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Lachweiler Geschichten

Heinrich Federer: Lachweiler Geschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
titleLachweiler Geschichten
authorHeinrich Federer
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Unser Nachtwächter Prometheus

Kapitel 1

Ich möchte vom Nachtwächter unseres Dorfes erzählen. Er heisst Andreas Marxele, trägt schwarze Hosen, eine geblumte Weste aus Perkal und einen Rock mit zu engen und zu kurzen Ärmeln und mit einem so schmalen Schulterblatt, dass ich immer das Gefühl der Not und Bedrängnis hatte, wenn ich Andreas reden und dazu hantieren sah. Es war dann anzuschauen, als ob er sich aus einem Gefängnis zu befreien suche, aber mit allen sterblichen Anstrengungen weder lösen, noch erleichtern könne. Man dachte, dieser Mann würde Grosses leisten, wenn er nur eine weitere Jacke trüge. Es würde dann die Arme ganz anders ausspannen und es mit dem Leben wie ein Held aufnehmen. Man müsste staunen. So aber hemmt ihn der enge Ärmel am Ellbogen, und sobald er den Nacken strecken und sich gegen die bösen Mächte des Schicksals aufbäumen will, zwängt ihn der schmale Rücken derart ein, dass er sich wieder klein und demütig zusammenduckt.

Wir Studenten nannten ihn daher nur den gefesselten Prometheus. Als uns der Professor an der Lateinschule von diesem wunderbaren Manne der Sage erzählte, der nach dem Glauben der Griechen den Menschen das Feuer vom hellen Olymp auf die schattige Erde herunterholte, damit sie warm und heiter bekämen wie die Götter oben und damit sie nicht mehr im Dunkel sich verlaufen und die Nasen aneinander schlagen müssten, – wie aber dann der besagte Held für seine göttliche Frechheit von Zeus an den Felsen des Kaukasus genagelt wurde und ihm von einem Geier die wachsende Leber immer wieder weggefressen wird: – da rief mein Kamerad aus dem Dorfe, der witzige Jakob Bronn: »Das ist wahrhaftig unser Nachtwächter Andreas Marxele!«

Alles lachte. Wir Lachweiler aber, die den Mann so gut kannten, stimmten, ohne uns weiter zu besinnen, wie von irgend etwas Treffendem in diesem Worte Jakobs unaussprechlich überzeugt, bei: »Ja, das ist der Lachweiler Nachtwächter, Andreas Marxele.«

Erst später erkannten wir, worin der Vergleich so gut war. Abgesehen davon, dass Herr Andreas Marxele in seinen Kleidern wie ein Gefesselter erschien, trug er auch in seinem übrigen Gehaben etwas Prometheushaftes zur Schau. Keiner politisierte im ganze Dorfe so tüchtig, keiner ging so weit aus den alten Geleisen der Überlieferung, keiner begrüsste jede Erweiterung der Volksrechte mit einer so starken, sozusagen wilden Freude, keiner schimpfte gegen den Zaren in Petersburg, den Sultan am Goldenen Horn und gegen die herrenmässigen Reden des deutschen Kaisers so trotzig wie dieser kleine, magere Mann in den zu engen und zu kurzen Ärmeln. Er war der einzige, der im Gasthof zur Krone vor allen Gästen behaupten durfte, die französische Revolution sei alles in allem etwas Gutes gewesen.

»Aber bedenken Sie,« wandte der Schullehrer Philippus Korn ein und schob erregt die Brille zurück, »bedenken Sie den Pöbel von Paris, der den König und die Königin mordete!« – Lehrer Philippus Ignatius Cassian Korn hatte sich eben auf die Weltgeschichte von Jäger abonniert.

»Und bedenken Sie, Herr Magister, diese welschen Könige, die ihr Volk in Luxus und Krieg verdarben.«

»Bedenken Sie dagegen«, wiederholte der Lehrer und schob die Brille wieder vor, »bedenken Sie die Guillotine!«

»Bedenken Sie, Herr Lehrer, die Bastille und die Lettres cachées!« – Der Nachtwächter sagte: lettres kaschesch.

»Und die erschlagenen Grafen, Priester und Damen, bedenken Sie!«

»Und die Millionen armer, geplagter Bauern, den dritten, in den Kot getretenen Stand, bedenken Sie, Herr Lehrer!«

»Ach,« wandte sich Ignatius zu seinem jungen Vetter im Lehrerseminar, der ihn besucht hatte und mit dem er gemeinsam drei Deziliter Landwein trank, »ach, mit solchen Menschen kann man nicht disputieren, – sie kennen keine Pragmatik in der Geschichte.«

»Sie haben keine Seminarbildung,« ergänzte der Kandidat behende.

»Nichts wissen sie von Klio, von Herodot und Thukydides!«

»Es fehlt ihnen das historische Augenmass, sozusagen die Retrospektive in die Vergangenheit,« schloss der Seminarist selbstgefällig. Diese Ausdrücke hatte er von Dr. Mamutius, seinem Professor der Geschichte. Bei passender Gelegenheit brachte er sie gerne wie eine eigene Erfindung über seine achtzehnjährigen Lippen.

Als Andreas von Pragmatik und Thukydides hörte, wurde ihm übel. Er leerte das Glas und ging. Fremdwörter schlugen ihn in die Flucht. Gegen solche Gelehrsamkeit konnte er nicht aufkommen. Dann fühlte er schmerzlicher als je, dass sein Rock zu eng und seine Ärmel zu kurz waren.

Sein Verstand hatte Licht und Schärfe. Aber die Schulung ging ihm ab. Der Pfarrer wollte den geweckten Burschen in die Realschule der Stadt schicken. Aber da kehrte der Vater den Geldbeutel heraus, leer bis zum untersten Zipfel wie er war, und sagte bloss: »Bub, da studier' einmal!«

Und statt der neun Musen hütete Andreas die neun Ziegen des Bauern Chlor. Damals fühlte dieser Prometheus zum erstenmal die Zwangsjacke, und besonders wenn ein Student mit dem Käppi und den Büchern unter dem Arm des Weges kam, wo Andreas weidete, dann drückte das enge Tuch den armen Sehnsüchtigen unleidlich. – Er schob dann die Faust vor den Mund und biss und weinte hinein.

Von nun an machte er den gewöhnlichen Lebensgang eines ordinären Lachweilers durch. Also musste er zuerst dem Bauer Chlor, dem er verdingt war, das magere Vieh auf die Wiese treiben, abends die Geissen melken und die Milch zur Käshütte tragen, ohne einen Tropfen auf seine Bluse oder auf das glänzende Blech des Kessels zu spritzen. Darauf fing er an zu weben. In einem schlecht getäfelten Kellerraum stand sein Webstuhl. Während er in eintönigem, langweiligem Fleiss das Schiffchen durch die straffen Fäden trieb, dachte er mit seiner guten Phantasie und seinem witzigen Kopf weit über den Hut eines gewöhnlichen Dorfbürgers und weit über die Bauerndächer der Heimat hinaus. Hätten seine Gedanken den Einschlag in den Zettel gebildet, welche Schilderungen wären da im Tuche erschienen! Man hätte von den Schneeschultern der Alpen bis in die letzten Furchen des Ozeans hinuntergesehen, an sanften und zornigen Flüssen, an grauen Einöden, an Millionenstädten wäre man vorbeigekommen, Paris und Moskau hätte man erblickt, Kaisern und Zigeunern wäre man begegnet, ja, eine ganze Galerie der Menschheit hätte man in den Faden bekommen und an Humor und Farbe hätte es da wahrlich nicht gefehlt.

Sonntags hockte Andreas über geliehenen Büchern, die er vom Titel bis zum letzten Wort auslas. In einem Jahre hatte er die Bibliothek von Lachweiler ausgeplündert und wie ein Junges, das nun nicht mehr bloss Milch, sondern auch Brocken erträgt, sperrte er den Mund auf und verschlang die Bibliothek des Bezirksfleckens. Als auch dieser Kram verzehrt war, öffnete er den Mund noch weiter und liess sich jetzt Bücher aus der nächsten Stadt kommen. Und er las alles, was und wie es kam. Alles nahm seine Aufmerksamkeit gefangen: der Sternenhimmel, die Afrikareisen, der japanische Krieg, die Sozialisten, der Vatikan, Segantini und Böcklin, die Tuberkeln, – er las Prophezeiungen aus alten Kalendern, Mays prahlerische Reisen, den Robinson, er hörte mit Andacht vom Barte des Barbarossa und von jenem von Mohammed, von den Präraffaeliten, von Darwin, Ibsen, Frau Holle, dem Zukunftsmusiker Strauss, und was das Wunderbarste war, er behielt von allem einen hübschen Haufen im Gedächtnis, den er dann gelegentlich mit echtem Krämertalent auspackte. Eine ungewöhnliche Beredsamkeit und zwei graue, kleine, flinke Augen, die wie Wiesel im Gesichte herumschossen, unterstützten seine Gespräche. Man hörte ihm Sonnabends gerne zu, wenn er am Wirtstisch seine Schätze auszupacken begann. Nur riss ihn oft im Schildern die eigene Begeisterung fort, dass er nicht mehr innehalten konnte, fabelte, sich immer glaubhafter in die unglaublichsten Dinge verlog und mit dem Pfarrer und Gemeindeammann nicht selten in Streit geriet.

Natürlich stand seine Weisheit nicht wie ein festes, auf soliden Steinquadern erbautes Haus, sondern mehr wie ein zusammengewürfelter Haufen von tausend heimischen und fremden Raritäten, über denen seine Phantasie wie ein buntes Wölklein schwebte und sie bald tiefer, bald heller färbte. Andreas hatte kein System, und ausstudierte Leute, die mit Methode vorgingen, wie etwa der Pfarrer, brachten ihn bald aus der Fassung, wenn sich unser Bursche nicht am Ende noch mit einem schlechten Witze behelfen konnte

Einmal kam der Kirchherr gerade dazu, als Andreas in einem Ringe von feiernden Sonntagsleuten das Sternbild der Jungfrau erklärte. Weil es heller Tag war, und somit kein Verrat durch die himmlische Figur zu befürchten war, mischte der Erzähler Gelesenes und Erdachtes frech durcheinander. Da sei nämlich ein eiskaltes Mädchen gewesen, das Hunderten von Knaben das Herz gebrochen, indem es die Armen mit seinem Zauber behexte und den Narren im entscheidenden Momente dann schmählich den Rücken kehrte. Darauf hätten die Mütter der Knaben gen Himmel geseufzt, und, siehe, zur Strafe sei das Jüngferchen mit goldenen Sternennägeln da oben festgeheftet worden. Von den kalten Räumen des Weltalls herab müsse es nun so viele fröhliche Hochzeiten auf Erden mitansehen, während es selber vor Einsamkeit und Liebesmangel fast erfriere und froh wäre, wenn wenigstens der spröde Mond im Vorüberfahren es ein bisschen anlächeln wollte. Aber das tue weder der Viertels- noch der volle Mond, sondern verächtlich fahre er weit daneben vorbei. Wenn sie recht zusehen wollten, die Dörfler, heute abend, meinte Andreas, und schaute listig gegen Westen, wo ein breiter Wolkensaum lagerte und einen bedeckten Nachthimmel ansagte, so würden sie ganz deutlich die Jungfrau erblicken, wie sie mit traurigem und verweintem Gesicht von der Höhe niederschaue.

»Aber, Meister, habt Ihr sie denn selber schon erschaut?« fragte nun der Pfarrer, den roten Daumen nach seiner Gewohnheit zwischen den Hals und Kragen steckend, während er die Männer mit einem heimlichen Lächeln gleichsam aufforderte. »Gebt mir jetzt wohl acht, – wir haben den Fuchs!«

»Ich? – Hochwürden, – ich? – jawohl! – so macht sie!« Andreas spannte die Arme kläglich aus, »und das Haar hat sie dreifach gezopft! Jawohl!«

»Na, na, Meister, dann habt Ihr auch den grossen Bären gesehen, – und das Boot – die Andromeda, den Pegasus ...«

Das waren Fremdwörter! – Marxele fing es an schwindelig zu werden.

»Weiss nicht!« stotterte er und kaute am Stengel der Geraniumblüte, die er immer im Munde trug.

»Die sind doch noch deutlicher auf unserem nördlichen Globus zu sehen!«

»So!« – Marxele zupfte verlegen an seinen zu kurzen Ärmeln. Prometheus fühlte seine Ketten wieder. »Unser Pfarrer!« sagte leise hinter ihm ein Zuhörer zum andern, »alles weiss er, alles!«

»Aber keine Spur von einem Bären,« fuhr der Geistliche fort und wurde im Erklären unwillkürlich aus Angewöhnung ernster, »nichts Boot, nichts Andromeda oder Pegasus! – Die alten Griechen haben sich den Himmel auf dem Papier in kleine Stücke zerschnitten und jedem einen beliebigen Namen gegeben, bald von einem ihrer Helden, bald von einem ihrer gottlosen und verwerflichen ...«

»Aber gestehen Hochwürden nur,« widersprach der Nachtwächter, »die Jungfrau, das steht fest, sitzt da oben!« – Er spuckte die Geraniumblüte im Eifer aus.

»Ihr müsst sie mir erst zeigen, bevor ich es glaube.«

»Gerne, Hochwürden, gerne!«

»Gern oder ungern – Und wenn wir sie nicht finden –« der Pfarrer drohte mit dem Zeigefinger.

»Nun, dann ist sie gottlob erlöst, die arme Seele; sie hat lange genug gelitten – aber ein Strumpfband oder ein langes Haar von ihr wird sich wohl –«

Alles lachte, der Geistliche am lautesten. Diesmal hatte sich Andreas mit Glanz herausgehauen. Nur sein Gesicht blieb trocken. Nie lachte er zu den eigenen Witzen. Eher machte er eine abweisende, strenge Miene dazu.

Aber zufrieden bückte er sich unter den Tisch, nahm das Geraniumblümchen auf und schob es wieder in den linken Mundwinkel.

Kapitel 2

Kurz nach dieser kleinen Begebenheit starb der einzige und nächste Verwandte des Marxele, nämlich sein Vater selber. Er war ein sehr braver Nachtwächter gewesen, das heisst, er hatte die Bürger selten in der Nachtruhe gestört, da er selbst des Nachts gerne schlief, sei es unter einem Baume, auf der Kirchenstiege, neben dem Hundestall der Krone, wo Bary und der Kater sich seinethalben nicht im Stroh rührten, oder sogar auf dem Bänklein des Polizeihäuschens, wo ihm der Landjäger nicht selten um Mitternacht ein Schnäpschen zum Fenster heraus reichte. Alarm hat er zeitlebens nie geschlagen und gewöhnlich erst an der Asche konstatiert, dass hier ein Haus gebrannt hat. Den Nachtgruss sang er, obwohl er nur noch zwei gelbe Zähne im Kiefer trug und kein ordentliches »s« mehr zustande brachte, ungemein lieblich, und ich erinnere mich wohl noch, wie wir drei Geschwister eidlich einander gelobten, den Schlaf im Bette so lange zu verhalten, bis der Nachtwächter sein Lied vor unserem Hause gesungen hätte, um einander morgens damit zu wecken. Seine Weise tönte besonders im Winter so geheimnisvoll von ferne, dass mir darüber die wunderlichsten Gedanken kamen und ich mich im Bett aufsetzte und träumerisch zum Fenster blickte, in das die mondweissen Kirchenmauern, der Schnee auf dem Kronendach und, ich glaube, hundert grünäugige Märchen mit hereinschauten. Ferner hörte ich das Lied des Nachtwächters wieder erklingen, vom untersten Dorfe herauf, endlich erreichten mich nur noch einige hellere Töne, ich wusste nicht mehr recht, sang es aussen oder tief innen in mir, ich sank zurück in die weissen Kissen und schlummerte weiter.

Das war Marxeles Vater, der alte Nachtwächter, gewesen. Gott hab' ihn selig und geb' ihm einen ruhigen Posten, etwa auf einer der hintersten Zinnen der Himmelsburg, die weit ins Unendliche schauen und so recht zum gesicherten Schlafen eingerichtet sind.

Es meldete sich nun Andreas Marxele zum Nachtwächter an. Der Posten ward ihm sogleich zuerkannt. Er hatte schon für seinen Vater das Amt hie und da versehen, das heisst auf dem Bänklein und auf der Kirchenstiege geschlafen. Aber ohne das – und sogar wenn Andreas unbeliebt gewesen wäre, er hätte das Amt doch bekommen. Denn in unserm Dorfe erben sich alle Ämter vom Vater auf den Sohn fort, der Küster, der Ammann, der Weibel, der Armenvogt, die Schulräte, selbst der Vorbeter in der Kirche, mag der Sohn eine noch so dünne Stimme haben, und selbst der Kaminfeger, mag der Erbe noch so engbrüstig sein.

