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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 37
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Schmeichelei

Verstellung und Schmeichelei sind so nahe mit einander verwandt, entspringen so oft eine aus der andern, daß man selten eine ohne die andere antrifft. Schmeichelei ist fast nie ohne Verstellungskunst, weil es in ihrem Wesen liegt, daß sie niemals ganz die Wahrheit sagen kann. Schmeichelei ist, wenn man Jemandem erdichtete oder übertriebene Vorzüge beilegt, ihn geflissentlich angenehm davon unterhält, in der Absicht, daraus seinen Vortheil zu ziehen. Die Schmeichelei sei grob oder fein, der ehrliche Mann ist niemals ihr Freund. Wenn wir dem Reichen ganz deutlich schmeicheln wegen seiner Geldkasten, dem Vornehmen mit seiner Geburt, dem Gelehrten mit seiner Gelehrsamkeit, so ist die Schmeichelei ziemlich grob, und es gehört ein dicker Eigendünkel dazu, an dergleichen Schmeicheleien Gefallen zu haben. Aber man schmeichelt auch wol mit vieler Feinheit allen Diesen wegen ihres Verstandes, ihrer Güte, ihrer Großmuth, um sich von ihnen zu nähren. Diejenigen, welche sich durch Schmeichelei blenden und betrügen lassen, sind schwache, eitle Leute, und Diejenigen, welche sich der Schmeichelei bedienen, um ihre eigennützigen Absichten zu erreichen, sind Kriecher oder listige Spitzköpfe. Solche Menschen suchen die schwache Seite Anderer ausfindig zu machen, ihre Leidenschaften und herrschenden Neigungen auszuspüren, um sodann ihre Maßregeln darnach zu nehmen. Man sollte glauben, daß die Schmeichelei immer nur in Städten und in der großen Welt zu Hause wäre; aber das Dorf hat ebensowol seine Geschöpfe dieser Art wie die Hauptstadt. Sie sehen auf dem Lande nur etwas anders aus, sind aber des nämlichen Wesens. Jeder ehrliebende Mensch schämt sich, nur den Schein eines Schmeichlers zu haben und von der blinden Thorheit Anderer Vortheil zu ziehen. Schon die Ausdrücke, welche wir gewöhnlich von solchen Menschen brauchen, zeigen die Verachtung an, welche wir gegen sie fühlen. »Er ist ein Kriecher, ein Achselträger, ein Schmarotzer, ein Speichellecker,« heißt es von solchen Menschen, die auf diese Weise leben. Kann etwas verächtlicher sein als diese Namen, die sie mit Recht bekommen? Niemand wird sie um den Gewinn beneiden, den sie auf eine so niedrige Art erhaschen, oder wer sie darum beneidet, der zeigt schon selbst eine so niedrige Seele und ist in Gefahr, bald ihr Geselle zu werden. »Er hat sich sein Gut erheuchelt und erschmeichelt,« sagt man wol von einem Menschen, der als ein solcher Kriecher zu dem Seinigen gekommen ist, und wir geben dadurch zu erkennen, daß ein solches Erwerbungsmittel durchaus die Verachtung eines Rechtschaffenen verdient. Der Schmeichler findet Alles schön und gut an dem Manne, dem er schmeicheln will, und von dem er Vortheil hofft. Jede Tugend, welche derselbe besitzt, wird von ihm hervorgezogen und ungewöhnlich erhoben und gelobt, jeder Fehler und sogar jedes Laster, das er an sich hat, geschickt in eine gute Eigenschaft verwandelt. Bei dem Schmeichler heißt der Eitle ehrliebend, der Stolze ansehnlich und ernsthaft und stattlich, der Schwelger und Wüstling fröhlich und heiter, der Geizige wirthlich und sparsam, der Harte und Grausame gerecht. Alles bekommt in dem Munde des Schmeichlers eine schöne Seite, die er künstlich aufzufinden und vorzustellen weiß. Der Schmeichler ist immer der Meinung seines Gönners, oder er widerspricht ihm nur, um ihm sodann durch seinen Beifall desto mehr Ehre zu verschaffen. Mit listiger Geschmeidigkeit weiß er überall sich nothwendig zu machen, erträgt die unwürdigste Begegnung mit Geduld, nur um seine Absichten zu erreichen. Freilich kann ein solches Geschöpf bei uns auf dem Lande durch seine Niederträchtigkeit nicht so viel erwerben als in den Häusern der Großen und Reichen; aber die Beispiele sind doch auch bei uns so selten nicht, daß ein Mann sein Vermögen aus Schwachheit und übertriebener Gutmüthigkeit an abgefeimte Schmarotzer verschwendet.

Mit der Schmeichelei muß aber nicht verwechselt werden die löbliche Eigenschaft der freundlichen Dienstfertigkeit. Gefälligkeit und gutwillige Beflissenheit, Andern angenehm zu werden, ihnen zu dienen, uns ihre gute Meinung und Zuneigung zu erwerben auf eine Weise, die nicht mit Pflicht, Anstand und Ehrbarkeit streitet, Bereitwilligkeit und Beförderung ihrer unschuldigen, billigen Wünsche: das Alles sind Dinge, die dem rechtschaffenen Mann ziemen und ihm sogar obliegen, wenn er sie leisten kann, ohne der Wahrheit zu schaden, ohne seine Offenherzigkeit und Aufrichtigkeit zu beleidigen, und ohne seine übrigen wichtigern Pflichten zu versäumen. Mancher wird also als ein Schmeichler angeklagt, der vielleicht blos höflich und gefällig ist, und wird von Andern beneidet, welche nicht selbst diese Gabe besitzen oder nicht die Gelegenheit haben, sich die nämlichen Vortheile zu erwerben. Der Gefällige, der Dienstfertige, der Freundliche ist Alles, was er ist, aus Pflicht und reiner Neigung, ohne absichtliche Erwartung irgend eines Vortheils; und er sucht nie deswegen an Jemand das Gute zu vergrößern oder das Schlimme gut zu heißen. Dem Schmeichler ist es gleich, auf welche Weise er seine Absicht erreicht, und seine Absicht ist nicht löblich. Ihm ist es nicht um Wahrheit zu thun und als ehrlicher Mann zu handeln, sondern nur, um auf alle Fälle angenehm zu werden und zu bleiben und dadurch bei jeder Gelegenheit seinen Eigennutz zu befördern.

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