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Lachweiler Geschichten

Heinrich Federer: Lachweiler Geschichten - Kapitel 5
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titleLachweiler Geschichten
authorHeinrich Federer
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Der Erzengel Michael

Aus meines Vaters Notizenbuch

In der uralten Kirche von Vasön – denke niemand an einen Ort in Norwegen! – stand auf halber Höhe des Chorbogens das Bild St. Michaels. Aus der Dämmerung, die wie eine geheimnisvolle Riesenspinne ihre grauen Fäden von Pfeiler zu Pfeiler, über die Kanzel und Altäre hinabspann und selbst am hellen Mittag nicht wich, leuchteten nur Helm und Schwert des himmlischen Generalissimus deutlich genug auf das Volk hinunter. Es war, als hingen diese blinkenden Kriegszeichen in der Luft, von einem Unsichtbaren an Haupt und Hand getragen. Diesen versteckten Helden konnte man sich so gross und furchtbar vorstellen, als es der Einbildung beliebte. Das taten wir Jungen denn auch. Fridolin, des Küsters Bub, behauptete, den Helm vermöchten drei starke Männer nicht vom Boden zu heben und der Arm sehe aus wie ein Baumstamm. In dieser Dunkelheit verloren wir alles Mass und schworen darauf, dass es sich so verhalte.

Nur einmal im Jahre fiel Licht auf unsern sagenhaften Heiligen. Das ereignete sich an jenem Sommertag, wo die Sonne am weitesten von Westen gen Mitternacht spaziert. Am Abend dieses Tages erreicht sie, nachdem sie scheinbar hinter dem Gebirge untergetaucht ist, gerade noch mit knapper Not einen tiefen Einschnitt des Grates und guckt da nochmals wie ein mutwilliges Kind heraus, das schon Gutenacht gesagt und sich unter die Decke verkrochen hat, aber, wenn alles denkt, der Schelm schlafe, plötzlich das Köpfchen noch einmal aus dem Bettflaum reckt und ein letztes »Gutenacht« ruft. Und just von diesem Winkel aus fiel nun das schräge Licht durch eine gotische Bogenscheibe genau auf den heiligen Michael. Wer das einmal gesehen hat, rühmt sich dessen als einer grossen und seltenen Sache. Denn der längste Tag im Jahr ist oft auch der düsterste und lichtloseste von allen. Es konnte eine ganze Reihe Jahre vorübergehen, ohne dass der 21. Brachmonat so fromm und gefällig war, einen Sonnenblick auf den Erzengel zu werfen.

Ich war zur Zeit ein schläfriger Bube von dreizehn Jahren, der gerne auf der Ofenbank oder unter einsamen Bäumen lag und ins Blaue hinausstaunte. Grossgewachsen und stark, half ich dennoch weder der Schwester Bethli den Wasserkübel tragen, noch dem Bruder Philipp das Gemüsebeet umschaufeln. Alles Schelten vermochte mich nicht aus dem Behagen des Träumens heraus zu treiben. Die Aufgaben fertigte ich gleich in der Schule, denn es ging mir leicht, und die halbe Klasse schrieb meine Rechnungen ab. Was ich einmal hörte, vergass ich nicht mehr. Die Geschichten und Gedichte, die der Lehrer vorbrachte, konnte ich zu Hause auswendig wiederholen. Daher hatte man mir an der letzten Weihnachten eine schmucke Studentenmütze unter den Tannenbaum gelegt, mit der ich im nächsten Herbst ans Gymnasium der Hauptstadt ziehen sollte. Wie keck wollte ich sie durchs Städtchen tragen!

Am liebsten von allem war mir die Weltgeschichte. Was vorzeiten sich auf dem alten Erdboden polternd und leise zugetragen, zumal wie man Kriege begann, Schlachten schlug, Burgen und Städte brach, Feinde fesselte oder selber in Ring und Kette geriet, oder wie so ein Napoleon durch das schwarze Gewölke seiner Kanonen als ein Halbgott schritt, das ergriff mich so mächtig, dass ich einen Stecken zwischen die Beine nahm, über die Gasse ritt und Fritz, den Österreicher, Heinz, den Preussen und Kaspar, den Russen, zur Völkerschlacht bei Leipzig wagemutig herausforderte.

»Was will der den Säbel ziehen,« höhnte mein Bruder Philipp, »einer, der nicht einmal den Stiel der Mistgabel richtig in die Hand nimmt!« »So ein Faulpelz, der sich selber kaum zu tragen vermag,« bekräftigte der sonst immer schweigsame Küsterssohn Fridolin. Das pfiffige Bethli aber zupfte mich am langen, ungescheitelten Haar und tadlte: »Du würdest das Gefecht verschlafen, bis dich der Österreicher am Schopf fasste.« In der Tat besass ich einen gesunden Schlaf und hatte in der verwichenen Nacht trotz des Donnerwetters, das über das Städtchen rumpelte, kein Lid bewegt. »Das ist einer wie unser Erzengel Michael in der Kirche,« spottete Philipp weiter, »man sieht ein Schwert, aber keinen, der es schwingt.« – »Was?« sagte ich, empört über diese geringschätzige Redensart und durch den schüchternen, hilfesuchenden Blick Fridolins ermutigt, »was, sieht man ihn etwa nicht am 21. Brachmonat deutlich genug? Du läufst freilich davon, – wenn er dich nur anschaut.«

»Wenn's wahr ist?« rief die ungläubige Beth und stand keck vor dem unsicher lachenden Philipp. Nach einigem Hadern, wobei wir nach Kinderart die Worte mit dem ganzen Leibe begleiteten, die Arme vorstiessen, mit den Füssen scharrten und mit eigensinnigem Nicken des Kinnes den Punkt zu jedem Satze zeichneten, einigten wir uns endlich darauf, an jenem Tage mitsammen hinzugehen und zu gewärtigen, ob es dem Erzengel beliebe, sein Inkognito zu lüften. Der Küsterjunge versprach, die Kirchenschlüssel zu beschaffen.