Das neue Amt passte für Andreas indessen wie für keinen zweiten. Sein unruhiger, schwärmerischer, an tausend Geheimnissen herumgrübelnder Geist fand Freude an diesem Herumschweifen durch die von Nacht und Mond erfüllten Gassen. Er schlief während der Nachtwache nicht mehr, ging dafür ziemlich weit zum Dorfe hinaus, spazierte im nahen Wäldchen und freute sich an den Glühwürmchen im Grase oder an dem heimlichen Getue der Nachtfalter in den Büschen. Er wollte wissen, wie der nahe Weiher um Mitternacht aussehe, ob wirklich beim zwölften Stundenschlag aus seiner Mitte Schaumringe sich emporkräuseln und der Dreizack eines Wassergeistes heraus lange, oder ob man gar über den Spiegel gebeugt jene nackten, armen Seelen auf dem tiefen Grunde erschauen könne, die nach der Volkslegende sich in Wein und Schnaps versündigt haben und nun immer Wasser schlucken müssen.

Und vom Hügel aus sehen wollte er, wie das grosse Dorf sich nachts von da oben ausnehme, wenn die Sterne nur ganz kümmerlich wie tief herunter geschraubte Laternchen brennen. Man konnte dann die Gebäude kaum voneinander unterscheiden. Die schwarzen Massen der Dächer verschwammen ineinander, wie die Rücken einer dichtgedrängten Herde von Kühen und Kälbern. Nur den Kirchturm und das breite Dach der Krone, die gewaltige Linde auf dem Friedhof und den kaltblinkenden Spiegel des Weihers mochte man herausfinden.

Schweifte dann der Mond aus einer Wolke hervor, dann fiel es wie Gold über die Dächer, dann blitzten die gotischen Fensterbogen der Kirche mit den Guckscheiben der Bauernhäuser, den glatten, grauen Schindeln und den Weidenblättern am Bache um die Wette. Während die eine Hälfte der Gassen im tiefsten Schatten lag, in einem Schatten, der genau die Formen der Häuser und ihrer vorspringenden Giebel zeigte, – lag die andere Hälfte in goldigem Flimmer da, und man sah jede Katze, die in Minnediensten darüber lief, und die fliegende Zeichnung jeder darüberschwebenden Fledermaus haarklein. Das Wasser im Bächlein hörte man kaum, weil es so tief und leicht zwischen den Gräsern floss. Aber die drei Brunnenröhren klangen um so lauter von den unermüdlichen Wassern, die sich schräg ins steinerne Becken gossen. Wie ein Terzett ungebrochener Stimmen, zweier Mädchen und eines Knaben, scholl es. Je nach der Richtung des Windes hörte man auch das tiefe, leise Rauschen des weit unter dem Dorfe in einer Schlucht dahinziehenden Flusses. Zwischen hinein ertönte ein Glockenschlag, langsam und feierlich, und einmal des Nachts hörte man aus stundenweiter Ferne den Schnellzug durch die Gefilde rasen. Wie ein kurzer, scharfer Trommelwirbel brummt es, und dann merkt man erst recht, wie man hier so ganz ausserhalb der Zeit und gleichsam im Rücken der Welt liegt.

Andreas sann und träumte viel in solchen Nächten. Er sprach mit den Ahnen auf dem Friedhof und mit den Rittern des alten Schlosses, das in seiner zerbröckelten Armut auf einem kleinen Hügel stand. Und da war es, wo seine Seele Kraft und Mut sog, um in eine kleine und verdrehte Zeit grosse Worte zu werfen.

Um drei Uhr ging er heim, Tannennadeln im Haar und Harz an den Ärmeln. Dann schlief er bis acht Uhr, wohl auch bis zwölf, rüstete sich sein Junggesellenmahl und unterhielt sich dann ein Stündchen vom Fenster aus über die Gasse mit den Nachbarn, indem er zweimal den Hundekopf seiner Pfeife ausrauchte. Hernach wurde ein wenig gelesen, wieder gewoben und nach dem Kaffee, den der Nachtwächter sich im Tage dreimal braute, legte er sich von sechs bis neun Uhr wieder aufs Ohr. Gegen zehn Uhr erhob er sich, und ebenso wach und ebenso neugierig ging er auf die alten Posten wie ein Astronom auf seine Sternwarte steigt und diese Nacht sicher einen Planeten erster oder doch mindestens zweiter Grösse zu entdecken hofft.

Was Meister Andreas die Woche über entdeckt hatte, das wurde das Dorf am Sonntag gewahr. Dann sprudelte er eine Unmenge von Sagen und Märchen aus und erzählte von den alten Schlossherren so genaue Geschichten, als ob er ihre Tagebücher gelesen hätte. Er malte den Leuten die Farben der Mondnacht, das Leben des Nachtgeflügels, die Geräusche der Mitternacht und die gespensterhafte Stimmung des schlafenden Dorfes so aufgeregt vor, dass man nur hören und immer nur hören mochte und den Wächter um sein Amt oder um die Phantasie beneidete, die so viel aus diesem Amte zu machen wusste.

Besonders aber, wenn das Volk zur Gemeindetagung gerufen wurde, erkannte ein jeder, der nicht mit ewiger Blindheit geschlagen war, was man an Meister Andreas für einen wohlbedachten, im ernsten und einsamen Studium der Nacht gereiften Volksmann habe. Er allein wagte aus dem Ringe des stumpfen und so geduldigen Volkes heraus den Herren Oberhäuptern die Meinung zu sagen. Wenn der Ammann einen Vorschlag einbrachte, so nickte ein Ratsherr nach dem andern: »Stimme zum Antrag!« – »Unterstützt!« – »Einverstanden!« – Ein gewöhnlicher Dörfler durfte da nichts einwenden und senkte den Kopf, wenn es vom Präsidentenstuhl her hiess: »Die geehrten Bürger sind überhaupt angefragt!« – Teils hielt sich der gemeine Mann für zu dumm oder ihn ängstigte die angeborene Scheu; teils fürchtete er, nicht die nötigen Worte und die richtigen Sätze zu finden. So brachte der Kirchenpräsident die Steuern vor, die Stuhlordnung, die Renovation der Kirche und den Bau eines neuen Ofens beim Kaplan, der immer friere – in Wirklichkeit war es nicht der Kaplan, sondern seine Köchin, die auf einen neuen Ofen drang, weil das Wärmerohr des alten schief laufe, so dass alle ihre sonst vorzüglichen Kuchen auf der einen Seite zu fett, auf der andern zu mager gediehen! – und peitschte jeden Antrag beim willigen oder widerwilligen, aber immer gehorsamen Volke durch. Und so diktierte der Ammann das Kopfgeld, die Fronarbeiten am Schulhause, verhinderte den Ankauf einer neuen Spritze und leitete die neue Strasse gerade an seinen Äckern vorbei, wobei er die Wegmauer seinem Vetter zuhielt, der ein Pfuscher im Maurerfache war. Einige Bürger, die gerne widerstanden hätten, fingerten in der Hose am Sacktuch, an der Dose, an den Hausschlüsseln herum und klemmten sich wohl gar ins Bein, wenn die Steuer zu hoch bemessen und die öffentlichen Arbeiten zu gevattermässig verteilt wurden. Aber das war auch ihre ganze Heldentat. Erst am Abend in der Krone schlug man die Faust auf den Tisch und stülpte mutig das Glas um.

Nicht so Andreas Marxele. Er besass den Mut des Widerstandes, diese göttliche Gabe der Volksfreiheit. Mit dem Zeigefinger rieb er sich nur ein wenig die grauen Äuglein, wie um klarer zu sehen, und begann dann mit den Worten: »Herr Präsident, Herren Genossen!« – alles zu sagen, was ihm nicht gefiel. Er sagte es mit einer dunkeln, glatten, gleichsam geölten Stimme. Aber sehr deutlich hörte sich seine Rede an, und Wort folgte auf Wort mit der Regelmässigkeit des Tick–Tack an der Uhr.

Begann zum Beispiel bei den Wahlen die Komödie der Abdankungen, dann durfte das hohe Ratskollegium auf ein gründliches Spottverslein rechnen. Ja, einmal, als der Ammann wieder üblicherweise erklärte, er könne unmöglich das Amt wieder übernehmen, er sei zu alt, seine Gaben unzureichend, er wünsche einen bessern Nachfolger und danke – hier wurde seine Stimme weinerlich – für das fünfzigjährige Zutrauen seines lieben, ihm stets ans Herz gewachsenen Dorfes – als er dies gesagt und sich in der allersichersten Erwartung niedergesetzt hatte, nun erst recht einhellig wiedergewählt zu werden, – da war Andreas unverfroren genug, die Sache ernst zu nehmen und den Finger emporzustrecken.

Kapitel 3

»Herr Nachtwächter Andreas Marxele hat das Wort.« –

Der Gerufene zog die Geraniumblüte aus dem Mund, kreuzte die Arme über die Brust und begann: »Herr Präsident, Herren Genossen! – Der Herr Gemeindeammann hat erklärt, er könne die Verwaltung des Dorfes nicht mehr übernehmen. Und ich begreife den verdienten Mann. Er ist achtzigjährig –«

»Zweiundachtzig!« warf eine Stimme ein.

»Sogar zweiundachtzig! – Einem solchen Alter gehört schon lange ein ehrenvoller Feierabend!« –

»Otium cum dignitate!« – fügte der Pfarrer bei, der gerne Lateinisch sprach und ebenso gerne den Gemeindeammann weggewählt hätte wie Andreas.

»Opium cum dignitate, – sagt der Pfarrer, – kann sein! Aber zur Sache! – Wie man zu jung, so kann man auch zu alt für eine öffentliche Stellung sein. Ehre dem Manne, der das einsieht und aus freien Stücken resigniert! –

Ein Mann ein Wort! – Der Ammann hat bestimmt erklärt, eine Wiederwahl nicht mehr anzunehmen. Sollen wir ihn nun dennoch wählen? – Hiesse das nicht soviel, als sagten wir: Herr Ammann, gesagt haben Sie das wohl, aber wir glauben es nicht, im Gegenteil, wir wissen, dass Sie recht gerne wieder Ammann werden mögen. – Sie haben nur Spass mit uns getrieben! Also wir wählen Sie wieder und Sie werden vergessen, was Sie vorhin sagten und mit einigem Zögern und Sträuben die Wahl doch wieder annehmen!

Nein, eines solchen Narrenstückes ist unser greiser Ammann nicht fähig. Wenn er sagt: ich kann nicht mehr, so kann er eben nicht mehr.

Wir sind freie Bürger!« – Ohne diesen Satz hielt Andreas keine Rede – »Bei uns gibt es so viele Könige als Köpfe. Es wäre doch eine Schande, hätten wir kein Holz mehr für einen neuen Ammann, tannenes oder buchenes, – das buchene freilich ist besser!

Da hat zum Beispiel der Kronenwirt einen Vetter, der studiert hat und bei ihm auf dem Gasthof wohnt. Er kennt die Leute und ihre Verhältnisse, ist er doch barfuss mit uns über die Gassen gelaufen und hat mit uns Äpfel aus dem Garten des Kaplans gestohlen, als der geistliche Herr im Bade war. – Er wohnt mitten im Dorfe, und jeder kann ihn also leicht finden und auch noch einen guten Schoppen bei Gelegenheit trinken. Er ist reich, also braucht er keine Sporteln; er schreibt eine schöne Schrift, also kann man in Zukunft alle Amtsbriefe lesen; er hat einen guten, strammen Charakter, also wird er den Sünder zwar am Schopf nehmen, aber nicht so fest schütteln, dass er alle Haare verliert. Kurz und gut, ich schlage den Herrn Fürsprech August Bronn zur Krone vor.«

Andreas setzte sich in den Kirchenstuhl und schob das Geranium wieder zwischen die Lippen.

Diese Rede wurde am 2. Mai 1889 gehalten und schlug so durch, wie jene Rede des grossen Mirabeau genau hundert Jahre früher, am 2. September 1789. Das Datum allein ist verschieden, das Genie gleich. Bronn, der sechsundzwanzigjährige Bronn, der eben seine juristischen Studien vollendet hatte und beim Onkel auf eine Anstellung in der Stadt wartete, Bronn wurde gewählt mit sechshundert gegen zwanzig Stimmen und einer Enthaltung, die vermutlich vom Pfarrer herrührte. Denn Bronn las Tolstoi und riet den jungen Studenten schon Goethe zu lesen.

In Zukunft gab es keine Abdankungskomödie mehr. Mit dem Mut der Verzweiflung hielt selbst der alte Glöckner noch das Turmseil, der halbblinde Weibel das Bürgerverzeichnis und der gichtische Küster seine Kirchenschlüssel fest. An jeder Kirchgemeinde hatte er sie aus der Tasche genommen, mit Pathos geschüttelt und gerufen: »Ich danke dem, der sie mir abnimmt.« – Doch immer war er bestätigt worden, weil niemand das Gotteshaus am Bettag so nett ziere, keiner so fleissig die Bänke abstaube und die Kerzen so rasch anzünden würde. Nun aber verliess er sich nicht mehr auf diese Vorzüge, der weggewählte Ammann war für alle ein warnendes Beispiel.

An jenem Siegestage glaubte Andreas, dass seine Ärmel sich geweitet und das Schulterblatt sich verbreitert hätte. Er war glücklicher als Prometheus. Das Licht der Volksfreiheit hatte er vom Altar des Vaterlandes geholt und unter seine Mitbürger geworfen. Zum erstenmal hatte er die Knechtschaft der Überlieferung gebrochen. Und Zeus strafte ihn nicht!

Oder?

Ja, als der Zauber seiner witzigen Beredsamkeit in den Ohren verrauscht war, standen die alten Männer zusammen und sagten, dem Ammann sei unrecht geschehen. Einundfünfzig Jahre habe er in guter und böser Stunde die Zügel geführt. Drei französische Könige, der Kirchenstaat und mehrere Fürstentümer seien inzwischen untergegangen, die türkische Flotte sei zerstört, der Zar gebeugt und Paris erobert worden, und Lachweiler stehe noch in unversehrter, solider Dorfmajestät. Das sei des Ammann Markus Verdienst. Zum wenigsten hätte man ihm die Ehre antun und ihn nochmals wählen sollen. Ein junger Ammann sei ein Unglück. Die Bronn vorab hätten immer ein stürmisches Blut gehabt. Man solle nur den übermütigen jungen Studenten anschauen, – wie der unter seinesgleichen den König spiele. Unfehlbar werde es sich rächen, dass man aus den ehrwürdigen Fusstapfen der alten Bräuche getreten sei. –

Der reiche Ammann hatte viele Vettern im Dorfe, manche, die ihm wegen geliehenen Geldes oder wegen Anstellung auf seinen Gütern verpflichtet waren. So wurde der Anhang der Unzufriedenen immer grösser. Man besuchte die Krone seltener, und jede Verordnung des neuen, etwas schneidigen Ammanns wurde unter Tisch und Schemel heruntergetadelt. Als es gar hiess, er wolle eine Hundesteuer einführen, da wuchs der Groll ins Gefährliche und wer weiss, wie schwer der bequeme Dorffrieden gestört worden wäre, wenn Dr. Bronn sich nicht vom klugen Kronenwirt hätte bestimmen lassen, schon vor der Herbstgemeinde sein Amt niederzulegen, um einen höheren Posten im Bezirksamt zu übernehmen. Alles atmete auf und lobte den Jüngling, der infolge seines Talentes und seiner Stellung vom Bezirksstädtchen aus Lachweiler weit stärker beeinflusste als er es je in Lachweiler selbst vermocht hätte.

