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Kürzere Orienterzählungen

Karl May: Kürzere Orienterzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl May
titleKürzere Orienterzählungen
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Das Hamaïl

Zwischen Bir Asud und Ain tajib schwebte hoch oben in der Luft einer jener Sakrfalken, die von den Beduinen gern zur Jagd abgerichtet werden.

Seinen scharfen Augen wurde es nicht schwer, zwei Reiterzüge zu erkennen, die in wohl stundenweiter Entfernung voneinander dem gleichen Ziel zuzustreben schienen.

Der im Osten sich südwärts bewegende Zug mochte eine Kafila, eine Handelskarawane sein. Sie bestand aus vielleicht zwanzig Packkamelen und zehn berittenen Hedschahn; acht der Reiter waren auf orientalische und zwei auf europäische Weise bewaffnet. Jene trugen außer ihren dünnschaftigen Flinten noch Lanzen, deren breite, scharfe Stahlspitzen im Licht der untergehenden Sonne glänzten; der Schech el dschemali, der Führer, war der dunkelste von ihnen und hatte fast negerartige, keineswegs vertrauenerweckende Gesichtszüge. Die beiden anderen hätte man für Europäer halten können, und wenn sie das nicht waren, so stammten sie gewiß wenigstens aus dem Gharb, einem der nordafrikanischen Gestadeländer.

Der Falke stieß hoch oben in der Luft einen lauten schrillen Schrei aus. Als der Führer ihn vernahm, glitt ein befriedigtes Lächeln über seine bisher unbewegten Wangen.

»Chabir – Führer, hast du den Vogel gehört?« rief ihm einer der beiden zu.

»N'am, Sihdi – ja, Herr«, antwortete er.

»Wäre der Falke zahm, so müßten Menschen in der Nähe sein. Ich halte ihn für einen wilden.«

»Hehk – so ist es«, antwortete der Führer kurz, indem es wie Schadenfreude um seine aufgeworfenen Lippen zuckte.

»Wann kommen wir zum Ruheplatz?«

»'an kharihb – bald.«

»Und werden wir dort sicher sein?«

»S'lon bilamahn – wie in Allahs Schoß!«

Der im Westen sich fast in gleicher Richtung bewegende Zug war jedenfalls eine Kafila et tayyara, eine fliegende Karawane. Sie bestand aus vierzehn wohlbewaffneten dunkelfarbigen Männern, die alle sehr gute Reitkamele ritten. Eins davon war ein kostbares graues Bischarihn-Hedschihn. Sein Reiter schien der Anführer zu sein. Er hatte die Kapuze seines weißen Haik zurückgeschlagen. Er war, wie seine Begleiter, ein Tedetu vom Stamm der Kra-an; doch zeigte sein kurzes wolliges Haar, daß Negerblut in seinen Adern floß, ein Umstand, dessen sich unter den Tibbu 1 Tibbu = Mehrzahl von Tedetu niemand zu schämen pflegt.

Auch er hörte den Schrei des Falken.

»Ikh, ikh!« rief er, und auf diesen Befehl hielt sein Hedschihn an. Die anderen sammelten sich um ihn. »Hamdulillah – Allah sei Dank!« meinte er. »El Asward führt sie uns in die Hände. Es ist ihm gelungen, sie zu täuschen. Wenn wir uns nun gerade nach Osten wenden, werden wir ihre Darb Spur erreichen und lesen können. Ich werde den Sakr rufen.«

Er steckte einen Finger in den Mund und stieß einen durchdringenden Pfiff aus. Der Falke hörte ihn trotz der großen Entfernung und schwebte nach wenigen Augenblicken über den Reitern.

»Ta'ahl – komm her!« befahl der Reiter.

Der Vogel ließ sich gehorsam auf den hohen Knopf des Sattels nieder, wurde dort an einer Kette befestigt und erhielt eine lederne Haube aufgesetzt.

Dann bogen die Reiter in einem rechten Winkel von ihrer bisherigen Richtung ab und hielten langsam gerade nach Osten zu, der Anführer immer an der Spitze des Zuges.

Als sie ungefähr eine halbe Stunde geritten waren, hielt er an, deutete in die Ferne und sagte nur das eine Wort:

»Hunahk – dort!«

Aus der Richtung, die er zeigte, sah man Lanzenspitzen schimmern. Die vierzehn zogen sich vorsichtig hinter die Sanddünen, zwischen denen sie hielten, zurück, und setzten erst nach einer Weile ihren Ritt fort. Bald erreichten sie die Spur der anderen Karawane. Der Anführer ließ sein Tier niederknien und stieg ab, um die Fährte zu untersuchen.