»Ihr werdet sehen,« sagte ich, »wie der Michael sich enthüllt. Und auch ich habe meinen Tag. Dann sollt ihr einmal grosse Augen machen.«

Wir gingen alle viere gerade beim alten Apotheker vorbei, der vor dem Städtchen wohnte, seit er seinen Laden dem ältesten Sohn übergeben hatte, aber immerhin zum Zeitvertreib gerne noch ein bisschen quacksalberte. Der Mann mit den kleinen Schnallenschuhen, den kurzen, braunen Samthosen und dem aufgeschlitzten, grüngesprenkelten Wams war unser wie der sämtlichen Jugend Freund. An seinen ungeheuren Kachelofen lehnten wir uns mit übergeschlagenen Beinen und schauten zu, wie er in die Gläser hauchte, um sie durchsichtig hell zu putzen, oder wie er Pülverchen abwog oder schmierige Salben in blecherne Kapseln strich und alles zuerst mit dem vorsichtigen roten Knöpfchen seiner Nase beschnupperte. Dazu erzählt er aus seinen Jungburschenjahren, wie er mit der Grossen Armee ins goldene Moskau einzog und der Kaiser Napoleon ihm auf die Schulter klopfte und sagte: »Korporal Felixen, gebt mir eine Prise, das verdammte russische Pulver stinkt wie der Teufel.«

»Das hat er gesagt?«

»Das hat er gesagt!«

Ich schaute den Mann, dem der Halbgott eine Prise Schnupf aus der Dose genommen, mit Staunen an. »Was ist das?« pflegte der Apotheker mit erkünstelter Ruhe zu sagen: »Andern hat er gerade so mit zwei Fingern das Leben oder ein Königreich wegstibitzt.«

Nun betrachteten wir alle diese wunderbare Dose mit andächtiger Scheu und baten um eine Prise daraus. Und wie fürchterlich wir auch darüber niesen mussten, so getraute sich doch niemand zu lachen, und nur Bethi fragte mit leiser Schelmerei, ob der Napoleon auch geniest habe. »Bum ... bauz! ... wie eine Kanone!« bejahte der Apotheker.

»O!« machte erschrocken Bethi.

Dann erzählte unser alter Freund von der Schlacht bei Leipzig, wobei er steif und fest gegen alle Historie behauptete, eigentlich habe Napoleon gesiegt. »Wie der Erzengel Michael schritt er durch den Spektakel der Waffen und Kanonen. Wo sein Schatten hinfiel, war nichts als Triumph ...« frohlockte der Greis und stopfte das »braune Labsal«, wie er den Schnupf nannte, mit breitem Daumen in beide Nasenlöcher.

»Ach ja, der Erzengel Michael, hast du den einmal in der Kirche gesehen?« unterbrachen wir den Pflästerchenstreicher.

»Ob ich? Meiner Treu, der zeigt sich nur, wenn grosse Helden leben. Als ich mit Napoleon ging, im selben Jahr hat man den Heiligen zuletzt gesehen. Nun sind die Helden ausgestorben und der grosse Himmelsherr hat keine Lust, sich den Zwergen zu zeigen. Das begreif' ich.«

»O es gibt doch noch Helden!« wendete ich ein.

»Wo hast du sie gesehen, Naseweis?« lächelte der Alte mit unaussprechlicher Überlegenheit.

»Weiss nicht wo, aber es gibt.«

Auf dem Heimweg zum Städtchen träumte ich wie gewohnt vor mich hin, ohne den Weg oder meine vorauslaufenden Kameraden zu beobachten. Plötzlich weckte mich ein entsetzlicher Lärm. »Über den Hag, über den Hag!« hörte ich schreien und sah eben noch einen fliegenden Mädchenrock und die im Sprung gekürzten vier Hosenbeine meiner Genossen über die Strassenhecke verschwinden. Wenige Schritte vor mir rannte aus einer Wolke von aufgewirbeltem Staub ein junger Stier mit einem halb zerrissenen Gespann hervor. Das Tier riss an den Riemen, schnob wild uns senkte die Hörner mit den gelbbraunen, zottigen Wulsten. Rechts und links rollten die aufgeladenen Fruchtsäcke in die Strasse. Soeben war auch der Fuhrmann durch einen unversehenen Ruck in den Strassengraben hinausgeworfen worden. Ein schönes, schreiendes Mädchen hielt sich noch einzig mit beiden Händen am Halfter, hin– und hergerissen über den schiefen Wagenboden und jeden Augenblick in Gefahr, von dem vorwärtsschnellenden Tier vornüber und unter die Räder geschleudert zu werden. War es die Prise, Napoleon, der Erzengel oder sonst etwas Mächtiges, aber auf Ehre, ich verspürte keine Angst. Als hätte ich es so vorgeübt, tat ich einen Satz zurück, spannte die ganze Kraft der Arme an, und harrte wie eine straffe Bogensehne. Eins – zwei – drei – jetzt! – ich schnelle auf den vorübergehenden Unhold los, packe ihn am Horn und versetze ihm mit der derbsten Faust, die mir möglich war, einen Schlag auf die Nase. Verblüfft hielt der Stier inne, aber ich lasse ihm nicht Zeit, sich auf etwas Gefährliches zu besinnen, sondern haue ihm ein zweites und drittes Mal auf die dampfende Schnauze, ergreife dann das zweite Horn und schwinge mich auf den heissen, dampfenden Rücken. Das wirkte. Der Übermut des Ungetüms war gebrochen und langsam, verdrossen, aber ergeben zog es noch eine kleine Strecke und stand dann still. Nun sprang ich ab, das Seil fest in der Hand, trat zurück an den Wagen und half dem zitternden Mädchen herunter. Mittlerweile hatte sein Vater uns erreicht und auch Bethli und die beiden Buben krochen bedächtig aus dem Zaune hervor. Alles sah mich staunend und leuchtend an, als wäre ich vergoldet. Ich aber reichte dem Fuhrmann mit Würde das Leitseil und sagte dem Mädchen grossartig, wie ich aus Ritterbüchern wusste, und den Kopf niedergebeugt, als ob sie viel kleiner als ich wäre: »So, jetzt tut er nichts mehr.« –

