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Lady Macbeth und andere Geschichten

Nikolai Semjonowitsch Ljesskow: Lady Macbeth und andere Geschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorNikolai Ljesskow
titleLady Macbeth und andere Geschichten
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorAlexander Eliasberg
year1961
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidd3db32b9
created20061209
modified20170602
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Das Tier

I

Mein Vater war ein seinerzeit sehr bekannter Untersuchungsrichter. Ihm wurden viele wichtige Fälle anvertraut, und er war darum meistens auf Reisen. Zu Hause blieben nur Mutter, ich und die Dienstboten.

Meine Mutter war damals noch sehr jung, und ich ein kleiner Bengel.

Als sich die Geschichte, von der ich hier erzähle, abspielte, war ich erst fünf Jahre alt.

Es war zur Winterszeit. Der Winter war in jenem Jahre so streng, daß die Schafe oft nachts in ihren Ställen erfroren und Dohlen erstarrt auf die hartgefrorene Erde niederfielen. Mein Vater befand sich damals in einer dienstlichen Angelegenheit in Jelez und konnte nicht einmal zu Weihnachten nach Hause kommen. Meine Mutter wollte daher selbst zu ihm hinüberfahren, damit er das schöne und freudige Fest nicht allein verbringe. Der fürchterlichen Kälte wegen nahm sie mich nicht mit, sondern ließ mich bei ihrer Schwester und meiner Tante zurück, die mit einem Gutsbesitzer aus Orjol verheiratet war. Dieser Onkel hatte nicht den besten Ruf. Er war reich, alt und grausam. Seine hervorragendsten Charaktereigenschaften waren Gehässigkeit und Unnachsichtigkeit; er war darüber durchaus nicht unglücklich, sondern prahlte gerne mit diesen Eigenschaften, die seiner Ansicht nach den Ausdruck männlicher Kraft und unbeugsamer Seelenstärke darstellten.

Er war bestrebt, auch seine Kinder zu der gleichen Manneskraft und Seelenstärke zu erziehen. Einer seiner Söhne war übrigens mein Altersgenosse.

Alle fürchteten den Onkel; ich aber fürchtete ihn noch mehr als alle, weil er auch mich zur »Manneskraft« erziehen wollte; Als ich drei Jahre alt war und unheimliche Angst vor Gewittern hatte, stellte er mich einmal bei einem heftigen Gewitter auf den Balkon hinaus und sperrte die Türe ab, um mir auf diese Weise meine Angst auszutreiben.

Natürlich war ich im Hause eines solchen Onkels sehr ungern zu Gast. Ich war damals aber, wie gesagt, erst fünf Jahre alt, und meine Wünsche und Neigungen wurden bei den Entscheidungen, denen ich mich fügen mußte, in keiner Weise in Betracht gezogen.

II

Auf dem Gute meines Onkels befand sich ein riesiges, steinernes, schloßartiges Gebäude. Es war ein prätentiöser, doch unschöner und sogar häßlicher zweistöckiger Bau mit einer runden Kuppel und einem Turm, über den allerlei scheußliche Geschichten erzählt wurden. Hier hatte einst der verrückte Vater des jetzigen Gutsbesitzers gewohnt; später wurde in diesen Räumen eine Apotheke eingerichtet. Auch das letztere galt aus irgendeinem Grunde als unheimlich; am unheimlichsten war aber die sogenannte Äolsharfe, die in einem offenen geschwungenen Fenster oben auf dem Turme angebracht war. Wenn der Wind durch die Saiten dieses launischen Instrumentes fuhr, gab es ebenso unerwartete wie seltsame Töne von sich, die aus einem leisen Girren in unruhige, wilde Seufzer und in ein wahnsinniges Getöse übergingen, das sich so anhörte, wie wenn ein ganzer Schwarm von Angst getriebener Geister durch die Saiten zöge. Alle Bewohner des Hauses konnten diese Harfe nicht leiden und glaubten, daß sie dem gestrengen Gutsherrn etwas sagte, wogegen er sich nicht aufzulehnen wagte, das ihn aber noch grausamer und unbeugsamer machte ... Eines stand jedenfalls fest: Wenn nachts ein Sturm losbrach und die Harfe auf dem Turme so laut dröhnte, daß die Töne über den Park und die Teiche hinweg bis ins Dorf drangen, tat der Herr die ganze Nacht kein Auge zu und war am Morgen noch finsterer und strenger als sonst; dann pflegte er irgendeinen grausamen Befehl zu erteilen, der die Herzen aller seiner Sklaven erbeben machte.

In diesem Hause war es Gesetz, daß jedes Vergehen unnachsichtliche Sühne fand und niemand und unter keinen Umständen Verzeihung erlangte. Dieses Gesetz galt ebenso für die Menschen wie für die Tiere und selbst für die kleinsten Geschöpfe. Der Onkel kannte keine Barmherzigkeit, liebte sie nicht und hielt sie für Schwäche. Unnachsichtige Strenge setzte er über alle Nachsicht. Daher herrschte im Hause und in den zahlreichen Dörfern, die diesem reichen Gutsbesitzer gehörten, eine ewige Trauer, die mit den Menschen auch die Tiere teilten.

III

Mein seliger Onkel war ein leidenschaftlicher Liebhaber der Hetzjagd. Er pflegte oft mit seiner Meute auszureiten und Wölfe, Hasen und Füchse zu jagen. In seinem Zwinger gab es auch eigens für die Bärenjagd bestimmte Hunde. Diese Hunde nannte man »Blutegel«. Sie bissen sich in das Tier dermaßen fest, daß man sie nicht wieder losreißen konnte. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ein Blutegel festgebissen hatte, ihn mit einem Schlag seiner schrecklichen Tatze totschlug oder zerriß, es kam aber niemals vor, daß der Blutegel lebend vom Tiere abließ.

Heute, wo die Bärenjagd nur noch mit dem Spieß und als Klapperjagd betrieben wird, scheint die Rasse der Blutegel in Rußland ausgestorben zu sein; aber in der Zeit, als sich diese Geschichte zutrug, gehörten sie zum Bestande eines jeden Zwingers: In unserer Gegend gab es damals auch sehr viele Bären, und die Bärenjagd zählte zu den beliebtesten Vergnügungen.

