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Laien-Predigten für das deutsche Haus

Otto von Leixner: Laien-Predigten für das deutsche Haus - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorOtto von Leixner
titleLaien-Predigten für das deutsche Haus
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Erste Predigt.
Vom Luxus und seinen verschiedenen Vermummungen

Verehrteste Zuhörerinnen!

Gewöhnlich, wenn ein Mann über Sie manches sagt, was nicht nach allen Seiten schmeichelhaft ist, wird er des Hochmuts und der Einbildung angeklagt. Dann pflegen Frauen und Mädchen zu sagen: »Das ist auch einer von den Eitlen, die da glauben, ihr Geschlecht sei von Gott besonders bevorzugt, und die alles Böse auf uns häufen.« Von diesem Vorwurf, glaube ich, werde ich frei bleiben, da ich mein eigenes Geschlecht nicht geschont habe. Wenn ich nun auch dem anderen Wahrheiten sage, so geschieht es nicht aus Überhebung und auch nicht in der Absicht, weh zu thun. Wer mit verächtlichen Worten tadelt, um wessen Lippen bitterer Spott zuckt, der wird, und mag er tausendmal recht haben, am wenigsten auf Frauen einen Einfluß gewinnen. Denn eine solche Art weckt den inneren Trotz, und wo der wach ist, weiß er allen Pfeilen des scharfen Spottes auszuweichen. Nicht will ich es beschwören, daß ich gar nicht spotten werde. Aber meine Pfeile sollen mit heilendem Balsam bestrichen sein. Und dieser Balsam ist meine Hochachtung vor dem Guten und Schönen, was das weibliche Wesen, wo es nicht in Grund und Boden verderbt ist, in sich trägt.

Wer eine reine, liebreiche Mutter und herzensgute Schwestern besessen, wer edle Frauen in allen Schichten kennen gelernt hat, der kann überhaupt nicht einstimmen in das Indianergeheule, das heute wieder manchenorts gegen das Weib im Allgemeinen angestimmt wird. Vornehmlich von verschiedenen Schriftstellern, die in Romanen, Schauspielen und lyrischen Gedichten über das ganze Geschlecht den Stab brechen und uns verderbte Ausnahmen verlotterter Gesellschaftsschichten so hinstellen, als seien es überhaupt Vertreter des weiblichen Wesens.

Ich bin nicht blind für die Zeichen des Verfalls bestimmter Kreise. Ich weiß, es giebt hier viele, die durch die Lebensweise ihrer Umgebung von Jugend an vergiftet sind, deren Einbildungskraft früh befleckt wurde, die selbst als Frauen von unreinen Leidenschaften bis zum sittlichen Untergange geführt werden. Es lebt in ihnen nichts mehr, als ein Gespenst, das sie stets in die »Welt« hinausjagt, wo sie immer stärkere Erregungen suchen, um sich zu betäuben, bis sie an Geist und Körper erschöpft sind. Andere betreiben das gleiche Geschäft des Weltlebens mit eisiger Kühle: sie sind verderbt mit Willen, sie verneinen alles Reine und Edle mit spottgeschürzten Lippen; sie sind lasterhaft ohne Leidenschaft; suchen den Genuß, obwohl sie ihn verachten; sie sind geistreich, aber gemütsarm.

Das und vieles andere weiß ich sehr gut. Aber mag auch in den Bühnenstücken und Romanen der Modernen diese Art von Weibern die Mehrzahl bilden, in der Wirklichkeit ist es kaum in jenen Kreisen der Fall, in denen die Vorbilder den Ton angeben. Wie viel man auch an den Frauen tadeln mag, das Meiste geschieht nicht aus Verderbtheit, sondern aus Nachahmungssucht, übler Gewohnheit und – dieses Wort kann ich nicht mildern: aus Unlust zu denken. Also nicht aus Mangel an Verstand, denn diesen besitzen die Frauen gewiß ebenso wie wir, nur wenden sie ihn gar gerne an unrichtiger Stelle an, z. B. um uns klar zu beweisen, daß sie mit ihrem Unrecht vollkommen Recht haben. Es freut mich zu sehen, daß die älteren der anwesenden Frauen beistimmend nicken.