»Hab' ich's nicht gesagt, dass er's kann, wenn er will? ... der Teufelskerl!« meinte der Vater zur Mutter, die mir mit zärtlicher Hand übers Haar fuhr, als ich das Abenteuer mit einsilbigem, trockenem Stolze erzählte. Unwillig zog ich den Kopf weg und schämte mich, dass die Frau ein nasses Auge zeigte. Ein Held mag keine Rührung leiden.

Seit jenem Abend hörte das Hänseln und Sticheln auf. Hatte man mich früher als Erzengel Michael verspottet, so nannte man mich jetzt zum Ruhme so.

Am Tage darauf, es war ein freier Nachmittag, ging ich mit der Schilderung des trojanischen Krieges zum Städtchen hinaus und den Hügel empor, bis unter die erste Reihe der Waldtannen. Hier war mein Lieblingsplätzchen. Von hier aus sah man zu seinen Füssen das Städtchen, ängstlich und demütig an den Hügel geschmiegt, dann die weiten, abgesteckten Fruchtfelder, die Farbe wechselnd vom jüngsten Grün bis zum reifsten Gelb, dann Wald und Hügelwellen, dämmernde Schluchten, ein tiefes Wasser bergend, hinter Kornhalmen und Tannenspitzen hie und da ein ziegelrotes Dach, einen schlanken Kirchturm und weisse Strassenfäden, die da in einer Falte versanken, dort einen Hang emporkrochen, jetzt eine Schleife ums Gehölz zogen und selten durch einen schwarzen Punkt und nachfolgenden Staubwirbel etwas Leben zeigten; dann eine unendliche Bläue, immer zarter und dünner, bis sie sich mit dem Himmel mischte, unendlich wie meine Phantasie, die sie mit gepanzerten und berittenen Kriegsbildern bevölkerte. Hier war es, wo ich Heere befehligte und siegte, aber den gefangenen Feind auf sein Ehrenwort grossmütig beurlaubte. Hier hatte mir noch keine Festung widerstanden, kein Feldherr getrotzt, hier war ich unbestritten der Erste.

Aber heute schweifte meine Seele nicht in diese Ferne hinaus, sondern versenkte sich mit grenzenlosem Vergnügen in das homerische Buch. Ich las von Hektor und Ajax, von Odysseus und Achilles und mein Herz wollte beim Anblick der Helmbüsche und siebenhäutigen Schilde vor Lust fast vergehen. Vor allen tat es mir der hochgemute Hektor an. Gerade war ich beim Abschied des Helden von seiner Andromache angekommen, als mir zwei Hände von hinten über die Augen fuhren und eine Mädchenstimme lachte: »Gefangen!« Umsonst suchte ich mich loszuwinden, die Gestalt blieb mir fest am Rücken und presste die Finger so fest auf mein Auge, dass es mich schmerzte. »Wer bin ich, Erzengel Michael?« rief die Lose mit verstellter Stimme.

»Beth ...« wenn ich zornig war, sagte ich nicht Bethli ... »ich will dir!«

»Keine Beth!« kicherte es hinter mir.

Ich wollte nicht weiter raten, das war eines Helden unwürdig, der mit Achill und Hektor verkehrte.

So packte ich meinen heimtückischen Feind an den kleinen, nackten Füssen, dass er rücklings niederfiel und wandte mich rasch um. Ich war sehr aufgebracht.

»Hetti, du?« Es war das Fuhrmannstöchterlein von gestern.

»Was störst du mich, dummes Mädchen?« zürnte ich.

Die Lustige sass vor mir auf dem Rasen, bestrebt, das Röcklein über die Knie zu streifen. Ihr Lachen war auf meine böse Miene hin gleich erloschen, sie war ganz dunkelrot geworden und schaute mich beinahe so erschrocken an, wie gestern den Stier. Die Finger wickelte sie verlegen in die Säume der weiss und blau gestreiften Schürze und begann endlich: »Ich wollte dich nicht stören.«

»So geh und lass mich!«

Sie zögerte, aber stand doch auf.

»Dass ich da weiter lesen kann!« fügte ich milder bei.

