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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 40
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Gespräch über das Landleben

Herr Fröhlich. Nachbar Erdmann.

Fröhlich. Gott grüß' Euch, Nachbar Erdmann! Wie geht's hier zu Lande?

Erdmann. Wenn es in der Stadt so wohl geht und überall so wohl geht wie hier, so geht's überall gut.

Fröhlich. Das freut mich. Ihr seid also wol hier recht vergnügte Leute?

Erdmann. Ei, nun wol nicht Alle, aber doch meistens und doch wol etwas mehr als in der Stadt.

Fröhlich. So, so; das glaube ich fast.

Erdmann. Wenigstens sehen bei uns die Leute nicht so langbäckig und hohläugig und griesgrämlich aus als wol in der Stadt.

Fröhlich. Das macht, Ihr habt hier auf dem Lande bessere, gesundere Lust als wir dort in der Stadt.

Erdmann. Freilich haben wir gesundere Luft als Sie dort in der Stadt; aber wir haben auch wol noch mehr, das gesunder ist als bei Ihnen in der Stadt.

Fröhlich. Zum Exempel, zum Exempel!

Erdmann. Zum Exempel unsere Arbeit.

Fröhlich. Ich dächte, wir ließen es in der Stadt auch nicht an Arbeit fehlen.

Erdmann. Arbeit und Arbeit ist eben ein Unterschied. Da sitzen sie krumm und sehr gebückt und gehen den ganzen Tag traurig. Der Eine schreibt, damit Andere lachen oder weinen; der Andere rechnet, daß ihm die Augen blinzeln; der Dritte zählt Geld, daß er die Finger nicht regen kann; der Vierte stickt in Gold und Seide, daß ihm die Arme weh thun und der Bauch zusammenklebt.

Fröhlich. Landsmann, kennt Ihr die Stadt so gut?

Erdmann. Ich bin viel darin herumgelaufen. Sehen Sie, was wir hier thun, ist wahre Arbeit; in der Stadt ist Alles nur eine halbe schlechte Bewegung. »Nur in der Arbeit frisch und ordentlich bei Tisch, bleibt man gesund als wie ein Fisch!« sagte mein seliger Vater.

Fröhlich. Euer Vater war wol ein guter Mann und ein braver Doctor?

Erdmann. Herr, das war er. Ich hoffe so zu leben, wie er gelebt hat, dann geht es wohl, und ich werde immer Ehre haben.

Fröhlich. Das glaub' ich, lieber Erdmann, das glaub' ich. Aber Ihr laßt es Euch wol auch recht sauer werden?

Erdmann. Ich bin ja gesund und stark und froh und munter; wie kann mir's da sehr sauer werden? Ich stehe mit oder etwas vor der Sonne auf. Herr, so ein Aufstehen haben Sie in der Stadt gar nicht, wo Sie nur ein Schnittchen Sonne, Mond und Sterne haben. Dann gehe ich rasch zur Arbeit; da klingt das Morgenlied, und da schmeckt das Morgenbrod. Das ist Arznei, wenn ich so auf dem Hügel stehe und in Gottes schöne Natur froh hineinsehe, wenn noch die Nachtigall im Busche und schon die Lerche an der Wolke singt. Sie, Herr Fröhlich, müssen ja immer erst zu uns herauskommen, wenn Sie Ihres Namens und Ihres Lebens recht froh werden wollen.

Fröhlich. Das ist wahr, Erdmann, das ist wahr. Es ist, als ob ich gleich ein neuer Mensch wäre, sobald ich bei Euch hier bin.

Erdmann. Da sehen Sie! Nun wird gearbeitet, geackert, geeggt, gehauen, gegraben, gezäunt, Eins nach dem Andern, und immer wieder von vorn. Uns bekömmt die Arbeit herrlich und Ihnen das Zusehen und Herumwandeln.

Fröhlich. Aber sind denn Alle hier auf dem Lande so vergnügt und zufrieden?

