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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 41
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Betrachtung über Tod und Zukunft

Es ist kein Zweifel, Gott hat uns Alle zur Glückseligkeit bestimmt; denn die ewige Güte kann nur das Heil aller ihrer Geschöpfe wollen. Wir sollen glücklich sein in diesem irdischen Leben. Aber wir leben nicht lange. »Unser Leben währt siebenzig Jahr, wenn's hoch kommt, achtzig«, und die meisten Menschen sterben wol vor dieser Zeit. Der Tod ist allen Menschen gemein, dem Könige wie dem Bettler. Heute blühet Mancher in voller Jugendkraft, und morgen hat ihn vielleicht ein Zufall auf die Bahre gelegt. Hört unser Glück dann auf? Hören wir selbst auf? Wie unglücklich wäre Derjenige, der dieses glauben könnte! Jetzt hat der Tod blos eine traurige Gestalt, weil wir uns trennen müssen von Vielem, was uns hier billig lieb und werth ist; aber dann würde er schrecklich, würde er entsetzlich sein! Welcher unselige Gedanke: Zerstörung, Vernichtung ohne Hoffnung in Ewigkeit! Nur der Unbesonnene kann ihn mit Gleichgiltigkeit denken, und nur der grenzenlos Elende oder der Bösewicht kann ihn wünschen. Aber nein, so unglücklich und trostlos soll der Tugendhafte und Fromme nicht sein, daß er aufhören sollte zu sein, daß er nicht seinen großen Lohn in einem andern Leben, für alle seine Mühseligkeiten und Leiden, für alle seine Geduld und Standhaftigkeit im Guten einst erhalten sollte; und so glücklich soll der Bösewicht, der Spötter, der Ruchlose nicht werden, daß er vernichtet würde, daß er nicht für alle seine Bubenstücke, Unterdrückungen, Grausamkeiten und Schandthaten bekommen sollte, was sie werth sind. Wir werden leben, Alle leben, um zu haben, was wir verdienen; denn Gott ist nur Weisheit und Güte und Gerechtigkeit. Wer wollte den ewigen Schöpfer lästern und sagen, er habe Geschöpfe gemacht, um sie auf dem halben Wege ihres Daseins ohne Absicht wieder zu zerstören? Das wäre ein Widerspruch, und Widersprüche sind nicht in Gott Die Zwecke der Gottheit sind, daß Alles so vollkommen und so glücklich werden soll, als es seiner Natur nach werden kann. Der Mensch wird hier nicht so vollkommen, so gut, so weise und so glücklich, als er wünscht, als er in sich Trieb und Muth und Kräfte fühlt. Sollte der Unendliche, die unerschöpfliche Quelle der Seligkeit, sein Schöpfer und Vater, ihm diesen Wunsch versagen, diese Kräfte umsonst gegeben haben? Unser Geist dürstet nach Weisheit, nach Wirkung und Fortdauer; unser ganzes Wesen zittert zurück vor dem Gedanken, daß es ewige Nacht werden solle. Würde Gott dem Geiste Durst gegeben haben, der nicht gelöscht werden sollte? Würde Gott den Gedanken, die Aussicht der Ewigkeit der Seele vorgehalten haben, um sie durch den Anblick der Vernichtung nur desto entsetzlicher zu quälen? Niemand denke dieses von der ewigen Liebe! Wir können Gott denken, der ewig ist; wir dauern also fort mit ihm, der uns diesen Gedanken gegeben hat und nicht nehmen wird.