Wenn es gelang, ein ganzes Bärennest auszuheben, nahm man die Jungen oft lebend nach Hause mit. Sie wurden gewöhnlich in einem großen gemauerten Stall mit kleinen, ganz oben unter dem Dach angebrachten Fenstern gehalten. In den Fenstern gab es keine Scheiben, sondern nur feste Eisengitter. Die Bärenjungen kletterten manchmal übereinander bis zu den Fenstern hinauf und hielten sich mit ihren kräftigen Krallen an den Gittern fest. Nur auf diese Weise konnten sie aus dem Kerker in Gottes freie Welt hinausschauen.

Wenn man uns am Vormittag spazieren führte, gingen wir gerne an diesem Stall vorbei, um uns die drolligen Bären, die durch die Gitter herausschauten, anzusehen. Unser deutscher Hauslehrer Kolberg pflegte ihnen mittels eines langen Stockes Brotstücke zu reichen, die wir uns zu diesem Zweck beim Frühstück aufsparten.

Die Bären pflegte und fütterte ein junger Jäger namens Ferapont; das einfache Volk konnte diesen Namen schwer aussprechen und nannte ihn »Chrapon« oder noch öfter »Chraposchka«. Ich kann mich seiner noch gut erinnern. Chraposchka war von mittlerem Wuchs, gelenkig, kräftig und etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Er galt als hübscher Bursche: Er hatte ein weißes Gesicht, rosige Wangen, schwarze Locken und große, schwarze etwas hervorquellende Augen. Dazu zeichnete er sich durch ungewöhnlichen Mut aus. Seine Schwester Annuschka, die die Gehilfin der Kinderfrau war, erzählte uns oft höchst unterhaltende Dinge über den ungewöhnlichen Mut ihres kühnen Bruders und über seine Freundschaft mit den Bären, in deren Stall er im Sommer wie im Winter zu schlafen pflegte, wobei sie sich um ihn drängten und ihre Köpfe auf ihn wie auf ein Kissen legten.

Vor dem Hause meines Onkels befand sich ein großes rundes, von einem Schmuckgitter eingefaßtes Blumenbeet, dahinter erhob sich das breite Tor; in der Mitte des Beetes, dem Tor gegenüber, ragte eine hohe, glattgehobelte Stange, die man den »Mastbaum« nannte. An der Spitze des Mastbaumes war eine kleine Plattform angebracht.

Unter den gefangenen jungen Bären wurde immer der »klügste«, das heißt einer, der den zuverlässigsten und intelligentesten Eindruck machte, gewählt. Dieser Bär wurde von der übrigen Gesellschaft getrennt und durfte ganz frei auf dem Hofe und im Park herumspazieren, hatte aber die Obliegenheit, am Mastbaum vor dem Tore Posten zu stehen. Auf diesem Posten verbrachte er den größten Teil des Tages. Er lag oft auf dem Stroh am Fuße des Mastbaumes und hielt sich mit besonderer Vorliebe oben auf der Plattform auf, wo er vor der Zudringlichkeit der Menschen und Hunde sicher war.

Nicht alle Bären hatten ein Anrecht auf dieses schöne freie Leben, sondern nur die klügsten und gutmütigsten unter ihnen und selbst diese nicht ihr Leben lang, sondern nur solange sie nicht ihre tierischen, für das Zusammenleben mit anderen Geschöpfen ungeeigneten Eigenschaften zeigten, d. h. solange sie sich ruhig verhielten und weder Gänse noch Hühner, weder Kälber noch Menschen anrührten.

Wenn ein Bär auch nur einmal den Burgfrieden störte, wurde er sofort zum Tode verurteilt, und keine Macht der Welt konnte ihm Begnadigung erwirken.

IV

Mit der Auswahl dieses »klügsten« Bären wurde Chrapon betraut. Da er mehr als alle andern mit den Bären zu tun hatte und als großer Kenner ihres Charakters galt, wurde natürlich angenommen, daß er besser als jemand anderer diese Wahl vornehmen könne. Chrapon hatte auch die volle Verantwortung für die Folgen seiner Wahl zu tragen. Er wählte gleich das erstemal einen ungewöhnlich gelehrigen und klugen Bären, der einen sehr seltsamen Namen erhielt; während fast alle Bären in Rußland »Mischka« heißen, wurde dieser mit dem spanischen Namen »Sganarell« ausgezeichnet. Er hatte bereits fünf Jahre in Freiheit gelebt und noch keinen einzigen dummen Streich verübt. Wenn man von einem Bären sagte, daß er »Streiche mache«, so meinte man, daß er seine Tiernatur bereits irgendwie gezeigt habe.

Einen solchen »Streichemacher« setzte man zunächst in den »Graben«, der auf der geräumigen Wiese zwischen der Tenne und dem Wald angelegt war; nach einiger Zeit ließ man ihn auf die Wiese hinaus, indem man einen Balken in den Graben steckte, über den er dann selbst herauskletterte, und hetzte ihn mit jungen »Blutegeln«. Wenn die jungen Hunde mit dem Bären nicht fertig werden konnten und die Gefahr bestand, daß er in den Wald entrinnen könnte, traten zwei geschickte Jäger, die im Hinterhalt aufgestellt waren, mit ihren ausgewählten Meuten in Aktion und machten dem Bären ein schnelles Ende.

Und wenn auch diese Hunde sich so ungeschickt anstellten, daß der Bär sich auf die »Insel«, d. h. in den Wald, der mit den weiten Brjansker Wäldern zusammenhing, flüchten konnte, so feuerte auf ihn ein eigens bereitgestellter Schütze aus einer langen schweren Kuchenreuterschen Gabelmuskete die tödliche Kugel ab.

Es war noch nie vorgekommen, daß ein Bär allen diesen Gefahren entronnen wäre; das wäre auch zu schrecklich gewesen, denn die Schuldigen wären wohl kaum mit dem Leben davongekommen.

