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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 25
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Bereitwilligkeit, für unser Vaterland zu streiten

Wenn in der Gemeine alle Mitglieder gut und gerecht wären, so hätten wir keinen Zank und keine Processe; wenn in der großen Welt alle Völker und Könige gut und gerecht wären, so hätten wir keine Kriege. Kriege sind die blutigen Processe der Völker, da sie auf der Welt keinen Richter über sich haben. Gott wird zwar einst richten, aber hier giebt er sein Urtheil nur durch unsere Vernunft. Wo man nun Vernunft nicht hört, da ist keine Hoffnung zur gütlichen Gerechtigkeit und Ausgleichung. Man klagt oft mit vieler Bitterkeit über die Kriegssucht der Könige und hat nicht Unrecht. Die Geschichte stellt viele Fürsten auf, die mit dem Blute ihrer Unterthanen umgingen, als wäre es Regenwasser, und mit ihrem Brode, als wären es Kieselsteine. Diese nennt die Geschichte der Wahrheit Unmenschen und Tyrannen, wenn sie auch die Schmeichelei Große, Eroberer und Helden nannte. Aber auch die Nationen, welche keine Könige hatten, die sogenannten Freistaaten der alten und neuen Geschichte, machten es nicht allein nicht besser, sondern oft noch viel schlimmer. Die Händel sind da häufiger, weil die Köpfe unruhiger sind. Die Art des Krieges ist gewöhnlich viel grausamer, weil die Gemüther erbitterter sind, und es ist in diesen Freistaaten oft viel weniger Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit, sondern nur desto mehr Unruhe und Ausgelassenheit. Kriege werden wol nicht aufhören, so lange die Menschen Menschen sind. Wenn sie nur nicht mehr so häufig, nicht mehr so oft wegen Kleinigkeiten entstehen, die der Wohlfahrt der Länder ganz gleichgiltig sind; wenn sie nur nicht mehr so verheerend und unmenschlich geführt werden, so ist zum Wohl der Menschheit schon viel gewonnen. Jeder Staat muß sich also auf alle Fälle in Vertheidigung setzen; denn die Ungerechtigkeit ist leider in der Welt so groß, daß Einer auf die Freundschaftsversicherungen des Andern nicht sehr trauen darf. Dies war so von Nimrod's Zeiten an und wird wol schwerlich ganz gebessert werden. Etwas Anderes ist nicht immer etwas Besseres. Das Vaterland braucht Vertheidiger; wer soll es vertheidigen als die Kinder des Vaterlandes, als Bürger und Einwohner? So wie Jedermann Sicherheit und Ruhe wünscht und verlangt, so ist er verbunden, erforderlichen Falls für diese Sicherheit und Ruhe auch selbst mit beizutragen, zu arbeiten, zu streiten, sein Leben zu wagen, sein Leben für das Leben des Ganzen und für alle seine Brüder nicht zu achten. Denn Alle haben die nämliche Pflicht für ihn, und er hat sie für Alle. Nicht Besitzung und Güter und Reichthümer machen von dieser Pflicht los, sondern verbinden desto mehr und fester dazu. Je mehr Einer in dem Vaterlande und von dem Vaterlande genießt, desto mehr ist er ihm schuldig. Je mehr Einer in dem Vaterlande hat, was ihm werth ist, desto mehr ist ihm das Vaterland selbst werth. Wer also blos mit Geld die Pflicht, das Vaterland zu vertheidigen, abzukaufen sucht, handelt auf keine Weise gut gegen das Vaterland. Die Obrigkeiten, welche auf diese Weise Handel zu treiben sich unterstehen, handeln noch schlechter. Die Bürger und Kinder des Vaterlandes sollen die Waffen tragen zu seiner Verteidigung; es ist ein sehr ehrenvoller Beruf, für das Vaterland jede Gefahr zu wagen. Man soll das Heil des Landes nicht in die Hände von gänzlichen Miethlingen geben, denen Glück oder Unglück des Landes gleichgiltig ist, die bei dem ersten nichts gewinnen und bei dem zweiten nichts verlieren. Jeder muß etwas haben, wofür er streitet; es muß auch seine eigene Sache sein, für die er mit Leib und Leben schlägt. Dann hat er erst wirklich Muth und Entschlossenheit und Ehrgefühl. Er weiß, seine Eltern, seine Brüder, seine Schwestern, seine Freunde und Anverwandten werden sein Verhalten erfahren und sich über seine Bravheit und gute Aufführung freuen. Er weiß, seine Schande würde sie mit Herzeleid kränken. Der Arme, der nichts besitzt, findet überall wieder ein Vaterland, in welchem er ebenso viel hat als in dem jetzigen. Aber der Mann, welcher weiß, er ist seines Vaters Erbe zu einem guten Hofe, zu fruchtbaren Aeckern und Wiesen und Gärten, wie sollte der nicht mit ganzer Seele die Sache des Vaterlandes verfechten? Die öffentliche Sache ist auch seine eigene. Je glücklicher also Einer in dem Vaterlande ist, desto heiliger ist die Pflicht, das Vaterland beschützen zu helfen und die Wohlthaten zu erwiedern, die er von dem Vaterlande genießt.

