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Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute

Johann Gottfried Seume: Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute - Kapitel 13
Quellenangabe
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typetractate
authorJohann Gottfried Seume
titleKurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute
publisherGustav Hempel
seriesProsaische und poetische Werke von J. G. Seume
volumeAchter Theil
editorSchieck
firstpub1811
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Klugheit und Bedachtsamkeit im Reden

Zwischen Weisheit und Klugheit ist ein großer Unterschied. Der Weise ist immer klug, aber der Kluge ist nicht immer weise. Weisheit ist Tugend, verbunden mit Klugheit; Klugheit ist oft ohne Tugend. Wir sagen oft: »Er ist ein kluger Mann!« von einem Menschen, der nur seine Geschäfte mit vieler Feinheit macht und sich zuweilen über einen Betrug, den man ihm nicht beweisen kann, kein großes Gewissen macht. Das ist eine sehr boshafte Klugheit. Aber wir sollen doch auch klug sein; das heißt, wenn wir gut und tugendhaft sind, so sollen wir uns auch bemühen, so zu scheinen, daß man uns nicht für schlimm halte, daß wir durch Unachtsamkeit, Leichtsinn und Unbesonnenheit nicht uns selbst und vielleicht auch Andern schaden. Was hilft es manchmal einem Manne viel in der Welt, wenn er auch wirklich der ehrlichste Mann ist und doch Jedermann das Gegentheil von ihm glaubt und deswegen durchaus kein Zutrauen zu ihm hat? Ist nicht ein wirklich ehrliches Mädchen eben auch unglücklich, wenn man ihre Ehre und Tugend überall bezweifelt und ihr keine Sittsamkeit mehr zutraut? Der Schein thut viel in der Welt. Wir sollen also auch auf den guten Schein halten. Sehr schlimm ist es, wenn viele Menschen auf mehr nichts als auf den Schein halten. Diese nennt man mit Recht, wenn sie fromm scheinen wollen, Frömmler und Scheinheilige, und wenn sie für ehrliche Leute gelten wollen, Gleißner und Duckmäuser. Wir dürfen nur erst wirklich gut sein, so wird uns der Schein nicht schwer werden. Der Schein ist meistens nur wegen der Schlimmen, welche so gern immer Arges von ihrem Nächsten denken, weil sie selbst arg sind. Wir sollen also Klugheit mit der Tugend verbinden, aber nicht durch den Schein der Klugheit den völligen Mangel der Tugend verbergen. »Seid klug,« steht in der Schrift, »aber seid ohne Falsch!« Wir sollen also nicht allein nichts Böses thun, sondern wir sollen auch etwas Gleichgiltiges unterlassen, wenn es durch die Umstände uns in den Verdacht des Schlimmen bringen kann. Ich spreche nur vom Gleichgiltigen, das an sich selbst weder gut noch böse ist. Denn etwas wirklich Gutes dürfen wir auch des Verdachtes wegen nicht unterlassen. Zum Beispiel, es geht Jemand oft des Nachts einen gewissen Weg, wo man glaubt, daß er keine gute Absicht habe, so soll er ihn nicht gehen, wenn seine Absicht nicht wirklich sehr gut und wichtig, sondern vielleicht nur gleichgiltig ist; denn er muß den Verdacht vermeiden. Es kann ihm selbst und vielleicht auch Andern schaden. Das verwickelt oft in gefährliche Weitläuftigkeiten, und man kann zuweilen dabei den guten Namen verlieren, ohne wirklich etwas Böses gethan zu haben. Und nach einem guten Gewissen ist ein guter Name für jeden Ehrliebenden das größte Glück in der Welt. Wer oft mit schlechten Leuten zusammen ist, den wird man bald für ihren Gesellen halten, und wenn er auch wirklich mit ihnen weiter keine Gemeinschaft hat. »Sage mir, mit wem Du umgehst,« heißt das Sprichwort, »und ich will Dir sagen, wer Du bist.« Vor Gott ist es genug, reines Herzens zu sein; denn Gott siehet das Herz an. Aber die Welt kann nicht die Herzen prüfen und muß oft nur nach dem äußern Schein urtheilen. Wer also den Schein gar zu sehr vernachlässiget, handelt nicht klug, handelt auch nicht gut und weise. Denn da wir mit Menschen umgehen müssen, sollen wir wissentlich den Menschen auch nicht die entfernteste Gelegenheit geben, Böses von uns denken zu können.

