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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 17
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Zufriedenheit mit unserm Zustande

Es ist eine allgemeine Bemerkung durch alle Stände der Welt, daß fast Niemand mit seinem eigenen Zustande durchaus ganz zufrieden ist. Wenn dieses blos eine regsame innerliche Unruhe ist, daß wir uns in unserer Lage noch besser befinden könnten und also besser sein sollten; wenn wir uns also bestreben, immer besser zu werden, um uns immer besser zu befinden: so verdient dieses keinen Tadel. Es ist dieser Wunsch und dieses Bestreben vielmehr ein Geschenk des Himmels und soll immer fortdauern, um uns zu beständiger Thätigkeit anzutreiben und zu weitern Fortschritten anzuspornen. Wenn aber daraus ein peinliches Mißvergnügen entstehet; wenn wir dadurch verdrossen zu unsern Pflichten werden; wenn wir das nicht froh genießen, was wir haben, weil wir ängstlich nach dem geizen, was wir nicht haben und auch vielleicht nicht erhalten können: so ist dieses eine thörichte Selbstplage, Vergiftung unserer besten Freuden und die Quelle vieles Unglücks für uns und Andere.

Der Himmel hat das Ganze geordnet und Jedem seine Stelle angewiesen, auf welcher er stehet. Wer seine Lage in der Welt selbst gewählt hat, der hat seine Freiheit gebraucht und hat dadurch über sich selbst bestimmt. Ist es nun nicht Kurzsinn und Kleinmuth, Mißvergnügen darüber zu haben, was man doch mit freier Willkür sich selbst ausgesucht hat? Wer die eigene Wahl nicht hatte, muß glauben, der Himmel habe für ihn gewählt; und der Himmel sorgt für alle seine Kinder gut, wenn nur jedes die Mittel brauchen will, die ihm der Himmel zu seinem Glück in seiner Lage angewiesen hat. Wer mit seinem eigenen Willen unzufrieden ist, ist ein Thor; wer aber wider den Willen und die Weisheit des Himmels murret, ist ein Ruchloser. Vernunft, Tugend, Arbeit, Mäßigkeit, Vertrauen auf Gott, der unser Vater und allgemeiner Versorger ist, sind in jeder Lage Mittel, ein ruhiges und zufriedenes Herz zu bekommen und zu erhalten.

