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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 20
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Güte

Der Mann, welcher nur strenge gerecht ist, ist uns zwar aus keine Weise gefährlich, aber es fehlt ihm doch noch viel zu einem vollkommenen Menschenfreund. Er schadet uns zwar auf keine Weise, aber er wird uns auch wenig thätig helfen, wenn er nichts als blos gerecht ist. Er sündiget nicht wider Gesetz und Gewissen, aber er ist doch vielleicht kalt und unempfindlich gegen alles feinere Gefühl, welches Menschen an Menschen wie Brüder an Brüder bindet. Er soll mehr sein als gerecht; er soll auch gütig sein, wo er kann, und so viel er kann. »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!« befiehlt die Religion des göttlichen Lehrers Jesu. Man kann nicht sagen, daß ein Mann seinen Nächsten liebt, der weiter nichts als gerecht ist; er haßt ihn blos nicht. Aber wer ihn wirklich liebt, der ist gütig gegen ihn und freundschaftlich und hilfreich; nimmt sich brüderlich seiner an, sucht ihm Vortheil, Erleichterung und Vergnügen zu verschaffen, wo er kann, und freut sich herzlich, wenn es Jedermann um ihn her wohlgeht und er dazu recht viel beitragen kann. Es ist ein sehr kleines Lob, wenn man von einem Menschen sagt: »Er thut Niemand etwas zu Leide«. Das soll er nicht, er wäre sehr böse, wenn er das thäte; dafür sind Gesetze und Obrigkeit. Aber er soll nicht nur nicht böse, er soll auch gut sein; er soll Jedermann recht wohlwollen und dieses Wohlwollen bei jeder Gelegenheit beweisen. Ohne öffentliche Ordnung, ohne Gerechtigkeit können die Menschen gar nicht leben, kann ihre Gesellschaft durchaus nicht bestehen; ohne Güte und gegenseitiges Wohlwollen können sie nicht glücklich zusammenleben. Gerechtigkeit ist der Boden, und Liebe und Freundschaft ist das Gebäude darauf. Stellet Euch einen Menschen vor, der zwar Jedem bezahlt, was er schuldig ist, der Niemanden um einen Heller betrügt, aber auch keinen Schritt weiter geht. Bei jeder Gelegenheit, wo er aufgefordert wird, zu irgend einer wohlthätigen Anstalt etwas beizutragen, sagt er: »Was geht das mich an? ich bin nichts schuldig; ein Jeder mag sehen, wie er für sich durchkommt; ich habe für mich zu sorgen.« Jede kleine Gefälligkeit, um die ihn der Nachbar bittet, und die dieser ihm immer wieder zu erzeigen bereit ist, schlägt er trotzig ab. Er dankt mürrisch kaum, wenn man ihm guten Morgen wünscht, läßt das Vieh ganz ruhig im Getreide fressen, das er auf seinem Wege mit zehn Schritten und einem Zuruf herausjagen könnte, und geht keinen Tact schneller, wenn er hört, sein Nachbar sei ins Wasser gefallen. Möchtet Ihr wol mit einem solchen Manne gern leben oder nur neben ihm wohnen? Freilich ist er noch besser als ein Dieb, ein Zanksüchtiger, ein Händelmacher, ein Verleumder, er thut Niemandem etwas zu Leide; aber er ist doch immer schon schlimm genug, er thut auch Niemandem etwas Gutes. Nehmet dagegen einen Mann, der Alle, mit denen er zu thun hat, mit Freundlichkeit behandelt, sich mit seinem Nachbar herzlich freut, wenn dieser froh ist, sich mit ihm betrübt und ihn tröstet, wenn ihn ein Unglück trifft, der überall, wo er kann, ihm Gefälligkeiten erzeigt, ihm immer beisteht mit Rath und That, der über den Vortheil seines Nachbars mit wacht, wie er wünscht, daß dieser auch über den seinigen mit wachen möchte, bei dem Alle Hilfe finden, so weit seine Kräfte reichen und die Vorsorge für seine Familie es erlaubt: muß es nicht ein wahres gelobtes Land sein, neben und zwischen solchen Nachbarn zu wohnen, die einander auf alle Weise das Leben erleichtern und angenehm machen? So will es Gott, der uns als Menschen zusammen hier auf die Erde gesetzt hat; so will es unsere Vernunft, die dieses einsieht; so will es jedes gute Herz, das die wohltätigen Gefühle der wahren, reinen Natur empfindet; so will es die Religion, die Christus, der große Lehrer und das große Vorbild der Menschenliebe, gelehrt hat. Auch sind diese Gesinnungen und dieses Betragen durchaus unser eigener Vortheil. Es gehört nicht viel Nachdenken dazu, um einzusehen, daß Menschen, welche alle brüderlich gesinnt, freundschaftlich, wohlwollend, thätig zu ihrem gegenseitigen Glück bemüht beisammen leben, sich unendlich besser befinden, daß sie jeden frohen Tag angenehmer genießen und jede Unannehmlichkeit leichter ertragen und sie eher vermeiden als Menschen, welche kalt und sorglos, mürrisch und störrig, mißtrauisch und argwöhnisch zusammen sind, wo Jeder den Andern als seinen Glücksstörer ansieht, der ihm seinen Genuß und seine Freuden verkümmert oder wenigstens zum Besten seines Nächsten keinen Fuß vor den andern setzt.