»Dreißig Hawawihn Tiere«, sagte er. »Sie sind es, die wir verfolgen. Am Bir Fetna wird Allah sie in unsere Hände geben, und dann werden wir die Beute teilen und reicher sein als je zuvor. Laßt uns ihnen jetzt langsam nachreiten, damit El Aswad uns nicht so lange zu suchen hat!«

Es war klar: die vierzehn Reiter bildeten eine Gum, eine Raubkarawane, und El Aswad, der Führer der Handelskarawane, war ihr heimlicher Verbündeter. Er wollte diejenigen, die sich ihm anvertraut hatten, in die Hände der Wüstenräuber liefern. Er hatte sich nur zu diesem Zweck von den nichtsahnenden Reisenden als Chabir anwerben lassen. Daß die Räuber arabisch sprachen und nicht ihre Tedagamundart, war ein Zeichen, daß sie ihre unheimlichen Raubzüge weit über die Grenzen ihres Stammes hinaus zu unternehmen pflegten.

Während sie den Spuren folgten, erreichte die Sonne den Himmelsrand; aber den Reitern fiel es gar nicht ein, anzuhalten, um das Abendgebet zu sprechen. Es wurde sehr schnell dunkel; dann stieg das Kreuz des Südens auf, und beim Schein der Sterne wurde der Ritt fortgesetzt, bis die Kamele von selbst ihre Schritte beschleunigten; das deutete darauf hin, daß das Wasser der Oase in der Nähe sei. Der Anführer ließ halten. Seine Leute stiegen ab und lagerten sich im Sand. Da warteten sie mehrere Stunden lang, bis sich ganz in der Nähe das leise Bellen eines Fennek, eines Wüstenfüchschens, hören ließ. Der Anführer beantwortete es, und bald tauchte der Chabir der zweiten Karawane aus dem Dunkel auf. Jener empfing ihn mit den Worten:

»Seit einer Woche habe ich deine Stimme nicht vernommen, obgleich wir stets in deiner Nähe gewesen sind. Heute sind wir am Bir el amwat Brunnen der Toten angelangt, an dem wir schon viele den Tod haben trinken lassen. Nun werden wir endlich erfahren, wer die Herren deiner Kafila sind.«

»Es sind zwei reiche Tuggar Kaufleute aus Tarabulos el Gharb Tripolis, die Waffen, Seide und andere Kostbarkeiten nach Bornu bringen wollen. Sie sind begleitet von sieben Beni Riah; wir brauchen sie nicht zu töten, weil sie sich nicht verteidigen werden. Von Temissa habe ich sie über Wau gerade in die Wüste geführt und dir nach dem Duar Lager Nachricht geben lassen. Jetzt schlafen sie am Bir Fetna Brunnen der Akazien, und ich werde euch zu ihnen führen.«

»Welchen Namen tragen sie?«

»Der eine wird nur Abu el Hamaïl genannt, weil er zwei Korans am Hals hängen hat, und der andere heißt Halef Ben Dschubar.«

»Zwei Hamaïls Hamaïl ist ein Koran, den man sich in Mekka kauft und dann zum Zeichen, daß man ein Hadschi ist, sichtbar am Hals trägt.? So war er zweimal in der Stadt des Propheten und ist ein sehr frommer Mann. Aber er wird heute sterben müssen, denn wir brauchen seine Sachen. Allah wird ihm das ewige Leben geben, und ich werde ihm einen Ihram Kleid der Mekka-Pilger; wird auch im übertragenen Sinn gebraucht. weihen, wenn ich selbst nach Mekka komme. Auch mein Vater zwar zweimal dort. Er hatte zwei Hamaïls. Eins davon hat er einem Mann geschenkt, der ihm das Leben rettete, als die Tuareg-Kel-Tinalkuhm ihn töten wollten. Allah danke es ihm im siebenten Himmel. Jetzt macht euch bereit, ihr Männer! El Aswad wird uns führen.«

Die Männer hatten nicht nur einmal einen Überfall ausgeführt. Sie wußten, was sie zu tun hatten. Sie entledigten sich ihrer weißen Haïks, durch deren schimmernde Farbe das Anschleichen erschwert gewesen wäre, und ließen auch die Schußwaffen zurück. Nur die breiten, scharfen dolchartigen Sekakihn nahmen sie mit sich. Dann folgten sie dem voranschreitenden Verbündeten nach der nahen Oase.