»Mutter schickte mich zu euch ins Haus,« stotterte sie endlich.

»Warum kommst du denn daher?«

»Weil ich zu dir sollte.«

»Ach wegen gestern.«

»Ja, ich soll danken, dass du den Stier am Horn genommen und ...«

»Das war nichts Grosses,« fiel ich schnell ein, da ich mich besann, dass die Ritter in ihrer Artigkeit das Lob der Damen nicht aussprechen liessen.

»Und ich soll dir etwas geben, da hab' ich's. Der Vater meinte, das würde dich am meisten freuen, weil du ein solcher –« sie zauderte.

»Was ein solcher?«

»Bücherwurm seiest, hat er gemeint.«

»Zeig her, was ist's?« sprach ich möglichst gelassen, als wäre ich gewohnt, mich mit Königreichen beschenken zu lassen.

Die Kleine zog mit Mühe zwischen dem Nastuch, einem Griffel und Puppenbändern ein Büchlein aus der engen Tasche und hielt es mir, aufs Geratewohl geöffnet, vor das Gesicht. Sieh da, das Blatt wies das Bild Hektors. Ich blätterte weiter und begegnete noch dem Achill und Paris, dem »alten Priamus«, wie sich das Büchlein hiess. Den Griechen folgten die Römer, so die kühlen Scipionen, der bäuerische Marius, Sulla mit dem kalten, grausamen Lächeln in den Mundwinkeln, der pompöse Pompeius, dann auch der Numidier Jugurtha und der grosse, schlaue, sonnenverbrannte Hannibal. »O wie schön, o wie gross,« jubelte ich, »sitz' her, Hetti, und schau mit! ... Der mit den kleinen blauen Augen und dem gekräuselten Bart, das ist Odysseus, ein geriebener Fuchs, der sich in einem hölzernen Pferd versteckt und so in die Stadt Troja eingeschmuggelt hat ... Und der da heisst Cäsar, mit dem langen Hals und den magern Backen, er hat Blicke wie kaltes, spitziges Eisen. Und hier ist Hektor, der göttlichste von allen ...«

»Und gar keine Mädchen und Frauen?« schmollte die Kleine.

»Ich will dir von Hektors Weib lesen,« sagte ich eifrig, »das hätte man wohl da hineinzeichnen dürfen,« fügte ich tadelnd bei.

Dankbar umschloss Hetti meinen Arm mit ihren verknüpften zierlichen Händen und ich duldete es, wiewohl mir das Lesen und Umblättern der Seiten etwas schwierig wurde.

Nun las ich im Buche den Abschied Hektors von Andromache vor dem Zweikampf mit Achill.

»Der Arme!« seufzte Hetti. »Aber Hektor ist heimgekommen und hat ihr die goldenen Ringe des Feindes gebracht?«

»Nein, er wurde von Achill erschlagen und um die Stadt geschleift.«

Da schlug mir Hetti das Buch aus der Hand und fing an zu weinen. Und seltsam, es ergriff mich wie eine Ansteckung ihrer Schwäche, ich ward weich und nassäugig.

»Morgen,« tröstete ich sie, aufstehend und die Augen wischend, »erzähle ich dir fröhlichere Dinge, wenn du kommen willst.«

»Tust du's wirklich?«

»Auf Ritterehre!«

Wir schritten Hand in Hand den Hügel hinunter. Vor dem Städtchen trennten wir uns, nachdem wir einander zweimal Adieu zugerufen und im Fortgehen mehrmals nacheinander zurückgeblickt hatten. Mit war an diesem Abend so wohl wie noch nie. Lange konnte ich vor fröhlicher Aufregung nicht einschlafen. Die Nacht war voll wunderbar verwickelter Träume. Ich sah Andromache am Arme Hektors durch unser Städtchen zur Kirche gehen. Rasch lief ich hinterher und bot den beiden Heiden das Weihwasser. Und siehe, wie ich die Fingerspitze der Griechin berührte, da war es auf einmal die Hetti, und Hektor war verschwunden. Wie gestern im Moos, so sassen wir jetzt auf einer Altarstufe schräg unter dem Erzengel Michael. Die Sonne fiel in die Nische und zeigte den gewappneten Himmelsfürsten, wie er seinen gespornten Fuss nicht auf einen Drachen, sondern auf einen schwer gehörnten Büffel setzte. Daneben kniete ein Mägdlein, der Hetti zum Verwechseln ähnlich. Der ritterliche Engel nahm sie an der Hand und wollte sie zu sich emporziehen. Das machte mir, ich weiss nicht warum, ganz seltsam bange. »Die Hetti ist bei mir!« schrie ich und trotzdem meine unheilige Stimme in dieser Kirchenstille mich selbst erschreckte, wiederholte ich das Wort noch lauter und drückte Hetti fest an mich. Darüber erwachte ich und hatte den Zipfel des Kissens innig an meine Wange gepresst, etwa wie ein Kind mit der Puppe im Arm erwacht.