V

Die kluge und solide Natur Sganarells hatte zur Folge, daß es eine solche Hetzjagd oder Bärenhinrichtung schon seit fünf Jahren nicht mehr gegeben hatte. Sganarell war in dieser Zeit zu einem großen Bären von ungewöhnlicher Kraft, Schönheit und Gelenkigkeit herangewachsen, Er hatte eine runde, stumpfe Schnauze und einen recht schlanken Körperbau, so daß er eher einem riesengroßen Griffon oder Pudel als einem Bären ähnlich sah. Sein Hinterteil war etwas schmächtig und von kurzem, glänzendem Fell bedeckt, aber die Schultern und das Genick waren stark entwickelt und üppig behaart. Sganarell war so gescheit wie ein Pudel und konnte einige, bei Bären sehr seltene Kunststücke: Er verstand gut und schnell auf den Hinterbeinen vorwärts und auch rückwärts zu laufen, eine Trommel zu schlagen und mit einem langen Stock, der wie ein Gewehr angemalt war, zu exerzieren; ebenso gerne und sogar mit größerer Freude schleppte er mit den Bauern die schwersten Säcke zur Mühle und trug mit unnachahmlicher drolliger Eleganz einen hohen, spitzen, mit einer Pfauenfeder oder einem Strohwisch geschmückten Filzhut auf dem Kopfe.

Aber auch für Sganarell schlug einmal die Schicksalsstunde: Die Tiernatur gewann die Oberhand. Kurz vor meinem Besuch im Hause des Onkels hatte sich Sganarell mehrere Verfehlungen zu schulden kommen lassen, von denen eine schwerer war als die andere.

Das Programm der verbrecherischen Handlungen Sganarells war dasselbe wie bei allen seinen Vorgängern: Als erste Kraftprobe riß er einer Gans einen Flügel ab, dann legte er seine Tatze einem Füllen, das seiner Mutter nachlief, auf den Rücken und brach ihm das Rückgrat, zuletzt erregten irgendein blinder alter Bettler und dessen Führer sein Mißfallen; er wälzte sich mit ihnen im Schnee und zerquetschte ihnen Arme und Beine.

Der Blinde und sein Führer kamen ins Krankenhaus, Chrapon aber erhielt den Befehl, Sganarell in den Graben zu bringen, aus dem es nur den Weg in den Tod gab.

Als Annuschka mich und meinen kleinen Vetter abends zu Bett legte, erzählte sie uns, daß es bei der Überführung Sganarells in den Graben, wo er auf die Todesstrafe zu warten hatte, allerlei Rührendes gegeben habe. Chrapon habe ihm nicht den üblichen Ring durch die Nase gezogen und überhaupt nicht die geringste Gewalt angewandt, sondern nur gesagt:

»Tier, komm mit!«

Der Bär erhob sich und ging sofort mit. Besonders komisch wirkte es, daß er seinen Hut mit dem Strohwisch aufsetzte, Chrapon wie einen Freund umarmte und mit ihm so bis zum Graben ging.

Sie waren ja auch wirkliche Freunde.

VI

Chrapon hatte mit Sganarell natürlich das größte Mitleid, konnte ihm aber gar nicht helfen. In dem Hause, wo sich dies abspielte, wurde, wie schon gesagt, kein einziges Vergehen verziehen, und Sganarell, der sich dermaßen kompromittiert hatte, mußte seine Streiche mit einem grausamen Tode büßen.

Die Hetzjagd sollte als eine Nachmittagszerstreuung für die Gäste, die sich bei meinem Onkel zu Weihnachten versammelten, stattfinden. Die Anordnungen zu dieser Jagd wurden zur gleichen Zeit gegeben, als Chrapon den Befehl bekam, den schuldigen Sganarell in den Graben zu bringen.

VII

Man pflegte die Bären auf eine höchst einfache Weise in den Graben zu setzen. Man legte quer über die Öffnung einige leichte, schwache Stangen, überdeckte diese mit Reisig und schüttete darüber Schnee. Das Loch wurde so geschickt maskiert, daß der Bär die Falle gar nicht merken konnte. Man brachte das folgsame Tier bis zu dieser Stelle und ließ es weitergehen. Es machte einen oder zwei Schritte und stürzte plötzlich in den tiefen Graben, aus dem es nicht mehr herauskommen konnte. Der Bär saß hier bis zu der für die Hetzjagd angesetzten Stunde. Dann legte man schräg in den Graben einen etwa sieben Ellen langen Balken, und der Bär kletterte heraus, worauf sofort die Hetzjagd begann. Wenn aber das kluge Tier Unheil witterte und nicht herauskommen wollte, zwang man es, den Graben zu verlassen, indem man mit langen, mit eisernen Spitzen versehenen Stangen nach ihm stach, brennendes Stroh in den Graben warf, oder blinde Schüsse aus Gewehren und Pistolen abfeuerte.

Nachdem Chrapon den Bären auf die beschriebene Weise in den Graben gebracht hatte, kehrte er tief betrübt nach Hause zurück. Unbedachterweise erzählte er seiner Schwester und unserer Wärterin, wie willig ihm das Tier gefolgt war, wie es, nachdem es durch den Reisig in den Graben gestürzt war, sich auf den Boden hingesetzt, die Vordertatzen wie Hände zusammengelegt und zu weinen angefangen hatte.

Chrapon sagte seiner Schwester, daß er vom Graben, so schnell er konnte, weggelaufen sei, um das jämmerliche Stöhnen Sganarells nicht zu hören, das ihm ins Herz geschnitten habe.

»Ich danke nur Gott«, fügte er hinzu, »daß es jemand anderem und nicht mir befohlen wird, auf ihn zu schießen, wenn er Reißaus nimmt. Wenn diese Pflicht mir zufiele, würde ich alle Strafen über mich ergehen lassen, aber um nichts in der Welt auf das Tier schießen.«

VIII

Annuschka teilte uns das alles mit, und wir gaben es unserem Hauslehrer Kolberg weiter. Kolberg aber erzählte es dem Onkel, um ihn zu amüsieren. Als der Onkel es hörte, sagte er: »Der Chraposchka ist gut!« und klatschte dreimal in die Hände.