Erdmann. Das nun wol nicht. Aber das ist ihre Schuld, wenn sie das nicht sind. Sie könnten und sollten es sein. Das machen die Stadtkrankheiten und Grillen, die sie mit herausbringen, wenn sie zu Markte gehen. Aber überhaupt sind wir hier doch froher als dort in den Mauern; das zeigen schon alle Gesichter.

Fröhlich. Das ist wahr; das macht aber eben die gute, freie, frische Luft.

Erdmann. Nun ja, Herr; gönnen Sie uns doch unsere gute, freie, frische Luft!

Fröhlich. Sehr gern, Nachbar Erdmann; ich will sie mit Euch genießen und mich mit Euch freuen.

Erdmann. Das wird uns sehr lieb sein. Sie thun uns keinen Abbruch, unser Herr Gott hat davon einen unerschöpflichen Vorrath. Herr, Sie können nicht glauben, was das für eine Arznei, für eine Labung ist, so die Sonne aufgehen und untergehen zu sehen! Dort lagert sich die Morgenröthe auf den Bergen; die Felsenspitzen und Tannenwipfel glühen schon in ihrem goldenen Strahl; dann steigt die herrliche, majestätische Sonne durch sie herauf, schießt ihre Feuerströme dicht und immer dichter über die Hügel hinab in die Thäler und gießt sich dann in einem Meere von Flammen über die Gegend her. »Groß ist der Herr und mächtig, und groß ist, was er macht!« singen wir dann in der Aufwallung hoher Andacht. So kann man in der Stadt nicht singen.

Fröhlich. Guter Mann!

Erdmann. Und wenn sie dort auf der andern Seite neben dem Birkenwald hinab zur Ruhe geht; wenn der große Teich wie geschmolzenes Gold stammt; wenn ihre letzten Blicke über das Saatfeld hinzittern und sinken und steigen und sich endlich in den hohen, breiten Aesten der alten Eiche verlieren; wenn dann der ganze Abend in feierlicher Stille dort liegt und die Röthe nach und nach wegschmilzt und nur noch leichte, kleine, weiße Wölkchen wie Silberflocken am Himmel sich kräuseln; und wenn dann der heimtreibende Schäfer »Wie groß ist des Allmächt'gen Güte!« hell und rein und herzerhebend von dem Hügel herab singt; wenn dann die Nachtigallen und Amseln aus dem Wäldchen dazu schlagen, als ob sie mit dächten und fühlten: Herr, Ihre Musik in der Stadt mag sehr schön sein, aber so, so ist sie nicht wie diese Musik. Sie müssen ja erst Ihre Musik zu uns heraus in den Wald tragen, wenn sie ganz Musik sein soll. Solche Concertsäle können Sie nicht bauen, wie wir alle Abende mit Abwechselung haben.

Fröhlich. Fast möcht' ich Euch beneiden.

Erdmann. Das thun Sie nicht; Sie können das Alles auch selbst haben und genießen, ohne uns zu beneiden. Wir wollen Sie um Ihre Vorzüge in der Stadt auch nicht beneiden, sondern sie mit Ihnen theilen, so viel wir können.

Fröhlich. Lieber Erdmann, Ihr sollt mein Arzt sein; ich will zu Euch in die Schule gehen.

Erdmann. Meine Kunst ist sehr kurz und einfach. Alles genießen und doch Genuß sparen!

Fröhlich. Aber das Landleben mag doch wol auch seine Beschwerlichkeiten und Unannehmlichkeiten haben.

Erdmann. Welches menschliche Leben hat sie nicht!

Fröhlich. Zum Beispiel, wenn es schlimmes Wetter ist, und die Arbeit muß doch verrichtet werden.