Alle Völker der Erde, wilde und gesittete, rohe und gebildete, unwissende und erleuchtete, haben ohne Ausnahme alle den Begriff und die Hoffnung der Fortdauer nach dem Tode, dunkler oder deutlicher, Ungewisser oder fester. Keiner einzigen Nation mangelt es gänzlich an allen Bildern und Vorstellungen eines künftigen Lebens, so verschieden und thöricht auch zuweilen dieselben sind. Was allgemein, ohne Ausnahme allgemein in der Seele des Menschen ist, muß einen Grund der Wahrheit haben. Wir werden fortdauern; wir werden leben. Unsere Weisheit wird sich vermehren, unsere Kräfte werden steigen, unsere Glückseligkeit wird wachsen und sich befestigen in Ewigkeit. Dort wird Gott endlich ganz ordnen, was recht ist, und Jeden dahin setzen, wozu er sich hier geschickt gemacht hat. Jeder hatte freien Willen und Vernunft, diesen Willen zu lenken; Jeder wird also dort sein, wie er sich hier bereitete. Der Gute empfängt für sein Gutes Heil, der Böse für seine Bosheit Züchtigung; Jener wird getröstet, Dieser gepeiniget; Beide, wie sie verdienten und selbst wählten. Man zweifle nicht über die Möglichkeit, grüble nicht über die Art und Weise! Was ist dem Höchsten unmöglich, der die Welten mit einem Hauche aus dem Nichts rief! Die Natur hat schon hier manche Beispiele, die Vorbilder und Ermunterung zur schönsten Hoffnung sein können. Die Blume stirbt den Herbst und geht den Frühling mit neuem Schmucke verschönert aus dem Schoße der Erde hervor. Das Samenkorn scheint todt und erwacht bald zum Leben und bringet vielfache Früchte. Die Raupe wickelt sich in ihr Gespinnst, scheint im Staube verloren zu sein und kommt als ein bunter Sommervogel wieder ans Licht, der seine glänzenden Farben in der Sonne spiegelt. Alles stirbt und lebt auf. Der Tod ist nur Uebergang aus einer Art des Lebens in eine andere. So auch mit uns. Wir werden sterben, das heißt, wir werden hinübergehen zu dem Leben jenseit des Grabes, wo Gott geben wird Jedem nach seinen Gesinnungen und Handlungen. Wie ruhig und getrost darf also der Tugendhafte dem Tode entgegensehen! wie heiter und zufrieden in das Grab hinabblicken, das für ihn eine Thür in eine bessere Welt ist! Der Leib kehrt zurück in den Staub, aus dem er genommen ist; aber die unsterbliche Seele steigt auf zu dem Ursprung ihres Wesens, zu Gott, ihrem Schöpfer, dem Vater und Geber aller Seligkeit. Wenn diese Hoffnung der Böse nicht hat, so ist das seine eigene Schuld: warum ist er böse? Nur die Guten haben Frieden im Herzen. Für die Bösen ist die Botschaft des Todes eine Forderung vor den Richter, welcher Herzen und Nieren prüfet, welcher recht richtet und unbestechlich belohnt und bestraft. Dann ergreift sie freilich Zittern und Beben, und sie möchten lieber nicht mehr sein, als unter Angst und Qual ihrer entsetzlichen Zukunft entgegensehen. Das Ende des Guten ist ruhiges Hinschlummern; der Tod des Ruchlosen ist Folter und Verzweiflung. Und wenn auch das Gewissen hier nicht einmal erwacht, so wird es dort mit Schrecken erwachen, wenn die Stimme Gottes spricht: »Gieb Rechnung von Deinem Leben!«

Geht hin zu den Gräbern, Ihr Menschen, und untersucht dort Euer Innerstes! Denkt, bald, vielleicht sehr bald wird auch über Euern Hügeln Moos wachsen, und wenn Euere Seele ruhig bleibt bei den Gedanken des Todes, des Gerichts und der Ewigkeit, so steht es wohl; aber wenn es Euch bange wird ums Herz, wenn Angst sich Euer bemächtiget, so verachtet nicht die Stimme in Euch: sie ist eine Warnerin noch zur rechten Zeit; sie kann Euch noch zu Ruhe und Freude führen. Ein Todtenschädel ist ein rührender Prediger für Diejenigen, die ihn hören wollen. Am Grabe bleibt Alles zurück: Jugend, Schönheit, Stärke, Ansehen, Rang, Gold, Vermögen; nur seine Werke folgen dem Menschen nach. Am Grabe wird selbst die Welt gerecht und lobt nur, was Lob verdient. Jenseit des Grabes fängt ein neues Dasein an; wohl Dem, der froh hinüberblicken kann! Alles in uns und um uns wünscht und harret, daß es so sein wird; die Vernunft giebt Hoffnung, und die Religion giebt Gewißheit. »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt,« spricht mit inniger, freudiger Ruhe der Christ, der in das Grab hinabsieht. Man frage nicht: wo werden alle die unendlichen Millionen Geschöpfe sein, die gelebt haben und leben und leben werden? Sind nicht alle Himmel des Herrn? Streckt er nicht seine Hand ins Unermeßliche? Kann nicht jeder Stern ein Wohnplatz sein? Und wir zählen ihrer tausende und tausende und sind kaum am Rande, und jeder ist vielleicht tausendmal größer als unsere Erde! Wer schränkt den Allmächtigen ein; wer will den Allweisen Ordnung lehren? »In meines Vaters Hause sind viel Wohnungen«, sagt der göttliche Lehrer.