Das war das Signal für den alten französischen Kammerdiener Ustin Petrowitsch, einen ehemaligen Kriegsgefangenen vom Jahre 1812.

Ustin Petrowitsch, oder eigentlich Justin, erschien in seinem saubergebürsteten lila Frack mit silbernen Knöpfen, und mein Onkel gab ihm den Befehl, daß man bei der bevorstehenden Bärenjagd als Reserveschützen einen gewissen Flegont, der niemals sein Ziel verfehlte, und Chrapon aufstellen solle.

Der Onkel erwartete sich offenbar vom Kampfe der widerstrebenden Gefühle in der Seele des armen Burschen eine große Belustigung. Wenn es ihm einfiele, auf den Bären entweder überhaupt nicht zu schießen oder ihn absichtlich nicht zu treffen, so würde es ihm teuer zu stehen kommen; Flegont würde aber das Tier mit dem zweiten Schuß sicher erlegen.

Ustin verbeugte sich und ging hinaus, um den Befehl weiterzugeben. Wir Kinder sahen aber erst jetzt ein, was wir angestellt hatten, und fühlten, daß etwas Schreckliches im Anzuge sei. Gott weiß, wie das enden sollte. Unter diesen Umständen hatten wir weder an dem schmackhaften Weihnachtsessen, das der Sitte gemäß spät abends eingenommen wurde, noch an den vielen Gästen, die zum Teil mit ihren Kindern gekommen waren, rechte Freude.

Sganarell und Ferapont taten uns leid, und wir wußten nicht, mit wem von beiden wir mehr Mitleid hatten.

Wir beide, d. h. ich und mein kleiner Vetter, wälzten uns lange in unseren Bettchen. Wir schliefen spät ein, träumten von dem Bären und fuhren einigemal schreiend aus dem Schlaf. Und als die Kinderfrau sagte, daß wir vor dem Bären keine Angst zu haben brauchten, weil er im Graben sitze und morgen erschossen werden solle, wurde meine Unruhe noch größer.

Ich erkundigte mich sogar bei der Alten, ob es erlaubt sei, für Sganarell zu beten. Diese Frage lag aber außerhalb ihrer religiösen Kompetenz, und sie antwortete, in einem fort gähnend und sich den Mund bekreuzigend, daß sie es nicht sicher wisse, weil sie sich danach noch niemals beim Geistlichen erkundigt habe; der Bär sei aber sicher ein Geschöpf Gottes und habe sich auch in der Arche Noahs befunden.

Die Erwähnung der Arche Noahs brachte mich auf den Gedanken, daß die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes sich nicht nur auf die Menschen, sondern auch auf alle andern Geschöpfe erstrecke. Ich kniete in kindlicher Andacht in meinem Bettchen nieder, drückte mein Gesicht in das Kissen und flehte Gottes Majestät an, mir meine Bitte nicht als Sünde anzurechnen und Sganarell zu retten.

IX

Der erste Weihnachtstag brach an. Wir kamen in unseren Festtagskleidern in Begleitung unserer Hauslehrer und Erzieherinnen zum Frühstückstisch. Außer den zahlreichen Verwandten und Gästen befanden sich im Saal auch der Geistliche, der Diakon und zwei Küster.

Als der Onkel in den Saal trat, stimmte die Geistlichkeit einen Weihnachtschoral an. Dann nahm man den Tee und gleich darauf ein leichtes Frühstück ein. Zu Mittag wurde früher als sonst, nämlich um zwei Uhr, gegessen. Gleich nach dem Essen sollte die Bärenjagd beginnen: Man durfte sie nicht auf eine spätere Stunde hinausschieben, weil es um diese Jahreszeit früh Abend wurde und der Bär im Dunkeln leicht Reißaus nehmen konnte. Alles spielte sich genau nach dem festgesetzten Programm ab. Gleich nach dem Essen zog man uns Hasenfellpelze und zottige, aus Ziegenwolle gestrickte Stiefel an und setzte uns in die Schlitten, um zur Jagd zu fahren. Rechts und links vom Hause standen schon viele lange, mit je drei Pferden bespannte und mit Teppichen belegte Schlitten bereit. Zwei Reitknechte hielten die englische Fuchsstute »Modedame« an den Zügeln fest.

Der Onkel trat in einem kurzen Fuchspelz und einer spitzen Fuchsfellmütze aus dem Haus, und sobald er in den mit einem schwarzen Bärenfell bedeckten und mit Türkisen und Schlangenköpfen geschmückten Sattel stieg, setzte sich unser ganzer langer Zug in Bewegung. In zehn oder fünfzehn Minuten waren wir schon am Ziel. Alle Schlitten stellten sich im Halbkreise auf dem glatten schneebedeckten Felde auf, das von einer Kette berittener Jäger umstellt und in einiger Entfernung vom Walde abgeschlossen war

Dicht am Walde war im Gesträuch das Versteck für die Schützen eingerichtet, unter denen sich auch Flegont und Chraposchka befinden mußten.

Die Schützen selbst waren nicht zu sehen; einige zeigten auf die kaum sichtbaren Büchsenstützen, von denen auf Sganarell gezielt werden sollte.

Der Graben, in dem der Bär saß, war unsichtbar, und wir lenkten daher unsere Aufmerksamkeit auf die schmucken Reiter, die mit den schönsten Waffen ausgerüstet waren; es waren die Erzeugnisse der berühmtesten Büchsenmacher: des Schweden Strabus, des Deutschen Morgenrath, des Engländers Mortimer und des Warschauers Kolett.

Mein Onkel stellte sich mit seinem Pferde vor der Kette auf. Man gab ihm die Leine zweier zusammengekoppelter junger »Blutegel« in die Hand und legte auf den Sattel vor ihn ein weißes Tuch.

Die vielen jungen Hunde, die ihre Künste an dem zum Tode verurteilten Sganarell üben sollten, benahmen sich höchst selbstbewußt und zeigten brennende Ungeduld und Mangel an Selbstbeherrschung. Sie winselten, bellten und sprangen um die Pferde herum; die uniformierten Piqueure knallten mit ihren Peitschen, um die außer Rand und Band geratenen Hunde zur Vernunft zu bringen. Alles brannte vor Ungeduld, sich über das Tier zu stürzen, dessen Nähe die Hunde mit ihren feinen Nasen sofort witterten. Nun kam der Zeitpunkt, wo Sganarell aus dem Graben heraus gelassen und den Hunden preisgegeben werden sollte.