Eine jener Angelegenheiten, die Unrecht einschließen, ist der weitverbreitete Hang zum Luxus. Ich meine damit nicht jene Verschwendungssucht, die Tausende für ein Kleid oder einen Pelz ausgiebt. Das können ja nur wenige, die meine Predigten ja überhaupt nicht anhören.

Luxus ist jedes Bedürfnis, das die Verhältnisse verbieten. Wenn eine Frau sich einen Sonnenschirm für 10 Mark kaufen darf und sie ersteht einen für 15, so ist das Luxus. Darf sie im Monat ein Paar Straßenhandschuhe verbrauchen und sie verbraucht deren zwei, so ist es Luxus – obwohl es auch einer sein kann, wenn die Verhältnisse es gestatten. Und so ergiebt sich eine ergänzende Erklärung des Begriffs: Luxus ist jede Ausgabe, die vorübergehende Bedürfnisse mit zu großen Mitteln befriedigt, die besser für einen bleibenden oder geistig edleren Zweck verwendet werden könnten.

Und in dieser Auffassung des Begriffs treiben sehr viele Mädchen und Frauen Luxus.

Es hängt das zum großen Teil mit der »Mode« zusammen.

Es ist ein natürliches Streben des Weibes, daß es gefallen will. Ein Thor nur kann das tadeln; schließlich wollen Männer ja auch gefallen. Gefallen wollen begreift in sich das Streben, die äußere Erscheinung in ein günstiges Licht zu setzen. Das aber, was in der Kleidung günstig wirkt, ist sehr abhängig von den Strömungen der Mode, die in merkwürdiger Weise den Geschmack beeinflußt. Die launische Herrin (in Wahrheit verkörpert in einigen Londoner und Pariser Schneidern und Fabrikanten) schreibt z. B. hohe Achseln vor. Bis dahin hat sich das Kleid an die Formen des Armes und der Schultern angeschmiegt; der Geschmack gewöhnte sich leicht daran, weil die Linien durchaus der Natur gemäß waren. Anfangs nun findet man die sich immer höher türmenden Ärmel häßlich. Je mehr sie aber Sitte werden, desto mehr gewöhnen sich die Meisten an den Anblick, zuletzt gefällt das Unnatürliche, und ein Mädchen oder eine Frau, die sich nicht fügt, gefällt nicht mehr. Die Mode bevorzugt Schlankheit. Es werden Folterwerkzeuge geschaffen, Mieder genannt. Sie pressen die Mitte enger und enger zusammen; sie mißhandeln die Rippen, wirken schädlich auf die Leber und die Lungen, geben Anlaß zu Kurzatmigkeit, Blutarmut, lassen bestimmte Muskeln so verkümmern, daß manches Weib sich ohne den Panzer gar nicht aufrecht halten kann. Aber die Mode gebietet, und fast alle Frauen gehorchen. Im Grunde ist diese schlanke Mitte ein Hohn auf die Schönheit des weiblichen Körpers, da sie die feinen Wellenlinien vernichtet, aber die Mode bestimmt das Urteil und zuletzt erscheint den Meisten der frische natürliche Wuchs häßlich. So sind der Schnitt der Kleider, die Muster der Stoffe, der Aufputz u. s. w. steten Veränderungen unterworfen, und es gefällt dann meist das am besten, was sich diesem Wechsel anschließt.

In Verbindung mit ihm entwickelt sich der Luxus der Tracht. In einem bestimmten Kreise braucht nur ein weibliches Wesen den neuen Moden zu huldigen, und sofort beeinflußt es das Urteil der meisten Mitschwestern seiner Umgebung, denen nun die Mode von gestern nicht mehr gefällt und nicht mehr gefällig erscheint. So rasch es geht, rücken sie nun nach. Die hohen Achseln beginnen zu verschwinden, jetzt strebt man die breiten an, wie unsere Mütter sie in der Zeit zwischen 1825-1845 trugen. War einige Jahre alles wie in die Länge gezogen, so fließt es jetzt in die Breite auseinander. Wird aber das Kleid oben breit, so kann man darüber keinen Überwurf anziehen, der in die Höhe strebt; giebt man der Mode an einer Stelle nach, muß man's an der anderen auch.