Als nun der alte Ammann wieder in alle Ehren seines Amtes eingesetzt wurde und dafür der Dorfschaft vier Fässchen Bier aus der Krone spendierte, nebst einem Würstchen und einer Semmel für die Stimmfähigen, da fühlte Andreas plötzlich wieder die engen Ärmel und das schmale Schulterblatt; er ass aber das Würstchen doch und trank vier Gläser Bier. Am Ende der Schmauserei winkte ihm der Ammann und fragte ihn, ob er wohl einige Nachmittage frei machen könnte. Es wären einige Bücher einzubinden. Andreas hatte sich nämlich diese schöne und saubere Kunst schon in den Knabenjahren angeeignet, um so eher zu Lektüre zu kommen. Der Nachtwächter ging also zum Ammannhause hinunter, nicht ohne Herzklopfen. Aber Herr Markus spielte mit keiner Silbe auf das Frühere an, sondern war umgänglich und freundlich mit ihm und zeigte Neugier, wie man eine dicke Broschüre so genau Blatt auf Blatt in einen Deckel bringen könne. Je gnädiger der Ammann sich erwies, desto geschmeidiger und gefügiger wurde Andreas. Sein politisches Gewissen empörte sich gegen diese Umwandlung, aber umsonst, und als der Ammann seinem Buchbinder am Ende der Dingtage gar ein blitzblankes Goldstück in die Hand drückte, da hätte Andreas im ersten Augenblick die zitternde Greisenhand gerne geküsst. Er beugte sich und verneigte sich, denn Gold hatte er noch nicht oft in den Händen gehabt. Wer Gold austeilte, kam ihm gross und überlegen vor. Aber zu Hause schleuderte er das runde Stück grimmig unter den Tisch und verfluchte seine Schwäche, die sich so leicht habe bestechen lassen. Erst vierzehn Tage später, als er keinen Heller mehr im Beutel trug und ernsthaft hungerte, bückte er sich unter den Tisch und suchte nach dem Golde. Wenn man sich aber tief bückt, so spannen uns die Kleider an Nacken und Rücken. Nun denke man sich erst, wie enge es dem guten Nachtwächter damals in seiner Zwangsjacke zumute sein musste!

Von da an vertiefte sich Andreas, von der Dorfpolitik angeekelt, in die Politik der Grosstaaten. Er ging gleichsam wie ein enttäuschter Minister des Innern in das Departement des Äussern über. Da war nun kein Land zu gross, dass er es nicht mit seinem staatsmännischen Blick überschaut, kein Fürst zu hoch, dass er nicht seine Handlungen unter das Brillenglas genommen und kritisiert hätte. Er redete von einer Sauordnung in Österreich, von einem Zierbengelschneid im deutschen Militär und spottete bei jeder Ausgabe für schweizerische Festungen. Unsere militärischen Anstrengungen, witzelte er, seien mit einem Kinde zu vergleichen, das immer auf der Zehenspitze stehe, wenn es mit einem Manne rede. – Dass er bei jedem Streit der Arbeiter gegen die Herren auf das feiste Kapital schimpfte, wunderte niemanden, – das taten ja auch die meisten Dorfgenossen. Aber dass er im Burenkrieg für die Engländer eintrat, war erstaunlich. Man wagte jedoch nicht, mit ihm zu rechten. Denn er allein wusste mehr zu seinen Gunsten, als alle Gegner zusammen zu ihrem Vorteil anzuführen.

»Meister Andreas,« fragte ich, damals ein Student von unklarem Sinne und grosser, aber schnell verflackernder Begeisterung, »warum haltet Ihr es mit den Engländern?«

»Ich bin für die Gleichheit aller Menschen, also auch für die Gleichheit der Völker,« erwiderte er. »Verstehst du das, Junge?«

»Ich verstehe, aber ...«

»Aber nun sind die Buren so ein Völklein gewesen, bei dem die grösste Ungleichheit nistete. Die wenigen Bürger regierten eigenmächtig über die vielen Ansässigen. Die Fremden waren fast rechtlos, die Neger unterjocht. Weg muss das Vorrecht! – und die Buren sollen Gott danken, dass die Engländer und die nicht die Russen oder die Franzosen gekommen sind, um ihnen den altfränkischen Zopf abzuschneiden. Die hätten mit dem Zopfe wohl auch noch ein Stück vom Kopfe mitgerissen. Die Engländer auch, natürlich! – aber dennoch sind sie die freiesten Kolonisten.«

Damals bat ich den Nachtwächter, mich einmal auf die Nachtrunde mitzunehmen. Ich trug das Anliegen schon lange auf dem Herzen.

Andreas brummte.

»Darf ich, Vetter?« – Ich hatte die Gewohnheit, jedem Vetter zu sagen, von dem ich etwas Gutes erwartete.

»So geh um fünf Uhr zu Bette und weck' mich um halb zehn!«

»Soll geschehen,« jubelte ich.

Begreiflich ging ich nicht schlafen und stand schon gegen neun Uhr vor dem niedrigen Stübchen des Nachtwächters, das zu ebener Erde lag.

»Teufelskerl, kann Er nicht warten?« grölte Andreas und räkelte die Arme und dehnte sich im Bette, dass die Laden krachten.

»Na, da du einmal da bist, so mach wenigstens Licht!«

Gehorsam zündete ich die Lampe an.

»Jetzt nimm das Schnupftuch und schütte mir den Kaffee an! – dort! – ach was – im Ofenrohr, im Ofenrohr!«

Ich wickelte lieber mein Nastuch als das rote, verschnupfte des Nachtwächters um die Hand und zog den heissen Krug, in dem das Wasser mit feinen Kinderstimmen Süm! Süm! machte, aus dem Bratofen. Während sich Andreas die Hosen anzog und mit Mühe die geblumte Weste zuknöpfte, goss ich die siedende Brühe in den Kaffeesack, der über der Kanne hing. Gleich flogen jene Wölklein von Kaffeeduft durch das Stübchen, die so belebend und ermutigend auf die Seele wirken und das Heim erst recht zum Heim machen, indem sie ihm einen kräftigen Geruch von Gemütlichkeit und Herzensstärke verleihen. Zwei Tassen, die eine ohne Henkel, die andere mit zerbissenem Rande, standen bereit. Ich füllte beide und zerstiess den Zucker darin, damit der Nachtwächter nicht glaube, dass ich seine Not mit dem engen Frack bemerke. So mochte wohl der alte Prometheus gestöhnt haben, als Kratos und Bia mit des widerwilligen Hephaistos Hilfe ihm die Ketten und eisernen Ringe umlegten, wie jetzt Andreas Marxele ächzte, bis er sich in die engen Armstösse und unter das Joch der schmalen Schultern gezwängt hatte. Als die Pein aber so gross wurde, dass ich ihm glaubte beistehen zu müssen, sagte ich mitleidig:

»Euer Rock ist wohl zu eng, Meister!«

»Gerade wie ich ihn brauche!« versetzte Marxele keuchend.

Stillschweigend tranken wir, am Tischchen stehend, unsere Tassen aus. Dann setzten wir die Mützen auf und traten in die geheimnisvolle Nacht hinaus.

Kapitel 4

Es war Ende Februar. Kein Schnee lag mehr auf der Erde. Ein leichter, feuchter, fast warmer Wind ging. Am Himmel regte sich alles in grosser Unordnung. Zahlreiche, niedrige, ziemlich heitere Wolken fuhren von Süden nach Norden, die kleinern schneller, die grössern langsamer, so eine über die andere hinaus, sich gegenseitig beschattend, stossend und hemmend. Dazwischen schauten grosse Stücke eines nachtblauen, aber doch hellen Himmels herunter. Im Spiele der Wolken vergrösserten und verengerten sie sich wieder. Bald waren sie wie mächtige Fenster, bald wie unzählbare Ritzen einer verhängten Pforte, bald drohten sie gar im Geschiebe der nachdrängenden Wolken zu ersticken. Bleiche, kleine Sterne schimmerten daraus hervor. Aber ihr Licht erschien so unruhig und so dem Verlöschen nahe, als spürten auch sie wie das Blendlaternchen des Nachtwächters den Wind und müssten im Luftzug hin und herschwanken. Im Westen unter einer unauflöslichen Wolkenschicht wanderte der Mond dahin. Man sah nichts von ihm als die grosse Helligkeit, die er unter seiner Decke über die höheren Wolken in der Mitte des Himmels ergoss. Durch die Nacht ging jene Luft, in der schon die Erwartung von taufend sehnenden Lenzgeschöpfchen, ja schon etwas vom herben Geruch der Schneeglöcklein und von der Milde der Veilchen atmet.

Im ganzen Jahr weiss ich keine Zeit, die ich mehr liebe, als diese letzten Wochen des Hornung ohne Schnee, mit winderfülltem, wolkigem Himmel, bleichen Wäldern und dem Schein der Leblosigkeit auf dem Felde. Denn unter der Decke tastet doch schon heimlich ein tausendfingriges Leben und jener süsse Duft, der um die Wiege des unschuldigen Säuglings schwebt, steigt leise, leise aus der brachen Scholle. Die groben Sinne der Alltagmenschen dringen nicht in den Zauber solcher Tage. Aber für feine Nerven sind es Zeiten eines auserlesenen Genusses.

Schon ruhte das ganze Dorf. Nirgends ein Ton. Nur aus der Kammer des Kaplans hörte man das Perpendikel einer schnarrenden Uhr hin und her ächzen. Der engbrüstige Mann musste nachts einen Flügel des Fensters offen halten. Durch die schwitzenden und mit Draht vergitterten Fenster der Kirche blinzelte die ewige Lampe und auch aus dem Studierstübchen des Pfarrers lächelte noch ein Licht. Aber dieses Lächeln hatte etwas Strenges und Ernstes an sich. Ich musste an die Lampe des feilenden Cicero oder des philosophierenden Plato denken. Hinter den erhellten Vorhängen ging regelmässig ein Schatten auf und ab.

»Er studiert die Predigt,« erklärte Andreas und sein blinzelndes Auge fügte verständlich hinzu: »Mein Gott, ich hätte nicht nötig, so herumzustürmen, um einen zeitgemässen Sermon zu halten. Es predigt sich doch so leicht!«

Jetzt bewegte sich der Schatten eiliger, er huschte eigentlich an den wehenden Gardinen vorbei, er flog. Plato schien einer entschlüpften Idee nachzurennen. »Ah, nun geht es dem Ende zu!« lachte mein Begleiter.

»Wieso?« fragte ich erstaunt.

»Bei ruhigen Darstellungen,« erzählte Andreas, »spaziert der Pfarrer gleichmässig um den runden Tisch herum; kommen Einwürfe, so steht er still. Hat er aber den Teufel glücklich zuschanden gemacht, dann schwenkt er sein Kirchenfähnlein im Triumphe und rennt die letzten feindlichen Barrikaden um.«

Wir mussten beide lachen. Aber es war keine unehrerbietige Heiterkeit. Denn der Pfarrer galt uns als ein guter Prediger, der das sonntägliche Gemüt meisterlich zu fassen und zu erbauen wusste.

Wir gingen dem Gitter des Friedhofs entlang. Die dürren Stauden auf den Gräbern raschelten, manchmal klingelte auch ein schlecht gehängtes Metallschild am Kreuz. Sonst war es da wirklich totenstill. Zuweilen glitzerte etwas durch die Dunkelheit, sei es ein Messingknopf oder eine vergoldete Inschrift oder ein Blechkranz, der um die Kreuzarme gewunden war. Die Gräber schienen mir ausserordentlich schmal und in die Länge gereckt und mir war, ich sähe ihnen deutlich die Figur der darunter ruhenden ebenso schmalen und ausgereckten Leiber an.

Ich weiss nicht, warum mir in diesem Augenblicke immer wieder die Erschaffung Adams einfiel. So einen länglichen viereckigen Erdteig, wie diese schmalen Häufchen da, mochte der Erschaffer genommen und daraus den ersten Menschen geformt haben. Dann hauchte er die Figur mit seinem unsterblichen Odem an, und sie öffnete staunend das Auge, erhob sich, beugte sich tief vor dem Erzeuger und sprach: »Ich danke dir, Herr meines Lebens!«

Und jetzt liegen sie wieder da, diese Adams, mit der Erde in einen Haufen vermischt – gänzlich verstaubt!

Viele sind noch frisch unter dem Boden, dachte ich weiter. Ihre Leiber sind noch weiss, ihr Blut ist kaum erkaltet. Sie haben sicher noch einen Satz, den sie nicht ausreden konnten, auf den Lippen, – einen Schritt, den sie noch gerade tun wollten, gleichsam in den Sohlen. Und nun müssen sie hier, unfertig wie sie sind, vermodern! – Andere schleppten sich sozusagen selber müde zum Grabe. Das Alter hatte sie bereits so ausgemergelt, ihren Leib so braun, verwittert, erdenhaft gemacht, dass sie sich eigentlich nur noch in die Schollen zu legen hatten, um als ein Stück von ihnen zu gelten.

Viele lagen da, die ich wohl gekannt hatte. Ich erinnerte mich jetzt wieder an sie alle, nachdem ich ihrer jahrelang nie mehr gedacht hatte. Dort unter dem grossen, dicken Stein schlief die Jungfer Manette, die aus ihren unerschöpflichen Taschen zuerst ein braun gestreiftes Schnupftuch, dann eine grosse Dose mit dem Bilde der Helvetia, dann sieben Schlüssel zu sieben kleinen, reinen, duftigen Jungfrauenkammern und endlich zu guter Letzt immer etwas Süsses hervorklaubte, Pfefferminzplätzchen oder Malzzucker oder Schokolade. Gott schenke ihr dafür Milch und Honig des ewigen Kanaan! Etwas zurück, mehr in die Ecke gedrückt, ruht der alte Orgeltreter Kilian, der so treulich den Blasebalg versah, aber regelmässig unter der Einleitung der Predigt einschlief und dann zur unfrommen Freude der Chorknaben behaglich schnarchte. Möge er jetzt zu Sankt Cäciliens Füssen kauern und Musik ohne Mühe geniessen! – Besonders aber rührte mich das Wacholderbäumchen an der Mauer. Hier begrub man meinen Schulkameraden Valentin, der uns alle an Glanz der roten Backen und an Übermut übertraf und immer, wo uns eine Gefährde lauerte, hochsinnig sagte: »Ich gehe euch voran!« – und dann mutig vorausstapfte. Und einmal, da sass der Tod zuoberst auf dem Kirschenbaum in Kronenwirt Bronns Veilchenwiese und höhnte: »Gehst du auch hier voran?« – »Warum nicht?« – machte Valentin und warf keck die volle Oberlippe auf. Sprach's und fiel vom Wipfel und lag wie ein Schneemann unter den roten Kirschen.

Und weil er schon wie ein tüchtiger Mann sich gebärdet hatte, so ward ihm die seltene Ehre zuteil, mitten unter den Männergräbern seine weichen Knabenknöchlein zur Ruhe zu legen.

Die Kindergräber sind weiter hinten, man sieht sich von der Strasse aus nicht, sonst würde ich die Grüsse meiner lieben zwei Schwestern aus der Überwelt hören. Aber zwei Reihen von der Strasse weg sehe ich dafür das teuerste Grab, meiner Mutter irdische Ruhestatt.

Bei seinem Anblick fühle ich immer Herzklopfen und ich vernehme eine leise Frauenstimme: »Walter, – wie geht es ohne mich? – Hast du Ordnung?« – Dann verschwimmen mir die Augen und ich drücke die Rechte, wo's am ärgsten klopft, und sage: »Es geht, – Mutter, es geht, wie es ohne dich –«

»Was hast du, Junge?« – fragt mich der Nachtwächter.

»Nichts, gar nichts,« sage ich schluckend und würgend.

»Herr, gib ihnen die ewige Ruhe!« fuhr er fort und zog die Mütze.

»Und das ewige Licht leuchte ihnen,« versetzte ich im Tone des alten Kirchengebetes und entblösste gleichfalls das Haupt.

»Lass sie ruhen im Frieden!«

»Amen,« beschloss ich.

Mir wurde sehr feierlich zumute.

»Man sollte eigentlich für die Lebenden um Ruhe bitten,« sagte Andreas. Er flüsterte nur. Ich nickte. »Die haben Ruhe!« fügte er leise bei und liess die grauen Äuglein über die vielen Hügel, Kreuze und Steinmale fahren.

»Wie sie schlafen!« lispelte er weiter, – »stiller als Kinder! – man soll die nicht mehr stören!« – Unwillkürlich gingen wir jetzt auf den Zehenspitzen, so geräuschlos als möglich.

In diesem Augenblicke meinte ich, aus dem Gottesacker tiefe, stille, regelmässige Atemzüge zu hören und einen Odem von solchem Frieden zu spüren, dass mir alles Grauen vor dem nächtlichen Friedhof verging. Er kam mir, je länger ich zusah, immer freundlicher vor, wie ein grosser Schlafsaal, wo von Bett zu Bett alles die Härte des Tages ausschläft und an der Türe und auf den Fenstersimsen schweigsame Geister wachen und den Frieden der Stätte wahren.