Mein Onkel winkte mit dem weißen Tuch, das vor ihm auf dem Sattel lag, und sagte: »Los!«.

X

Von der Schar der Jäger, die den Stab des Onkels bildeten, trennten sich an die zehn Mann und gingen quer über das Feld.

Als sie etwa zweihundert Schritte weit gegangen waren, blieben sie stehen, und hoben vom Schnee einen langen, nicht sehr dicken Balken auf, der uns bis dahin unsichtbar gewesen war.

Das spielte sich unmittelbar an dem von unserem Standpunkt aus gleichfalls nicht sichtbaren Graben ab, in dem Sganarell saß.

Der Balken wurde in die Höhe gehoben und mit dem einen Ende in den Graben versenkt. Er lag etwas schräg, so daß das Tier ohne besondere Mühe wie über eine Treppe herauskommen konnte.

Das andere Ende des Balkens ruhte auf dem Rande des Grabens und ragte etwa eine Elle weit heraus.

Alle Augen verfolgten mit Spannung diese Vorbereitungen, die uns dem interessantesten Augenblick näher brachten. Man erwartete, daß Sganarell sofort zum Vorschein kommen würde; er witterte aber wohl Unheil und blieb im Graben.

Nun begann man ihn mit Schneebällen zu bewerfen und mit langen Stangen in dem Graben herumzutreiben; man hörte sein Gebrüll, er ließ sich aber noch immer nicht blicken. Man gab einige blinde Schüsse in den Graben ab; Sganarell brüllte noch wütender, kam aber noch immer nicht heraus.

Nun erschien hinter der Schützenkette ein einfacher, mit nur einem Pferd bespannter Schlitten, wie man ihn zum Mistfahren gebraucht, und raste in der Richtung zum Graben. Auf dem Schlitten lag ein großer Haufen Stroh.

Das Pferd war groß und mager, eines von den Pferden, die sonst Futter von der Tenne fahren; trotz seines Alters und seiner Magerkeit galoppierte es mit erhobenem Schweif und gesträubter Mähne; Es war nicht recht klar, ob dieser Feuereifer nur ein Überbleibsel seiner Jugendkraft oder eine Folge der Angst und Verzweiflung war, die dem alten Pferd die Nähe des Bären einflößte. Das letztere war wohl wahrscheinlicher; das Pferd war außer der Kandare noch mit einer festen Schnur aufgezäumt, die in seine vor Alter grauen Lippen einschnitt und sie bereits blutig gerieben hatte. Der Stallknecht, der es lenkte, riß erbarmungslos an der Schnur und bearbeitete gleichzeitig den Rücken des Pferdes mit einer dicken Peitsche; das Pferd rannte wie wild und warf sich nach allen Seiten.

Das Stroh wurde in drei Haufen geteilt, angezündet und im gleichen Augenblick von drei verschiedenen Seiten in den Graben geworfen. Vom Feuer unberührt blieb nur die eine Stelle am Rande, wo der Balken herausragte.

Nun ertönte ein betäubendes, rasendes, mit Stöhnen untermengtes Brüllen, der Bär kam aber noch immer nicht heraus.

Man erzählte sich, daß Sganarells Fell schon versengt sei; er hätte sich die Tatzen auf die Augen gedrückt und liege so fest in einer Ecke des Grabens, daß man ihn unmöglich heraustreiben könne.

Das Pferd mit den blutiggeriebenen Lippen lief im gleichen Galopp wieder zurück ... Alle glaubten, daß es eine neue Portion Stroh holen sollte. Unter den Zuschauern wurden Vorwürfe laut: Warum hat man nicht eine genügende Menge Stroh vorbereitet? Mein Onkel wütete und schrie etwas, was ich im allgemeinen Lärm, Hundegewinsel und Peitschenknall nicht verstehen konnte.

Das Ganze hatte aber eine gewisse Stimmung und eine eigene Harmonie. Das alte Pferd galoppierte, sich wieder nach allen Seiten werfend und keuchend, zum Graben, in dem Sganarell lag. Diesmal war es aber kein Stroh: Auf dem Schlitten saß Ferapont.

Der Befehl, den mein Onkel in seiner Wut gegeben hatte, lautete, daß Chraposchka in den Graben steigen und seinen Freund selbst herausführen sollte ...

XI

Ferapont stand nun vor dem Graben. Er schien aufs Höchste erregt, handelte aber entschlossen und energisch. Ohne gegen den Befehl zu mucksen, nahm er vom Schlitten den Strick, mit dem vorhin das Stroh zusammengebunden war, und band ihn an das herausragende Ende des Balkens, wo sich eine Einkerbung befand. Das andere Ende des Strickes nahm er in die Hand und begann langsam in den Graben zu steigen. Das schreckliche Gebrüll Sganarells hörte sofort auf, und man vernahm nur noch ein dumpfes Brummen.

Es klang, wie wenn sich das Tier bei seinem Freunde über die grausame Behandlung beklagte; nun verstummte aber auch dieses Brummen, und es wurde ganz still.

»Er umarmt und leckt Chraposchka!« meldete einer der Männer, die am Grabenrand standen.

Unter den Leuten, die in den Schlitten saßen, holten die einen tief Atem, und die andern verzogen das Gesicht.

Viele hatten offenbar mit dem Bären Mitleid und erwarteten von der Hetzjagd kein Vergnügen mehr. Alle diese flüchtigen Eindrücke wurden plötzlich von einem Ereignis unterbrochen, das noch unerwarteter als alles Vorhergehende und ungewöhnlich rührend war.

