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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Religion

Die Religion ist die beste Führerin durch das Leben, die beste Leiterin in frohen Tagen, die beste Trösterin im Unglück. Unter der Religion verstehen wir diejenige Beschaffenheit des Verstandes und des Herzens, wo wir nach den wahren Gründen beständig geneigt sind, alle unsre Pflichten mit Vergnügen zu erfüllen. Diese wahren Gründe liegen in dem Glauben und dem beständigen Andenken an Gott, unsern Schöpfer und Vater, an seine unendliche Weisheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit, seine unumschränkte Güte, seine ewige Ordnung durch die ganze Natur, seine väterlichen Absichten zu unserer Glückseligkeit. Der Grund aller Religion ist also allein feste, unerschütterliche Ueberzeugung von dem Dasein Gottes, von seiner Vorsehung, von dem hohen, Alles überwiegenden Werth der Tugend, von der Unsterblichkeit unsers Wesens und der Vergeltung nach dem Tode für unser Leben hier auf der Erde. Der Böse kann nichts Gutes erwarten, und den Guten wird das Böse nicht immer quälen. Alles hat seine gemessene Folge. Gott belohnt den Frommen und Rechtschaffenen; aber der Böse bestraft sich selbst, weil er das Glück der Tugend von sich wirft. Wenn es hier dem Verächter alles Guten zuweilen durch das ganze Leben sehr wohl geht und der Verehrer und Befolger der wahren Tugend beständig unglücklich zu sein scheint, so ist dieses ein starker Beweis mehr, daß dort nach diesem Leben erst eine ganz richtige Austheilung sein wird. Es ist nothwendig, daß der Boshafte, der Unterdrücker, der Grausame, der Ungerechte, der Verführer und Spötter der Unschuld und Tugend einst den Lohn seiner Thaten habe, denn Gott ist heilig und gerecht; es ist nothwendig, daß der Fromme, der Dulder, der Sanftmüthige, der Verkannte, der Unterdrückte, den hier die Bosheit peinigte, der Edle, der Christ im wahren Sinne, einst den sichern Genuß seiner Tugenden habe; denn Gott ist heilig und gerecht. Himmel nennen wir den seligen Zustand unserer Vollendung, wo wir mit höhern Kenntnissen geschmückt, mit größeren Kräften ausgerüstet, zu festerer Tugend bewährt, in Verbindung mit uns ähnlichen Frommen von Gott mehr schauen, ihn mehr preisen und glücklicher sein werden, als wir uns hier denken können. Es hat es kein Auge gesehen, kein Ohr gehöret, und es ist in keines Menschen Herz gekommen, was Gott bereitet hat Denen, die ihn lieben. Hölle nennen wir den Zustand der Qual, wo die Bösen in böser Gesellschaft zu ihrer desto größeren Marter die Folgen ihrer Thorheit und Verkehrtheit empfinden werden. Ihre Erkenntniß wird nur das Schreckliche ihrer Verdammniß vermehren, und ihre steigenden Kräfte werden nur zur Last ihrer unaussprechlichen Leiden beitragen, die sie sich hier durch Verachtung aller Warnungen der Vernunft und der göttlichen Lehre zugezogen haben. Wenn hier schon mancher Bösewicht nach dem Verbrechen mit Angst und Verzweiflung fürchterlich ringt, welche Qual muß dort einen Verdammten fassen, der ein ganzes Leben ruchlos verschwendet hat und keine Hoffnung einer Rettung siehet!

Gott hat uns nur zu Menschen geschaffen. Wir sind oft noch schwach von Natur und manchen Gebrechen unterworfen. Auch der Beste, der Aufmerksamste, der Frömmste ist nicht frei von Irrthümern; wir fehlen Alle mannichfaltig. Gott wird uns unsere Fehler verzeihen; denn er ist gütig, er ist unser Vater; aber er wird unsere Verbrechen strafen; denn er ist heilig, er ist unser Richter. »Seid heilig, wie Euer Vater im Himmel heilig ist!« sagte Christus, der göttliche Lehrer der Religion. Aber nur Gott ist vollkommen heilig, wir können nur aus unendlicher Ferne uns eifrig bemühen, als sein Ebenbild ihm ähnlich zu werden. Gleich wird ihm kein Mensch und kein Engel; denn er allein ist unendlich.

Wir wollen nicht Diejenigen verachten oder gar hassen, welche vielleicht über manche Punkte der Religion andere Begriffe haben oder von einer andern Kirche sind als wir. Sie sind Alle unsere Brüder und haben mit uns einen Vater und mit uns eine Hoffnung; denn wir sind Alle Kinder eines Stammes. Gott allein siehet ihr Herz, beurtheilet ihren Verstand und wird mit ihnen handeln nach seiner Güte. Wer den Herrn fürchtet und recht thut aus allerlei Volk, der ist ihm angenehm. Wer irret, verdient Mitleiden, und wo es möglich ist, Belehrung. Verachtung ist das Zeichen eines hoffärtigen, stolzen Herzens; und den Haß kann nur eine boshafte Seele in sich nähren. »Liebet Gott über Alles und liebet Euern Nächsten wie Euch selbst!« sagt der göttliche Stifter unserer heiligen Religion; in diesen beiden Geboten liegt das ganze Gesetz. Dieses Gesetz ist ja jetzt gewiß die Grundlage aller Religionsparteien um uns her; denn es ist das Gesetz Gottes, das er selbst jedem Vernünftigen und auch den Heiden ins Herz geschrieben hat. Wir wollen also Alle lieben wie unsere Brüder. Nur der Atheist oder der offenbare Gottesleugner kann keine Religion haben; denn ohne Gott ist keine Religion; aber wir wollen auch ihn lieben und ihn bedauern; er ist unser unglücklicher verirrter Bruder. Gott, den er nicht kennet, mag sich seiner erbarmen.

Mach unser Herz zu Deinem Thron
Und laß uns nichts den sel'gen Glauben,
Womit Du uns beglückest, rauben,
O göttliche Religion!

Du zeigest uns den ebnen Pfad,
Erhöhest dieser Erde Freuden,
Verminderst dieser Erde Leiden
Und reichst uns immer Trost und Rath.

Du giebst, wenn nach dem Pilgerlauf
Wir müde werden, Ruh' den Müden
Und trägst dann wiederum in Frieden
Den Geist zu seinem Schöpfer auf.

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