Alle Völker stimmen darin überein, das gute, freundschaftliche Herz und die wohlthätigen Bemühungen eines edlen Menschenfreundes höher zu achten als alle zufälligen Güter des äußerlichen Glücks. Niemand hält es je für ein Lob, wenn man sagt: der Reiche, der Mächtige, der Vornehme; aber Alle ehren und lieben sogleich den Mann, den die Geschichte seiner Zeit den Guten, den Edlen, den Milden, den Wohlthätigen nennt. Die Reichen und Mächtigen haben blos dieses vor den Andern voraus, daß sie das Letzte leichter sein können als die Uebrigen. Desto schlimmer für sie, wenn sie es nicht sind. Sie thun das Gute nicht, das sie thun könnten und sollten, und entbehren vieles Glück, das sie dadurch genießen könnten. Es ist eins der vorzüglichsten Gebote der christlichen Lehre: »Liebet einander! haltet Euch für Kinder eines Vaters, für Brüder einer Familie! Jeder freue sich über das Wohl seines Bruders wie über sein eigenes und helfe ihm in seiner Noth, als wollte er sich selbst helfen.« Das ist auch wirklich der Fall; Jeder gewinnt selbst durch Liebe gegen seinen Nächsten. Liebe erzeugt Gegenliebe. Wer als thätiger Teilnehmer sich das Glück seines Freundes, seines Bekannten zu Herzen gehen läßt und dafür sorgt und dazu mit arbeitet, gegen den wird und muß sein Freund und sein Bekannter wieder brüderlich denken, empfinden und handeln, wenn er nicht alles Menschengefühl verloren hat. Jeder achtet und liebt einen solchen Mann; Jeder verläßt sich auf ihn wie auf seinen besten Freund, wie auf seinen Bruder und Vater, und er hat durchaus das Lob in der Gemeine und der ganzen Gegend, er sei das Muster für die Uebrigen.