Aus der Öffnung des Grabens tauchte wie aus der Unterwelt Chraposchkas lockiger Kopf in der runden Jägermütze auf. Er stieg auf die gleiche Weise heraus, wie er hinuntergestiegen war; er schritt über den Balken, sich an dem einen Ende des gespannten Strickes festhaltend, Ferapont kam aber nicht allein: An seiner Seite war Sganarell, der ihm seine große zottige Tatze auf die Schulter gelegt hatte. Der Bär war übler Laune und sah recht jämmerlich aus. Matt und abgemagert, wohl weniger durch die körperlichen Leiden, als durch die moralische Erschütterung erschöpft, erinnerte er auffallend an König Lear. Seine blutunterlaufenen Augen brannten vor Zorn und Empörung. Er war ebenso wie König Lear zerzaust, voller Strohhalme und stellenweise versengt. Seltsamerweise hatte sich Sganarell, ebenso wie jener unglückliche. König, eine Art Krone bewahrt. Vielleicht Ferapont zu Gefallen, vielleicht auch rein zufällig trug er unter der Tatze den Hut, den ihm Chraposchka einst geschenkt und den er in den Graben mitgenommen hatte. Der Bär hatte dieses Freundesgeschenk aufbewahrt; als sein Herz nun in der Umarmung des Freundes eine plötzliche Erleichterung fühlte, holte er, sobald er oben war, den arg zerknitterten Hut aus der Achselhöhle hervor und setzte ihn sich auf.

Viele lachten über den Anblick, vielen erschien er aber auch schmerzlich. Manche wandten sich sogar weg, um das unvermeidliche grausame Ende des Tieres nicht mit ansehen zu müssen.

XII

Die Aufregung der Hunde erreichte nun ihren Höhepunkt, und sie waren nicht mehr zu halten. Selbst die Peitschen machten auf sie keinen Eindruck mehr. Die jungen und die alten Blutegel stellten sich, als sie Sganarell erblickten, auf die Hinterbeine, heulten, keuchten und erstickten beinahe in ihren Halsbändern. Chraposchka fuhr aber schon im gleichen Wagen auf seinen Posten am Waldrande zurück. Sganarell, der allein geblieben war, fuchtelte ungeduldig mit der Tatze, um die sich zufällig der von Chraposchka vergessene, an das Ende des Balkens befestigte Strick geschlungen hatte. Das Tier wollte sich offenbar aus der Schlinge befreien oder den Strick zerreißen, um seinem Freund nachzulaufen; er war aber trotz seiner Klugheit doch so ungeschickt wie jeder andere Bär: Statt die Schlinge zu lösen, zog er sie nur noch fester an.

Als er sah, daß er die Schlinge nicht lösen konnte, begann er am Strick zu zupfen, um ihn zu zerreißen; der Strick war aber viel zu fest und riß nicht, der Balken jedoch sprang in die Höhe und ragte plötzlich senkrecht aus dem Graben. Während sich Sganarell umsah, stürzten zwei Blutegel, die man in diesem Augenblick losgekoppelt hatte, über ihn her und bissen sich mit ihren scharfen Zähnen in sein Genick fest.

Sganarell war so sehr mit dem Strick beschäftigt, daß er im ersten Augenblick über diese Überrumpelung weniger erbost als erstaunt war; aber schon nach einer halben Sekunde, als einer der Blutegel ihn losließ, um die Zähne noch tiefer in ihn zu bohren, holte er mit der Tatze aus und schleuderte den Hund mit zerrissenem Bauch weit von sich weg. Während die Gedärme des Hundes auf den blutbefleckten Schnee fielen, zertrat er den andern Hund mit einer Hintertatze ... Weit schrecklicher und unerwarteter war aber das, was mit dem Balken geschah. Als Sganarell zum Schlage ausholte, um den Blutegel von sich zu schleudern, zog er mit der gleichen Bewegung den Balken, an dem das andere Ende des Strickes befestigt war, aus dem Graben heraus, und der Balken sauste, eine flache Bahn beschreibend, durch die Luft. Er flog nun um Sganarell im Kreise herum und erschlug schon in der ersten Runde nicht etwa zwei oder drei, sondern eine ganze Menge von Hunden. Die einen von ihnen winselten noch im Todeskampfe, die andern aber lagen gleich leblos da.

XIII

Der Bär war wohl zu klug, um nicht einzusehen, was für eine nützliche Waffe der Balken für ihn war; oder war es nur der Schmerz in der vom Strick umschlungenen Tatze? – Jedenfalls brüllte er auf und zog den Strick noch fester an, so daß der Balken in der gleichen horizontalen Ebene mit seiner Tatze zu liegen kam und wie ein riesenhafter Kreisel zu surren begann. Er mußte alles, was ihm in den Weg trat, niederschlagen und zermalmen. Wenn aber der gespannte Strick an einer Stelle nicht genügend stark wäre und zerrisse, so würde der Balken durch die Zentrifugalkraft weit hinaus geschleudert werden. Gott allein weiß, wie weit er fliegen und was er alles unterwegs zermalmen würde.

Wir alle – Menschen, Pferde und Hunde, die im Kreise herumstanden, schwebten in größter Gefahr, und ein jeder wünschte schon aus Selbsterhaltungstrieb, daß der Strick, an dem Sganarell seine Riesenschleuder schwang, nicht reiße. Womit sollte aber das alles enden? Niemand, außer einigen Jägern und den beiden Schützen, die im Hinterhalte am Waldesrand saßen, hatte Lust, das Ende abzuwarten. Das ganze übrige Publikum aber, die Gäste und die Verwandten des Onkels, die dieser Veranstaltung als Zuschauer beiwohnten, fanden an der Sache gar kein Vergnügen mehr. Alle gaben ihren Kutschern den Befehl, möglichst schnell die gefährliche Stelle zu verlassen, und die Schlitten sausten, einander überrennend und überholend, dem Hause zu.

Bei dieser lächerlichen und unordentlichen Flucht gab es einige Zusammenstöße und Stürze, einiges zum Lachen und sehr viel Schrecken. Die aus den Schlitten Herausgefallenen glaubten, daß der Balken sich schon vom Strick losgerissen habe und über ihre Köpfe surre, während das wütende Tier ihnen nachsetze.

Die Gäste, die das Haus erreichten, konnten sich bald beruhigen; diejenigen aber, die zurückblieben, sahen etwas noch weit Schrecklicheres.