Aus diesem Bilde weckte mich das hässliche Kreischen eines Uhrschlüssels. Wir befanden uns vor dem Ammannhause, wo eine Kontrolluhr angebracht war; die um elf und drei Uhr aufgezogen werden musste. Das mächtige Haus lag im Schatten der umliegenden Gebäude. Eine schneeweisse Katze strich gerade um seine Ecke. Die Läden standen offen und leise klirrte im Windhauch ein Scheibenflügel auf und zu. Die Fenster lagen so niedrig, dass man leicht in die Stube gesehen hätte, wenn es nicht zu dunkel gewesen wäre. Die nur angelehnte Haustüre, die gleich in die Küche führt, klapperte leise. Der kinderlose Ammann begab sich regelmässig um neun Uhr mit seiner greisen Frau und dem Hausgesinde zur Ruhe. Da wurde nichts verschlossen oder zugeriegelt. Herr Markus Ebescher pflegte zu sagen: »Wenn ich nicht mehr bei offenen Fenstern und Türen schlafen kann, so will ich nicht mehr Ammann sein.« – Er war ein riesengrosser, bolzgerader Mann, ein ehrfurchtheischender Patriarch, und er wusste wohl, dass kein Dieb und kein Nachtbubenstück sich an ihn heranwagen werde.

Nun eilten wir zum Dorfe hinaus und stiegen allmählich durch einen Wiesenweg dem Hügel zu. Aus einem Stall drang das Schnaufen einer Kuh, die unruhig den Kopf an der Holzwand rieb und mit den Füssen am Boden scharrte. Beim letzten Haus, am Fusse des Funkenbühls, zwinkerte ein Licht aus der niedrigen Kammer in den Feldweg hinaus. Auch hier stand das Fenster offen. Meister Andreas näherte sich dem Gesimse und wollte etwas hinaufrufen.

»Seid Ihr es, Nachtwächter?« kam ihm von innen eine schwache, aber deutliche Stimme zuvor. Man hörte Flüstern und das Geräusch einer laubgefüllten Bettdecke.

»Jawohl, Frau Katharina, – und was machen wir heute?«

»Danke, Vetter, der Nachfrage! – Ich spüre den Wind in allen Gliedern.«

»Wer wacht Euch die Nacht?« spann Andreas fort.

»Kronenwirts Agnes.«

Bei diesem Namen wurde mir warm. Dieses Mädchen war es, mit dem mich früher immer die Schulbuben geneckt hatten und jetzt das eigene Herz. Es glich so ganz den Mägdlein, um die im Gedicht der Volkslieder Müllersburschen, Wachtsoldaten oder treue Knappen minnen, deren Ring sie tragen und deren Untreue sie nicht überleben würden.

»Wackeres Mägdlein,« hatte inzwischen Andreas in die Stube geantwortet.

Ich hätte ihm dafür um den Hals fallen mögen. »Ein wackeres Mägdlein!« – Also auch er, der Hagestolz, auch die seit Jahren sieche Katharina Frommel wussten das, nicht ich allein.

Das Flüstern in der Kammer wurde wieder hörbar. Was sprachen sie wohl miteinander?

»Vetter Andreas,« bat ich leise, »fragt doch, ob sie gut pflegt!«

»Aber kochen wird sie nicht können!« rief der Nachtwächter hinein.

Drinnen kicherte jemand.

»Freilich kann sie kochen, – den Kaffee und den Haberschleim – jawohl, das kann sie.«

»Ob sie's besser kann, als die Berta Walomer?« gab ich dem Nachtwächter neuerdings ein.

»Aber die andere, – wie heisst sie nur?« rief Andreas hinauf.

»Lachmanns Therese?«

»Nein, nicht die!«

»Die Berta, das Walomerkind?«

»Ja! – die wird's noch besser machen!«

Wieder kicherte es drinnen unbeschreiblich nett.

»Was Ihr denkt – Weit besser kocht die Agnes!« – rief die Kranke vom Lager, »noch nie ist ihr die Milch übergelaufen. – Du dummes Ding ...« redete sie leiser, offenbar zu Agnes, »so lass doch! – Was wahr ist, darf man vor allen Leuten sagen.«

Ich war selig. Ja, ja, die Agnes! – Ihr gleich nichts Sterbliches. Sonne und Mond finden keine solche mehr.

»Könnte sie nicht ans Fenster kommen?« fragte ich leise den Marxele.

»Jetzt ist's genug! – Bist du denn rein verrückt?« Spöttisch und doch liebreich sah er mich an. »Du Naseweis!«

»Mit wem redet Ihr, Meister Andreas?« fragte die Frau nun aus dem Kämmerchen hervor. »Ist jemand bei Euch?«

»Lehrers Walter ist mitgekommen, – will mal die Nacht ausspionieren, das Bürschchen.«

»Grüss' dich Gott, Walter!« erscholl jetzt die gebrechliche Stimme Katharinas; – »Was doch den Studenten nicht alles in den Kopf kommt! – Du meine Güte! – Ist doch ein Volk das! –«

»Grüss' Euch Gott, Frau Katharina!« rief ich kaum hörbar.

»Wer schlafen kann, soll schlafen, Walter!« machte die Alte, »das ist mein Zuspruch.«

»Meiner auch,« bestätigte Andreas.

Mir aber war wohl. Agnes schlief also auch nicht. Wie köstlich, dass wir beide die gleiche Nacht durchwachten und gar, dass wir es beide voneinander wussten!

– Natürlich, die alten Leute, die glauben, das Gescheiteste sei Schlafen! Sie können uns nie früh genug ins Bett jagen. Aber wir Jungen glauben ihnen nicht. Wir wissen, kein Mensch ist so dumm, als wenn er schläft. Er denkt nichts, er weiss nichts, er kann nicht reden, oder wenn er's tut, so ist's ein Mischmasch von Unverstand. O nein, gescheiter ist zu wachen, zu wachen an der Studierlampe und in alten herrlichen Büchern zu lesen; zu wachen auf dem Turme und in den hellen Wandel der Sterne zu rucken; zu wachen am Fenster, wenn der Mond und die Poesie und die Sehnsucht und die Liebe und hundert andere ungreifbare Wesen daran vorbeigehen; zu wachen bei Kranken, zu wachen über ganze Dörfer wie ein König; zu wachen und dreist in nächtliche Stürme hinauszuspringen. Beim Donner, redet mir nicht mehr vom Schlafen!

Zwischen den Wiesenbäumen eilten wir nun schräg den Hügel empor. Droben setzten wir uns an den Ranft und betrachteten, ohne ein Wort zu reden, das unter uns liegende Gelände. Erst hier oben merkte ich recht, wie still die Welt war. Das Gewoge der Wolken am Himmel, das Aufflackern und Verlöschen der Gestirne, diese grosse überirdische Bewegung, ging so lautlos vor sich, dass man sie eher zu träumen glaubte. Das Dorf lag in einförmigem Halbdunkel mit seinen wie eine furchtsame Herde zusammengekoppelten, eng ineinander geschmiegten Häusern da. Wo ein starker, hoher Baum, eine Pappel oder Linde etwa, aufschoss, da duckten sich gewiss ihrer drei, vier zusammen. Nur einige besonders mutige lehnten sich nicht an fremde Schultern, so das Ammannhaus und die Kaplanei. Begreiflich – den Gemeindeammann stützte sein Amt, und der Kaplan las wohl auch nicht umsonst jährlich einmal seinen Homer mit allen helmschüttelnden Helden aus. Es war, als verstehe das Pfrundhaus, was sein Bewohner lese, und präge sich danach aus. Mit homerischer Breite legt es sich nach allen vier Seiten aus, kühn wie die Augen Hektors glänzen die kleinen Fenster, und der hohe Giebel mit dem Windfähnchen ragt wie des Achilles Helmbusch in die Lüfte. Solche Häuser können ganz wohl auf allen vier Seiten frei stehen. Aber die Häuser des Schuhmachers und des Bürstenbinders, selbst des Schulmeisters Wohnung, des Schulmeisters, der auf sein mageres Quartal und auf die Butterwecken der Kinder zu Neujahr angewiesen ist, ferner die Hütte der Wäscherin Babette Reiner, das schiefe und geflickte Lohhäuschen und die Weibelbehausung, kurz alle, die keine Obrigkeit und keinen Homer bei sich eingemietet haben, die müssen sich notwendig gegenseitig stützen. Sie sind aufeinander angewiesen, und so reicht denn selbst der stolze Gasthof zur Krone seinen linken Ellbogen dem niedrigen Küferhäuschen, freilich mehr als Stützender, denn als Gestützter.

Wo das Dorf aufhört und die Wiesenwege sich in die Ferne verlieren, da liegen wohl noch da und dort kleine Einzelhäuser. Aber sie machen nicht den Eindruck mutiger Vorposten, sondern ängstlicher, schwächlicher Kinder, die auf dem Wege zur Mutter nicht mehr weiter konnten und auf dem Platze, wo sie nun stehen, liegen geblieben sind. In ihrer Zaghaftigkeit lassen sie nachts ein Lämpchen brennen, legen einen Hund vor die Türe und streuen Glasscherben auf die Gesimse.

Aber bald verliert sich auch noch diese furchtsame Spur von Menschenleben. Die grosse, dunkle Ebene dehnt sich aus, etwas dunkler, wo ihr ein Gehölze entkeimt, etwas heller, wo sich eine Halde gegen den Horizont neigt. Ja, ein geübtes Auge, zum Beispiel ein Dorfbube, der noch nicht Botanik am Gymnasium gehört hatte, konnte genau an den Schattierungen unterscheiden, wo Gras wächst, wo ein Acker liegt oder wo sich feuchtes Ried in sumpfiger Behäbigkeit durch die Auen dehnt. Einige Fetzen Schnee leuchten aus jenen Versenkungen des Bodens herauf, die die Sonne nur ein Stündchen am hohen Mittag trifft. Den Fluss erkennt man am Wuchs der Tannen und Buchen, die sein tiefes, rauschendes Bett gleich den bärtigen Lippen eines Sängers beschatten. In seinem ganzen Laufe kann man ihn verfolgen, wie er erst aus den Hügeln, die sich vom Dorfe weg gegen Süden ziehen, heraustritt, einen Haken auf tausend Schritte gegen Lachweiler schlägt, dann aber, als besinne er sich auf die grossen Städte, die Dome und Fünfmaster, die seiner warten, schleunigst wegeilt, da es unter seiner Würde stehen mag, so ein Menschenleben zu besuchen; aber wie er dann doch trotz seiner grossen Ziele sich bald da, bald dort in einer mutwilligen Krümmung ergeht, selbst einmal, als habe ihn ein kindisches Bangen vor der Fremde erfasst, zurückschwenkt, um hernach mit doppeltem Eifer vorzurennen, so recht wie ein zwanzigjähriger Bursche in den Flausen seines köstlichen Humors tut. Von seinem krausen Spiegel sieht man hier noch nichts. Erst in weiter Ferne blinken zwei Schleifen hervor, nachdem die Flut sich aus dem langen Tobel heraus in die Niederung gerungen hat und nun mit einem letzten Heimweh im Auge noch schnell einmal nach der Kinderstube zurückschaut.

Unmässig liebe ich diesen Fluss, und wenn ich einmal an seinen Wassern stehe, kann ich mich fast nicht mehr wegreissen.

Aber das Auge wandert noch weiter, bis dorthin, wo die Erde wie mit einem feinen Messer abgeschnitten scheint und der breitgewölbte Bogen des Himmels beginnt.

Sonst kam mir die Welt von dieser Anhöhe aus unendlich gross vor. Heute dünkte sie mich beschämend klein. Warum? – Ich glaube, weil sie schlief und weil im Schlafe selbst ein Riese sich von einer Mücke nicht unterscheidet. Beide sind gleich kraft– und wehrlos.

Die Stadt, wo ich mit Jakob von der Krone vom Montag bis Samstag mittag als Gymnasiast weile, wird durch eine wellenförmige Erhebung der Fläche völlig verdeckt. Nur eine leise Helligkeit, die irgendwo aus dem Boden, wie ein phosphoreszierendes Licht in die Luft fliesst und sie in einem kleinen Halbkreis rötet, deutet mir die Lage an. Aber wie klein war dieser Halbkreis, wie klein also erst diese »menschenverschlingende Stadt«, die ich wegen ihrer Grösse bisher so gefürchtet und verehrt hatte.

Plötzlich schrak ich zusammen. Hatte da nicht hinter uns jemand einen Stein geworfen?

»Das bröckelt immer so von der Mauer,« beruhigte mich der Nachtwächter und wies auf die Ruine des Schlosses zurück, die zwanzig Schritte von uns im Rücken stand. Dann richtete Andreas seine flink herumschiessenden Augen wieder auf das Weichbild zu unsern Füssen. Seine Miene war belebt. Das dichte schwarze Haar, das lang und ungekämmt über die vorstehenden Ohren und die hohe, runde Stirn fiel, flatterte im Winde, der hier stärker ging, – seine Augen glänzten, die dünne, gerade, grosse Nase zitterte wie der Rüssel eines Käfers, und die Lippen, schmale, scharfwinkelige Lippen, wie ich sie zeitlebens nur bei sehr strengen Kritikern und bittern Spöttern sah, diese Lippen bewegten sich wie in einem unhörbaren, innern Gespräch.

»An was denkt Ihr jetzt, Andreas?« fragte ich fast scheu.

»Immer an das gleiche,« machte er gereizt.

»So sagt es mir doch!« flehte ich und nahm seine magere, schwerknochige Hand zwischen meine warmen Knabenhände. »Lieber Vetter, nun sagt es sogleich, – ich merke, es ist etwas Schönes! – Sogleich oder ich laufe Euch davon!« –

»So lauf, Hagelsjunge!« forderte er, hielt aber meine Hände fest.

»Vetter!« schmeichelte ich, »sagt es nur! – Wir sind einer Meinung!«

Damit hatte ich gewonnen.

»Ich habe die Dächer gezählt, – es sind hundert und mehr! – Verstehst du?«

Ich nickte bejahend, obwohl ich nicht wusste, was er damit sagen wollte. An einen seltsamen, unerwarteten Eingang war man bei Andreas' Gesprächen ja immer gewohnt.

»Unter dem Dache schlafen vier, fünf und mehr Menschen. Alle strecken die Glieder müde von sich, alle haben die Augen geschlossen, und die Arme hängen ihnen die Bettlade hinunter. Sie sind sich jetzt alle aufs Tüpfelchen ähnlich, was sag' ich, Dummkopf, – ganz gleich sind sie sich: der Ammann, der Pfarrer, der Wirt zur Krone, der Walomerbauer, sein Knechtlein, die Wäscherin, das Häuslermädchen, der Käserbub, die arme Gertrud im Spinnhaus, der Lehrer, dein frecher Jakob und das Kerlchen, das man gestern dem Küfer getauft hat. Alle sind wie tot. Und so geht es jetzt über die ganze Welt.«

»Ja,« sagte ich, von dem Gedanken überrascht, dass mein stolzer Freund Jakob oder der reiche Bauernsohn Theodor Walomer zur Stunde genau so schwach seien wie ein eintägiges Büblein und, offen gestanden, davon wie mit Schadenfreude erfüllt, »ja, Andreas, das glaub' ich wohl.«

»Alle Tage zeigt unser Herrgott den Menschen, dass sie im Grunde gleich sind. Nur ein Schläfchen fällt sie an, und der Herr und der Bettelmann sind nichts mehr als Menschen, ungleich nur noch im Haar und Wuchs.«

»Wie Ihr doch recht habt!« bekannte ich und forschte an dem braunen, lederfarbigen Gesicht des Erzählers, ob er das aus den Büchern oder aus sich selber habe. »So was liest man nicht in Büchern,« entschied ich für mich, »das gibt er vom Eigenen.«

»Und da frag' ich mich, ob dieser alltägliche Unterricht, – wie sagt Ihr Gelehrten schon? – Anschauungsunterricht? –«

Ich nickte, aber es verletzte mich, dass er mich zu jenen Gelehrten zählte, deren Namen er mit einer spöttischen Betonung aussprach. Ich wollte jetzt um keinen Preis ein Gelehrter von jener Sorte, sondern ein Gelehrter wie Andreas sein.

»Ob dieser Anschauungsunterricht die Menschen nicht ein bisschen vernünftiger machen sollte, so etwa, dass die niedrigen Leut' den Rücken nicht mehr so tief bücken und das Herrenvolk die Nase nicht mehr so hoch hebt.« – Andreas riss einen dürren Halm aus und zog ihn durch seine vom Tabakkauen gelben und schwarzen Zähne.