Vorzüglich äußert sich diese Wohlthätigkeit, diese wirksame Bruderliebe, wie sie das Christenthum so sehr empfiehlt, gegen Arme und Dürftige. Es ist nicht blos die Pflicht des Reichern und Wohlhabenden, mitzutheilen und wohlzuthun: auch Derjenige, welchem der Himmel nur ein gemächliches Auskommen gegeben hat, soll es nicht vergessen. Die Reichen können mehr geben; aber sie können schwerlich so herzlich, so innig geben als Mitbrüder, die von ihrem kleinen Vorrathe darreichen, was sie entbehren können. Der Reiche giebt nur; der Arme theilt mit. Eine spärliche Mahlzeit, ein Trunk und ein warmes Nachtlager in einem freundlichen Hause ist oft dem Empfänger weit mehr werth als ein großes Stück Geld aus der Hand eines Vornehmen, welcher gleichgiltig von seinem Ueberfluß nimmt und ohne Theilnahme weggiebt. Nicht die Größe der Gabe bestimmt den Werth derselben, sondern das Herz des Gebers, seine Gesinnungen, seine Theilnahme, sein guter Wille und sein warmer Eifer für das Wohl aller Menschen. »Viele Reiche legten viel ein«, steht dort im Evangelio; »aber das Scherflein der Wittwe war mehr als alle ihre Opfer.« Wir sollen nicht hartherzig erst strenge untersuchen, durch welche Fehler und Vernachlässigungen der Arme in Armuth gerathen ist; sein Zustand und seine Reue werden ihn vielleicht schon überdies bitter quälen. Es ist die Sache der Obrigkeit, dieses zu rügen; wo wir lindern können, sollen wir es mit Mitleid und Schonung thun, und eine gute Ermahnung, die wir etwa geben, nicht durch Vorwürfe und Unbarmherzigkeit unwirksam machen. Personen, die sich unserer Wohlthätigkeit durch ihr wiederholtes schlechtes Betragen, durch unverbesserliche Laster und unüberwindliche Faulheit ganz unwürdig machen, sind leicht zu kennen und auszuzeichnen. Jedes Land und jeder Ort sorgt zwar dafür, daß er seine Armen verpflege; aber wer kann alles Unglück verhüten? alle Unbesonnenen bedachtsam und alle Schlimmen gut machen? Wer nach dem Beispiel Jesu die Dürftigen in Menge speisen kann, dessen Herz ist sehr zu bedauern, wenn es ihm dieses Vergnügen nicht oft macht. Jeder schafft nach seinem Vermögen so viel Gutes, als möglich ist; aber wer nach seinen Kräften einem der Aermsten auch nur ein Stück von seinem Brode und einen Trunk zur Labung reicht, der sammelt schon großen Lohn bei Gott. »Wahrlich, ich sage Euch«, spricht der göttliche Lehrer, »was Ihr gethan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr mir gethan; ich selbst bin durstig gewesen, und Ihr habt mich getränket.« Kann man diese heilige Pflicht der Menschheit dem Menschen näher und rührender ans Herz legen, als es Christus thut? Kann man ein schöneres, würdigeres Beispiel in Erfüllung dieser Pflicht sich denken, als er selbst gegeben hat? Sein ganzes Leben war Wohlthat für die Menschheit, und seine Lehre ist es noch jetzt. Sie ist die Lehre der Wahrheit und Tugend, der reinen Gottesverehrung, des Trostes und der Bruderliebe. Er opferte sein Leben auf, um den Menschen wohlzuthun, um sie dem Irrthum zu entreißen und sie zur bessern Erkenntniß Gottes zu bringen: und wir, die wir seinen Namen führen, seine Lehre bekennen, seine Nachfolger sein sollen und wollen, sollten gegen diese Menschen, die Gott alle so hoch geschätzt hat, gegen unsere Brüder, kalt und gleichgiltig sein?

Wir Menschen sind ja alle Brüder,
Sind alle eines Hauses Glieder
Und sollten uns nicht brüderlich,
Wie uns der Vater vorgeschrieben,
Als seine guten Kinder lieben?
Er liebt ja Alle väterlich.

Wer Brüder haßt, ist Friedensstörer
In Gottes Reich und ist Empörer,
Der frevelnd seinen Schöpfer höhnt;
Gott stößt ihn aus von seinen Kindern,
Und er hat seinen Lohn bei Sündern,
Wo Schmerz nur ächzt und Angst nur stöhnt.

Wer aber hier mit reiner Güte
Sich eifrig um ihr Heil bemühte
Und immer Freund und Bruder war,
Den nennt einst Gott, wenn alle Frommen
Dort zum Altare jauchzend kommen,
Mit Namen laut vor dem Altar.

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