XIV

Gegen Sganarell konnte man nun keine Blutegel mehr loslassen, denn es war klar, daß er mit seinem Balken mühelos eine Menge von Hunden erschlagen würde. Der Bär bewegte sich aber, den Balken immer noch um sich schwingend, in der Richtung zum Walde, wo Ferapont und der berühmte Schütze Flegont im Hinterhalte saßen und wo ihn der Tod erwartete.

Eine wohlgezielte Kugel konnte der Sache ein schnelles Ende machen.

Das Schicksal war aber dem Bären ungemein günstig: Nachdem es sich schon einmal in diese Sache hineingemischt hatte, wollte es ihn offenbar um jeden Preis retten.

Im gleichen Augenblick, als Sganarell die Stelle erreichte, wo auf ihn hinter Schneewällen die Kuchenreuterschen Musketen Chraposchkas und Flegonts gerichtet waren, riß der Strick. Der Balken flog wie ein Pfeil aus einem Bogen auf die eine Seite, während der Bär das Gleichgewicht verlor und hinpurzelte.

Denen, die auf dem Felde zurückgeblieben waren, bot sich nun ein neues schreckliches Bild: Der Balken fegte die Gewehrstützen und den Schneewall, hinter dem Flegont im Hinterhalte saß, einfach weg und blieb mit dem einen Ende in einem der Schneehaufen stecken, Sganarell verlor aber keine Zeit; er überschlug sich drei oder viermal und ging direkt auf das Versteck Chraposchkas zu ...

Sganarell erkannte augenblicklich seinen Freund, hauchte ihn aus seinem heißen Rachen an und wollte ihn schon ins Gesicht lecken, als plötzlich von der anderen Seite her ein von Flegont abgegebener Schuß knallte. Der Bär entkam in den Wald, und Chraposchka fiel ohnmächtig um.

Man hob ihn auf und untersuchte ihn: Die Kugel hatte seinen Arm durchbohrt, in der Wunde steckte aber auch ein Büschel Bärenhaare.

Flegont büßte den Ruf des besten Schützen nicht ein: Er hatte ja in großer Hast aus der schweren Büchse ohne Stütze geschossen, es war auch nicht mehr hell genug gewesen, und der Bär und Chraposchka waren allzueng beieinander gestanden.

Unter diesen Umständen mußte auch dieser Schuß, der das Ziel nur um ein Haarbreit verfehlt hatte, als ein Meisterschuß angesehen werden.

So oder anders – Sganarell war jedenfalls entkommen! Ihn noch am gleichen Abend im Walde zu verfolgen, war ganz unmöglich, am nächsten Morgen aber war der Geist dessen, der hier allein zu befehlen hatte, von einer ganz neuen Stimmung erleuchtet.

XV

Als der Onkel nach den geschilderten Mißerfolgen nach Hause zurückkehrte, war er zorniger und härter als je. Noch ehe er aus dem Sattel sprang, gab er den Befehl, morgen in aller Frühe die Spuren des Bären im Walde zu suchen und ihn so zu umstellen, daß er nicht mehr entrinnen könnte.

Eine richtig durchgeführte Jagd hätte natürlich zu einem ganz anderen Resultate führen müssen.

Alle warteten nun darauf, was der Onkel wegen des verwundeten Chraposchka befehlen würde. Alle glaubten, daß ihn etwas Schreckliches erwarte. Er hatte sich zumindest die Nachlässigkeit zuschulden kommen lassen, daß er dem Bären nicht in dem Augenblick sein Jagdmesser in die Brust gestoßen hatte, als ihn dieser in seinen Tatzen hielt. Es bestand außerdem noch der schwere und wohl auch begründete Verdacht, daß Chraposchka die Hand gegen seinen zottigen Freund nicht hatte erheben wollen und ihn absichtlich, laufen ließ.

Die allen bekannte Freundschaft zwischen Chraposchka und Sganarell machte diese letztere Hypothese sehr wahrscheinlich.

So dachten nicht nur die Jagdteilnehmer, sondern auch alle übrigen Gäste.

Wir lauschten den Gesprächen der Erwachsenen, die sich abends im großen Saal um den für uns angezündeten Weihnachtsbaum versammelt hatten, und teilten den allgemeinen Verdacht bezüglich Chraposchkas wie auch die Angst um sein Los.

Aus dem Vorzimmer, durch das der Onkel vom Flur in seine Gemächer gegangen war, drang in den Saal das Gerücht, daß er Chraposchkas Namen überhaupt noch nicht erwähnt hatte.

»Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?« flüsterte jemand, und dieses Flüstern weckte bei der allgemein gedrückten Stimmung einen Widerhall in jedem Herzen.

Es erreichte auch den alten, mit dem Bronzekreuz für das Jahr 1812 ausgezeichneten Dorfgeistlichen P. Alexej. Dieser seufzte auf und sagte leise:

»Betet zum Heiland, der uns heute geboren wurde!«

Mit diesen Worten bekreuzigte er sich, und alle Anwesenden, die Erwachsenen wie die Kinder, die Herrschaften wie die Leibeigenen, taten dasselbe. Es war auch just die höchste Zeit. Kaum hatten wir unsere Hände, mit denen wir das Zeichen des Kreuzes machten, sinken lassen, als die Türe weit aufging und der Onkel mit einem Stöckchen in der Hand in den Saal trat. Ihn begleiteten seine beiden Lieblingswindspiele und der Kammerdiener Justin. Der letztere trug auf einem silbernen Teller das weiße Foulardtuch und die mit dem Bildnisse Pauls I. geschmückte Schnupftabaksdose seines Herrn.

XVI

Der Lehnstuhl für den Onkel war auf einem kleinen Perserteppich in der Mitte des Zimmers vor dem Weihnachtsbaum aufgestellt. Er setzte sich schweigend in den Sessel und nahm aus Justins Händen das Tuch und die Schnupftabaksdose. Die beiden Windspiele legten sich sofort zu seinen Fußen nieder und streckten ihre langen Schnauzen vor sich aus.