Sein Wort gefiel mir. Ich nickte kräftig und fasste seine Hand viel fester. Alles, was neu war und fast nach Revolution roch, schlug mir mächtig in die Sinne.

»Ich frage weiter, warum diese Menschen, die da unter den Dächern liegen wie Nullen, am Morgen aufstehen und wegen etwas mehr Seide oder mehr Namen oder mehr Münzen oder wegen sonst was, das ihnen von aussen anklebt, nicht wie alle andern eine Eins, sondern eine Zwei, eine Drei, ja, eine Acht und Neun sein wollen. Noch mehr, die andern sollten Nullen bleiben, sollten wie Hunde hinter ihnen herlaufen und aus der Eins eine Zehn und Tausend und Hunderttausend machen! Jetzt liegen sie alle platt auf der Matratze, und morgen will einer dem andern über den Kopf schauen, als stände die Menschheit auf einer Leiter und wir natürlich zu unterst, – so ein Nachtwächter, – nur ein Nachtwächter! – Donnerwetter noch einmal!« – Andreas riss zornig einen ganzen Büschel Gras aus.

»O wie schön sagt Ihr das!« rief ich begeistert aus und presste seine Rechte noch heftiger. Ich war sechzehnjährig und hatte es noch genau wie die Kinder, die nichts loben können, ohne es zugleich zu liebkosen, wie sie auch nichts verurteilen, ohne es zu misshandeln.

»Das gefällt dir!« sagte Andreas selbstgefällig.

»Und wie!« – versetzte ich im Studentenjargon.

»Ich frage weiter,« fuhr der Meister fort und raufte noch immer Halme aus der Erde, »warum zum Beispiel nur so ein reicher und vornehmer Mann wie der Kronenwirt Friedensrichter sein kann, und warum es durchaus einen armen Menschen braucht, wie der Andreas Marxele es ist, um den Nachtwächter zu spielen? – Könnte denn nicht auch unter dem schiefen Dach des Bürstenbinders ein Ammann erwachsen? – Und sind etwa alle die Geldbauern wie der Walomer, – ich red' ihm nicht zum Unrecht! – zu gescheit, um mit der Laterne die Nachtrunde zu machen? He? Das frag' ich. – Sag', Walter, – mir ist hie und da, die hätten zuerst einen Nachtwächter in ihrem Schädel nötig, so finster ist es da. Hab' ich etwa nicht recht?« – fügte er bei und lachte selber, da er mich lachen hörte.

»Das ist gediegen!« lachte ich immer noch. Damals konnte ein Student keinen Satz sprechen, ohne das famose Wörtlein »gediegen«. Der Geschichtsprofessor war uns »ein gediegener Kerl«, die Philisterin eine »gediegene Alte«, das Bier »ölte gediegen«, und der Kandidat, der für den erkrankten Lateinlehrer dozierte, ein »gediegener Schöps«, war »gediegen abgestunken«, als er uns eine Moralpauke halten wollte, aber »gediegen« überbrüllt wurde.

»Und die armen Leut', sollen sie so verschupft bleiben, he?« Andreas sagte verschupft für zurückgesetzt.

»Nein, auch die Ärmsten sollen was Rechtes sein können, – das ist das einzig Senkrechte,« meinte ich mit studentischem Schneid.

»Senkrecht oder nicht, aber das sollen sie! – Du bist in der Stadt und studierst. Recht so! – Du hast Geld von der Mutter und dazu einen Brosamen Talent. – Aber ich war auch nicht auf den Kopf gefallen. – Schändlich! Weil ich meinen Reichtum im Kopf und nicht im Beutel hatte, durfte ich nicht studieren. Wäre es umgekehrt gewesen, so wäre ich jetzt ein Doktor oder ein Bezirksrat. So aber bin ich ein Nachtwächter geworden.«

Das sagte er mit einer unnatürlichen, herben Lustigkeit, die mir ins Herz schnitt.

»Nein, Vetter, Ihr seid wahrhaftig mehr als ein Nachtwächter!« – rühmte ich aufrichtig. »Von Euch kann das Dorf viel lernen, und es hat schon sicher viel gelernt.«

»Was du nicht fabelst!« scherzte er und sah mich misstrauisch an. –

»Es ist mir heilig Ernst!«

Andreas lächelte und drückte zufrieden meine Hand. Es schien, als wolle er sich diesem glücklichen Gefühl überlassen, das meine Worte erregt hatten. Doch missmutig schüttelte er bald wieder den dichthaarigen Kopf.

»Nein, Walter, – am Tage mag's angehen, – aber des Nachts, wo's die Sterne hören, darf man nicht lügen. – Nein, nein, ich bin doch ein Dummkopf! – Ich weiss nichts! – Was ich zusammenlese, ist wohl ein Haufen Stoff, – aber ich kann nichts ordnen, nichts Ganzes daraus machen. Tausenderlei weiss ich aus allen Fächern, tausenderlei denke und träume ich dazu; aber nicht ein einziges ist mir fest und klar vom Anfang bis zum Ende.«

Mit einer Bitterkeit und Trauer sagte er das, dass es mich selber erschütterte. So offen und geradeswegs hatte er gesprochen, dass ich fühlte, es wäre Sünde, etwas dagegen zu erheben. Jede Aufmunterung hätte niedrig, ja ruchlos ausgesehen.

»Wenn ich die Häuser da unten auseinanderrisse, eines hier hinauf, ein anderes zum Tobel hinunter setzte und alles so zerstreute, dann hätte ich immer noch alle Häuser, aber ein Dorf wäre das nicht mehr. – Merkst, wohin ich ziele, Junger? – Am Zusammenhang liegt alles. – So ist's auch bei mir. Die vielen Kenntnisse, die ich vor den andern Dörflern voraushabe, stehen nicht im Zusammenhang. Will ich sie zusammenbringen, so gibt es eine Flickerei, aber keinen Rock. Ich kenne euere Regeln nicht, keine Gesetze weiss ich, die Schule geht mir ab, Walter, die Schule!« –

Er krempelte den Kragen seines Rockes auf, ihn fröstelte. Dann liess er die Hände lahm auf die Knie sinken. Ganz hinfällig schien er mir.

Ich wagte kein lautes Wort zu reden.

»Sieh, Walter, – ich fühle gut, dass es im Politischen nicht ist, wie es sein sollte. Unser Dorf erstickt unbewusst in der alten, dumpfen Luft. Man verstopft alle Zugänge, woher ein frischer Wind kommen könnte. Die kleinen Leute ducken sich vor den Grossen, die hablichen Vettern helfen einander, das Geld macht alles und der Stand der Eltern. Ein armes Kind muss Ziegen hüten, und wenn es mit seinem Genie einst Völker leiten könnte. – Das ist nicht recht, das will der Herrgott nicht so haben, das sollte anders sein.«

Der erregte Mann streckte die Arme in den Ärmeln und wand den Rücken. Seine Stimme zitterte. Es flimmerte darin wie von Tränen. Prometheus schüttelte an den Ketten. Aber die Ärmel blieben eng und der Rücken blieb eingeschnürt.

»Wenn ein junger, talentvoller Mensch,« zürnte Andreas, »über seine Schulbank hinauswächst und nach dem Gymnasium verlangt, so muss er eine schwere Geldkatze daheim haben. Sonst geht es nicht. Nun soll ein armer Siebentklässler nach dem Examen den Finger strecken und rufen: 'Herr Lehrer, ich will Professor werden!' oder: 'Herr Lehrer, ich will ein Advokat, ein Mechaniker, ein Baumeister werden!' – Die ganze Schule würde sich den Bauch vor Lachen halten. 'Seht da, unser Hänschen will ein Herr werden!' hiesse es, 'und seine Mutter ist doch nur eine Waschfrau, und sein Vater ist nicht der Kronenwirt, sondern nur sein Bäckergeselle. Seh' einer, wie hoch unser Hänschen hinaus will!' – Ich hab's in den Ohren, so würde man schreien, und die armen Leute, die selber auch einen Sohn hätten, schrien am lautesten und frühesten. Ja, ja, sie will hoch hinaus, unsere Jugend, wenn sie bis zur Gleichheit und Gerechtigkeit hinauf will!«

»Im allgemeinen ist das so,« wandte ich schüchtern ein, »aber es gab doch auch arme Büblein, die es weit brachten. So der Walliserbub Matthäus Schinner, der kleine Newton und der geplagte Gymnasiast Schiller, aber es sind noch viele.« – In meinen Augen waren alle Gymnasiasten mehr oder weniger Märtyrer.

»Im allgemeinen ist das so,« äffte mich Andreas nach, »aber gerade im allgemeinen sollte das nicht so sein, nur als Ausnahme etwa! – Und dazu, hat deinen Büblein die Welt das Emporkommen nicht sauer genug gemacht, ja, ihnen davon die schönsten Jahre verpfuscht? – Nachdem sie den Magen durch Hunger und schlechte Kost verdorben haben, wird ihnen jetzt Wein und Braten in Fülle. Aber was nützt das ihnen, wenn sie es nicht mehr ertragen? – Und dann, Walter, das waren ein paar wenige Riesen. Die hatten einen Mut und Willen, um Berge zu versetzen. Aber unsere armen Landkinder sind nicht solche Riesen, – man kann ein grosses Talent und einen kleinen Mut haben. Ja, gerade weil das Talent so furchtsam ist, gehorcht es der grobschlächtigen Welt und flickt Schuhe im Dorfe oder weidet Kühe auf der Allmende, weil es kein Geld für Bücher und Schulen hat. Und die Menschen schauen zu und rühren sich nicht. Pfui doch über eine solche Welt!« – Andreas spie kräftig aus.

Ich war versucht, aus Ekel vor dieser Welt gleichfalls auszuspeien. Zwar gehörte ich zu den Begünstigten. Aber in edler Unparteilichkeit wollte ich kein Vorrecht mehr haben vor den andern. Einzig der Adel der Gesinnung und das Talent sollte in der künftigen Welt den Ausschlag geben. O, Andreas und ich, wir wüssten schon, wie man die Welt zurechtzimmern könnte, dass sie harmonisch aussähe und alle Menschen gleiche Stübchen darin und gleich viel Fenster und gleich viel Sonnenschein hätten. O gewiss, wie zwei!

»Unser Dorf,« redete Andreas weiter, »ist freilich nicht schlechter als die übrige Welt. In der Stadt haben sie eine grosse Partei, namens Majorität – hab' ich es recht ausgesprochen? – die verwünschten fremden Wörter!«

»Majorität, ja, ja, so heisst sie!«

»Wer nicht zu ihr gehört, kommt auf keinen festen Sessel, und wenn er einen Doppelzentner Verstand hätte. Beim Stadtammann muss einer junkerlich sein, wie ein altes Wappen, bei den Sozialisten röter als Scharlach, sonst profitiert er nichts. Man fragt nach Konfession, nach Politik, nach Geld und erst ein Jahr später nach dem Verstand. Nach dem Herzen aber fragt man erst, wenn einer gestorben ist. Dann heisst es: 'Der Selige hat doch ein gutes Herz gehabt!'«

»Nun sind aber,« schloss der Nachtwächter, »nur die wenigsten so gut katholisch wie du, oder so rot wie der Bebel oder so junkerlich wie dein Kamerad, der Jakob. Alle andern kommen zu kurz und so gibt es immer mehr Unzufriedenheit und Unbilligkeit.« – Andreas seufzte tief.

»Da schlafen sie nun,« klagte er weiter und fuhr mit der Rechten geringschätzig über das Dorf hin, »schlafen unter ihren schweren Dächern und vergessen, dass sie Sklaven von ganz wenigen Menschen, oft von einem einzigen sind. O wenn sie alle dächten wie ich! – Wahrhaft, sie würden jetzt nicht schlafen.«

»Was täten sie?« fragte ich hastig.

Der Mann bog sich über den Abhang hinaus. Wie eine drohende, unheimliche Wolke schien er über dem Dorfe zu liegen. Er hatte jetzt etwas Grosses, Gebieterisches in seinem Benehmen.

»Erheben würden sie sich alle,« schrie er und sprang auf vom Rasen, »um die Gleichheit und Brüderlichkeit würden sie kämpfen mit mir. Dehnen und recken würden sie sich, bis ihre Ketten auseinander fielen.«

Kapitel 5

In diesem Augenblick krachte es. Andreas Marxele hatte im Übereifer eine zu grosse und zu heftige Geste ausgeführt. Die Nähte am Ellbogen und an der Schulter platzten, Prometheus hatte in Wahrheit die Fesseln zersprengt.

Aber keineswegs trat das Gefühl der Erlösung ein, wie man etwa erwarten möchte. Im Gegenteil hielt der Begeisterte plötzlich inne und betrachtete bestürzt den Schaden.

»Da sind mir jetzt die Ärmel aufgesprungen,« machte er kleinlaut und liess sich wieder ins Gras zurückfallen.

»Das wäre eine Revolution, bravo, bravo!« jubelte ich, immer noch im Klange seiner grossen Worte lebend. Was bedeutete doch ein zerrissener Ärmel neben der Zertrümmerung einer alten, wurmstichigen Welt, die wir doch beabsichtigten?

»Sieh einmal nach, ich glaube gar, auch die Naht im Rücken.«

»Und Ihr glaubt, Meister Andreas, dass dann auch die Ärmsten und Niedrigsten ohne Geld –«

»Narr, da hast du eine Nadel, – hefte mir die Naht im Rücken zu! – puh, das ist kalt!«

»Hei, ja, das ist dann aber köstlich, wenn man bloss mit seinem hellen Kopfe und mit seinem guten Herzen –«

»Bist du verrückt, Student? – Vor allem muss ich einen neuen ganzen Rock haben, hörst du, einen ganzen Rock!«

»Einen ganzen Rock!« stotterte ich mechanisch, aus sieben Himmeln in die niedrigste Prosa geworfen.

»Das ist alles recht gut, – aber wenn man keine Kleider hat, kann man nicht auf die Strasse predigen gehen, und wenn man hungert, kann man nicht kämpfen. – Hält sie? – Hätt' ich nur eine Sicherheitsnadel!«

Mir war, ich falle von einem Berge hinunter.

»Also braucht es doch Geld oder reiche Leute?« fragte ich trostlos.

»Das sag' ich nicht, nein, das werd' ich niemals sagen! – Aber ich hab' es dir ja eben noch gebeichtet: ich bin ein Nichtsnutz, ein Fasler, ich habe keinen Zusammenhang, gar keinen Zusammenhang. Hör' nicht auf mich, ich führe falsch!« –

Dabei ergriff er mich so flehentlich an der Hand, dass ich nicht wusste, sollte ich ihm verzeihen oder selber um Verzeihung bitten.

Langsam gingen wir den Hügel hinunter.

Je näher er dem Dorfe kam, desto beruhigter wurde Andreas. »Nein, lieber Junge,« sprach er, »es ist schon alles richtig, was ich dir gesagt habe. Aber mir mangelt die Schule, ich kann's nicht recht zusammenbringen, nicht ordentlich beweisen. Bei allem, was ich sage, fühle ich Löcher. Das nimmt mir alles Vertrauen. Oft zweifle ich an allem, was ich sage und fühle. Und doch weiss ich dann wieder, wie durch eine innere Stimme, dass ich ganz sicher auf dem rechten Weg gehe. Aber diese Löcher! – O Walter,« – er fasste mich mit beiden Händen an den Schläfen und schaute mir tief in die Augen, – »mach' du einmal, was ich nicht kann! Studiere, – werde stark, – ich glaube, du könntest viel helfen.«

Nie in meinem Leben hat mich eine Zumutung stolzer gemacht als diese. Ich stand auf den Zehen und erwiderte den Blick Andreas' mit roten, brennenden Augen. »Ich verspreche Euch, dass ich tun will, soviel ich vermag,« gelobte ich.

»Die Hand darauf!«

»Da!«

»Jetzt aber still,« gebot der Nachtwächter, »Frau Katharina wird schlafen.«

Er verkroch sich gleichsam in seinen Rock, so fröstelte ihn, und mich dünkte, sein Atem pfeife leise, wie bei einem Engbrüstigen.

»Ist Euch unwohl?« flüsterte ich.