Auch ist es jederzeit bei allen Völkern, die einige Bildung hatten, ein großes, ja das größte Lob gewesen, wenn Jemand mit Muth und Unerschrockenheit für sein Vaterland kämpfte, wenn er unverdrossen alle Mühseligkeiten in dem Dienst desselben erduldete, keine Gefahren und keine Aufopferungen scheute und seinen Mitbrüdern in der ehrenvollen Stunde des Kampfes ein ruhmwürdiges Beispiel gab. Eine Wunde daselbst erhalten, ist überall ein Ehrenzeichen; und der Tod im Streit für Vaterland und Freiheit wird immer vorzugsweise der Tod der Ehre genannt. Wir wollen den Himmel bitten, daß unser Vaterland nie in so große Gefahr kommen möge. Aber wenn der Fall einträte, so wollen wir Alle als Männer, als brave Männer, als gute Söhne des Vaterlandes standhaft und muthig unsere Pflicht erfüllen. Nicht Wildheit und Rohheit, sondern Unerschrockenheit und Ordnung und Muth sollen unsere Krieger auszeichnen, und Jeder müsse für sich dazu beitragen, diese Ehre zu behaupten. Wir selbst sind Landleute und wissen, wie wohl eine gute Begegnung thut: es müsse also nie eine gegründete Klage über unser Betragen, sei es wo es wolle, erhoben werden. Menschlichkeit geziemt dem Krieger vorzüglich, mehr als irgend einem andern Stande, da in dem Stande des Kriegers Menschlichkeit so werth und so theuer ist. Nur der Mann, der gegen uns Waffen trägt, ist thätig unser Feind, und nur so lange er Waffen trägt. Gegen alle Uebrigen sollen wir freundschaftlich sein und die Plagen des Krieges, so viel wir können, erleichtern. Selbst unser Feind hat Anspruch, hat ein gegründetes Recht auf Schonung und Milde, sobald er nicht mehr die Waffen gegen uns hebt. Es ist eine Schande, einen Gefangenen zu mißhandeln, fast mehr, als es Schande ist, dem bewehrten, eindringenden Feinde den Rücken zu kehren, wenn man noch widerstehen kann. Ein alter Krieger verdient stets unsere Achtung, und desto mehr Achtung, je weniger er oft Belohnung findet. Es ist etwas sehr Wehmüthiges, wenn ein alter Mann in dem Lande, für welches er seine Kräfte aufgeopfert, für welches er seinen Körper mit Narben bezeichnet trägt, in seinen schwachen Jahren kümmerlich sein Brod suchen muß. Wenn der Staat nicht alle seine entkräfteten Kriegsleute ernähren kann, so wollen wir, deren Pflichten sie vielleicht mit erfüllt haben, ihnen ihr Loos doch zu erleichtern suchen. Wer nicht sein Vaterland vertheidigen wollte, verdiente nicht, ein Vaterland zu haben; und billig wird Denjenigen vorzüglich Achtung bewiesen, welche für dasselbe und für die Sicherheit aller ihrer Mitbürger schon mit Muth ihr Leben gewagt haben.

Gott, unser Schutz, gieb Frieden unsern Zeiten
        Und Glück und Heil zu jedem Stand;
        Doch ruft die Pflicht, so laß uns muthig streiten
        Für unser gutes Vaterland,
        Und selbst im Kampf sei mit uns jederzeit
        Gerechtigkeit und Menschlichkeit!

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