Erdmann. Da ist es dann freilich nicht so schön, als wenn es schön ist. Aber denken Sie doch nicht, daß es so traurig ist, als Sie Sich es vorstellen. Dazu gehört Gewohnheit von Jugend auf, Unverdrossenheit, Muth und feste Gesundheit. Wir werden naß und wieder trocken, ohne uns vor Erkältung und Schnupfen zu fürchten. Der Regen schlägt uns ins Gesicht, und wir lachen; und halten Sie es für nichts, wenn man so den lieben Tag sein Werk gearbeitet hat und den Abend recht müde und naß nach Hause kommt, daß man dann auf der Ofenbank einen trockenen Kittel anzieht und sich hinstreckt und von dem Wetter ausruht? Es ist wol nichts Süßeres und Erquickenderes als Ruhe nach Arbeit! Wissen Sie, was Ruhe ist? Haben Sie jemals die Ruhe ganz genossen? Diese süße Erquickung der Ruhe haben die Reichen nie oder nur selten, weil sie sich dieselbe nie oder nur selten durch Arbeit erwerben.

Fröhlich. Auch das ist wahr, Erdmann.

Erdmann. Herr, ich bin froh auf dem Lande mit aller Arbeit. Meine Kartoffeln schmecken mir so gut und wol besser als dem Junker der Hirschbraten. In der Stadt, in der Stadt möchte ich nicht wieder vierzehn Tage leben.

Fröhlich. Ihr lebtet also schon in der Stadt?

Erdmann. Freilich; aber ich bin froh, daß ich dem Rauche entlaufen bin. Man hat da den ganzen Tag nur drei Viertelstunden Sonne, die ganze Nacht dann ebenso wenig Mondlicht, und vom ganzen Himmel sieht man nur sechs Sterne. Abendroth und Morgenroth sind Dinge, die man nur aus Büchern und Erzählungen kennt.

Fröhlich. Ihr macht es auch etwas schlimm.

Erdmann. Ich mache nichts anders, als es ist. Und dann ein Donnerwetter; haben Sie je in der Stadt ein schönes Donnerwetter gesehen? Und doch ist in unsers Herrn Gottes Natur nichts Größeres und Prächtigeres als ein Gewitter. Ein Mensch, der bei dem Anschauen und Anhören eines Gewitters nicht ein ehrfurchtvolles Vergnügen, eine ängstliche, heilige Freude hat, der muß ein sehr verkehrtes Herz haben oder krank sein. Uns dann betrachten Sie unsere Ernten, von Heu und Korn und Gerste! Bei uns ist das schöne Wetter schöner als bei Ihnen, und bei Ihnen ist das schlimme Wetter schlimmer als bei uns. Da man doch einmal ohne Gottes Natur nicht leben kann, so kommen die Stadtleute zu uns heraus und nehmen in der Eile so viel davon mit als möglich, und aus löblichem Geiz malen und conterfeien sie oder lassen malen und conterfeien das Beste, was ihnen vorzüglich gefällt. Aber ihre gemalte Morgenröthe ist dann gegen die Morgenröthe dort auf den Bergen auch gerade wie ein Irrwisch gegen die aufgehende Sonne, und der Baum auf der Tafel gegen den Baum im Walde oder im Garten wie der erste März gegen den sechzehnten Mai.

Fröhlich. Ihr laßt der Stadt sehr wenig Vorzüge, mein Lieber.

Erdmann. Ei, die Städte sind wol ganz gut für Leute, die daran Geschmack haben und nicht wissen, was sie mit Zeit und Geld machen sollen. Aber das Land ist besser für Jedermann. Das kann man schon daraus beweisen: unser Herr Gott hat das Land gemacht mit Wäldern und Feldern und Saat und Kräutern, damit die Menschen glücklich leben sollen; und die Menschen haben die Städte gebauet, um ihre Macht und ihren Reichthum zusammenzubringen. Nun werden Sie doch nicht sagen wollen, das das, was die Menschen machen, besser sei als das, was unser Herr Gott gemacht hat?

Fröhlich. Der Beweis ist gut genug.

