du es tragen, und ich war glücklich, als ich Dich in meinen Armen hielt, wie Du es sein sollst.« Alles Frivole, alles Lüsterne fiele weg, wenn so in ernsten, liebenden Worten die eigene Mutter zum Kinde spräche. Vereinte sich in dessen Vorstellung der Begriff der Liebe mit dem des heiligen Muttertums, dann entwickelte sich im Gemüt der Mädchen die echte, hehre Scham des Weibes, die von selbst alles Unreine, was ihm in Wort und Schrift entgegentritt, von sich weist. – –

Ebenso wie das wahllose Lesen, so gehört das übertriebene Besuchen von Kunstsammlungen und Ausstellungen zum beschäftigten Müßiggange. Ich verstehe die Sehnsucht schönheitdurstiger Seelen; ich begreife und teile die Begeisterung, die Geist und Gemüt beim Anblick echter Kunstwerke ergreift und erweitert. Ich begreife auch jene, die erklären, daß sie den Geschmack bilden wollen, wozu doch auch das Vergleichen verschiedener Schöpfungen gehöre. Ich verneine aber, daß man zu diesem Zwecke Tausende von Bildern sehen müsse. Nicht auf die Menge des Gesehenen kommt es an, sondern auf die Vertiefung. Einleben muß man sich in die tiefsten Absichten eines Werkes; und ein echtes Kunstwerk ist ebenso wenig wie ein tieferer Mensch nach flüchtiger Begegnung erkannt. Es hat gar viel zu sagen, wenn wir zu fragen verstehen; unsere Einbildungskraft muß gleichsam hineinschlüpfen in alle Gestalten, Farben und Formen, bis sie nicht nur den oberflächlichen Sinn ergriffen hat, sondern lebt mit allen, auch mit den Farben und dem Licht, mit jener »Stimmung«, die besonders heute oft die eigentliche Seele der besten Schöpfungen bildet. Der echte Künstler, wie der echte Dichter, ist nicht befriedigt, wenn man den Rohstoff seines Werkes dem Gedächtnis einprägt: er will, daß man lebe in seiner Welt, daß jenes Zittern des Gemüts, von dem alles echte Schaffen begleitet ist, sich übertrage mit ähnlichen Schwingungen auf das Gemüt des Genießenden. Das Vorgeschaffene nachzuschaffen, ist das Geheimnis des Kunstgenusses; flüssig war das nun vor uns feststehende Bildwerk oder Gemälde, als es entstand; wir müssen dieses Feste nun gleichsam neu werden lassen, es flüssig machen im Feuer unseres Gefühls. Dazu aber bedarf es der Sammlung.

Wie viele nun gehen mit solchen Anschauungen in Museen und Ausstellungen? Da strömt eine bunte Menge durch die Säle, man will sehen – die lieben Nächsten – und von ihnen gesehen sein; man plaudert, man wechselt herkömmliche Urteile aus, die durch jahrzehntelangen Gebrauch ihre Dauerhaftigkeit bewährt haben; man beschaut und bekrittelt Schnitt und Aufputz neuer Kleider und Hüte – in diesem Satze bedeutet »man« so viel wie »Frau« –; man lächelt und lacht, wispert und flüstert, spottet und witzelt, man kla–gt. Und steht das Ausstellungsgebäude gar in einem Garten, wo Musik gemacht, Kaffee getrunken und gegessen wird, so bleibt von aller Sammlung nichts übrig, und die Kunst wird für Tausende zur Gelegenheitsmacherin für alles Mögliche, was ihr ferne liegt. Und dieser Art des Kunstgenusses huldigen, wo die Gelegenheit geboten ist, Tausende – übrigens Männer wie Frauen und Mädchen – und er ist dann nur beschäftigter Müßiggang.

»Aber Mensch, Barbar, Ungetüm«, werden Sie vielleicht denken, »Du möchtest uns ja alles verbieten. Wir sollen nicht Handarbeiten machen, nicht punzen, nicht malen, nicht kerben, nicht schnitzen, nicht Schneebälle machen; wir sollen weder singen noch sonst Töne erzeugen, nicht lesen noch dichten und nicht Konzerte und Ausstellungen besuchen. Was sollen wir denn noch nicht?«

Ich lese den Einwurf in manchem Augenpaar ganz genau. Er ist aber unlogisch.

›Ach, da kommt wieder der männliche Hochmut heraus‹, so lese ich in den gleichen Augen weiter. Wir Frauen haben natürlich (wie ironisch die Augen dieses »natürlich« aussprechen!) keine Logik! Die haben die Herren der Schöpfung ganz allein erhalten.

Erstlich ist die Logik durchaus nicht das, wofür man sie hält. Sie ist weder ein Weg zur Wahrheit, noch ein Pfadfinder, sondern höchstens ein Stab, mit dem man den Weg untersuchen kann, ob er uns zu tragen vermag. Ich kenne sehr unbedeutende Männer, die sehr viel Logik besitzen, und geistreiche Frauen ohne alle Logik; jene geraten trotz ihr oft in den Sumpf des Irrtums, und diese finden durch richtiges Gefühl eine Wahrheit. Also liegt durchaus keine Mißachtung des Weibes in meiner Bemerkung.

Aber unlogisch bleibt der Einwurf der sprechenden Augen: nichts habe ich den Frauen verwehren wollen; sie dürfen das alles betreiben, wenn es mit Maß geschieht, oder wenn sie die Arbeit so ernst auffassen, daß sie für sie zum Lebensberufe wird und ihnen im Notfalle Unabhängigkeit gewährt. Ich bekämpfe nur das geschäftige Nichtsthun, das nur Zeit tötet, ohne den Geist zu bereichern, und in diesem Kampfe werden alle tiefer angelegten Frauen gern auf meine Seite treten.

Nun giebt es aber thatsächlich viele weibliche Wesen der besser gestellten Kreise, die fast nichts Ernsteres zu thun haben. Oft habe ich von solchen, in denen die Gesellschaftelei nicht alles Höhere ertötet hatte, Briefe mit der Frage erhalten: »Das Leben langweilt mich; künstlerische Begabung besitze ich keine, oder nur sehr unbedeutend; lesen kann man nicht immer; im Hause findet sich für mich keine Arbeit – was soll ich thun?«

Ja, es ist so: es giebt wirklich Tausende von Frauen und Mädchen, die sich langweilen, nicht aus Hohlheit, sondern weil ein edleres Etwas in ihnen nach Bethätigung strebt und nichts findet, an dem es sich erproben könnte. Vorurteile der Eltern, Hochmut auf Rang und Namen stehen oft im Wege. Aber der Hauptgrund liegt tiefer: in der durchaus verfehlten Art der heutigen Mädchenerziehung.

Wir wollen in der nächsten Predigt zuerst über die falschen Bildungsbegriffe sprechen, die heute immer ungestümer nach Herrschaft ringen.

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