So verführt sie Tausende zu unnötigen Ausgaben, die oft nur gemacht werden können, wenn man die nötigen beschneidet – oder wenn man Schulden macht. Besonders in töchterreichen Häusern wird die Kleiderfrage oft zur Veranlassung steten Unfriedens. Die Mutter, sonst oft eine vernünftige Frau, ist in dieser Sache unvernünftig. Der Vater kann über einen bestimmten, meist mäßigen Betrag nicht hinaus. Was für Kunststücke werden oft angewendet, um die Mädchen trotz allem »standesgemäß« anzuziehen! Die Tisch- und Bettwäsche bedürfte dringend der Erneuerung. Man flickt sie aber aus, denn »das sieht ja niemand« – das Mittag- und Abendbrot wird beschnitten; »es ist gleichgiltig, was der Mensch ißt!« – kurz: alles was sich den Blicken des lieben Nächsten entzieht, wird vernachlässigt, damit das, was sie bekritteln könnten, tadellos sei. Ein Buch, das 3-4 Mark kostet, zu kaufen, gilt als Verschwendung; für einen Hut giebt man 20 Mark aus; den Sammler, der uns für eine Wohlthätigkeitsanstalt um 50 Pfennig anspricht, weist man ab, für eine Schleife oder ein flatterndes Band giebt man das Drei-, Vier- und Zehnfache aus.

Ähnlich geht es oft mit der Einrichtung. Die Gesellschaftsräume, oder wenigstens der »Salon« und das Speisezimmer, werden für das Urteil der Besucher und Gäste zurechtgemacht. Oft mit mehr Geld als Geschmack. Alles übrige ist vernachlässigt, ungemütlich, ja nicht selten unreinlich und ungesund.

Sie sehen: in all diesen Dingen werden für vorübergehende Zwecke unverhältnismäßige Mittel verbraucht. Der Spaziergang, auf dem ich mein neuestes Frühjahrskleid ausführe, um es in den belebtesten Straßen bewundern zu lassen; der Besuch, der zehn Minuten auf einem mit teurem Gobelinstoff bezogenen Lehnstuhl in meinem Empfangszimmer sitzt, das alles ist vorübergehend. Das Bleibende ist, oder sollte sein, das häusliche Leben. Dafür eigentlich müßte ich den größeren Teil des verfügbaren Geldes ausgeben; die Räume, in denen ich wohne, esse, schlafe, arbeite, die müßten anheimelnd, freundlich, gesund sein, nicht jene, die oft wochenlang niemand betritt, als etwa ein Dienstbote, der die Reinigung besorgt.

Wenn Gäste geladen sind, dann wird in vielen Häusern geradezu Luxus getrieben mit Speisen und Getränken. Viele Frauen – ich scherze nicht – zählen genau die Schüsseln, die wir bieten, um ja, wenn sie uns »abfüttern« müssen, nicht etwa eine weniger zu geben. Das ginge ja gegen die »Ehre des Hauses«. Und um die Kosten einzubringen, werden dann – ich scherze wieder nicht – in manchen Häusern den heranwachsenden Kindern die Brote um ein Drittel dünner geschnitten, der Fleischbelag um die Hälfte vermindert und der Kaffee – doch nein, was da als solcher gegeben wird, hat mit Kaffee nichts mehr gemein als den Namen.

Ist das nicht geradezu thöricht von uns, daß wir einerseits verschwenden, andrerseits knausern?

Gerade was den Eßluxus betrifft, könnten unsre Hausfrauen bei festem Willen eine Reformation bewirken. Die meisten Frauen des mäßig begüterten gebildeten Mittelstandes, die ich kenne, sind stets »ganz« meiner Meinung gewesen, wenn ich mit ihnen über diese Angelegenheit gesprochen habe. »Ja,« sagten sie, »es ist schade um das viele Geld und um die Arbeit vorher. Man hat gar nichts davon.« Manche fürchtet sich geradezu vor solch' einem Abend wegen der scharfen Augen und feinen Zungen ihrer Geschlechtsgenossinnen. Oder soll ich seine Augen und scharfe Zungen sagen? Ich kannte eine Geheimrätin, die stets vor Beginn der Tafel alle Gläser, Schüsseln und Eßgeräte, die das Gedeck zweier besonders redegewandten Standesgenossinnen bildeten, mit Angst auf irgend ein Fleckchen untersucht hat.

