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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 36
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Verstellung

Die folgenden übeln Eigenschaften, nämlich Verstellung, Schmeichelei, Stolz und Grobheit, sind zwar unmittelbar von keiner so schrecklichen Wirkung als die bisher erwähnten Laster, sind aber doch immer die Zeichen kleiner und furchtsamer Seelen oder anmaßlicher und übermüthiger Menschen und auf alle Weise sowol Folge als Ursache mancher Vergehungen. Der Mensch, welcher sich nicht zeigen darf, wie er ist, ist schwerlich, wie er sein soll, ist schwerlich gut; die Tugend und Wahrheit und Rechtschaffenheit brauchen nie das Licht zu scheuen. Verstellung zeigt immer entweder Bosheit oder wenigstens Schwachheit und übertriebene Aengstlichkeit an. Was man durch Verstellung gewinnt, gewinnt man nie auf eine ehrenvolle Weise und fast immer mit Unrecht. Jede Verstellung ist Ansang zum Betrug, und es wird dem Versteckten und dem Heuchler nicht schwer, bald grober Betrüger zu werden. Beispiele, daß es geschehen ist, sind nicht selten. Wenn auch die Klugheit zuweilen erfordert, nicht unsere ganze Gesinnung sehen zu lassen, so ist es doch auf keine Weise ehrlich und gut, das Gegentheil von unsern wahren Gesinnungen zu zeigen. Nur dann will die Klugheit, daß wir in der Aeußerung unserer eigentlichen Meinung vorsichtig sein sollen, wenn wir gewiß wissen oder höchst wahrscheinlich vermuthen können, daß Andere sie zu unserm oder Anderer Nachtheil gewissenlos mißbrauchen werden. Sonst ist Offenheit, Unbefangenheit und Wahrhaftigkeit überall das Zeichen eines guten, redlichen Gemüths. »Es ist nichts Falsches in ihm,« sagt man dann zum Ruhme eines solchen Menschen, und: »Er ist ein versteckter, heimtückischer Mensch,« spricht man von einem Manne, der niemals seine wahre Meinung herausgiebt. Meistentheils geschieht es deswegen, weil man Ursache hat, sich zu fürchten. Mancher Mann will sich nicht in sein Haus sehen lassen, weil nur Unordnung oder noch etwas Schlimmeres darin herrscht. So will der Verstellte sich nicht ins Herz sehen lassen, weil man nichts Gutes darin entdecken würde. Es ist immer ein großes Lob, wenn man von Jemand sagt: »Er kann sich gar nicht verstellen,« auch wenn er eine kurze Verstellung zu einer löblichen Absicht brauchen wollte. Man will Jemand mit einer Freude überraschen, kann sich aber kaum halten, ihm die Freude sogleich mitzutheilen. Derjenige freut sich unstreitig am Lebhaftesten mit, der seine Empfindungen am Ersten verräth. Manchen Menschen ist es zur Gewohnheit geworden, immer etwas Anders zu scheinen, als sie sind; und eben deswegen weiß man endlich nicht, was sie wirklich sind. Nur so viel kann man aus Allem zusammen abnehmen, daß sie nicht ganz gut sein können. Denn wer immer nöthig hat, etwas Anders vorzugeben, als wirklich ist, der muß mit sich selbst zufrieden zu sein gar nicht Ursache haben. Wenn aber Jemand durch seine Verstecktheit Andere in Unglück bringen oder nur von ihrer Gutmüthigkeit auf eine künstliche Weise Vortheil ziehen will, so ist ein solcher Mensch nicht besser als ein seiner Betrüger. Wer eine Larve wägt, muß sich seines Gesichts schämen oder damit nicht sicher sein. Der Mann von Tugend und Rechtschaffenheit zeigt sich getrost, wie er ist.

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