Da, wo der Brunnen aus der Erde quoll, war er von einem Gebüsch ägyptischer Akazien beschattet, daher sein Name Bir Fetna. Die Reisenden hatten sich von ihren Kamelpaketen eine Art Umwallung gebaut, innerhalb derer sie schliefen. Das von trockenem Kamelmist genährte Feuer war fast am Verlöschen. Alle schliefen nach dem anstrengenden Ritt fest. Sogar die Wache, die in einer Ecke kauerte, zwei Lanzen in der Hand, war vor Müdigkeit eingeschlummert.

Der eben hinter den beweglichen Sanddünen aufgehende Vollmond beleuchtete das Lager mit durchdringender südlicher Helle, vor der das Licht der Sterne verschwand. Er sollte den zwei Kaufleuten zum letztenmal leuchten.

Die Mitglieder der Raubkarawane legten sich zur Erde, von der ihre halbnackten, dunklen Leiber nicht zu unterscheiden waren, und schlichen sich unhörbar näher. Sie erreichten die Umwallung. Vorsichtig blickten sie darüber hinweg. Der Anführer wählte sich die Stelle, an der die beiden Kaufleute ruhten. Der eine lag schnarchend auf dem Rücken in seinen Haïk gehüllt, der andere auf der linken Seite und hielt selbst im Schlaf sein Gewehr fest in der Hand. Da bog sich der Anführer über die Umwallung und erhob seine Waffe zum tödlichen Stoß. Diesen Stoß erwarteten rundum seine Genossen, um dann unter fürchterlichem Geheul das übrige zu vollbringen.

Aber was war das? Der Tedetu hielt die Hand starr erhoben, stieß aber nicht zu. Sein Blick war auf ein Gepäckstück gerichtet, das zu Häupten des Kaufmanns lag. Auf diesem wohlverschnürten Pack befanden sich zwei Bücher – zwei Hamaïls, die der Schläfer vom Hals genommen hatte, um bequemer ruhen zu können. Sie lagen nebeneinander, und das zur rechten Hand war an der Schnittseite des Buches mit einem starken, metallenen Schloß versehen, dessen eigenartige Arbeit im hellen Mondenschein deutlich zu erkennen war.

»Essuwal'an ehsch – was gibt es denn?« fragte leise einer der beiden, die hinter dem Zögernden kauerten. Stoß zu!«

»Allah akbar – Gott ist groß!« antwortete er und ließ den Arm sinken. »Das ist das Hamaïl meines Vaters. Allah hat verhüten wollen, daß ich den Retter meines Vaters töte.«

»Waih! Willst du die große Beute fahren lassen? Ist er auch wirklich der Retter?«

»Ich werde es sogleich erfahren. Wenn er es ist, so wehe einem jeden von euch, der es wagen sollte, einem dieser Leute ein Haar zu krümmen oder ihnen das kleinste Stäubchen ihres Eigentums zu rauben!«

Dann rief er laut:

»Hadschi Omar Ben Kuwwad Ibn Hanssari!«

»Wer ruft mich?«

Im Nu sprang der Schläfer auf.

»Bist du der, den ich nannte?«

Erst jetzt sah der Kaufmann, daß sein Lager von fremden Gestalten umringt war. Er nahm schnell sein Gewehr empor, antwortete aber:

»Ich bin's, wer seid ihr?«

»Hast du dieses Hamaïl geschenkt erhalten?«

»Ja, von einem Scheik der Tibbu, namens Arun es Saleta.«

»Das war mein Vater. Ich bin Nowad Ben Arun es Saleta. Der Engel des Todes streckte bereits seine Hand nach dir aus und da – – – –«

»Allah kerihm – Gott ist gnädig!« rief der Kaufmann erschrocken.

»Ja. Allah ist gnädig. Er hat dich gerettet. Wir sind die Gum, und du befindest dich am Brunnen des Todes. Bereits schwebte mein Messer über dir, da erblickte ich das Hamaïl. Jetzt nun bist du bei uns so sicher wie unter den Zelten der Seligen, du, deine Begleiter und dein Eigentum. Und wir werden dich begleiten über die Berge und durch die jenseitige Hammada. Sag nur das Wort, das du zu sagen hast!«

Die Angreifer standen draußen vor der Umwallung und blickten finster auf die erschrockenen Glieder der Handelskarawane. Der Kaufmann erkannte die Gefahr, aus der ihn nur dieses Wort erretten konnte.

»Dakilah ia Scheik!« sagte er.

»Dakilah ia Scheik!« riefen auch alle seine Gefährten.

»Ja, ihr seid die Beschützten!« erklärte der Führer der Gum. »Ihr seid unsere Brüder. Das Hamaïl hat euch vom Tod errettet, und nun sagen wir euch den Gruß: Allah wa sahla wa marhaba – ihr sollt uns willkommen sein!«

*

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