Wie wird Gott belohnen? »Es hat's kein Auge gesehen, kein Ohr gehöret, es ist in keines Menschen Herz gekommen, was Gott bereitet hat Denen, die ihn lieben.« Es wird Entzückung sein, mit erhöheten Kräften unter den vollendeten Geistern, unter Engeln und Cherubim die großen Werke Gottes zu schauen, mehr dann mit einem Blicke zu fassen, als wir hier unser ganzes Leben entdecken konnten; den Herrn mit reinen, himmlischen Harmonien zu loben, gegen welche unsere irdischen Lobgesänge Stammeln waren. Die Guten werden sich freuen mit den Guten, und der Herr wird mit ihnen sein; Kummer und Klagen werden verstummen, und nur die Lieber des Dankes werden gehört werden. Die Frommen werden Gott schauen. Wer kann wissen, welche Beschäftigung der Schöpfer den Seligen in der Ewigkeit anweiset? Aber ihre Arbeit wird Lust und Vergnügen, ihre Thaten werden Lob Gottes und ihr ganzes Leben Glückseligkeit und Ruhe sein. Die Bösen werden leiden mit den Bösen und durch die Bösen. Wenn die Tugendhaften schon unter sich den Himmel haben, müssen es die Bösen sich unter einander nicht zur Hölle machen? Einer beneidet den Andern, haßt den Andern, quält den Andern, peiniget ihn, sucht sein Verderben: Alle hassen Alle, und Jeder ist dem Andern ein Teufel. Muß es da nicht Hölle sein? Und wenn der Schöpfer zu ihrer Züchtigung noch einen Ort bestimmt, der leer an Freuden und Genuß, leer an Trost und Hoffnung ist, wo Gott selbst nicht mehr gegenwärtig zu sein scheint, wo nur boshafte und schadenfrohe Geister einander zur Folter sind: ist es da nicht wirklich Hölle? Es kommt nicht auf den Namen, es kommt auf die Sache an. Es wird also wirklich Himmel und Hölle sein; die Vorstellungen davon müssen nur vernünftig sein, wie sie es sein können und sein sollen. Die Spötter, welche spotten, zeigen den Leichtsinn und die Bosheit ihres Herzens und die Schwäche ihres Verstandes.

Wir wollen also nicht erschrecken vor dem Gedanken des Todes. Er ist keine Vernichtung; er ist der Bote des Friedens in das Reich des Friedens. Wir wollen nicht ängstlich trauern über den Abschied von den Geliebten; sie folgen uns nach, und wir sehen sie dort verklärt wieder, wenn sie unser und ihrer eigenen Bestimmung nicht unwürdig waren. Alles Uebrige ist irdisch und vergeht und ist unserer Thränen nicht werth. Wer mit seiner Seele noch unauflöslich fest an dem Irdischen hänget, ist noch nicht gut, noch nicht das, was er sein kann und sein soll. Dieses Leben ist nur Vorbereitung zum künftigen wahren, beständigen Leben; die Vorbereitung ist zwar wichtig, aber sie ist nicht die Sache selbst. »Nach einer Prüfung kurzer Tage erwartet uns die Ewigkeit. Dort, dort verwandelt sich die Klage in göttliche Zufriedenheit. Hier übt die Tugend ihren Fleiß, und jene Welt reicht ihr den Preis.« Wir leben Alle, um zu sterben; und nur Derjenige hat wohl gelebt, welcher wirklich wohl stirbt. Wer wollte sich eine ewige Fortdauer in dieser Welt wünschen, welche Schwachheit und Unvollkommenheit, Leichtsinn, Thorheit und Bosheit gegen Gottes Absicht oft zur Wohnung des Kummers und Elends macht, hier, wo die Tugend öfters leidet, das Laster öfters glücklich ist; wo man die Glücklichen beneidet und der Bekümmerten vergißt; wer wollte in diesem Sitz der Angst, der Schmerzen und der Ungerechtigkeit ohne Ende zu leben wünschen! Nein, unser Geist soll hinüberfliegen in das wahre Vaterland, in das Land der Freiheit und der Tugend, der Weisheit und der Glückseligkeit. Diese Aussicht soll uns leiten im Glück und uns schon hier den Genuß dieses Lebens erhöhen; diese Aussicht soll uns warnen, wenn wir in Gefahr sind, zu straucheln an den Klippen der Leidenschaften; diese Aussicht soll uns trösten, wenn wir hier auf der Erde unter Kummer und Angst kämpfen.

Selig, wer mit Ruhe dorthin blicket,
Wo die Tugend ihren Kranz erhält,
Wo vor Gottes Herrlichkeit entzücket
Der Verklärte dankend niederfällt;
Selig, wessen Herz sich freudig hebet.
Wenn sein Auge sich gen Himmel lenkt,
Welcher kindlich hofft, nicht knechtisch bebet,
Wenn er an den Weltenrichter denkt!

Aus dem Grabe schaut er auf zum Throne
Seines Vaters, der ihn stets geliebt.
Der den Duldern dort zum großen Lohne
Frieden, Heil und ew'ges Leben giebt.
Lächelnd siehet er den Boten kommen,
Der ihn tröstet, wenn er Andern droht;
Ihm wird mehr gegeben, als genommen,
Und des Lebens Anfang ist der Tod.

»Leben werd' ich, selig sein dort oben«,
Spricht er still und faltet seine Hand.
»Wo den Herrn die Morgensterne loben,
Dort ist meiner Seele Vaterland.
Was ist diese Welt mit ihren Schätzen
Gegen jenes Glück, das Gott verspricht!
Himmlisch wird der Himmel uns ergetzen;
Hier begreift es unser Geist noch nicht.

»Träume find die Thränen, die ich weinte;
Hier am Sarge giebt der Glaube Muth.
Reicht mir herzlich Eure Hände, Freunde;
Tröstet Euch und bleibet fromm und gut!
Eure Namen sind dort eingeschrieben;
Lebt, daß sie im Buch des Lebens stehn!
Weinet nicht so traurig, meine Lieben;
Gute Nacht, bis wir uns wiedersehn!«

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