Kein Stand in der Welt ist ganz ohne Unannehmlichkeiten; wir sind überall Menschen und haben überall mit Menschen zu thun. Es kann durchaus nicht Alles nach unserm Willen gehen. Das allgemeine Loos der Menschheit ist eine Mischung von Freuden und Leiden, Anmuth und Bitterkeit; wenn der Mensch verständig ist, so wird immer der Freuden und der Anmuth mehr sein als der Leiden und der Bitterkeit. Die meisten Unannehmlichkeiten in der Welt sind doch unser eigenes Werk. Wir sollen also darauf denken, sie zu entfernen, und nicht deswegen über das Schicksal murren. Es ist eine allgemeine Seelenkrankheit der Menschen, Andere für glücklicher zu halten als sich selbst. Schon dieser Gedanke zeigt von Schwachheit; und insofern ist man freilich nicht glücklich, weil man so schwach ist, zu glauben, daß man es nicht ist. Aber wer daraus Veranlassung und Ursache zum Trübsinn, zum mürrischen Wesen, zur herrschenden Unzufriedenheit nimmt, der verräth bei seiner Schwachheit noch Bösartigkeit. Wir sollten uns freuen, wenn Andere glücklicher wären, als wir selbst sind. Aber das ist doch meistens nicht der Fall. Das Glück eines Jeden liegt in seinem Gefühl, in seiner Ueberzeugung. Und dieses Gefühl, diese vermeintliche Ueberzeugung ist bei den meisten Menschen, die wir wegen ihres Glücks vielleicht beneiden, weit peinigender und quälender als bei uns selbst. Wir pflegen oft die Reichen und Vornehmen zu beneiden und haben wirklich gar nicht Ursache. Der Reichthum könnte zwar viel zur Vermehrung des irdischen Glücks beitragen, aber er trägt selten viel dazu bei. Mit ihm kommen Sorge, Furcht, Mißtrauen, oft Langeweile und Grillen, oft wol gar Hartherzigkeit und Geiz. Alle diese Thorheiten bringen keinem Menschen Gutes und machen dem Besitzer am Meisten das Leben schwer. Mancher, der Geld und Gut die Menge hat, weiß vor Angst nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll, verfällt aus einer Thorheit in die andere und verschwendet endlich Zeit und Geld ohne Sinn und hat dafür nichts als bittere Reue. Den Vornehmen quälen seine Geschäfte, seine Feinde, deren er immer mehr hat als ein Geringer, seine Plane, sein Ehrgeiz, und quälen ihn desto mehr, je empfindlicher er gegen Alles ist. Daher findet man nirgends mehr mißvergnügte und unzufriedene Leute aller Art als unter den Reichen und Vornehmen; denn es hat Niemand mehr Zeit und Gelegenheit, so viel Grillen zu sammeln, die Einbildung so zu beschäftigen, so viele unnütze Dinge anzufangen und mit so vielen Thorheiten sich zu beschäftigen. Es ist daher sehr gewöhnlich, daß man diese Reichen und Vornehmen eben in dem Mißmuth und dem Gefühl ihres erträumten Unglücks und ihrer selbstgeschaffenen Leiden sagen hört: »Es ist doch Niemand so glücklich als der Bauer und der Landmann!« Ihr Wunsch ist ebenso übereilt und unüberlegt, als wenn der Landmann sie beneidet. Die Thorheit ist auf beiden Seiten gleich groß. Jeder könnte und sollte sich in seiner Lage sehr wohl befinden, ohne eine gehässige Vergleichung anzustellen. Der Vernünftige steht an jeder Stelle gut, wo er sich selbst oder wo ihn die Vorsehung hingesetzt hat. Der Unzufriedene sucht die Zufriedenheit überall vergebens. Der Vernünftige hat nicht mehr Bedürfnisse, als er Mittel hat, sie zu befriedigen, und der Unverständige fände in dem Besitze aller Schätze der Welt nicht Mittel genug, allen seinen Thorheiten und Gelüsten Genüge zu thun. Wir Landleute haben in unserer Lebensart schon das beste Mittel gegen das Mißvergnügen. Arbeit und Anstrengung den ganzen Tag läßt keine Grillen aufsteigen, würzt eine einfache, mäßige Mahlzeit und bringt einen ordentlichen, gesunden Schlaf. In der Stadt ist es keine bloße Höflichkeit, wenn man sich beständig gegenseitig fragt, ob man wohl geschlafen habe, weil wirklich dort Viele aus mancherlei Ursachen oft sehr übel schlafen. Es ist daher den Städtern meistens eine wahre Wohlthat, uns auf dem Lande oder vielmehr nur das Land besuchen zu können, weil da die schöne, herrliche Natur ihnen doch einige Bewegung abnöthiget und sie also zwingt, sich etwas besser zu befinden. Der weiche Pfühl des Reichen ist oft mit mehr Angst und Kummer und Sorge bestreut als das harte Lager des Tagelöhners, der die Augen schon zum sanften Schlafe schließt, wenn er sich kaum hingestreckt hat. Gesetzt auch, unsere Lage hat manche Beschwerlichkeiten, wie es denn nicht anders möglich ist, so machen wir durch Mißmuth und Aergerniß nichts besser, aber wohl Vieles, ja fast Alles schlimmer. Unser Herz wird ganz verstimmt; es ist uns kein Genuß mehr Genuß; Verdrossenheit und Trägheit setzt sich in unserm ganzen Wesen fest; die Hoffnung fühlen wir nur mit ihrer ängstlichen Marter und nicht mit ihrer lindernden Stärkung, und wenn sie fehlschlägt, so ergreift uns verzweifelnde Kleinmütigkeit, aus der uns kaum alle Kraft der Vernunft und Religion herausheben kann. Mit Heiterkeit haben wir schon in dem Gegenwärtigen, sei es noch so klein und geringe, unendlich viel frohen Genuß für uns und die Unsrigen. Die Zukunft wird helle, weil unsere Seele ein heller Spiegel ist. Soll etwas irgendwo geändert und gebessert werden, so bessert man es immer nur mit Muth und frohem Sinn. Weisheit und Tugend ist in jeder Lage, in welche uns die Vorsehung setzt, der sicherste Weg, unser Glück und unsere Zufriedenheit zu finden. Daß in dem Umfange des Landlebens auch wirklich mehr wahrer Genuß und wahre Freude herrscht, beweiset bei aller unserer Einfalt des Lebens schon der erste Anblick des Volks. Es ist bei uns im Ganzen mehr Gesundheit, mehr Munterkeit, mehr Kraft, mehr Thätigkeit: warum sollte nicht auch mehr Zufriedenheit sein? Mürrisches Mißvergnügen ist Versündigung an unserer Vernunft und an dem Schöpfer, der uns diese Vernunft und so viele herrliche Geschenke gegeben hat, täglich bereitet und immerzu geben verheißet.

Genieße, was Dir Gott beschieden,
Entbehre froh, was Du nicht hast;
Ein jeder Stand hat seinen Frieden,
Ein jeder Stand hat seine Last.

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