Ebenso große Behutsamkeit ist im Reden nöthig. »Die Zunge ist ein kleines Glied, aber sie richtet viel Unheil an.« »Gedanken sind zollfrei«, sagt man; das heißt, der Mensch darf über alle Dinge nach seiner Ueberzeugung, so wie er die Wahrheit zu erkennen glaubt, bei sich urtheilen; aber sein Urtheil und das Gedachte zu sagen und unbedachtsam ohne Unterschied darüber zu sprechen, kann große, oft sehr schädliche Folgen haben. Wir haben vielleicht selbst noch nicht die Sache recht eingesehen und setzen sodann durch unsere Voreiligkeit und Ungeschicktheit Andere in Verwirrung, aus der wir weder sie noch uns wieder herausbringen können. Wir glauben, etwas sei wahr, welches doch vielleicht nicht wahr oder nur halb wahr ist. Wir glauben, etwas sei recht, welches doch nur unter gewissen sehr wenigen Umständen recht ist. Wir sind vielleicht gar nicht im Stande, über alle Umstände zu urtheilen, und wagen es doch, über die Sache selbst zu sprechen, als ob wir sie so gewiß und fest entscheiden könnten, wie zweimal zwei vier ist. Dadurch hat Mancher große Verwirrung angerichtet und sich in große Gefahr gestürzt. »Bedenke doch, was Du sprichst!« ist ein so gewöhnlicher Zuruf, eine so gewöhnliche Regel, daß man sie täglich vielmal hört, die aber desto öfter vergessen und vernachlässiget wird, je öfter man sie hört. Ein unbesonnenes Wort hat Manchen ins größte Unglück gebracht. »Er kann seine Zunge nicht im Zaume halten«, ist ein Vorwurf, den man einem Menschen mit Recht macht, welcher sich durch seine Heftigkeit oder Unbesonnenheit verleiten läßt, Dinge zu sagen, die er nicht beweisen kann, oder die in seiner Lage doch ihm nur schaden, ohne sonst Jemandem zu nutzen. »Was Deines Amts nicht ist, da laß Deinen Vorwitz,« sagt der alte biblische Klugheitslehrer. Das erstreckt sich aber nicht so weit, daß wir zahm und furchtsam schweigen sollten, wo Recht und Ordnung will, daß wir sprechen. Ein Mann, der mit Muth, Standhaftigkeit, Klugheit und Mäßigung für sich und die Gemeine spricht, verdient den Dank und die Achtung aller seiner Mitbrüder, auch wenn er seinen guten, gerechten Zweck nicht erreichen und vielleicht für seine Offenherzigkeit leiden sollte. Gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit dürfen wir nicht allein, sondern wir sollen sprechen. Die höhere Obrigkeit wird und will uns schützen, es ist ihre Pflicht, sowie es unsere Pflicht ist, ihr zu gehorchen und uns mit Ehrerbietung gegen sie zu betragen. Aber Gerechtigkeit und Ordnung, Mäßigung und Klugheit müssen überall unsere Führerinnen sein. Unnütze Worte verderben die Sache. Wir beleidigen oft durch ein übereiltes Wort bitter und ziehen uns unnöthig Feindschaften zu, die wir mit vieler Mühe kaum wieder aussöhnen können. Ueberhaupt ist das Vielreden selten ein Zeichen der guten Rede. Wenig reden und viel denken ist allezeit besser als viel reden und wenig denken, wie das oft der Fall ist. Wo viel Worte sind, da geht es ohne Sünde nicht ab, da werden gewöhnlich manche Fehler gemacht. Daher ist ein Großsprecher nie in dem Ansehen, daß er viel Verstand und Muth habe.

Auch in unsern häuslichen Angelegenheiten und in Gesellschaften ist die äußerste Behutsamkeit der Zunge nöthig, damit wir uns nicht schaden oder durch Uebereilung und Unachtsamkeit Böses stiften. »Ein Wort giebt das andere«, sagt man im Guten; aber ebenso oft giebt ein Wort das andere im Schlimmen. Aus einer Freiheit wird oft Ausgelassenheit, aus der Ausgelassenheit wilder Muthwille, aus diesem Bitterkeit, aus dieser Beleidigung, aus der Beleidigung heftiger Zorn und großes Unglück. Der Sittenlehrer der Schrift kann nicht oft genug wiederholen: »Bewahre Deine Zunge!« Auch wird oft durch Leichtsinn im Reden, wenn auch nicht sogleich Unheil daraus entstehet, doch viel Schaden gestiftet. Viele ärgern sich vielleicht über unsittliche und unanständige Ausdrücke, die ein Anderer im ungezogenen Muthwillen redet. Hier kann oft Unbesonnenheit so viel Böses anrichten als die Bosheit selbst. »Wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß kommt!« steht im Testamente. Vorzüglich ist es unverantwortlich, wenn Viele so äußerst leichtsinnig sind, in dem Beisein von jungen unschuldigen Leuten oder Kindern ohne Scham und Gefühl für Sittsamkeit Unanständigkeiten zu sprechen. Das Unglück, das daraus entsteht, ist oft nicht zu zählen. Ein Zotenreißer ist ein verächtlicher Mensch, der jeder gesitteten Gesellschaft Schande macht. Wer sich aber nicht vor Kindern schämt, der ist die Unverschämtheit selbst. Auch die Heiden gaben dieses Gebot, man sollte Ehrfurcht vor den Kindern haben, das heißt, man solle in ihrer Gegenwart durchaus nichts thun und reden, was auf irgend eine Weise ihre jungen Seelen verderben könnte. Mancher sucht eine Ehre darin, daß eine Gesellschaft eben nicht gezogener Leute seinen schmutzigen Witz belacht; er sollte aber dabei bedenken, daß Vernünftige ihn verachten, und daß vielleicht selbst seine übeln Gesellen nur deswegen froh sind, daß sie selbst noch nicht so unverschämt sind, als er sich durch seine Ungezogenheiten zeigt.

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