Am nächsten Tage, nachdem wir uns in der Schule öfters mit verheissungsvoller Miene, wovon wir allein das Geheimnis wussten, zugenickt und einen Verweis vom Lehrer mit lächelnder Duldung eingesteckt hatten, trafen wir uns nach dem Vesperbrot an der gleichen Waldstelle und ich las von der Staufacherin und ihrem ehrenwerten Manne vor. Das liebe Mädchen schaute während des Lesens eine Zeitlang den eilenden Zeilen und eingespickten Bildern nach, dann aber hing ihr Blick immer mehr an meinen Lippen, als wolle sie es lieber daher als vom Buche haben. Ich fühlte dieses braune Auge und litt es gerne, wie einen warmen, gedämpften Sonnenstrahl. Hetti unterbrach mich nie. »Ist es schön?« fragte ich. »Ja, es ist schön,« erwiderte sie und ihr Auge fügte bei: ›Fahre nur weiter, es wird mir bei dir nie langweilig!‹

So trieben wir es nun häufig. Ich suchte in der Bibliothek unseres Städtchens, was ich nur auftreiben konnte von alten Weltdingen, wo ein Weib oder ein Jüngferchen mitspielt, sei es mit grosser Gewalt oder mit sanfter Anmut, mit der schweren Schleppe einer Zarin Katharina oder dem Hirtenröckchen einer Johanna, gross wie Elisabeth von England oder grösser wie Elisabeth von Thüringen. Während der Erzählung drückten wir uns oft wie in geheimem Einverständnis die Hände, schmiegten uns enger zusammen, und als der Landgraf den Kreuzmantel nahm und sich von seiner Gattin verabschiedete, da fasste es mich mächtig, und ich umschlang den kleinen Hals meiner Zuhörerin, sagte halb traurig, halb freudig: »So machte er,« und küsste sie mitten auf den Mund.

Dann lasen wir nicht weiter, sondern sassen nebeneinander, wie verschüchtert von etwas Unbekanntem, was unsichtbar neben uns wäre. Wir sprachen auch nicht mehr viel, obwohl wir noch lange an der Stelle blieben. Der Kuss hatte alle Worte weggenommen.

Aber mir war, als sei ich plötzlich ein Mann geworden.

Von jetzt an war es beim Kommen und Gehen unvermeidlich, dass wir die Rollen des Landgrafen und der Landgräfin wiederholten.

An einem heissen Nachmittag im Mai, als überall das junge, lichte Grün der Buchen zwischen dem alten, abgedunkelten Nadelgestrüpp hervordrängte, und der Wald einen berauschenden Duft von Erdfeuchte, Beerenblüte und Fichtenharz ausströmte, wartete ich lange auf Hetti. Aus der Wiese unter mir erscholl das Zirpen der Grillen; Grashüpfer sprangen über die Halmen, weisse Schmetterlinge flatterten niedrig über dem Rasen und samthaarige Hummeln schnurrten vergnüglich von einem blassroten Kleeköpfchen aufs andere. Aus der Tiefe des Waldes ertönte in abgemessenen Pausen der Ruf eines Kuckucks, der seiner Liebsten rief. Bald näher, bald ferner, aber immer dringender hörte ich den leidenden Vogel seine Frage wiederholen. »Kuckuck, wo bist du Bräutchen? ... Kuckuck, komm her zu mir! ... meine Flügel sind warm und mein Schnabel ist blank, Kuckuck! Ich sehne mich zu Tode, Kuckuck, komm doch, komm!«

Das war auch meine Sprache. Was war mir dieses Plätzchen, dieses Waldstündchen ohne Hetti? Was Krieg und Heldentum ohne sie? Lieber wollte ich die schöne Helena, ja selbst Hektor opfern, als Hetti. Was war mir überhaupt die Weltgeschichte, wenn Hettis Zöpfe sich nicht durch ihre Ereignisse ringelten, ihr dünnes Stimmlein nicht in das Geknatter der Infanterie hineinplauderte und ihre kleinen, hübschen, nackten Füsschen nicht neben den Pantöffelchen der Prinzessinnen über das Parkett der Hofburg trippelten? Nein, es gab keine Weltgeschichte mehr ohne Hetti.

Aber ich kann sie doch einst nicht auf mein Ross heben und mit ihr in die Schlacht reiten!

Diese Einwendung verblüffte mich.

Wirklich, auch Hektor nahm ja die Andromache nicht mit in den Streit.

Da fühlte ich, dass mir Hetti mehr war als alles in der Welt. In ihrer Nähe war nach und nach mein kaltes Heldentum wie Eis in der Lenzwärme zerschmolzen. Sie hatte, ohne es selber zu ahnen, mir zuerst den Helm abgenommen, dann den wehrhaften Schild entzogen und endlich den eisernen Harnisch gelöst. Mein einfältiges Menschenherz lag ungeschirmt vor ihr. Das Rittertum lag gleichsam im Gras neben uns und diente nur noch zum Vorwand für das Rittertum des Herzens, welchem wir uns mit der süssen Unbewusstheit der Kinder ergeben hatten.

Hie und da kam ich mir dann freilich wie ein Abtrünniger vor und einmal träumte ich, der Erzengel Michael sei in meine Kammer getreten, als ich zu Bette lag, und habe mir einen schwarzen, blanken Brustpanzer umschnallen wollen. Aber ich hätte auf die linke Seite gedeutet und gebeten: »Lockere mir die Spangen! Das Herz tut mir weh.« Der Erzengel aber schüttelte zornig sein behelmtes Haupt und sagte: »Das muss ein Kriegsmann aushalten können,« und ging mit klirrenden Eisenschuhen davon. Gleich löste ich das stählerne Hemd los und warf es auf den Boden hinaus. Aber Sankt Michael war noch nicht weit, er hatte den Lärm gehört, kehrte zurück, ergriff das schimmernde Wehrstück und fragte: »Dies oder dies?« Dabei zeigte er zuerst auf den Panzer, dann auf mein Herz. »Dies hier, dies!« rief ich ängstlich und hielt beide deckenden Hände über meine Brust. »Dann bist du einer wie die andern,« zürnte der Geist und verschwand.