Aber trotz allem ist es bis jetzt keinem gelungen, die edlen Hausfrauen zur Bildung eines Bundes zu ermuntern, der den Eßluxus bekämpfte. Als Vereinszeichen schlüge ich ein Tellerchen am Bande vor, mit der Inschrift: »Nur ein Gericht!«

Ebenso wie die Abend- und Mittagmahlzeiten sind die »Kaffees« ausgeartet. Was ich sonst gegen diese angenehme Einrichtung zu sagen hätte, will ich im tiefsten Busen bewahren. Früher gab es außer dem braunen Trostgetränke einen Kuchen, und die Festlichkeit dauerte etwa von 3 oder 4 bis 7 Uhr. Allmählich hat sie sich zu einer Orgie entwickelt. Neben dem Kaffee beginnt sich der Thee einzubürgern. Aber der erste, sonst Mittel- und Höhepunkt der gebotenen Genüsse ist zum bloßen Zierwerk geworden. Nach ihm rücken süße Speisen und eingemachtes Obst nebst kleinem Backwerk an; und wieder eine Stunde später belegte Brödchen mit Wein, ja sogar – ich bringe weder Wort noch Sache gerne über meine Lippen – Schnäpse. Und die Festlichkeit dauert bis 9 oder 10 Uhr.

Daß dabei das Bächlein der Unterhaltung fröhlich plätschert und bisweilen zum ungestümen reißenden – ja zerreißenden Sturzbach anschwillt, will ich gewiß nicht tadeln, nicht als einen weiblichen Fehler schelten. Denn – ich bitte Sie die Sache Ihren Gatten und Brüdern nicht zu verraten – im Klatschen und Schwätzen haben es viele der heutigen Männer zu solcher Vollendung gebracht, daß wenige weibliche Wesen ihnen gleichzukommen vermögen.

Also ich möchte die wohlthätige Lungenübung nicht beschränken, aber muß dabei ein solcher Eßluxus entfaltet werden? Muß man eine Ehre darin suchen, noch mehr als eine andere zu geben und sich gegenseitig zu überbieten?

Wird dadurch wirklich der Geist heiterer Geselligkeit gepflegt und gestärkt? Ich fühle, daß Sie alle innerlich nein sagen. Aber warum unterwerfen sich nun dennoch so viele diesen üblen Sitten? Einige wollen einfach glänzen, andre aber fügen sich nur aus Mangel an gesellschaftlichem Mut. Ich erlaube mir auch gegen die Kaffee-Orgien die Gründung des eben genannten Bundes vorzuschlagen.

Nicht selten hüllt sich der Luxus in das Gewand der Hausfraulichkeit. Da werden im Sommer und Herbst alle möglichen Fruchtarten in Dampf gekocht, zu süßen Sülzen verarbeitet, in Rumtöpfe eingelegt u. s. w. und vielerlei Gemüse nach bewährten Vorschriften eingelegt. Mit Stolz gleitet der Blick der Hausfrau über die vielen Dutzende von Büchsen, Töpfen und Gläsern, die stramm nebeneinanderstehen, wie ein Garderegiment bei einer Truppenschau. Nur sagen sie nicht: »Guten Morgen, Majestät!«

Wenn das auf dem Lande geschieht, so hat es zuweilen seine Berechtigung – in Städten ist es Luxus. Denn abgesehen davon, daß selbst bei großer Sorgfalt manches verdirbt, muß der Vorrat doch verbraucht werden. Schon seine Anwesenheit reizt dazu; schließlich aber ist das Meiste doch nur Schleckwerk. Müßte man es sich kaufen, so geschähe es nur bei besonderen Anlässen; so aber geht es auf, und vergrößert unnötigerweise die Kosten des Lebens. Ich habe mehr als eine Frau gekannt, die alle diese Haushaltungskünste vorzüglich verstand und durch deren Ausübung mit dazu beitrug, den Wohlstand des Hauses zu vernichten und bei den ihrigen überflüssige Bedürfnisse aufzuziehen.

