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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 6
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von den Pflichten gegen uns selbst überhaupt

Gott hat uns Alle zur Glückseligkeit geschaffen; denn er ist der Allgütige. Diese Glückseligkeit können wir nur durch Gehorsam gegen ihn und wahre Tugend erreichen; denn er ist der Allweise und Heilige. Alle Mittel, diesen Zweck, unsere Glückseligkeit zu erreichen, sind uns Pflicht; denn der Zweck, den Gott, der Allerhöchste und unser Schöpfer und Vater und Wohlthäter, will, ist Gesetz. Und es ist kein höheres Gesetz als dieses; denn es ist kein höherer Gesetzgeber als Gott. Jedes Gesetz, das die Menschen elend und unglücklich machen wollte, wäre ein Widerspruch, wäre eine Lästerung gegen Gott und seine Weisheit und Güte, eine schreiende Ungerechtigkeit. Diese Erde soll für uns kein bloßes Jammerthal und unser Leben darauf nicht Elend sein. Die Menschen thun sehr übel, wenn sie es dazu machen; sie handeln wider den Willen Gottes und gegen ihr eigenes Glück. gegen ihre Vernunft. Die nothwendigen Übel in der Welt sind geringe gegen das unendliche Gute, das uns der Himmel täglich und von allen Seiten genießen läßt. Vollkommen können wir nicht sein, denn wir sind Menschen, also auch nicht vollkommen glückselig. Gott allein ist die Vollkommenheit und die höchste Seligkeit. Wir selbst sollen hier so vollkommen, so zufrieden und glücklich werden, als es unsere Natur erlaubt. Dort werden wir höher steigen, wenn wir hier auf unserer Stelle gut waren. Jeder Mensch ist zwar frei und könnte vielleicht sagen: »Wenn ich Andern nichts zu Leide thue, so kann ich mit mir selbst machen, was ich will; denn über mich bin ich Herr.« Er ist zwar Herr über sich selbst; aber diese Herrschaft darf er nicht gegen den Zweck und die Absicht seines Schöpfers, nicht gegen die Vernunft, er darf die Herrschaft über sich selbst nicht wider sich selbst brauchen. Denn das hieße: ich will nicht vernünftig, ich will kein Mensch sein, wozu ihn doch Gott geschaffen hat. Jeder Mensch hat also Pflichten gegen sich selber; er soll seine Natur so gut und vollkommen und sich selbst so glücklich zu machen suchen, als möglich ist. Das ist der Wille Gottes; das zeigt ihm seine eigene Vernunft. Aber Gott ist der Schöpfer und Vater nicht allein jedes einzelnen Menschen, einer besondern Menschenclasse, eines besondern Volks: er ist der Schöpfer und Erhalter von Allem, was ist. Er will also nach seiner Güte, daß Alles, was er geschaffen hat, auch in dem Zustande, zu welchem er es geschaffen hat, gut und glücklich sei. Wir sollen also nicht allein nur für uns glücklich sein, sondern Alle sollen glücklich, Alles soll glücklich sein, weil es Gott geschaffen hat; denn Gott schafft nichts umsonst und zwecklos. Das ist der Wille Gottes, und auch dieses zeigt uns unsere Vernunft. Daraus entstehen unsere Pflichten gegen Andere, wie wir unten im Folgenden sehen werden. Der allgütige, allweise Regierer der ganzen Welt hat es so eingerichtet, daß immer das Glück des Einen das Glück des Andern nach sich ziehet, daß sich bei dem Wohlbefinden des Einen auch der Andere mit wohl befindet und bei den Leiden des einen Theils der Gesellschaft auch die übrigen leiden. Wenn ein Land glücklich ist, so sind es alle Einwohner, und wenn es elend ist, so leiden alle. Nichts kann uns deutlicher zeigen als diese wohlthätige Einrichtung der Gottheit, wie sehr wir uns Alle als Brüder, als eine Familie unsers allgemeinen Vaters lieben, uns wohlwollen und gegenseitig unterstützen sollen. Wenn jeder Mensch, ohne Andere zu bevortheilen, so viel, als möglich ist, für seinen eigenen Vortheil Sorge trägt, sich selbst so gut, so froh, so glücklich als möglich zu machen sucht: so wird er es nicht allein für sich selbst, sondern auch Andere um und neben ihm werden es mit ihm. Seine Familie genießt mit ihm, Andere genießen mit ihm, durch Verwandtschaft, Freundschaft oder andere Verbindungen; die Uebrigen suchen ihm nachzueifern, und Alle um ihn her befinden sich besser. Der gütige Schöpfer hat die Natur des Menschen so eingerichtet, daß er sich nie gern allein freuet, daß er Freuden und Leiden gern mit seinen Nebenmenschen theilt; dadurch gewinnen Alle. Die Freuden werden größer, das Unglück wird kleiner.

Ein Mensch, der die Pflichten gegen sich selbst nicht erfüllt, die ihm Gott, der ihn zum Menschen schuf und ihm Vernunft gab, auflegt, wie will der die Pflichten gegen Andere als Vater, als Gatte, als Hausherr, als Mitglied der Gemeine, als Freund, als Unterthan erfüllen? Zuvor müssen wir gute Menschen sein, ehe wir in irgend einer andern Lage etwas Anderes gut sein können. Und ein guter Mensch ist man nicht, wenn man nicht das ganz und vollkommen ist, wozu uns der Schöpfer unserer Natur nach bestimmt und gemacht hat. Ist es nicht ein großer Vorwurf für einen Menschen, wenn man mit Recht von ihm sagen muß: »Er ist ein thörichter, unvernünftiger Mensch«? das heißt, er beträgt sich gegen sich selbst nicht so, wie er als ein Mensch, der Verstand und Ueberlegung besitzt, sich betragen sollte. Wenn er Andere beleidiget und ihnen Unrecht und Schaden thut und sie elend macht, so ist er noch mehr als dieses; er ist böse und lasterhaft. Aber jenes ist oft der Anfang und Uebergang zu diesem.

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