»Seit ein paar Tagen Influenza! – Aber ein Nachtwächter kann doch nicht im Bett liegen.«

Leise trippelten wir hintereinander am Hause der Kranken vorbei. Ich blickte sehnsüchtig zur Stube empor. Und siehe, an der erhellten Diele, die man von der Strasse aus leicht sah, zeichnete sich deutlich Strich auf Strich Agnesens Köpfchen als ruhiger Schatten ab. Sie sass wohl vor dem Nachtlicht und las. Denn ihr feiner Kopf mit der Haarkrone, dann die Linie der Stirne und der so leise und vornehm unten gebogenen Nase und das sanft gerundete Kinn, alles im schärfsten Profil, bewegten sich gar nicht. Wie schön war nur schon der Schatten von Agnes! –

Und noch etwas sah ich. Als wir zwei durch den breiten Lichtstrahl, der vom Fenster über den Weg fiel, dahin schritten, da krampfte Andreas erschreckt die aufgerissene Naht am rechten Ärmel zusammen, als ängstigte er sich über jemanden, der den Riss wahrnehmen könnte. Das begriff ich wieder nicht.

Immer noch ging der feuchte, warme Luftzug durch die kleinen Strässchen. Unandächtig huschte er durch die Gitter in den Gottesacker, zupfte an den Blechkränzen und rüttelte die kleinen, an den Kreuzen befestigten Porträte von Kindern und Grossmüttern herum. Dann fegte er mutwillig einen Haufen dürrer Blätter über das Grab eines alten würdigen Ratsherrn, der sein Lebtag die säuberlichste Ordnung geliebt hatte, und endlich verfing sich dieses respektlose Lüftchen im Stachelhaar einer alten Tanne, die zwischen Friedhof und Pfarrhaus stand.

Wir gingen jetzt auf der andern Seite des Gottesackers ins Dorf hinunter. Hier war die jüngste Gräberreihe. Man erkannte sie leicht. Die Gräber hatten noch die frische, braune Erdfarbe, und ihr Hügel war noch nicht eingesunken.

Merkwürdig, es war mir unmöglich, jenes befreiende Gefühl, das ich auf dem Herweg empfunden hatte, wieder zu erwecken. Gar nicht mehr wie eine Erlösung kam mir diese Ruhe vor. »Was soll denn Ruhe?« fragte ich mich empört. »Nein, Unruhe des Lebens, Streiten und Jagen, Ausgreifen mit Händen und Füssen, das ist besser als dieser tatlose, bleierne Schlaf allhier! – Selbst Leiden ist besser. Lieber um eine Rinde Brot kämpfen, als hier unten keinen Hunger mehr haben und für immer satt sein! Lieber mit engen Ärmeln und schmalen Schultern durch die Härte des Lebens sich winden, als hier gefühllos liegen! –« Es zuckte mir in den Fingern, ich krallte die Zehen in die Schuhsohlen, jeder Nerv in mir protestierte gegen den Tod.

Da, am Schlusse der Reihe gähnte eine Spalte im Boden, hart an der Strässchenmauer. Daneben lag eine Schaufel und ein zweizackiger Pickel. Da hatte man also das Bett für einen Verstorbenen gerüstet. Grausend wandte ich mich ab. Denn neben der Öffnung lag die ausgeworfene Erde, faul, nass, schleimig; und überall grinste hässliches, gelbbraunes Gebein des früheren Grabbewohners aus dem Schutt.

»Wer ist gestorben?« fragte ich den Nachtwächter. Ich war erst gestern in die Fastnachtferien heimgekommen.

»Der Weberseppel,« antwortete Andreas gedrückt.

»Der?« machte ich verwundert.

»Vor einer Woche an der Kirchweih hat er noch Kerzen und Eierringel vor der Krone verkauft.«

»Was, und der ist schon gestorben?«

»Schon? – er war ja zweiundsiebzig!«

»Wenn auch!« – Mich dünkte, das sei immer noch zu früh. Der Tod kam mir furchtbar unverschämt vor. Kann er nicht warten, bis man wenigstens rund hundert oder zweihundert Jahre zählt? – Und auch dann noch ist es viel zu früh! – Nein, man sollte gar nicht sterben! Ich griff an mein etwas langes geschmeidiges Haar, ich fuhr mir über die Wange. Wie weich, wie jung, wie warm war das alles! – Nein, nein, das durfte, das konnte nicht altern und sterben!

»Was macht denn auch so alt, Vetter?« fragte ich, während Andreas die Uhr beim Ammann aufzog, als es eben drei schlug. – Doch sogleich wurde ich rot. Welch dumme Frage! Die Jahre! – wird er mir antworten. Das war selbstverständlich, das wusste jedes Kind.

»Natürlich die Zeit,« verbesserte ich mich darum rasch.

»Nein, nicht die Zeit!« sagte Andreas ernst.

»Was denn?« bat ich höchst verwundert.

»Die Menschen machen einander alt!«

»Die Menschen? – Wieso? –« Voll Staunen hielt ich den Mund offen.

»So nimm dafür die Ungleichheiten, alles das, worüber wir uns dort oben ereifert haben, – das macht alt!«

Unwillkürlich blickte ich zur Hügelkuppe hinauf, die über die schwarzen, feuchten Dächer emporragte.

»Nun pack' dich ins Bett! – Es gibt Regen.«

In der Tat, der Himmel hatte sich gänzlich mit unbeweglichen, grauen Wolken bedeckt. Der Wind wehte nicht mehr. Kleine, warme Tropfen fielen klingend in die Dachröhren nieder.

»Ich danke Euch vielmal,« sagte ich und drückte dem lieben Manne innig die Hand. »Das war für mich eine schöne Nacht. Die vergesse ich nie mehr.«

»Gar nichts zu danken!« versetzte der andere kurz, schier trotzig, und wandte sich zum Weggehen.

Traurig sah ich ihm nach. Ich hatte erwartet, dass er sich herzlicher verabschiede. Ich war ihm doch eben nur ein Bübchen, wie alle andern. Weinen hätte ich mögen.

So blieb ich denn unbeweglich stehen. Andreas musste es bemerkt haben. Nach drei Schritten kehrte er sich nach mir zurück, stutzte und trat dann ganz nahe vor mich hin.

»Was willst du denn noch?«

»Andreas!« rief ich und wirklich traten mir Tränen aus den Augen.

»Mit dem Flennen ist nichts getan! – Aber Junge, weisst du noch, was du mir versprochen hast, – vor dem Dorfe versprochen hast?«

»Ja, Andreas!«

»Es hat's einer gehört, der nie schläft!« – drohte der Nachtwächter.

»Soll ich schwören, Andreas?« – rief ich voll Hitze und streckte die Finger.

»Lass, lass! – ich glaube dir – Aber es ist schwer! – Ich könnte es nicht! – Nun, gute Nacht!« – Damit presste er die zerrissenen Säume der Naht neuerdings zwischen die Finger und schlüpfte eilends durch das steile Nagelgässchen zu seiner Hütte hinunter.

»Ich kann's schon,« sprach ich mir ein, »ja, sicher, ich kann's. Ich werde jetzt die Geschichte unserer Heimat studieren, und auch Übersetzungen der grossen, alten Redner will ich kaufen. Sodann muss ich mich in der deutschen Sprache fleissig üben. Wohl war ich in diesem Fache der Erste. Doch was bedeutete das in einer kleinen unfleissigen Gymnasialklasse? Trotz meines Ranges hatte ich im letzten Aufsatz ›treten‹ mit zwei ›t‹ geschrieben. Ein grosser Redner und Schriftsteller darf ›treten‹ aber ohne Zweifel nur mit einem ›t‹ schreiben. Es wird das Beste sein, wenn ich täglich eine kleine Rede fertig zu Papier bringe. Eigentlich könnte ich abends, bis die Philisterin das Licht in meiner Bude anzündet, auf einem Stuhl stehen und die Rede gleich so halten, als hätte ich viele Menschen vor mir.«

Langsam und glücklich ging ich unter solchen Plänen heim, und da es mir unerträglich heiss in der Kammer wurde, öffnete ich die Fenster, wiewohl nun der Regen über das Gesimse hereintropfte. Indem ich mich entkleidete, dachte ich immer noch, wie notwendig es für meine grosse Aufgabe sei, vor allem ein bedeutender Redner zu werden. Ob ich dazu veranlagt sei, diese höchst überflüssige Frage stellte ich nicht einmal. Man kann alles werden. – Hätte mir Andreas aufgetragen, ein Bildhauer oder ein Musiker zu werden, so hätte ich ebensowenig gezaudert, mich an die Arbeit zu machen. »Possunt quia posse videntur,« – hatte uns kürzlich der Lateinlehrer aus Vergil zugerufen. Jetzt verstand ich den versesingenden Professor erst. Ja, man kann alles, was man sich zutraut. Ich musste also – dies war so bestimmt – ein Demosthenes oder Mirabeau werden. Denn es galt, ein ganzes Geschlecht zu überzeugen und für das Bekenntnis des Nachtwächters von Lachweiler zu bekehren. Ich musste das Wort brauchen können wie einen Hammer zum Zerschmettern, wie eine Nadel zum Stechen, wie eine Flöte zum Locken, wie eine Geissel zum Antreiben, wie eine Posaune zum Wecken und wie ein Cello zum Rühren und zum Beruhigen. – Zum Glück hatte ich den Julius Cäsar von Shakespeare da; – morgen wollte ich die Rede des Antonius auswendig lernen.

Ha, ich wollte schon zeigen, dass es auch heute noch Redner gibt, die den Donner und Blitz auf der Zunge tragen.

Ich verstieg mich immer weiter in meine Rednerträume. Unabsehbar viele Köpfe sah ich tief unter mir. Auf einer Rednerbühne hing ich hoch über ihnen. Ich redete und redete in einem wunderbaren Flusse von Gedanken. Wie grosse, lange, hochgewölbte Wellen rauschte Satz auf Satz daher. Ich empfand keine Mühe, brauchte nicht zu denken. Es war mir, als käme alles von selbst und als läge noch Unerschöpfliches in mir. Hüte sah ich in die Luft fliegen, weisse Manschetten glänzen, Brillengläser zu mir auffunkeln, rote, lachende und weinende Gesichter. Alles schwankte, verwirrte sich, stürmte durcheinander in weiten, dunklen Massen, gleich den Wolken am heutigen Nachthimmel.

Aha, ich sass ja wieder auf dem Hügel, aber alles war seltsam verkehrt. Der Himmel mit den stossenden Wolken stand jetzt nicht mehr über mir, sondern lag unter mir. Ins Leere hingen meine Füsse nieder, fast schwindelte mir. Aber ich redete immerfort und sah deutlich hie und da zwischen den Wolken, die sich ein Weilchen verzogen, die Volksmassen auftauchen, und wieder blinkten steif gestärkte, schneeige Manschetten und flogen Hüte und blitzten Augengläser. »Gleichheit muss sein!« – schrie ich. »Der Ammann soll abdanken, ein Junger muss kommen!«

Wieder bedeckten die Wolken alles unter mir und wieder riss ein Sturm sie auf. Jetzt sah ich in den nachtblauen Himmel, aber immer noch war alles unter mir. Mir wurde, als beuge ich mich über ein unendliches Seebecken. Aber gleich erschien mir dieser Himmel tief zu meinen Füssen als so fest und so unbewegt, als stellte er die Front eines gewaltigen glänzenden Marmorhauses dar. Und tausend ungleiche Sterne glänzten wie Fenster hervor und jedes öffnete sich und aus den kleineren rauchten zwei, aus den grössern drei Köpfe hervor, Männer, Frauen, Kinder, und alle lauschten zu mir hinauf.

»Und alle Häuser müssen gleich schön sein und alle gleich viele und gleich grosse Fenster haben!« zürnte ich weiter, »denn Gleichheit muss von nun an sein!«

Bei diesem Worte verschwanden die Köpfe an den Fenstern. Ich hatte die Leute sicher erbost. Nur im kleinsten, hintersten Fenster war noch ein Kopf zu sehen mit sehr hellem, gelbem Haar und einem bekümmerten Ausdruck in den kleinen blauen Augen. Über die Stirne zitterte sogar eine leise Falte. Agnes!

Auf einmal gefiel mir dieses kleine, fast windschiefe Fenster besser als die breiten Prunkscheiben, und ich bereute, was ich vorhin gepredigt hatte. »Nein, auch die kleinen Fenster kann man belassen!« rief ich laut hinunter, damit sie es höre.

Da trat sie weiter aus der Fensterlichtung hervor und lächelte ein wenig zu mir hinauf.

»Auch die kleinen Häuser,« gab ich ferner zu, »sie sind sehr nützlich! – Frau Katharina brauchte das ihrige nicht umzubauen!«

Das Mädchen hielt die Hand ans Ohr, um besser zu verstehen. Die Falte verschwand, und mit Augen und Mund lächelte sie noch hübscher.

»Auch die Menschen müssen nicht durchaus alle gleich sein!« gestand ich wieder ein; »es gibt junge und es gibt alte! – Die einen müssen leben, die andern müssen sterben! – Das ist wahr! Und es gibt schöne –« – ich machte einen tiefen Knicks gegen das Fensterchen, – »und häss – , nein, ich wollte sagen, weniger schöne, reiche und arme. Da muss man schauen, wie man sich etwa verträgt. Ist es nicht so?« –

Ich warf die Frage zum Fensterchen hinunter.

Da nickte der liebliche Kopf, und die Augen lachten ein so grosses Ja, dass mir die Sinne vergingen.

Da blies ein starker Wind daher und wieder deckte sich alles undurchdringlich mit Wolken.

Kapitel 6

Als mich die Morgensonne weckte, war mein erster Gedanke – etwa Andreas Marxele?

Fehlgeschossen!

»Der grosse Redner der Zukunft, der neue Heiland der Volksfreiheit, der –«

Halt ein – du beschämst mich! Erinnere dich doch, dass ich im leichtsinnigsten Jahre des Lebens stand und dass heute Schmutziger Donnerstag war!

Ach, ich dachte an Blechmusik, an Fleischtörtchen, an unsern Umzug und an ein unerlaubtes Tänzchen zu Nacht.

Die Fastnacht ist nirgends so gross und schön wie in den Dörfern hinten im Lande. Jedes Haus hat für sich Fastnacht und auf dem ärmsten Tische duften schon am Morgen Birnenwecken zum Kaffee. In Küchen, die nur das gesottene Rindfleisch das Jahr über kennen – ein so ausgesottenes Rindfleisch, dass die Katze es dem Hund und der Hund der Katze überlässt – gibt es zu Mittag nun Braten vom Lamm oder einer fetten Ziege und geräucherte Schweinswürstchen, die wie ein Kranz im Sauerkraut liegen. Am Abend aber wird vor jeder Stube Buttermilch mit einem saubern Besen zu weissen, schaumigen Flocken geschlagen und die Herrlichkeit mit Nüssen und gedörrten Birnen genossen. Zur besseren Verdauung schütten man ein Spitzglas Zwetschgenwasser den fetten Speisen nach.

Das ist die Fastnacht im Hause. Dann kommt die Fastnacht mit den Nachbarn. Die Schlagsahne füllt einen grösseren Kessel, zu den Wecken gesellt sich ein Apfelkuchen und statt der Zwetschge wird heute Kirsch geschnapset. Ein Dorfkünstler nimmt die Mundharmonika oder eine verquiekte Handorgel, und nun wird durch die niedrige Stube gewalzt, dass die Loden stäuben, die alten Stühle klappern und Grossmutter das Fenster öffnet, um frische Luft zu schnappen.

Endlich die Fastnacht im grossen Dorfrahmen, die Buden mit roten alten Ladenweibern und Eierringeln und gebackenen Männchen und Fräulein; der Geruch von Bratwürstchen und sauren Leberchen, der aus der Krone dem Vorübergehenden in die Nase strömt; die geschlossene Schulstube; der Umzug der Bürschchen unter vierzehn Jahren verbunden mit Bogenschiessen und Abendessen in der Krone; der wandernde Schabernack, den die Jünglinge durch das Dorf aufführen mit Verkleidungen, schrecklichen Masken, drolligen Kapriolen, bissigen Inschriften auf den Stangen und der gelungenen Verspottung irgendeiner Dorfschwäche oder sogar eines vaterländischen Gebrechens; endlich am Abend eine Bauernkomödie im grossen Saal der Krone, halb aus einem alten Hefte, halb aus der witzigen Eingebung des Augenblicks aufgespielt und mit einem Beifall belohnt, der Hände und Füsse gleichmässig benutzt und aus ehrlichem Herzen weint und lacht. Nicht vergessen will ich die nächtigen Strassen, gefüllt mit Liedern der Holzpfeife, mit Jodeln heiserer Kehlen, mit Laternenlichtern, schwankenden Schatten und wohl auch mit dem Geflüster eines verliebten, tief im Häuserdunkel wandelnden Paares. Von Zeit zu Zeit knarrt ein Fensterchen im Studierzimmer des Pfarrers. Kopfschüttelnd und seufzend schliesst der Hochwürdige es wieder. Die Fastnacht geht noch immer um! – Er schlägt das welke Evangelienbuch auf und sucht sich für den nächsten Sonntag einen möglichst strengen Text aus. Nach einer Weile öffnet er der Scheibenflügel wieder. Ach, noch tanzt die eitle, schöne Herodias! – »Tanze nur,« murmelt der Geistliche, »aber morgen ist doch Aschermittwoch« – Und ein Lächeln der Genugtuung spielt flüchtig um seine Lippen. Er nimmt eine Prise Schnupftabak zwischen die Finger, schnupft aber nicht, sondern versinkt in ein tiefes Nachdenken.