In verwandter Art äußert sich die falsche Hausfraulichkeit als Hang zum Luxus bei jenen Frauen, die von der Billigkeits-Leidenschaft ergriffen sind. Sie halten stets Ausschau nach Ausverkäufen, häufen Berge von Wäsche, Geschirr auf, sammeln Dutzende von Tischläufern, alles »spottbillig«, »halb geschenkt« – aber überflüssig. Ich verstehe sehr gut den Stolz auf einen gefüllten Wäscheschrank, wo Bettlinnen, Überzüge, Tisch- und Mundtücher in blinkender Weise, zierlich mit Buchstaben versehen, aufbewahrt sind. Ich wünschte sogar, daß dieser Stolz auch in unseren jungen Mädchen mehr erzogen würde, als es geschieht, damit ihnen dieser Besitz lieber wäre, als ein modisches Kleid. Aber die Ausartung führt eben auch zum Luxus, und etwas Unnötiges noch so billig zu kaufen, heißt verschwenden.

Ungemein viel Geld wird heute auch für Nichtigkeiten hinausgeworfen, die, wie man sagt, zum Schmucke der Wohnräume dienen sollen. Gewiß berechtigt ist es, das Heim auch vom ästhetischen Standpunkt aus einzurichten, und man sollte es selber thun und nicht von einem bezahlten Handwerker machen lassen. Die Art, wie die Zimmergeräte, die Bilder u. s. w. angeordnet sind, verrät das Wesen der Menschen oft viel mehr, als sie ahnen. Das bessere Kunstgewerbe schafft heute wirklich Reizendes und Schönes, aber daneben macht sich der Schund, der nur scheinen will, in widerlicher Weise breit. Und gerade dieser hat an vielen Frauen und Mädchen die eifrigsten Käuferinnen. Die Sachen sind ja »so« billig: Schalen und Schälchen, Schüsseln und Schüsselchen aus aufdringlich glitzerndem Messing – es nennt sich cuivro poli – aus Porzellan mit bunten Bildern; dann die Blumengefäße, und hunderterlei Kleinigkeiten aus Bisquitmasse oder bemaltem Thon, Möpse aller Größen, Katzen, Eidechsen und anderes Getier; bunte Fetzen aus Seide und Wolle – doch wer zählt die Völker, nennt die Namen?! Und all dieser Krimskrams wird zum »Schmuck« benützt; überall hängen, stehen und liegen diese scheußlichen Gebilde, die nach einem Jahre oft schon so häßlich aussehen, daß man sie in den Müllkasten wirft, oder froh ist, wenn sie zerbrechen oder zerreißen. Man könnte für das Geld, das dieser Scheinluxus verschlingt, sehr gut einige wirklich schöne Gegenstände erstehen, an denen man dauernde Freude hätte, aber man will alle Ecken und Eckchen, jede Wandfläche und jedes Schränkchen füllen, und so greift man zu dem Schund und verschwendet. Auch die künstlichen Palmwedel und Blumen, besonders die Schneebälle aus Papier und die großen und kleinen Fächer gehören zu diesem Schund, der nur Staub auffängt und sich oft nicht einmal rein erhalten läßt. Auch auf diesem Gebiete könnten die Frauen, ließen sie sich mehr vom natürlichen Geschmack, als von der Mode leiten, eine heilsame Umänderung herbeiführen und Mitstreiterinnen werden im Kampfe gegen das Scheinwesen.

Eine andere Art von Luxus wird durch die oft sehr übertriebene Teilnahme an öffentlichen Vergnügungen getrieben. Natürlich hauptsächlich in größeren und großen Städten.

Es ist begreiflich, daß Frauen, die Freundinnen des Schauspiels oder der Musik sind, das Verlangen hegen, hie und da der Aufführung eines edlen Kunstwerkes beizuwohnen. Aber bei vielen wird es allgemach zur Leidenschaft, die sich auf Töchter und Söhne verpflanzt. Der Drang nach dem Neuen wächst; man will im Kreise der Bekannten nicht als ›ungebildet‹ gelten, will mitsprechen können. Auch hält man es für unschicklich, sich mit billigen Plätzen zu begnügen, wenn Standesgenossen teurere haben. Das aber bedingt auch wieder größere Ausgaben für Kleider und andere Nebensachen. Oft verführt es auch noch zum Besuche von Gastwirtschaften nach den Vorstellungen und Musikaufführungen.