Zuerst ärgerte mich dieser Vorwurf. Dann bestritt ich ihn. Nein, so wie ich und Hetti war niemand, wir waren einzig in unserer Art. Unser Geheimnis, unser seltsames Glück, unsere verstohlenen Freuden kannte kein anderer. Das wussten wir. Auf jedem Gesicht unserer Mitschüler war das zu lesen. Wenn die glücklich waren, hatten sie jedenfalls einen andern Himmel als wir. Im unsrigen gab es sonst für niemanden Platz. Die Pforten waren verriegelt, die Sternfensterchen verhängt, dass uns keine Seele belauschen konnte, wie wir wie zwei selige Geister in unserm Liebesfrieden auf und nieder schwebten, bald voll Sehnsucht gegeneinander zustrebend, bald neckisch auseinander fahrend, bald in künstlichen Schleifen uns umkreisend, dann wieder gemeinsam, die Hände warm ineinander, durch die Wölklein ziehend, bis eines von uns im Übermut sich losriss und in einem goldenen Nebel verbarg und so die himmlische Schelmerei von vorne anhob.

Das alles überdachte ich jetzt, als der Kuckuck mich ganz nahe aufschreckte: »Wo bist du?«

Mir wurde bange. Warum kommt sie nicht? Ich fühlte etwas Schweres auf meinem jungen Herzen, wie ein Gewicht von Zentnern, und fing an, gleich einem Erwachsenen zu seufzen. Ich hielt den Atem an, um besser zu hören. Aber im Walde war es still. »Hetti!« rief ich ängstlich. »Hetti!« kam es schnell, als fürchte sich der Ton in der unheimlichen Stille, zu mir zurück.

Und wieder fragte ich mich: Wie werde ich es ohne sie aushalten im Kriege, wenn dieses wartende Halbstündchen mir schon so stark ans Herz geht? Im Eifer der Schlacht würde ich sie vergessen ... ja, gewiss ... dann schon ..., aber hernach auf den langweiligen Märschen, am Feldfeuer, nachts im Gezelt? Ich hatte soviel vom Heimweh der Soldaten gelesen und wie sie sterbend noch der Braut gerufen. In unserem Städtchen hinkte an warmen Nachmittagen ein Krüppel mit hölzernem Beine über den Marktplatz. Wenn auch ich als Stelzbein zurückkehrte, dürfte ich noch um Hetti freien?

In diesem Augenblick hörte ich ihre flinken, kaum den Boden streifenden Füsse. Sie war aufgeregt und beide hübschen Achseln hoben und senkten sich unter den vom Laufe beschleunigten Atemzügen. Sie liess mich keine Frage tun. »Ich wollte dir nur schnell sagen,« sprach sie und errötete mächtig, »dass ich zu Hause bleiben muss. Wir haben ein Brüderchen bekommen, ein ganz kleines, herziges. Die Mutter ist im Bett. Da kann ich nicht mehr weg. Komme mit ...« schon fasste sie mich an der Hand und zog mich vorwärts ... »und schau, was das für ein Kind ist.«

Rasch liefen wir die Halde hinunter. Da lag in sauberem Tüchelchen das strappelnde Kleine. Und wie hübsch es war! Dass es nur so weinen mochte, da ihm doch sicher nichts weh tat. Die Finger spreizte es auseinander, als wollte es sie zählen. Es rümpfte die rote Stirne mit dem klebrigen Haar wie ein altes Grossmütterchen und wenn es den grossen Mund auftat, so sah man in ein dunkles zahnloses Löchlein bis zum Halszäpfchen hinunter. Mit den Augen, die es wie kleine Fenster öffnete, schaute es erschrocken auf uns, schloss die dann wieder lange und schien zu schlafen. Wir bückten uns beide tief über dieses Kind, das einen starken Geruch von Milch und jungem, zartem Fleisch ausströmte, und erzählten ihm tausend Dinge, wovon es nichts verstand, ja fragten es sogar, wie's ihm da gefalle, warum es weine, was es wünsche, gerade als könnte es uns darauf Bescheid geben. Hetti küsste es ein über das andere Mal, was mich zuerst beinahe bedrückte. Ich konnte mir nicht anders helfen, als dass auch ich das Knäblein zu küssen anfing ... ich auf die linke, Hetti auf die rechte Wange und zwischenhinein, wenn niemand es sah, gaben wir uns selber einen Kuss. Als wir das zum erstenmal so über das unschuldige Gesichtchen des Kindes taten, schlug es die Augen gross auf. »Du wirst doch etwa nichts ausplaudern wollen,« drohte Hetti schelmisch und wiederholte den Betrug. Da schimmerte es wie ein versuchtes und verunglücktes Lächeln über das Milchgesicht.

Ich musste Hetti bewundern, wie sie gleich wieder den Spass abstreifte, das Kind ruhig in die Arme nahm und wiegend einschläferte oder ihm das Saugfläschchen zwischen die nassen, dunkelroten, verzogenen Lippen schob, sein Bettchen ordnete, dann die Mutter in der Kammer pflegte, wobei sie geräuschlos die Tür öffnete und schloss, auf den Zehen ging und den Finger an den Mund legte, sobald meine genagelten Schuhe poltern wollten. An alles dachte sie. Kein Pünktlein in der Hausordnung wurde vergessen. Kam der Vater mit Wagen und Ochsen heim, so fand er schon den Tisch mit einem faltenlosen Tuch bedeckt, das Glas gefüllt mit gelbem Most und Brot und Käse auf blanken Tellern. Der Boden der Stube war gescheuert und Rock und Schürze meines Mägdleins immer sauber.