Er sieht im Geiste die Kirchleute in gemessenem Zuge zur Chortreppe hervortreten, niederknien und das Haupt beugen, um die Asche auf den Scheitel zu empfangen. Wie viele verschiedene Köpfe! – er kennt sie alle! – Da ist der Gemeindeammann Markus, der mühsam seine steifen, achtzigjährigen Beine krümmt. Sein weisshaariger Kopf ist breit und stark wie eine Bergkuppe. Die Vorsätze, die da herauskommen, sind wie Felsen. Aber der Lehrer Philippus Korn, der den Schülern vorausschreitet, trägt einen kleinen, spitzen Schädel und durch das spärliche, bleichbraune Haar schimmert ein weicher Grund. – Zierlich gekräuselt und von eleganter Form erweist sich der Wirbel des Gemeindeschreibers, während der Kronenwirt kurzes, struppiges Haar auf seinem echten Römerhaupte zeigt. Der Walomerbauer, der reichste im Dorfe, hat einen viereckigen Schädel, und fast immer durftet er vom Heu und hat noch einige fahle Halme im schwarzen Haare stecken. Es kommen die Häupter der Ratsherren, meist sorgfältig gekämmt und noch glänzend vom Salatöl, womit sie sich gesalbt haben, der Waisenvogt, kahl wie ein Zementboden, der Nachtwächter, langhaarig, unruhig und so aufgeschüttelt, dass sogleich jede Aschenspur in den Strähnen verschwindet; der Sägmeister, dem eine unbewachsene, vernarbte Stelle über den Wirbel läuft und der jedesmal mit unehrerbietiger Hand die Asche auf dem Rückweg wieder wegstreicht, weil sie ihn unerträglich kitzle. Die von den Hügeln haben alle blondes steiles Haar, runde Köpfe, vorstehende, dicke Ohren und von irgendeiner neulichen Schlägerei noch rote und braune Merkzeichen. – Jetzt folgt die Schar der Jünglinge, voran die Studenten. Der geistliche Träumer sieht deutlich den gescheiten, kurzgeschnittenen, vom blonden Haar geradezu leuchtenden Kopf Jakobs, Walters blasses, braunes, langes Haar, Josephs frommes Haupt, das gleichsam schon nach der Schere ruft, um sich die Tonsur zu schneiden; dann den wilden, ungestümen Krauskopf des Theodor Walomer, nun die langen, kurzen, vier–, fünf– und mehreckigen Köpfe der Schulbuben und endlich die weichen, noch kaum fertigen und doch so eigensinnigen Köpfe der Büblein unter sieben Jahren.

Aber alle diese Häupter beugen sich, alle begraben die Fastnacht unter dem Ernst eines neuen, weiterblickenden Lebens. Es geht ein Zug von Busse durch die Menschenzeilen und auch er, der Pfarrer, wird in der Sakristei das graue Haupt beugen und den Kaplan sprechen hören: »Bedenke, o Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehrst!« – »Ja, ja alles ist Staub, alles ist Wind, ausser Gott und seiner Gerechtigkeit!« – murmelt der Priester und schlummert nun doch leise ein, während die Lippen sich noch lange wie im Gebet bewegen und die Finger die Tabakprise pressen.

Ein Schrei schallt schrill von der Strasse.

Zwei Männer fallen in enger Verschlingung vor der Kronenstiege zu Boden und ringen in stummer Wut weiter. Der Sägmeister Simon fasst den Georg Scheiwe, einen jungen Bergbauern, an der Gurgel, dass dieser keucht wie ein Erstickender. Aber Georg wälzt sich schwer auf den Bedränger und stösst ihm zweimal das Knie so kräftig in den Bauch, dass der lange Simon von der Säge den Hals des Gegners loslässt und vor Übelsein schwitzt. Doch greift er gleich wieder nach dem geschwollenen Gesichte Georgs und will ihn an Ohr und Haar fassen. In diesem Augenblick kommt der kleine, breitschultrige Wirt die Stufen hinunter, packt die zwei Wütenden mit je einer Hand am Genick und zieht sie wie Erhenkte vom Boden auf. Dann schüttelt er sie so derb, dass sie wie Säcke umfallen, sowie er sie abstellt. »Streit will ich keinen auf meinem Boden, ihr Lümmel, und erst recht nicht wegen einem dummen Weibsbild, verstanden?« – Männer kommen aus der Wirtschaft und führen die halb Bewusstlosen heim. Dorothea Frommer aber, die umstrittene Jungfrau mit dem glänzenden Korallenhalsband, tanzt lustig mit jedem hübschen jungen Kerl, der sie darum fragt, Walzer und Polka weiter. Winkt ihr aber ein Student und vorab der siebzehnjährige Theodor Walomer, dann gibt sie Körbe nach allen Seiten und dreht sich allein nur noch mit ihm und noch einmal so gelenk auf ihren spitzen Füssen. Und so sicher tanzt sie, dass sie weder rechts noch links auf die Seite zu blicken braucht; sondern immer hängt ihr Auge an dem Kraushaar, dem starken Flaum und den lachenden, blauen Augen des reichen Jünglings, der schon wie ein Mann aussieht. Und doch weiss sie, dass die schöne, aber arme Tochter des Wegmachers Sebastian Frommer einen solchen Herrensohn nie heiraten darf. Denn auch das Dorf hat seinen Adel und seine Plebejer und hält auf strenge Etikette.

Der Saal stinkt von Zigarren, halbgeleerten Gläsern, verkalteten Speiseresten und dem trunkenen Atem der Tänzer. Die Lampen werden bleicher, hinter den Vorhängen wird der fahle, dämmerige Morgen sichtbar.

Der Pfarrer erwacht vom rasselnden Geschrei seiner Weckuhr. Ihn friert. Ei sieh! – er reibt sich müde die Augen – da hat er auf dem Stuhl genächtigt und – wahrhaft! – noch immer die Prise Tabak zwischen den Fingern. Er schnupft und niest und steht neu belebt auf. Gott sei's gedankt, die Herodias hat ausgetanzt und der Bussprediger Johannes ist wieder Meister im Dorf! –

Kapitel 7

Drei Tage später sass ich wieder in der langweiligen Bank des städtischen Gymnasiums, verwechselte Gerundium und Gerundiv und schrieb: er »trit« statt er »tritt«. Vom Fenster aus sah ich unten an der Türe des linken Gymnasiumflügels eine Hausiererin stehen und der Frau unseres verhassten Pedells Schuhschnüre, Nadelbüchsen, Zündschachteln, Ansichtskarten, rote Kerzlein, Seidenmaschen und anderen schönen Firlefanz anbieten. Bedächtig nahm die Pedellin ein jegliches in ihre rübenroten, fleischigen Hände und legte es wieder hin, während ein junges Pedellchen sich an ihre blaue Küchenschürze klammerte und nichts anderes erwartete, als die Mutter würde gleich den ganzen Kram mitsamt der Häuslerin aufkaufen. Ich wunderte mich nun ungeheuer, was die Dame schliesslich kaufen würde. Etwa die rote Schleife, die sie immer wieder in die Hand nahm? – Aber die stand ihr meines Erachtens überaus schlecht. Also die gelbe? – Die nahm sich noch übler aus. An diesem Halse, der sein zierliches Kröpfchen kaum mit Kragen und Tuch verbergen konnte, schien jede Farbe verloren. Der Pedellin stand kein Kleid an, keine Farbe. Man hätte eine neue erfinden müssen und wahrscheinlich hätte diese wieder nicht gepasst. Denn die Wahrheit ist, dass die Pedellin selber schon alle Farben der Malerei an ihrem Gesichte zeigte. Ihre Augen waren grünlich, ihr Haar grau, ihre Nase oben rot, unten violettlich und endlich braun. Stirne, Wange und Kinn erschienen gelb, schauderhaft gelb, – denn die Gute litt an der Galle, – was indessen ihren Mann nicht verhinderte, auch an der Galle zu leiden, besonders, wenn er einem ausgezeichnet angelegten Streich der Studenten auf keine Art beikommen konnte, so dass er, wie wir uns ausdrückten, das Pulver zwar roch, aber die Schützen nirgends sah. Lippen und Ohren der Pedellin waren merkwürdig blau, die Zähne entweder ausgefallen oder schwarz.

»Welche Farbe wird sie nun wohl wählen?« fragte ich mich, indessen Jakob gerade erzählte, warum Cicero in seiner Rede für Ligarius eine so schwierige Verteidigung gehabt habe. Meisterlich sagte Jakob das und mit einem so überlegenen Lächeln, als fände er es gar nicht schwierig, in einem Prozesse zu siegen, wo der Richter der beleidigte, und der Advokat der mitschuldige Teil ist. Der Professor nickte immerfort und seine Stirne glänzte von Zufriedenheit.

»Wird sie wohl gar Himmelblau wählen oder Karminrot oder – nein, das ist unmöglich – orangegelb?« marterte ich mich immer noch.

»Wahrhaft, nun nimmt sie Berlinerblau!« – ich fiel beinahe in Ohnmacht.

»Also, was haben wir auf morgen durchzunehmen, Walter? nun?« – flötete die Stimme des Lateinlehrers über mir.

Ich schrak zusammen, stand langsam auf und blickte ratlos und hilfesuchend umher.

»Was wählen wir aus, Walter? – kommt's bald?« giftelte der entsetzliche Mensch weiter.

»Berlinerblau!« versetzte ich.

Noch heute weiss ich nicht, ob mir diese Antwort infolge meiner Träumerei oder aus Ärger oder aus Not entschlüpfte. Genug, das ungeheure, tosende Lachen einer Stube voll Menschen, alle im ersten Bass ihrer eben gebrochenen Stimmen, dröhnte wie ein Donnerwetter an mein Ohr. Mit heissem Gesichte und fliegenden Rockschössen rannte der arme Lehrer zum Saale hinaus.

Diesen Vorfall hatte ich schon wieder vergessen, als ich unser Kosthaus, ein freundliches Hotel an der Marktgasse, betrat und mit dem Essen auf Jakob wartete, der noch schnell seine Bücher auf die nahe Bude geschafft hatte. Die Suppe wurde schon gereicht. Er kam noch immer nicht. Im Lokal erzählte man sich von der Abstimmung am nächsten Sonntag, wo das Volk entscheiden sollte, ob es in Zukunft seine Verwaltungsbehörden selber oder durch Vertreter wählen wolle. Ein aufgeregtes, zwiespältiges Gespräch ging über die Tische. Drei oder vier redeten immer gleichzeitig. Reichlich trank man Wein oder Bier dazu und schlug mit der Faust fast den Eichentisch mürbe.

Das war mir alles einerlei. Solche Kleinigkeiten berührten mich gar nicht. Ich hatte nicht genug Geduld für diese langsame, stufenweise Lösung der Volksbande. Mit einem Ruck musste meines Ermessens die Demokratie sich die Zwangsjacke sprengen, gerade wie Andreas getan hatte. Zwar war ich sehr verstimmt, dass er am Tage nach unserer Nachtwache den Rock beinahe noch schmaler an der Schulternaht geschlossen und die Ärmel noch kürzer und noch enger trug. Doch fing ich an zu glauben, dass dies jene berühmte Vorsicht grosser Volksmänner sei, um desto bequemer die Freiheit zu predigen. Sicher, in diesen knappen Ärmeln vermutete niemand einen Fessellöser!

Dennoch, ich weiss nicht recht warum, so oft mir diese engen Ärmel in den Sinn kamen, verdüsterte sich mein Zukunftsbild, als wäre es zum vornherein in eine solche Zwangsjacke bestimmt.

Endlich trat Jakob eiliger als gewöhnlich über die Schwelle. Er trug, wie ich wohl merkte, eine jähe Meldung auf den Lippen.

»Was ist los?« fragte ich neugierig. »Doch nichts Böses?«

»Hast du noch keinen Bericht?«

»Von wem? – von was? Spricht doch!« forderte ich und riss ihn fast zornig am Arme.

»Der Andreas Marxele ist gestorben.«

Wie gelähmt starrte ich den Kameraden an.

»Er muss sich erkältet haben, schreibt mir Agnes; er soll – Herr Kellner, Herr Kellner, tragen sie die Suppe ab! – sie ist ja ganz kalt!«

Ich muss hier beifügen, dass wir erst in der Universitätsstadt den Kellner ohne »Herr« kennen lernten.

»Da starb er also gerade nach der Fastnacht, – die wollte er noch erleben, na, ein Kauz war er immer!« plauderte Jakob leichthin.

»Mein Gott!« vermochte ich endlich zu stammeln.

»Nehmen wir Rindsbraten? – Was hast du bestellt? – Herr Kellner! – läuft der Schuft schon wieder weg.«

»Und was schreibt Agnes noch, Jakob, bitte,« heischte ich ganz bleich und tonlos.

»Drei Tage lag er im Fieber, – he, garçon! hieher! – also Rindsbraten, Walter, – und Erbsen mit Kartoffeln, – nicht, Walter?«

»Drei Tage im Fieber!« schrie ich und fühlte es nass in meine Augen steigen.

»Bringen Sie Rindsbraten und – so sag' doch einmal, du Langweiliger, – nehmen wir Erbsen mit Kartoffeln oder saure Rüben mit Ei?«

»Rüben, ja, und Erbsen mit Ei, ja,« – machte ich mechanisch. Es war mir ganz gleichgültig, was ich essen sollte.

»Er träumt heute den ganzen Tag,« entschuldigte mich Jakob beim Kellner, der über meine Antwort impertinent lachte. »Und einen Goldwändler!« gebot mein Freund dem enteilenden Kellner nach und fasste mich nun derb bei der Hand.

»Was hast du? – Du siehst ja wie eine Wachspuppe aus!« fragte er in seiner lustigen Art, aber doch teilnehmend.

»Drei Tage lag er im Fieber, Jakob?«

»Und was für Zeug er phantasiert habe, – es war zum Totlachen!«

»Zum Totlachen? – schreibt Agnes zum Totlachen?« fragte ich schmerzlich.

»Kauz du! – da lies selber!« – er warf mit den Brief hin und fing an, eifrig den prachtvollen Braten in dunkelbrauner Sauce zuzuschneiden.

»Zum Totlachen schreibt sie natürlich nicht, – so ein Mädchen, wo wollte das Kind so was nehmen?«

»Er phantasierte –« las ich leise.

»Lies laut!« – herrschte mich Jakob an.

»Er phantasierte den ganzen Tag. Es wird Merkwürdiges davon erzählt. – Wenn es wahr ist! – Einmal habe er den Zaren zu sich gerufen, – wieder habe er eine lange Rede im Bundesrat gehalten und dazu bald geweint, bald gelacht. Kaum vier Männer konnten ihn im Bett halten, so wild tobte er. Immer wollte er zum Fenster hinüberspringen. Man musste ihm die Türe und alle Scheiben öffnen, – dann die Ärmel am Hemd und den Brustlatz aufknöpfen – und immer noch hatte er nicht genug Luft. Auf der Strasse hörten wir ihn schreien: 'Ich ersticke, Barmherzigkeit, ich ersticke!'«

»Asthma, Asthma! – der arme Kerl!«, bedauerte Jakob und goss sich von der braunen Brühe über die Erbsen.

»Dann versuchte er das alte Nachtwächterlied zu singen und wollte Uhren aufziehen. Viele Bekannte besuchten ihn, aber er erkannte keinen. Der Doktor befahl dann, dass man nur noch den Pfarrer und die Pfleger in die Stube lasse. Es heisst aber, der Ammann stecke dahinter. Denn die Reden des Irren seien ungesund für gesunde Köpfe. Er hetze und verwirre! Das glaub' ich nicht. Andreas war immer so gut! – Warum hat man doch Angst vor einem Sterbenden? – Was kann der noch Böses tun?«

»Das versteht dieser Zopf wieder einmal nicht!« bemerkte Jakob und wischte sich mit der Serviette den blühenden Mund ab.

