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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 31
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Spielsucht

Das Spiel ist das Verderben manches Mannes und durch ihn mancher Familie, die auf ihn zu den schönsten Hoffnungen berechtiget war. Spiel an und für sich selbst ist zwar etwas Gleichgiltiges; und wenn es den Geist erheitert und den Körper stärket, kann es sogar seinen Nutzen haben. Aber das gilt schwerlich von unsern gewöhnlichen Spielen, am Allerwenigsten von dem Kartenspiel. Wenn es Leidenschaft wird, wie es oft der Fall und immer große Gefahr dazu ist, so ist es die verderblichste aller Leidenschaften. Uebungsspiele für Körper und Seele ausgenommen, ist für alle übrigen gar kein vernünftiger Grund vorhanden. Wer verlieren wollte, wäre ein Thor. Wer gewinnen will, handelt nicht ganz ehrlich und rechtschaffen, wenigstens nicht edelmüthig, sein Gegner mag sein Freund oder Feind. Wer zum Zeitvertreibe spielen will, zeigt, daß er sehr viel Zeit übrig hat, die er sich vertreiben zu müssen glaubt. Unsere Lebenszeit ist aber so kurz und so eilend, wir haben während derselben so viele große und wichtige Dinge zu thun: und wir könnten uns diese Zeit noch vertreiben wollen? Uebungsspiele sind gut und zweckmäßig und nützlich für Knaben und Jünglinge; sie erheitern die Seele und bilden den Körper. Der Mann darf daran immer noch Antheil nehmen, wenn es ihm noch Vergnügen macht und er der Jugend durch seine Gegenwart und durch seinen Ernst nützen kann. Aber dem Manne ziemt kein Spiel als das Spiel, welches Erholung gewährt. Bei welchem unserer Spiele kann wol wahre Erholung der Zweck sein? Und wenn sie es anfangs wirklich ist, so ist doch große Gefahr, daß bald Nebenabsichten eintreten und endlich zur Hauptsache werden. Keine Gewohnheit setzt sich leichter fest und ist sodann hartnäckiger als die Gewohnheit des Spiels. Jetzt spielt man zur Erholung, dann aus Gewohnheit, dann aus Neigung, dann aus Bedürfniß; es kommt Leidenschaft und Gewinnsucht hinzu, und am Ende wird der Mensch das traurigste Opfer eines Lasters, das anfangs blos Leichtsinn und Unbesonnenheit gewesen war. Wenn die Reichen Thoren genug sind, ihr Vermögen und ihre Zeit, weil sie von beiden zu viel haben, so unbegreiflich zu verschwenden, so werden sie oft auch bitter genug dafür bestraft. Wenn aber wir Landleute, die wir in unserer Lage jeden Groschen haushälterisch zu Rathe zu nehmen Ursache haben, so sinnlos handeln, so wird das, was sonst nur ein Fehler gewesen wäre, ein Verbrechen. Giebt es nicht zuweilen auch auf dem Lande Väter, die in dem Wirthshause ganze Tage an die Karte geheftet sitzen, ihre Geschäfte und Arbeiten und alle ihre Pflichten und ihre ganze Familie darüber vergessen und gewissenlos Zeit und Geld verschleudern? Das Weib eines solchen Mannes sitzt vielleicht trostlos zu Hause und weint, die Kinder fragen die Mutter, warum sie weinet, und ihre Gutmüthigkeit kann den Vater in der Traurigkeit ihres Schmerzes doch nicht bei seinen Kindern verklagen, um das Uebel nicht noch unheilbarer zu machen. Unverantwortlich ist es, diejenigen Mittel, womit er sich und seine Familie erhalten sollte und vielleicht Andern noch wohlthun könnte, nichtswürdig im Spiele wegzuwerfen; aber grausam und unmenschlich ist es, durch dieses schreckliche Laster diejenigen Personen, denen er Nahrung und Unterhalt schuldig ist, in Mangel und Armuth und Elend zu stürzen. Und wie oft ist dieses nicht der Fall! Schulden sollen bezahlt, das Haus soll versorgt werden, und der Hausvater wirft seinen Verdienst oder gar nach und nach sein väterliches Vermögen auf einen Kartenteller. Angst und Elend folgt dem Verluste. Und gesetzt, er gewinnt, so bringt er vielleicht Andere in die nämliche Lage, in welche er selbst hätte gerathen können. Ein Anderer klagt dann vielleicht mit Bitterkeit über ihn, wie er bei dem Verluste über den Andern würde geklagt haben. »Er ist ein Spieler«, ist schon eines der schlimmsten Zeugnisse, das man einem Manne geben kann, der eine Familie zu versorgen hat und Ordnung und Genauigkeit in seinen Geschäften haben soll. Wie Mancher fing mit dem Spiele an, schritt dann aus Noth zu Untreue und Betrug, ward Dieb und Verräther des anvertrauten Gutes, verlor Ehre und jede Aussicht auf Glück des Lebens und zog seine ganze unschuldige Familie mit sich in seine Schande und in sein Verderben. Unglaublich wäre es, wenn wir nicht manche Beispiele hätten, daß Menschen so ganz sinnlos und ohne alle vernünftige Ueberlegung handeln können, ihre Zeit und ihr Geld zu verwüsten, während ihre Kinder halb nackt gehen und kaum Brod zu essen haben. Mit welchem Gefühl muß ein solcher Mann nach einem verschwendeten Abend und nach erlittenem, schwerem Verluste, müde und mürrisch, halb bewußtlos in sein Haus zurückgehen! und mit welcher Empfindung Diejenigen ansehen, deren Stütze und Ernährer er sein sollte, und denen er nun Unglücksstifter und Verderber ist! Wie Mancher scheint heute den völligen, ernstlichen Vorsatz gefaßt zu haben, nie wieder zu spielen, und morgen vergißt er über eine Kartenfigur jede vernünftige Ueberlegung und eilt dem neuen Unglück zu, das ihn endlich an den Rand des Verderbens führt. Möchte ein Jeder von uns dieses unselige Laster in seinem Keim ersticken, damit es nicht emporwachse, wo es dann nur mit großem Kampfe ausgerottet werden kann!

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