So oft ihr auch der Kleine an den Kragen griff und in den Zöpfen grübelte, gleich waren die Haare wieder geschlichtet und die Spitzen geglättet. Das alles schien mir mehr und besser, als wenn Andromache dem Hektor den Helm vom Nagel herunter reichte und ihm die Knieschienen umlegte. Dieses schlichte Heldentum der Stube gefiel mir jetzt so gut, dass ich es stundenlang betrachten und bewundern mochte.

›Könnte ich es nicht auch so treiben?‹ fragte ich mich. ›Was soll dieses Faulenzen und Träumen?‹ Ich schämte mich.

Zu Hause griff ich gleich ins Zeug. Vorab ordnete ich meine Kammer, das Buchgestell, die Schubladen und den Schrank. Dann ging ich zur Mutter, und da sie eben daran war, Garn abzuwinden, hielt ich ihr den Strang, ein Achill in der Spinnstube. Dann trug ich das Wasser in die Küche, nicht wie Bethli einen Kessel nach dem andern, sondern gleich beide Kessel mitsammen und dazu noch heuchlerisch singend, als ob das ein Spass wäre. Beim Regenwetter sass ich über meinen Büchern, bemühte mich über den Anfängen der lateinischen Sprache und schaute die Geschichte nicht mehr bloss wie ein Bilderbuch an, wo es nur Schlachten und Könige gab, sondern ich studierte auch das stillere Weben in der Völkergeschichte, die Verfassung und Lebenseinrichtung, die Geographie des Landes und es wunderte mich mehr und mehr, warum das, was geschah, so geschehen musste. Ich spürte den Ursachen der Dinge nach und je tiefer ich geriet, desto wohler wurde mir, wie dem Würmchen, je näher es sich durch den Apfel dem Kern entgegengrübelt. Jetzt gewann ich auch Freude, das städtische Gemeindewesen, die geordneten Rechte des Gemeinderates, die Erhabenheit des Ammanns, die erquickliche Freiheit des stimmenden und wählenden Bürgers kennen zu lernen und ich verfolgte eifrig, wie der Staat heutzutage von diesen kleinen Gemeindeteilen zu den weitern Bezirken, von diesen zu den mächtigen Provinzen und von da mit ausgebreiteten Armen zur allumfassenden Monarchie vorschreitet. Wie alten Puder schüttelte ich meine frühere Historiensucht ab und fühlte mich immer behaglicher und wahrhafter im Treiben dieser schönen, braven Wirklichkeit, wo alles so tüchtig steht und geht. Ein Geschichtsschreiber möchte ich nun werden, nicht ein Geschichtenmacher.

Bei gutem Wetter begleitete ich meinen Vater, der Förster war, in die Wälder. Wenn ich abends mit roten Backen, Laub im Haar und Harz an den Fingern, an Hettis Türe trat und sie das Kind hüten und mit klingenden Nadeln an einem Jäcklein stricken sah, dann kam ich mir als ebenbürtig vor und war stolz darauf.

»Seid ihr weit gegangen?« fragte sie.

»Na, es geht an, sechs Stunden hin und her!« sagte ich sehr nachlässig und machte vergleichsweise drei Schritte hin und zurück.

So war der 21. Brachmonat angebrochen, an dem sich der Erzengel enthüllen sollte. Die Sonne legte sich an ihrem längsten Erdentag alle Ehre ein. Gewaltig und ohne ein Flecklein am Himmel zu dulden, wallte sie mit ihren goldenen Füssen vom Morgen gen Abend und ging im Gebirgskamm unter, aber gleichsam mit einem verschmitzten Lächeln, als sagte sie: ›Gebt acht, heut spiel' ich einen Possen, ich bin gerade aufgelegt dazu ...‹

Wir waren zusammen in der vordersten Kirchenbank, ich neben Hetti, dann Bethli, Fridolin und Philipp. Wir sprachen ein etwas eiliges Vaterunser und harrten dann der Dinge, neugierig und vor Beklommenheit und kühler Kirchenluft fröstelnd. Hetti und ich hatten uns die Hände gefasst, um die Offenbarung, welche es immer sei, gemeinsam zu bestehen.

Plötzlich schoss ein Sonnenfunken durch die Gebirgsklamm hervor, riss sich blutig durch die Scheibe, dass die Spinnengewebe an der Kupferfassung wie rote seidene Schleierfetzer erschienen, und sprang am Bild des Erzengels vom Haupte zu den gespornten Füssen hinunter, so dass wir ihn einen Augenblick alle betrachten konnten.

Aber, war das unser Michael? Dieser kleine Mann, da droben mit dem sanften Gesicht und so gutmütigen Augen, als ob er bitten wollte: ›Nehmt mir doch das Schwert und den Helm ab und gebt mir lieber ein Rauchfässlein in die Hand, oder eine Lilie, wie mein heiliger Bruder Gabriel eine trägt, das dient mir besser.‹

Er stand auf dem geschuppten Drachen so behutsam, als wäre er von Zucker und könnte beim leichtesten Berühren zerbrechen. Wir hatten einen Riesen befürchtet, nun war es ein fröhlicher Engel, den wir gleich einladen mochten, zu uns niederzusteigen und uns eine hübsche Legende aus dem Himmel zu erzählen.

