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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 24
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Friedfertigkeit

Friede und Eintracht überall ist eine der ersten Grundlagen zur wahren dauerhaften Glückseligkeit, Friede im Staate und in der Gemeine, in dem Hause und in der Seele; wer diesen Frieden muthwillig stört, ist durchaus kein guter Mensch. Hier ist die Rede mehr von der ruhigen, gefälligen, sanftmüthigen Stimmung im Umgange mit Menschen, von der friedlichen Geselligkeit des Lebens, welche durchaus so angenehm und willkommen ist, und deren Mangel sogleich alle Freude verscheuchen kann. »Selig sind die Friedfertigen!« sagt selbst der große Sittenlehrer Jesus in einer seiner wichtigsten Reden. »Wer Frieden bringt, soll Frieden haben.« »Friede ernährt, Unfriede zerstört, im Hause wie im Reiche.« »Er ist ein recht friedlicher Mann; man hat nie gehört, daß er mit irgend Jemand eine Zänkerei gehabt habe!« spricht man zum Lobe eines Mannes, mit dem man gern umgehet, und dessen Gesellschaft man Andern als gut und nützlich und angenehm empfehlen will. »Er sucht immer zum Besten, zum Frieden zu reden«, spricht man, wenn Jemand thätig menschenfreundlichen Antheil an den Geschäften seiner Mitbürger nimmt und alle Zwistigkeiten, aus denen Feindschaft und Unglück entstehen könnte, mit Klugheit beizulegen sucht. Jedermann schätzt und ehrt und liebt einen solchen friedlichen Vermittler, der überall durch seine Mäßigung, seinen Ernst und seine vernünftigen Vorstellungen alle Feindschaften unvermerklich auszusöhnen weiß, Haß und Groll aus dem Herzen auswurzelt, Verträglichkeit und Liebe einpflanzt und als ein wahrer, unermüdeter Wohlthäter im Stillen Gutes stiftet. Mit Segenswünschen erinnern sich seiner noch lange nachher Diejenigen, denen er ein Friedensstifter war, und sagen bei der Erwähnung des Vorfalls: »Wenn Dieser nicht gewesen wäre, so hätte uns wol unsere Hartnäckigkeit und Thorheit in großes Unheil gebracht.« Der Friedliebende giebt nach, so viel er kann und darf; er ist aber darum nicht furchtsam. Eben weil er Recht hat, hat er Muth und Mäßigung. Seine Vernunft leitet ihn und nicht seine Leidenschaft. Wo er sprechen muß, wo er aus Pflicht nicht nachgeben darf, da spricht er, da handelt er immer mit fester Bestimmung, mit Ueberlegung, ohne Bitterkeit und Beleidigung. Alles, was Hader anzünden könnte, vermeidet er. Jeden Schritt, jedes Wort, jede Miene, jede Geberde hält er in Obacht, damit er Keinem, der vielleicht sehr empfindlich ist, zu nahe trete. Er selbst legt Alles zum Besten aus und benimmt sich immer so, daß Niemand das, was er thut und sagt, schlimm auslegen kann. Er übersteht Beleidigungen mit Ruhe, wenn er sie auch empfindet. Er denkt, es ist besser, vergeben können, als um Verzeihung bitten müssen. Er bittet aber auch willig um Verzeihung, wo er in der Sache selbst oder in der Art und Weise gefehlt hat. Wenn Jemand etwas Schlimmes von ihm sagt, so untersucht er, ob man vielleicht wenigstens etwas Recht hat. Ist dieses der Fall, so nimmt er sich's zur Warnung und sucht sich in diesem Punkte zu bessern. Die Feinde sagen in ihrer Bitterkeit oft heilsamere Wahrheiten als die Freunde, welche nicht gern unangenehm werden und beleidigen wollen. Ist das Gesagte nicht wahr, so ist Derjenige, der es sagte, ein Irrgeführter, ein Thor oder ein Bösewicht. Im ersten Falle verdient er Mitleid und Belehrung, im zweiten wird er durch Verachtung gestraft. Durch stille, friedliche Mäßigung wird immer mehr und eher wieder gut gemacht als durch Hitze, Lärm und Sturm. Die erste besänftiget, wenn sie mit Liebe und Güte verbunden ist, das Zweite vermehrt die Erbitterung, bläst das Feuer höher an, giebt zu neuen Fehlern Anlaß, reizt noch mehr die Galle und legt oft den Grund zu endlosen Feindschaften. Weise Nachgiebigkeit wirkt mehr als harte, unzeitige Unbiegsamkeit. Der Sturmwind zerbricht und zersplittert die Eiche, aber der Halm und das geschmeidige Rohr ist sicher vor seiner Wuth.

Diese äußere Friedfertigkeit, die ein so großes Glück ist für den Besitzer und Alle, die mit ihm umgehen, ist eine Frucht der innern Seelenruhe, der schönen Eintracht, die in seinem Herzen wohnt. So wahr ist es durchaus, daß wahrhaft gute Menschen auch immer gut und nützlich für die Gesellschaft sind. Wer Ruhe in sich selbst hat, wird von außen keinen Zank suchen; aber oft sucht man durch äußerlichen Lärm die innerliche Angst zu entfernen und zu unterdrücken.

In der heiligen Schrift wird die Einigkeit der Brüder mit unter die schönsten Dinge gezählt, und wir sind ja Alle Brüder, Brüder in der Familie, Brüder in der Gemeine, Brüder im Vaterlande, Brüder in der Religion, Alle Brüder als Menschen auf der Erde. Habt Geduld Einer mit dem Andern; ein Jeder hat seine Fehler! Wer die wenigsten hat, ist am Billigsten, weil er weiß, wie leicht es doch ist, in Fehler zu verfallen, und wie schwer es ist, alte, angewöhnte Fehler abzulegen. »Ihr vertragt gern die Narren, dieweil Ihr klug seid!« sagte der große Menschenkenner Paulus. An diesen Spruch sollte man oft denken, ihn aber nicht oft sagen. Denn man macht Thoren durch Vorwürfe nicht weise. Der Eule thun die Augen weh, wenn sie das Licht sieht; so wird der Unverständige wild und unbändig, wenn man ihm ohne Schonung seine Narrheit malt. Der Friedfertige hat also Geduld; aber er verbirgt es so viel als möglich, daß er Geduld haben muß. Er sucht zu belehren mit Theilnahme, zu bessern mit Liebe, zu erinnern mit Sanftmuth, zu ermahnen mit Schonung. Wenn es ihm gelingt, so ist er froh in dem Bewußtsein, etwas Gutes und Nützliches unternommen und ausgeführt zu haben. Gelingt es ihm nicht, so zieht er sich freilich nicht ohne Unmuth, aber doch ruhig an seinen eigenen Herd zurück, wo nach dem Segen der Schrift Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Er hat seine Schuldigkeit gethan, wenn er auch zuweilen die kränkende Erfahrung macht und mit Verdruß sieht, was der Vers sagt:

Vergebens bleicht man einen Mohren,
Vergebens straft man einen Thoren;
Sie bleiben Beide, was sie sind.

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