Erdmann. Und der Pfarrer, der ein gelehrter, kluger und guter Mann ist, sagt, alles Böse sei in den Städten ausgeheckt worden, und weiß davon sehr viel zu erzählen. Doch das mag wol daher kommen, weil dort so viele und so viel massige Menschen beisammen sind, die vor Angst alle nicht wissen, was sie anfangen sollen. Ich will damit nur so viel sagen, Herr Fröhlich, daß das Landleben für Gesundheit, Wohlbefinden, Vergnügen und Zufriedenheit dem Leben in der Stadt weit vorzuziehen sei.

Fröhlich. Aber der Winter, Erdmann, der Winter!

Erdmann. Der Winter ist herrlich, wenn es ein guter Winter ist; und der schlimme ist eben nicht schlimmer bei uns als bei Ihnen dort zwischen den großen Mauern. Wer nichts zu thun hat oder nichts thun will, dem wird die Zeit lang, der hat jämmerliche Langeweile; aber der Arbeiter weiß davon nichts. Da wird gedroschen, geworfelt, gefegt, aufgehoben, gezimmert am Geräthe, da wird Schnee geschaufelt, da werden Bäume geputzt, wenn es Zeit ist; auf der Tenne singt man, vor dem Thor ist man lustig. Den Abend spinnen, nähen oder stricken die Weiber, und wir schnitzen Rechen oder Tennegabeln, erzählen vom Krieg und Frieden oder lesen in dem großen Historienbuche vom Prinzen Eugen und vom General Tilly, oder wir braten Kartoffeln, lesen Erbsen und spielen mit den Kindern. Glauben Sie, Herr, wer nicht zuweilen mit den Kindern spielen kann, der ist noch nicht wieder geworden wie die Kinder; der wird also schwerlich ins Himmelreich kommen, wie in der Bibel steht. Sie sollten meine Jungen sehen, wie sie mir vor dem Thor entgegenschießen, wenn ich des Abends von der Arbeit zurückkomme!

Herr, da blitzt Freude vom Gesicht!
Wenn sie mir froh entgegenschwärmen
Und laut und hoch vor Jubel lärmen,
Da tauscht' ich mit dem Fürsten nicht.

Fröhlich. Guter, glücklicher Mann!

Erdmann. Das bin ich, Herr; Beides bin ich, und ich wünsche das allen Menschen. Ich hoffe, meine Kinder sollen das einst auch sein, und ich werde es dann als ein alter Graukopf noch mehr sein, wenn ich es sehe und mich darüber freue.

Fröhlich. Ich muß Euch öfter besuchen, wenn Ihr müssige Stunden habt.

Erdmann. Das thun Sie! Des Tages sind bei uns nun wol der müssigen Stunden sehr wenig. Aber kommen Sie des Abends, so lange Sie hier sind, so oft Sie wollen! Sie werden uns nicht stören und uns Allen willkommen sein. Da können Sie mit Kartoffeln braten und in dem großen Historienbuche lesen. Vor allen Dingen aber gehen Sie nur recht oft in den Feldern herum, das stärkt Leib und Seele; wenn Sie auch dann und wann etwas naß werden, das thut doch wohl, wenn man sich nur in Acht nimmt und in Bewegung bleibt. Ich versichere Sie, das thut recht wohl.

Fröhlich. Ich werde Euerm Rathe folgen. Ich habe auch schon selbst Lust dazu, weil ich spüre, daß nichts besser ist.

Erdmann. Das thun Sie! Gott segne mir das Land! Und da doch nun auch Städte sein müssen, so soll es auch den Städten wohl gehen! Aber glauben Sie mir, wo das Land nicht gedeihet, da gehen auch die Städte bald zu Grunde. Im ersten Druck des Pflicht- und Sittenbuchs folgten hiernach drei bis dahin nicht veröffentlichte Gedichte Seume's: »Morgenlied«, »Abendlied«, »Beim Gewitter«, welche in unserer Ausgabe ihre Stelle unter den gesammelten Gedichten (Th. 5 der Werke, S. 238, 239, 190) erhalten haben. - A. d. H.

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