Alle waren enttäuscht, erfreut nur ich und Hetti.

›Dieser Michael,‹ beruhigte ich mich, ›wird mich nie mehr im Traume plagen und die Brust in Eisen schnüren, er, der sich selber sehnt, dass man ihm den Panzer löse. Vor ihm braucht sich mein gemausertes Heldentum nicht zu schämen.‹

Rasch und spurlos versank die Statue in ihr früheres Dunkel. –

Im Herbst schied ich vom Städtchen, die Studentenmütze nicht so keck, wie ich es mir früher vorgemalt hatte, auf die verwilderten, unlösbaren Locken gesetzt. Denn der Abschied ging schwer. Die Geschwister und Hetti folgten mir noch ein Stück weit. »Jetzt gehe ich zurück,« sagte Philipp nach einer halben Stunde, als ein Wagen vorbeifuhr, dem er sich hinten anhängen konnte. Und wieder nach einer halben Stunde wandte sich Bethli mit dem lustigen Nikola, der zwischen seinen geschorenen fünf Schafen vorbeitrieb, zum Städtchen zurück. Die Liebe Hettis ging am weitesten mit mir. An einem Brunnen, der unter einer Silberweide vor einem verschlossenen, einsamen Herrenhofe stand, setzten wir uns auf den Gesimsestein und suchten nach den letzten Worten, ohne die rechten zu finden. »Jetzt muss ich gehen,« sagte ich endlich und ergriff Hetti an beiden Händen, zog sie an mich und küsste sie. Wir senkten beide wortlos die tropfenden Augen und nun erst begriffen wir den Landgrafen und die Landgräfin von Thüringen sehr gut. Das Wasser plätscherte ins Becken, Schatten und Lichtflocken gaukelten auf unsern Gesichtern, die schmalen Blätter lispelten und ganz nahe auf dem Brunnenstock piepte ein Sperling eintönig: »Dableiben, dableiben! ...« Aber vor mir flimmerte die Strasse und zeigte gebieterisch vorwärts. –

Seitdem sind viele Jahre verstrichen. Ich habe die Hochschule und ihre Examen bestanden und in den Taschen und Truhen der Frau Historia so lange herumgestöbert, bis ich ein artiges Doktorhütchen zusammengestoppelt hatte. Dass mir bei der Rückkehr der Apotheker unter seiner Haustüre einen respektvollen Knicks machte und dann gleich die berühmte Dose herhielt, tat mir wohl; noch mehr, dass mich Mutter und Vater noch immer den lieben Hannes schalten; aber am wohlsten wurde mir, als ich an Hettis warmer Hand vor ihre Schränke und Kommoden trat und zusah, wie sie Lade auf Lade mit feiner Wäsche, Leinen, Handtüchern, Vorhängen, Bettüberzügen auszog, in einer Ecke sogar auf ein niedliches Häubchen und Geiferlätzchen wies und dabei in einem süssen, züchtigen Wangenrot leuchtete.

An einem späten Sommerabend, das ganze Städtchen duftete vom eingebrachten, köstlichen Heu und die Jungen hielten am Brunnen vor der Kirche die verschwitzten und verbrannten Köpfe unter die Röhren ... traten Hetti und ich aus dem Studierstübchen des alten Pfarrers, mit dem wir das Ernste und Heitere des Hochzeitstages besprochen und uns unterrichtet hatten, wann wir zum Altare treten, die Kerze abgeben und wie wir beim Anstecken der Ringe die Finger halten sollten, um nicht – es wird so oft dagegen gefehlt, tadelte der Pfarrer, indem er die Stirne kraus zog und die halbe Prise Schnupf über den zugeknöpften Rock verstreute – um ja nicht die Ringe und die Finger zu verwechseln. Im breiten Hausgang blieb der Hochwürdige neben einer verhangenen Nische stehen und fragte, während er den grünen Vorhang wegzog, mit jenem überlegenen Lächeln, das man bei einer gelungenen Überraschung zeigt: »Kennen meine Leutchen den da?«

»Der Erzengel Michael!« riefen wir beide gleichzeitig.

»Der Erzengel Gabriel!« verbesserte der Pfarrer schmunzelnd. »Aber er ist noch nicht trocken, gib acht, Kleine!« warnte er die grosse, schöne Hetti mit jener duzenden Vertraulichkeit, die er sich gegenüber seinen Taufkindern erlaubte, auch wenn sie schon ausgeknospete Jungfrauen oder sogar kinderreiche Mütter geworden waren.

»Wir haben ihn gestern frisch angestrichen.« In der Tat, da stand der Engel gleich uns in der ersten, fröhlichen Frische eines neuen Lebens. Aus dem Schlachtenengel Michael war der Hochzeitsengel Gabriel geworden. Er trug statt des Schwertes einen schlanken, leicht an der Dolde gebogenen Lilienstengel in der Linken, lächelte und hielt die Rechte grüssend vor, als schwebte er eben mit bräutlicher Botschaft ins Kämmerlein der heiligen Jungfrau.

Hetti und ich gingen nach Hause im Duft des Sommerheues, im Jubel der um den Brunnen patschenden Buben und im Gedanken, wieviel schöner Gabriels Lilie als Michaels Schwert sei.

 


 

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