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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 21
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vom Gehorsam gegen die Gesetze und die Obrigkeit

Wenn Alle gut und gerecht wären, so hätten wir freilich in der Welt nur wenige Gesetze nöthig. Der Gerechte und Gute trägt sein Gesetz in seinem Herzen und übt es überall, wo er handelt. Aber so lange die Menschen Menschen sind, so lange wird Jeder seine Begierden und Leidenschaften, seine eigenen Gedanken und seine eigene Weise haben. Selbst die Guten sind dem Irrthum und manchen Schwachheiten unterworfen. Der Vortheil der Menschen scheint sich alle Augenblicke zu durchkreuzen und zuwiderstreiten. Einer will so, der Andere will so; Jeder glaubt, er habe Recht; und Niemand hat kalte Ueberlegung genug, um einzusehen, wer wirklich Recht hat. Oder wenn auch Jemand unwidersprechlich bewiese, Dieser oder Jener habe Recht, so unterwürfe sich doch Niemand ihm und seinem Ausspruche. Die Völker haben also seit undenklichen Zeiten Vorkehrungen getroffen, allen Unordnungen vorzubeugen. Sie haben sich Fürsten oder Könige oder Vorsteher oder Obrigkeiten unter irgend einem Namen gewählt. Sie nahmen dazu die Besten und Weisesten und Angesehensten, und diese werden, nachdem die Einrichtung ist, von Neuem bestimmt oder bleiben festgesetzt erblich, damit keine neuen blutigen Streitigkeiten bei der neuen Wahl entstehen, wie oft der Fall war. Diese Fürsten und Könige und Obrigkeiten, welchen Namen sie auch haben mögen, haben die heilige Pflicht übernommen, für das Wohl des Volks zu wachen, die Gesetze unverbrüchlich zu halten, für Gerechtigkeit und öffentliche Sicherheit zu sorgen und Alles zu entfernen, was dem ganzen Staate schaden oder einzelnen Gliedern an ihren Rechten und Befugnissen Eintrag thun könnte. Wenn dieses nun Pflicht der Obrigkeit ist, von dem niedrigsten Aufseher bis zum höchsten Oberhaupte, so ist es im Gegentheil Pflicht eines jeden Unterthanen, sich in diese Ordnung zu fügen, dem gesetzlichen Ansehen der obrigkeitlichen Personen Gehorsam zu leisten, die festgesetzten Beiträge zur Unterhaltung des Staats und zur Bestreitung aller seiner Bedürfnisse an Steuern und Abgaben gewissenhaft zu entrichten, alle gerechte Verordnungen der Obrigkeit aus allen Kräften zu unterstützen und nichts zu thun und zu unternehmen, was das Ansehen der Gesetze mindern, die Ruhe und Eintracht des Ganzen stören und irgend ein einzelnes Glied in seinen Rechten kränken könnte. Ein Jeder verlangt und fordert dieses mit gutem Grunde für sich selbst, also muß er mit eben diesem Grunde ebendasselbe auch Andern zugestehen. »Seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über Euch hat!« sagt der Apostel. Ehrt die Gesetze des Landes und haltet sie heilig; denn sie sichern Euch Euer Wohl. Christus selbst zahlte als ein irdischer Unterthan willig, was er als solcher schuldig war, wovon die heiligen Bücher einige Beispiele aufgezeichnet haben. Bei den alten Römern, die sich durch Größe und Muth, Ordnung und Vaterlandsliebe vor allen übrigen Nationen auszeichneten, war das Lob, ein guter Bürger zu sein und der Obrigkeit zu gehorchen, immer das größte, und unter allen Völkern, die nur einigermaßen Ordnung und Gerechtigkeit unter sich hatten, war es die erste Pflicht, die Gesetze zu ehren und der Obrigkeit gehorsam zusein. Sogar die rohen und wilden Nationen unterwerfen sich willig den Richtern, die durch ihre Weisheit, Tapferkeit und Gerechtigkeitsliebe die alten väterlichen Gewohnheiten als Gesetze bewachen.

Man sieht die Wichtigkeit dieser ersten Pflicht eines Menschen in der Gesellschaft erst dann recht lebhaft ein, wenn irgend ein großes Unglück in einem Reiche die Bande der Eintracht zerreißt, das Ansehen der Gesetze stürzt und Unordnung, Meuterei, Gewalttätigkeit und jeden Gräuel der Verwüstung mit sich bringt. Davon geben die Bücher der Geschichte aus alten und neuen Zeiten viel traurige Beispiele. Der grausamste, blutigste Krieg ist ein kleines Uebel gegen ein solches Ungeheuer von Aufruhr Aller gegen Alle. Es ist dann nicht mehr Sicherheit der Person und der Güter. Parteien wüthen gegen Parteien, eine siegt über die andere, und aus Furcht und allgemeinem Mißtrauen mordet immer eine ärger als die andere. Tod und Blutgericht ist etwas Gewöhnliches; es schützt nicht Unschuld, nicht Klugheit. Viele Jahre vergehen in Angst und Schrecken, ehe sich aus den Trümmern der alten Ordnung wieder eine leidliche neue erhebt, und Jahrhunderte werden erfordert, ehe dieses Neue wieder ganz fest stehet. Wehe den Menschen, die durch ihre Grausamkeit und Tyrannei, durch ihre Unterdrückung und Habsucht oder durch ihre Tollkühnheit und Verwegenheit eine solche Zeit des Blutvergießens über ihr Vaterland bringen! An solchen fürchterlichen Beispielen können Obrigkeiten und Unterthanen lernen, welche entsetzliche Folgen es hat, wenn beide ihre Pflichten vernachlässigen. Kein Verbrechen straft sich selbst grausamer als die Ungerechtigkeit von einer oder der andern Seite. Eine Ungerechtigkeit erzeugt immer eine andere und größere, diese eine neue noch unerhörtere, bis sich in der Angst der Verwirrung, der Erbitterung und des Hasses die Menschheit verliert und die Gerechtigkeit nicht wiederfindet.

Wie glücklich sind wir, daß bei uns Gerechtigkeit und Friede herrschen; daß wir unter der Regierung eines guten, väterlichen Fürsten alle Wohlthaten einer heilsamen Ordnung genießen, wo Jeder sein Recht mit Freiheit bis zur höchsten Person des Landesvaters vertheidigen und behaupten darf; wo man auch gegen den Irrenden gelind ist und selbst gegen Verbrecher nicht grausam! Niemand darf es wagen, uns widergesetzlich anzutasten; ein höheres Gericht schafft uns Gerechtigkeit, wenn es ein niederes wagen wollte, uns zu bedrücken. Allen Ränken und aller Eigengewalt wird gesteuert, und bei uns kann Jeder, der selbst gerecht und gut ist, ruhig an seinem Weinstocke und unter seinem Obstbaume sitzen. Die Wunden, welche viele Städte und Gemeinen aus alten Kriegen und Landplagen hatten, sind nun geheilt, und überall spürt man die Früchte und den Segen einer dreißigjährigen weise geleiteten und nur selten und kurz unterbrochenen Ruhe.

Möge unser Vaterland durch gute Gesetze, einen guten Fürsten, gute Obrigkeiten und gute Bürger und Einwohner ferner noch lange Allen allgemeine Wohlfahrt gewähren und den Fremden ein Vergnügen, ein Beispiel und Muster guter und glücklicher Menschen sein!

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