Die Hauptkosten hat aber das häusliche Leben zu bestreiten. Je mehr wir die Welt suchen, desto mehr verblaßt der Zauber des Heims. Und doch könnte man zu Hause auch dem Kunstgenuß eine Heimstätte schaffen, könnte sogar hier viel tiefer und inniger genießen, als es gar oft in prunkenden Kunsttempeln und Musiksälen möglich ist. Die Hausflüchtigkeit ist ein gefährliches Gift, das nicht selten Geist und Herz langsam tötet.

Aber es wäre ein Unrecht, wollte man alle Schuld den Frauen aufladen. Mein Geschlecht ist vielleicht noch mehr die Ursache dieser Erscheinung, und die Väter haben seit Jahrzehnten das ihrige dazu beigetragen, die Hausflüchtigkeit zur vielgeübten Sitte zu machen.

Wie oft habe ich von jungen Männern und Mädchen den Ausspruch gehört: »Ach, zu Hause ist es zu langweilig!« Dann konnte ich nur die Eltern verurteilen. Denn in unserer Hand liegt es, selbst bei bescheidenen Verhältnissen Söhnen und Töchtern das Haus lieb zu machen. Wird der Tag richtig eingeteilt, geschieht alles zur rechten Zeit, dann lassen sich, wenn nicht täglich, so doch mehrmals in der Woche, einige Abendstunden gewinnen, wo sich die Hausgenossen im Wohngemach oder im Speisezimmer vereinen. Jedes Mitglied trägt nach seinem Können zur Belebung des Verkehrs bei. Man kann ernste oder heitere Bücher lesen, ohne Ansprüche etwas Hausmusik betreiben; man kann den Kindern schon frühzeitig gestatten, einige Altersgenossen zuweilen bei sich zu sehen. Je mehr der Jugend Gelegenheit geboten wird, im Elternhause eine bescheidene, aber zwanglos herzliche Geselligkeit zu pflegen, desto enger schließen sich die Herzen an das Heim. Und hier kann die Mutter einen Einfluß gewinnen; der durch das ganze Leben als stiller Segen fortwirkt.

Aber heute kommt es nur allzu oft vor, daß man schon halbwüchsigen Kindern die Genüsse der Erwachsenen zugänglich macht. In Großstädten giebt es Kinder, die schon mit zehn Jahren Dutzende Male im Zirkus und im Theater gewesen sind, die man zu Wettrennen und in alle möglichen Ausstellungen geführt hat. Auch das ist ein Luxus und zwar ein sehr verderblicher. Zu Stunden, wo der Kinderkörper der Ruhe bedarf, sitzen die Kleinen mit brennenden Augen und glühenden Wangen in meist überhitzten, schlecht gelüfteten Räumen und bringen ungesunde Erregungen mit nach Haus. Sie werden frühe überreizt, sie sehen und hören gar vieles, was ihre Einbildungskraft leicht in falsche Bahnen leitet und die Gemüter um die Kindlichkeit betrügt; sie werden altklug und verlieren oft die Freude an jenen Vergnügungen, die ihren Jahren gemäß sind.

