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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 7
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Uebung unsers Verstandes

Der Mensch ist auf dem ganzen Erdboden das einzige Geschöpf, das Vernunft hat; dadurch erhebt er sich und herrscht über alle übrige Creaturen nach der Einrichtung Gottes. Und wir sollten nicht dieses ausschließliche, unschätzbare Geschenk der Gottheit, unsere Vernunft, heilig halten, ausbilden und zu erhöhen suchen? Nur durch Vernunft erkennen wir Gott und seine Ordnung und seine Gesetze; nur durch Vernunft überzeugen wir uns von unsern Pflichten und ihrer Nothwendigkeit und Unverbrüchlichkeit; nur durch Vernunft sehen wir den Weg zu unserer wahren Glückseligkeit. Verstand und Vernunft hat noch überall den größten Werth, auch dann, wenn man oft keinen Gebrauch davon macht. Wenn man im gemeinen Leben sagt: »Er ist ein reicher Mann, ein vornehmer Mann, ein mächtiger Mann«, so sind wir dabei ziemlich gleichgiltig, oder wir fürchten uns, weil wir nicht wissen, was noch folgen wird. Wenn man aber sagt: »Er ist ein verständiger, vernünftiger Mann«, so haben wir gleich Achtung und Zutrauen; denn wir schließen mit Recht, ein vernünftiger Mann könne nicht schlimm sein. Nur Verstand und Vernunft macht den Menschen wahrhaftig zum Menschen; alles Andere ist Zufall und hat dagegen keinen großen Werth. Halten wir nicht mit Wahrheit Diejenigen für die Allerelendesten und Unglücklichsten, die ihre Vernunft verloren haben? »Und wenn ein Mensch in der Würde sitzt,« sagt der Sittenlehrer Sirach sehr nachdrücklich, »und hat keinen Verstand, so ist er wie ein Vieh.« Es ist desto trauriger, wenn ein Mann, der eine Würde hat, nicht verständig ist, da er es vorzüglich sein soll, da er mit für Andere denken und rathen und ihnen helfen soll. Sirach spricht also nicht umsonst so stark. Wir sollen demnach unsern Verstand, so viel wir können, zu bilden suchen, durch Unterricht, durch Nachdenken, durch Aufmerksamkeit auf Alles, durch Umgang, durch gute Bücher, wenn wir Gelegenheit haben. Wir sollen unserer Vernunft folgen in unsern Urtheilen; denn Gott hat jedem Menschen Vernunft gegeben, die er gebrauchen soll. Wir sollen die Vernunft Anderer anhören, sie prüfen, vergleichen und unsere darnach berichtigen, wenn wir noch nicht ganz gewiß waren, oder die unsrige befestigen, wenn wir Recht hatten. Die Vernunft dürfen wir überall brauchen; denn wir sollen überall Menschen, das heißt vernünftige Geschöpfe sein. Wenn unsere Vernunft noch Manches nicht begreifen und einsehen kann, so sollen wir uns dabei beruhigen; denn wir sind jetzt nur Menschen, die unmöglich Alles bis auf den letzten Grund erforschen können. Auch die Weisen wissen nicht Alles und zanken sich oft über Dinge, die uns sehr unnütz und sonderbar scheinen. So viel wir für unsern Stand und für unser Leben brauchen, können wir ohne Mühe fassen. Ueber unsere Vernunft ist Manches, und das ist nicht für uns; aber wider unsere Vernunft darf uns Niemand etwas aufbürden. Wer seinen Verstand nicht aufgehellet und gebildet hat, der ist zu keinem Geschäfte des Lebens vorzüglich geschickt und in Gefahr, sich beständig zu verirren. Er weiß nie recht bestimmt und gewiß, was seine Pflicht ist in diesem oder in jenem Falle, welches in diesem oder in jenem Falle die beste Weise zu handeln sei. Er thut entweder zu viel oder zu wenig, thut sich oder Andern Schaden. Er kann über keinen Vorfall, wo es oft wichtig und nöthig ist, schnell und richtig urtheilen und muß sich dann auf Andere verlassen, die es vielleicht ebenso wenig können, oder die wol gar die Absicht haben, ihn zu hintergehen. Wer seinen Verstand nicht gebildet hat und sich nicht eine Kenntniß der gewöhnlichen Dinge und Erscheinungen in der Welt erworben hat, der ist in Gefahr, eine Menge abergläubische Meinungen zu behalten oder anzunehmen, die entweder seine Ruhe stören, ihn ängstlich machen, von dem Wesentlichen der Religion und der Lebenspflichten abziehen oder gar ihm und seinem Nächsten durch seine Unwissenheit und Thorheit empfindlich schaden. Die leeren Einbildungen von Teufelswirkungen, Hexerei, Gespenstern, Kobolden und Zaubereien aller Art setzen den Leichtgläubigen in manche Furcht, über die der Vernünftige nur lächelt. Die Bosheit und List mancher Menschen bedient sich dann der Einfalt Anderer, um ihre schändlichen Absichten durch Betrug zu erreichen. Die Erscheinungen der Natur selbst setzen Manchen, der keine richtigen Begriffe und keine Belehrung darüber hat, in das größte Schrecken. Der wohlthätige Donner ist ihm ein furchtbares Strafgericht, der Blitz eine Zornflamme, da doch der allgütige Gott diese Erschütterungen der Luft und der Erde zur größten Wohlthat geordnet hat. Mit Verstand und Vernunft hat man überall die nöthige Gegenwart des Geistes und siehet sogleich die wahre Ursache, woher etwas entstehet, oder muthmaßet sie doch ziemlich richtig, und keine Furcht kann sich unserer bemächtigen.

Ob wir gleich in uuserm Stande oder bei unserer Lebensweise weder gelehrt werden können noch sollen, so müssen wir uns doch die nöthigen Begriffe zu sammeln suchen, um über Alles, was um uns her und bei und unter uns vorgehet, ordentlich, genau und treffend zu urtheilen, weil davon sehr oft unser und unserer Nebenmenschen Glück abhängt. Gelehrsamkeit ist nicht immer Verstand; aber Verstand ist dem Menschen in jeder Lage unentbehrlich, und je mehr Einer hat und ihn braucht, desto besser wird es um ihn stehen und mit Allen, die mit ihm zu thun haben.

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