Mich aber dünkte diese Zeile wahrhaft gross. Ich liebte ihretwillen Agnes noch mehr.

»Am dritten Morgen wurde er ruhiger und niemand hat gesehen, wann und wie er eigentlich gestorben ist. – Am Freitag wird er begraben. Ich schreibe Dir das so ausführlich, weil man hier von nichts anderem redet und wir ihn alle so gut kennen. Erzähle es dem Walter! Ich glaube, er hat den Nachtwächter sehr gerne gehabt. – Vielleicht kommt Ihr sogar an die Beerdigung.

Herzlich küsst Dich Deine Schwester Agnes Bronn.«

»Ich gehe nicht,« sagte Jakob sogleich entschieden. »Am Freitag vormittag haben wir ja Chemie und Dr. Müller wird reinen Sauerstoff darstellen, weisst du!«

»Meinetwegen bleib! – aber ich gehe.«

Nun aber fing mich der Freund so eindringlich an zu bitten, ich möchte doch hier bleiben, sonst müsse er anstandshalber auch mitkommen, – er spannte meine Neugier bezüglich des chemischen Prozesses so hoch und bewies mir so klar, dass das Rektorat uns den Freitag nie freigeben würde, dass ich allmählich schwankte und zauderte.

»Wir sind ihm auch nicht verwandt!« fügte er bei.

»O doch, ich bin ihm sehr nahe verwandt!« widersprach ich leise.

»Und gehen wir dem Nachtwächter, so müssen wir auch dem Küster – er hustet schon sehr verdächtig – dann dem Orgeltreter, dem Glöckner, dem Weibel, kurz jedem Bein ans Grab folgen. Nein, Walter, es geht nicht. – Aber trink doch! – da stoss an! – es gilt dem Andenken des guten, alten Nachtwächters!«

Die Gläser gaben einen widrigen, scherbenhaften Klang.

Aha, Andreas Marxele war nicht zufrieden mit uns. – Nun beschloss ich erst recht fest, an der Beerdigung teilzunehmen. Aber ich wollte Jakob nichts verraten. Denn ich fürchtete seine Herrschaft über mich. So wie ich ihn kannte, wäre er fähig gewesen, mich in seiner Bude festzubinden, bis die Eisenbahn abgefahren wäre.

Kapitel 8

Am Abend klopfte ich an der hohen Türe zum Rektorat.

»Herrrrr – rein!«

Der Basileus, wie wir den Rektor nannten, ein grosser, stark gebauter, hagerer Mann, legte die Feder auf das Pult und trat mit drei mächtigen Schritten in die Mitte des Zimmers, wo wir Studenten der Etikette gemäss uns zu postieren hatten.

Sein Gesicht war soeben glatt rasiert worden, – sein Rock sass wie angegossen und zeigte kein Stäubchen, die Brille funkelte wie neugeschliffen, – und das Auge, dieses unbestimmbar zwischen Grau und Blau und Braun schillernde Auge, war ebenso kalt und neugeschliffen wie das Glas davor. So meinte ich wenigstens in jenem Augenblick und ich fühlte, als ich den Mächtigen so sah, dass ich mir den Gang zu ihm hätte ersparen können. Von diesem Menschen waren in diesem Moment keine Ferien zu erhalten.

»Walter Heinrich, glaube ich,« sagte der Rektor und versuchte dabei ein wenig zu lächeln, das heisst, er schloss die Augen halb und öffnete den Mund, dass alle seine plombierten Zähne sichtbar wurden.

»Ja, Herr Rektor, – Schüler der vierten Klasse!« bekannte ich ordnungsgemäss.

»Stimmt – und?«

Ich begann meine Mütze wie eine Scheibe zu drehen. Meine Finger schwitzten. Wenn ich einmal rund herum bin, werde ich wissen, ob ich heim darf oder nicht, – dachte ich blitzschnell bei mir.

»Dürfte ich wohl für den Freitag Urlaub bekommen?« platzte ich laut heraus.

Beim Worte Urlaub kräuselte sogleich eine Menge feiner Falten die eben noch glatte, hohe Stirne des Rektors bis unter das graue Haar hinauf. Eine leichenhafte Kälte legte sich über sein ganzes Gesicht.

Denn dieses Wort Urlaub war in seinen Ohren, was im Gehör eines nervösen Musikers eine grundfalsche Note. Nichts war dem Rektor so heilig als die Ordnung an der Staatsschule. Er sah es für seine eigene Komposition an, dass alle Kurse ihre Stunden regelmässig einhielten, dass die Herren Professoren auf die Minute ihren Vortrag begannen, dass die Pause genau zehn Minuten dauerte und er die Herbst– und die Lenzferien seit zwanzig Jahren immer, man denke! – am gleichen Tage und in derselben Tagesstunde um ein Viertel vor zwölf Uhr mittags den Schülern in der Aula verkündigt hatte. Ja, dass von den heiligen Statuten nie um des kleinen Fingernagels Breite abgewichen worden war, dass die Maschinerie so tadellos funktionierte, das hielt er für die grosse Komposition seines Lebens. Wenn nun ein Student Urlaub forderte, so war das, als ob in dieser wunderbaren Symphonie der Ordnung ein Spieler aus der Komposition herausfalle und sich eine andere Note, einen unpassenden, frechen Ton erlaube, der nicht auf dem tadellosen Original stand.

Ich hatte inzwischen die Mütze vom Schirm zur hintern Naht gedreht. Nun ging es wieder dem Schilde zu.

»Am Freitag ist doch Schule,« sagte der Rektor streng, – »Sie haben,« – der Basileus zog sein Notizbuch hervor und blätterte darin, »Sie haben,« las er, »am Vormittag Latein, Französisch und Chemie. – Nachmittag Zeichnen und Deutsch. – Von diesen Stunden kann ich nicht dispensieren.«

Ich schwieg betrübt.

»Warum wollen Sie Vakanz?« hob der Rektor wieder an, indem er dem Worte Vakanz eine bösartige Färbung gab. »Ist etwa jemand krank zu Hause?« – wieder versuchte er, freundlich zu scheinen. Es fiel ihm wohl ein, dass er eigentlich zuerst danach hätte fragen müssen.

»Nein,« sagte ich, »aber gestorben ist Andreas Marxele daheim.«

»Gestorben? – die Erde sei ihm leicht! – was wollen Sie nun noch?«

»Zur Beerdigung!«

»Ach so,« der Rektor schlug sich leicht vor die Stirne, »zur Beerdigung! Ja richtig, das tut man ja!«

Hoffnung erwachte in mir. »Darf ich gehen? – Ich könnte allenfalls mit dem Ein–Uhr–Zug wieder zurückkehren.«

»Nun ja, das Latein, – immerhin! – Aber bedenken Sie das Französische. Wer kommt ohne das heute durch die Welt! – Was hatten Sie denn da für eine Note?« – er blätterte im Taschenbuch weiter zurück, wo er alle Noten aller Klassen, aller Jahre säuberlich eingezeichnet hatte.

»Mittelmässig!« gestand ich, um das peinliche Suchen mir und dem Quäler zu ersparen.

»Ah, mittelmässig, sehen Sie! sehen Sie!« – triumphierte der Rektor. »Und dann erst noch die wichtige Chemie, die Grundlage allen Wissens. – Irre ich nicht, so stellt Herr Professor Dr. Müller den Sauerstoff dar. Wissen Sie auch, was das heisst, Sauerstoff darstellen – O – x – y – gen – ium?«

»Ich würde die Lektion nachholen, Herr Rektor.«

»Sie haben ja keine Eltern und Geschwister! – ist es denn Ihr Onkel oder Pate, – Ihr – Ihr – nun denn, ist dieser Herr Marzellus Anders–«

»Andreas Marxele, Herr Rektor!«

»Ah so, ist es Ihr Schwager – ach, – wollte sagen –«

»Es ist der Nachtwächter von Lachweiler,« erklärte ich nicht ohne Scham. Aber sogleich schämte ich mich noch viel mehr über diese elende Scham selber.

»Der Nacht – wächter? – ich staune!«

»Ein Freund und Genoss –« ich hatte den Mützenschirm erreicht.

»Mein lieber Walter,« schnitt mir der Basileus das Wort ab und legte die Linke, an der ein Ring und zwei blaue Tintenflecken glänzten, auf meine rechte Achsel, »reden wir nicht weiter davon! Sie bleiben am Freitag hier.«

Dann legte er auch die andere Hand, an der kein Ring, aber drei Tintenflecken klebten, auf meine linke Achsel, und fuhr im Tone eines strengen, doch wohlmeinenden Arztes weiter: »Sie schwärmen! – Die Professoren beklagen sich über Sie; erst heute noch Dr. Setzer wegen des Lateinischen. – Im Deutschen sind Sie tüchtig, – aber in der Mathematik merken Sie nicht auf und zeichnen sonderbare Figuren in die Rechenhefte. – Mir unverständlich, ganz unverständlich! – Kürzlich haben Sie ein Gedicht in Ihre Algebra gemacht, eine Ode an die Natur!«

Es überkam mich heiss. Mich dünkte, der Rektor nehme mir Stück um Stück der Bekleidung weg, bis ich schliesslich in meiner ganzen Blösse dastände. Da zog er mir bereits den Rock aus.

»Gute Verse, – glatte Strophen! – aber unreif, Jüngling, unreif!«

Noch einmal drehte ich die Mütze im Kreise.

»Dann haben Sie die lächerliche und mir ganz unverständliche Passion, Mädchennamen in die Bank zu kritzeln, – Laura – Beat – rice – Leonore – wer steht eigentlich dahinter, wie?« – Erbarmungslos rückte der peinliche Befrager die Brille zurecht, um mich besser zu betrachten.

Jetzt wurde mir die Weste ausgezogen.

»Wer, mein Freund, ist diese Laura?«

»Herr Rektor, – ich – ich weiss – nicht –«

»Das sag' ich ja, – Sie sind ein Schwärmer, – und die wissen alle nicht, was sie tun. Da rat' ich Ihnen: waschen Sie jeden Morgen Brust und Rücken mit Brunnenwasser, – gehen Sie um neun Uhr zu Bette, – trinken Sie kein Bier – rauchen Sie keine Zigarren und noch weniger Zigaretten – sündigen Sie keine Gedichte mehr und lassen Sie mir die Bänke in Ruhe!«

Damit führte er mich gegen die Türe und öffnete sie.

»Dann können Sie mit Ihrem Talent ein tüchtiger Mann, eine Ehre für unsere Anstalt und eine Kraft für unser Vaterland werden. Adieu!«

»Adieu, Herr Rektor!« sagte ich kleinlaut.

»Der Pedell wird Ihnen die Rechnung,« – hier wandte sich der allwissende Basileus nochmals in voller Amtsstrenge nach mir zurück, »die Rechnung für die Schreinerarbeit an Bank Nummer acht, Kurszimmer siebzehn morgen zustellen. – Sie haben da gestern dreimal – Agnes! – hineingeschnitzelt!« –

Jetzt fielen auch die Hosen und ich stand nur noch im Hemd, im dünnen Armensünderhemd da.

Kapitel 9

Jakob und ich kauften nun einen Kranz aus wirklichem Lorbeer und liessen ihn mit Andreas' Lieblingsblumen durchsetzen, weissen und blassroten Geranien. Jakob, – denn er war viel besser als er schien! – holte dazu aus dem ersten Seidengeschäft der Stadt eine breite Schleife aus grünem Damast mit echten Goldfransen. Nach langem Überlegen liessen wir noch spät am Abend den gestickten Spruch: »Aus Freundschaft« als ungenügend und gemein wegtrennen und dafür in goldener Schrift hinsetzen:

»Dem treuen Wächter des Volkes!
Dem Prometheus der bäuerlichen Freiheit!
Eine dankbare Jugend.«

Am Freitag stellte Dr. Müller wirklich den Sauerstoff dar. Als die trübe Mischung sich endlich löste, das Phlegma niedersank und das reine Element in der Retorte emporstieg und sich an der Öffnung entzündete: da sah ich keine chemischen Substanzen mehr, sondern da war es die Seele des Nachtwächters, die sich aus dem schmalen Schultertuch und den engen Ärmeln endgültig befreit hatte. Erlöst von diesem schmutzigen und winkligen Leben, sah ich sie gleichsam verklärten Scheines wie diese Gasflamme emporschweben ins Reich der freien Himmelsgeister.

Zwei Tage später vernahmen wir, dass unser Kranz der schönste auf dem Grabe gewesen sei. Doch habe die Inschrift im Gemeinderat Unruhe erweckt, und man sei zum Gemeindeschreiber, der eine Bibliothek besitzt, und als dieser das Rätsel nicht lösen konnte, zum Pfarrer gegangen, um zu erfahren, ob in dem Ausdruck »Prometheus der bäuerlichen Freiheit« nicht eine geheime Aufreizung oder eine verkappte Verletzung der Dorfmajestät liege. Was eigentlich Prometheus heisse – ob das ein Tier oder ein Mensch gewesen sei? – Und wenn ein Mensch, – wie er gelebt und vor allem, ob er konservativ, altväterisch politisiert oder etwa auch in das freche Horn der Jungen gestossen habe? – Darauf habe der Pfarrer leicht gelächelt und gesagt: »Herren Gemeinderäte! – Dieser Prometheus hat nie gelebt. Darum lasset den Spruch nur am Bande, ein Mensch, der nie existiert hat, wird Euch doch nicht Kopfweh machen!«

Darauf habe der Ammann den Lehrer Philippus zu sich rufen lassen und ihn um Aufschluss über den Prometheus gebeten. Denn der Rat des Geistlichen habe ihn nicht beruhigt. Und da sei denn die Wahrheit an den Tag gekommen, dass besagter Prometheus ein unbändiger heidnischer Wildling war, der den Himmel tragen und ein unerlaubtes Licht den Menschen bringen wollte, aber wie billig für solche Untat am Schwarzen Meer offiziell hingerichtet wurde. – Darauf beschloss der vollzählige Gemeinderat, mit Messer und Schere in die Krone zu gehen, wo der Kranz vorläufig noch hing, und die verbrecherische Hälfte der Widmung, verübt von zwei Grünschnäbeln, wegzukratzen oder wenn es gar nicht anders ginge, diesen Zipfel der Schleife wegzuschneiden.

Doch wie man sich an die Exekution machte, da kam noch rechtzeitig der alte Kronenwirt dazu. »Was geht das den ganzen löblichen Gemeinderat an, was mein Bub und der Walter dem Nachtwächter ins Grab schenken?« habe er gerufen. Keinen Buchstaben daran lasse er ändern und so wahr die Herren hinterrücks am Kranze das geringste flicken, werde er sorgen, dass solch hässliches und lächerliches Schildbürgerstücklein in allen drei Bezirkszeitungen gehörig geschildert und ihre Urheber mit Namen und Geschlecht dabei aufgeführt werden, wie die Spieler auf dem Theaterzettel.

Das habe gewirkt. Denn der Kronenwirt war ein unbescholtener, ganzer und höchst unabhängiger Mann. Man habe sich also damit begnügt, die Seidenschleife verkehrt auf das Grab zu legen, den tapferen Spruch zur Erde gewandt.

Als wir diesen Bericht gelesen hatten, pfiff Jakob ein falsches Lied, zog die Lederhandschuhe an und ging, mit seiner scharfen Gerte fuchtelnd, in die Reitschule.

Ich aber stand am Fenster, das in der Richtung nach Lachweiler sah, und sprach mit dem Pathos eines Studenten, der Cicero seit acht Tagen zu lesen begonnen hat: »Ihr Toren! – begrabt die Freiheit wie Ihr wollt mit der Nacht Euerer alten, russigen Vorurteile,« – hier hob ich meine Stimme und richtete mich schon nicht mehr an mein kleines Dorf allein, sondern an die ganze reparaturbedürftige Welt, – »es gibt immer wieder Nachtwächter, die wie Andreas Marxele die Laterne durch Dunkel weiter tragen, bis es endlich Tag wird.«

An jenem Tage erfand ich eine neue Einteilung der Weltgeschichte. Die Vergangenheit stand im Zeichen des kämpfenden Prometheus, – die Gegenwart lag im Banne des duldenden Andreas Marxele, und die Zukunft gehörte dem siegenden – ach, ach, die Bescheidenheit ist eine so hässliche Sache!

 


 

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