Zum verderblichen Luxus rechne ich auch jene Kindergesellschaften, wie sie in manchen vornehmen oder nur reichen Häusern einige Zeit sehr stark im Schwunge waren, und es hier und dort noch sind. Da werden die Kleinen aufgeputzt wie Affen, und vielleicht als Pagen, Schäferinnen, Feen und Hanswürste, als Rokoko-Kavaliere und gepuderte Dämchen verkleidet und müssen Erwachsene spielen und lächeln und knixen. Und sie bekommen Tanzkarten und die »Herren« – »engagieren« zum Cotillon und zum Souper – und die »Damen« von 8-12 Jahren drehen und wenden sich, lächeln und liebäugeln oder schmollen, daß ein Vernünftiger über das Possenspiel toll werden könnte. Und die Mütter? Gestatten Sie mir für einen Augenblick ärgerlich zu werden. Die sind entzückt, wenn ihr Bengel von 6-10 Jahren tadellose Verbeugungen macht, oder das Töchterlein sich im Augen- und Fächerspiel so gewandt zeigt wie eine Salondame; sie lächeln geschmeichelt, wenn es besonderen Erfolg bei den jungen Herren hat und die anderen Damen verdunkelt. Daß aber durch das alles die Eitelkeit genährt, die Gefallsucht entwickelt wird; daß das Getreibe der Gesundheit schädlich ist, daran denken sie in ihrer Eitelkeit nicht. Ja, Eitelkeit, denn echte, gesunde Mutterliebe will stets das Beste des Kindes, und mit zu dem Besten gehört die Erhaltung reiner Kindlichkeit. So aber werden frühreife, darum unkindliche Wesen erzogen, und die Schuld liegt allein bei den Müttern, die solches Thun unterstützen. – So, ich habe die Seele frei geredet und bitte nur, mir den kleinen Ausbruch zu verzeihen.

Auch falscher Luxus wird getrieben mit Taschengeldern und mit Spielsachen. Siehe über diese den 3. Abschnitt: » Vorweihnachtsmärchen«.

Ich halte es für sehr vernünftig, wenn Kinder, vielleicht sobald sie in die Schule kommen, ein kleines Taschengeld erhalten, um den Wert und den richtigen Gebrauch des Geldes kennen zu lernen. Die erste Bedingung aber ist, daß man die Kleinen an rückhaltlose Wahrheitsliebe gewöhnt hat. Sie müssen über jede Ausgabe berichten; verschwenden sie, dann überzeuge man sie von der Thorheit der Ausgabe. Auch ist es von größter Wichtigkeit, sie anzuleiten, von dem Betrag etwas zurückzulegen und zuweilen etwas davon für kleine Geschenke oder für Almosen zu verwenden. So lernen die Kinder bald, daß sie nicht nur an sich allein denken dürfen.

Aber es giebt Eltern, die ihren Kindern nicht nur ein viel zu hohes Taschengeld aussetzen, sondern sich auch um dessen Verwendung gar nicht bekümmern. Wenn 10-12jährige Schuljungen 10-20 Mark im Monat erhalten, so ist das ein verwerflicher Luxus. Sie gewöhnen sich an Naschhaftigkeit, Verschwendung, an kindische Protzerei und lernen es nicht selten, hochmütig auf die Altersgenossen zu blicken, die nur 50 Pfennig oder 1 Mark erhalten. Diese aber werden unzufrieden und klagen dann oft zu Hause, daß sie von den Bevorzugten gehänselt werden.

Es ist heute mehr denn je eine heilige Pflicht der deutschen Mutter, ob sie nun den reichen oder den mäßig begüterten Kreisen angehört, den Hang zum Luxus, in welcher Art er sich äußern möge, zu bekämpfen.

Jedes künstlich genährte Bedürfnis bildet das Glied einer Kette, die den Menschen, Mann wie Weib, zuletzt an den Schein fesselt und ihm die Selbsterziehung unmöglich macht. Jeder Luxus, wenn er nicht sehr idealen Zwecken dient, nährt die Ichsucht. Wir nähern uns aber Zeiten, wo unser Volk opferfähige und opferwillige Frauen und Männer nötig haben wird, um die ernsten Aufgaben zu lösen, wenn es nicht untergehen soll. Das aber ist nur möglich, wenn die Frauen auch ihren Anteil an der Aufgabe auf sich nehmen. Diese ist hauptsächlich Sache des Hauses. Schafft darum, deutsche Frauen, in Eurem Kreise wieder Heimstätten des Gemüts und Ihr, die Ihr von je dieser Pflicht bewußt waret, haltet an ihr fest und lehrt diese Treue auch die Knaben und Mädchen. In dieser Pflicht eingeschlossen ist auch der Kampf gegen jenen Luxus, der nur dem Schein dient und seinem Wesen gemäß hinausdrängt in die Welt des Scheins und des ichsüchtigen Genusses.

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