Der Onkel trug einen blauseidenen, reichgestickten, mit silbernen Filigranschnallen und großen Türkisen verzierten Hausrock. In der Hand hatte er einen dünnen, doch kräftigen Stock aus kaukasischer Weichsel.

Diesen Stock brauchte er diesmal als Stütze: Von der allgemeinen Panik, mit der die Bärenjagd geendet hatte, war selbst die vorzüglich zugerittene »Modedame« angesteckt worden; sie hatte sich in wilder Angst auf die Seite geworfen und das Bein ihres Herrn fest gegen einen Baum geklemmt.

Der Onkel fühlte heftigen Schmerz im Bein und hinkte sogar ein wenig. Dieser neue Umstand war selbstverständlich nicht dazu angetan, um sein ohnehin aufgebrachtes und erbostes Herz milder zu stimmen. Auch machte es einen schlechten Eindruck, daß wir alle beim Erscheinen des Onkels plötzlich verstummt waren. Wie alle argwöhnischen Menschen, konnte er so etwas nicht leiden, und P. Alexej beeilte sich, das Wort zu ergreifen, um die unheimliche Stille zu brechen.

Der Geistliche wandte sich an uns Kinder, die um ihn standen, mit der Frage, ob wir den Sinn des Chorals »Christ wird geboren« auch verstünden? Es stellte sich heraus, daß dieser Sinn nicht nur uns Kindern, sondern auch den Erwachsenen nicht recht klar war. Der Geistliche begann uns den Sinn der Worte »Preiset«, »Lobsinget« und »Erhebet euch« zu erklären; als er bei diesem letzten Worte angelangt war, »erhob er sich« selbst mit Herz und Geist. Er sprach von den »Gaben«, die heute ebenso wie damals auch der Ärmste vor die Krippe des göttlichen Knäbleins bringen könne und die würdiger und wertvoller seien als das Gold, der Weihrauch und die Myrrhen der Heiligen Drei Könige. Die schönste Gabe sei ein durch seine Lehre bekehrtes Herz. Der Alte sprach von Liebe, Verzeihung und von der Pflicht eines jeden, Freund und Feind »im Namen Christi« zu trösten.

Seine Worte waren wohl ungemein eindringlich ... Wir alle verstanden, was er damit bezwecken wollte, und hörten ihm mit einem eigentümlichen Gefühl zu: Wir beteten gleichsam, daß seine Worte ihren Zweck erreichen mochten, und manchem von uns waren Tränen in die Augen getreten.

Plötzlich fiel etwas hin. Es war Onkels Stock ... Man hob ihn auf, er rührte ihn aber nicht an: Er saß tief gebückt, seine Hand hing über die Sessellehne herab, und seine Finger hielten einen der großen Türkise. Er ließ den Stein fallen, doch niemand beeilte sich, ihn aufzuheben.

Alle Blicke waren auf sein Gesicht gerichtet. Etwas Ungewöhnliches bot sich unseren Augen: Er weinte!

Der Geistliche schob uns Kinder sanft zur Seite, ging auf den Onkel zu und erteilte ihm den Priestersegen.

Der Onkel hob das Gesicht, ergriff die Hand des Alten, küßte sie ganz unerwartet und sagte leise: »Danke!«

Dann blickte er Justin an und ließ Ferapont rufen.

Dieser erschien, bleich, mit verbundenem Arm.

»Hierher!« befahl ihm der Onkel, auf den Teppich vor seinem Sessel zeigend.

Chraposchka kam näher und fiel in die Knie.

»Steh auf!« sagte der Onkel. »Ich verzeihe dir.«

Chraposchka fiel wieder in die Knie. Der Onkel, begann mit nervöser, aufgeregter Stimme: »Du liebtest das Tier so, wie nicht jedermann einen Menschen zu lieben versteht. Du hast mich damit gerührt, und in Großmut übertroffen. Höre nun meine Gnade: Ich lasse dich frei und gebe dir hundert Rubel auf den Weg. Geh, wohin du willst.«

»Ich danke, werde aber nirgendwohin fortgehen«, rief Chraposchka aus.

»Was?«

»Ich gehe nirgendwohin fort«, wiederholte Ferapont.

»Was willst du denn?«

»Für Ihre Gnade will ich Ihnen jetzt als freier Mann noch treuer dienen, als ich es bisher als Leibeigener getan habe.«

Der Onkel drückte mit der einen Hand das weiße Foulardtuch an seine Augen, durch die ein Zucken ging, und umarmte mit der anderen Ferapont.

Wir alle erhoben uns von unseren Plätzen und verhüllten gleichfalls unsere Augen. Uns genügte das Gefühl, daß hier dem höchsten Gott die schönste Ehre erwiesen wurde und an Stelle der drückenden Angst der Friede Christi erblühte.

Dasselbe fühlten auch alle Leute im Dorf, denen der Onkel einige Fässer Bier schicken ließ. Überall wurden Freudenfeuer angezündet, und die Menschen sprachen im Scherz:

»Heute haben wir erlebt, daß auch das Tier in die heilige Stille gegangen ist, um den Heiland zu preisen!«

Sganarells Spuren wurden nicht weiter verfolgt. Ferapont, der die Freiheit bekommen hatte, ersetzte bald den alten Justin und war nicht nur der treueste Diener, sondern auch der treueste Freund meines Onkels bis an dessen Ende. Er drückte ihm mit eigenen Händen die Augen zu und beerdigte ihn auf dem Waganjkowschen Friedhof zu Moskau, wo sich sein Grabstein bis zum heutigen Tag erhalten hat. Zu seinen Füßen ruht Ferapont.

Es gibt heute niemand, der diese Gräber mit Blumen schmücken könnte; aber in den Moskauer Kellerwohnungen und Asylen gibt es noch Menschen, die sich an einen schlanken, weißhaarigen Greis erinnern, der immer zu erraten wußte, wo echtes Leid verborgen war, und rechtzeitig zu Hilfe eilte oder seinen guten Diener mit reichen Gaben schickte.

Diese beiden echten Wohltäter, von denen noch vieles zu sagen wäre, waren mein Onkel und Ferapont, den er im Scherze den »Tierbändiger« zu nennen pflegte.

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