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Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
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Aus dem Tagebuch eines Refraktärs

(Göschenen, August 1914)

1
Eigentöner

»Es sind alles Eigentöner; von den braunseidenen Kniestrümpfen und Lederwesten an über Schillerhemden, Schwabinger Haartrachten und verblüffend vollkommener Plattbrüstigkeit bis zu den raffinierten Persönlichkeitssignen der fehlenden Kommata, der Hermann Bahrschen Extraktsätzchen und dem unfehlbar zum Genie stempelnden Doppelpunkt hinter der Anrede im Brief und dem Semikolon auf der Karte – alles ausgeprägte Persönlichkeiten. Und mitten unter diese Voll- und Fein- und Eigenkulturisten platzt der Krieg und läßt sie eine Weile in zitterndem Gerede, Getue, in einem krampfhaften Herauspressen von Humanität und Menschlichkeit – denn das sind zwei Dinge! – umherzappeln, aber das Hurra! liegt unten, und noch ein paar komische Zuckungen, und die ganze Elite verliert bis auf den Rest ihre angeblasene Eigenkultur und lodert auf: in den Krieg! in den Krieg!

Ich sitze an einem Nebentisch, ich bin unterwegs, ich bin auf dem Wege zur Adria und will darauf den Oktober in Rom genießen, der noch kostbarer ist als der italische Frühling. Und dieses Völkchen, ich kenne es, ich habe selber einmal mitgemacht, und da man nichts so sehr verachtet als seine eigenen Entwicklungsstufen – aber nun sehe ich einen Bekannten zu ihnen treten, der einst ein guter Mathematiker war, nun aber ist er Schriftsteller und trägt brandrote Schillersträhnen und kann nicht über sich hinweg und wird nicht älter; da begrüße ich ihn und setze mich zu ihnen.

›Gehen Sie mit?‹

›Wie? Sie gehen nicht mit? Brauchen Sie nicht mit? Oder –?!‹

Und da ich Zorn und Verachtung um mich sehe, fange ich an, folgendermaßen meine Verteidigung zu führen:

›Ich bin weder Sozialdemokrat noch Sozialist, auch nicht Anarchist, ich bin, wenn ich mich einmal zur Behauptung politischer Richtungen und Überzeugungen herablasse, konservativ, aber wohlgemerkt, wenn ich mich zu derartigen Niederungen herablasse. Ich kenne keine rechtliche Gewalt über mich, dennoch bin ich konservativ. Schütteln Sie nicht den Kopf, denn ich bitte Sie zu verstehen, daß ich unterscheide zwischen mir und meinen Ansichten, so daß ich über ihnen stehe und mich nicht von ihnen treiben lasse. Ich bin in philosophischer Hinsicht Materialist, Realist, oder wie Sie es nennen; das heißt, wenn ich gezwungen bin, eine bestimmte Weltdeutung zu wählen, so wähle ich die des Materialisten, obwohl ich weiß, daß ich, wollte ich ihr bis zum Ende folgen, in die Sackgasse gerate, in die alle -ismen münden; sie ist eine verhältnismäßig kurze, klare und wegen ihrer Klarheit dumme Auslegung der Welt, aber sie ist die einzig brauchbare und fördernde im Gebiet der Wissenschaft und – meiner – stoischen Moral. Steige ich also, aus seelischer Not oder um über ein Problem ein unverfängliches wissenschaftliches Bild zu gewinnen, in philosophische Niederungen, das heißt, in die Quer- und Sackgassen der Systeme, herab, so bin ich Materialist, wie ich konservativ bin, wenn ich gezwungen werde, politisch zu sein. Oder von einer anderen Seite gesehen: ich stehe dem Staatsleben gegenüber wie einem Problem, wie etwas Fremdem, das allerdings recht oft meine bestimmte Ansicht über sich von mir fordert; und ich forme meine Antwort auf diese Fragen, ohne aus meiner Antwortbildung für mich die Pflicht zu ziehen, mich diesem Frageheischenden zu verschreiben und die Konsequenzen meiner Antwort, meine Richtung, die ich mir so innerhalb des Fremden bilde, zu verfolgen. Denn wie ich es mir nicht einfallen lasse, einen mich bindenden Disput für den Materialismus auszufechten – ich hüte mich –, so lasse ich mich nicht herab, eine Lanze für meinen – um es kurz und schief zu sagen – theoretischen Konservativismus zu brechen; ich verschreibe mich meinen Ansichten nicht mit Haut und Haar, sondern ich benutze sie nur, um mir über eine Frage – Welt, Staat – die mir bestdünkende Lösung zu geben.

Denn, nun gebe ich meinen zweiten, persönlicheren Punkt, es riecht mir – schon in den philosophischen Systemen – in dem Frage-Antwortspiel Staat zu sehr nach Massen und Massengefühlen; ich aber will einsam sein und unbedingt frei von Gefühlen, ich verlöre mich sofort halt- und rettungslos, wenn ich mich gar von dem Trubel und üblen Geruch der blutdürstenden Massensuggestionen mitreißen ließe: ich kenne keine Herren über mich; wenn ich nicht einmal meinen Ansichten, meinen Überzeugungen ein Recht über mich gebe, wenn ich mich nicht von meinen eigenen Gefühlen – mögen sie heißen, wie sie wollen – überwältigen lasse, so kann ich erst recht nicht den blinden Gefühlen der Masse Gewalt über mich geben.

Damit aber – nun werden Sie wieder die Köpfe schütteln – vereinigt etwas anderes sich gut: mich schiert es wenig, ob dieser Krieg geführt werden mußte oder nicht, mir ist es gleichgültig, ob ihn letzten Grundes Rassenunterschiede oder Banken und internationale Konsortien ›gemacht‹ haben, jedenfalls kämpfen heute drei, vier Staaten um ihre Existenz, und ich würde jeden Staatsbürger füsilieren lassen, der nicht augenblicklich dem Rufe zu seiner Fahne folgte; denn er steht im Staat, er, seine Unzahl, bildet den Staat, er steht nicht neben dem Staat, er steht nicht abseits und einsam wie ich.

Ich bin in einem bestimmten Staate geboren, gewiß: ich habe Steuern bezahlt und habe allerhand sogenannte Segnungen der Zivilisation genossen, aber: aus der geographischen Lage meines Geburtsortes und aus dem – erzwungenen – Genuß der erwähnten und gar nicht abzuleugnenden Segnungen kann ich der Vereinigung der umwohnenden Massen der Mittelmäßigkeit nicht das Recht zugestehen, mich für ihr Weiterbestehen auf das Schlachtfeld zu schicken; denn ich bin nicht untergetaucht unter sie, ich folge nicht blind diesen Herden; sie können mich zwingen, sie können mich vor die Mündungen ihrer Gewehre stellen, aber über ihr Recht und über ihre Gewalt geht mein Recht, das ist: mein Wille, Ich zu bleiben.‹

›Eine famose Sache! eine schmetternde Sache! süperb! Lassen Sie es drucken!‹

›Ich möchte es keinem raten, und zudem wird es in diesen Tagen keiner drucken – dürfen. Denn die Journale dürfen nicht mehr den Mut zu einer überstaatlichen Überzeugung haben, denn die Journale sind Volk, und das Volk ringt um sein Bestehen, das Volk, das turmhoch über ihnen steht und sie deswegen mitreißt, willenlos wie die Kiesel der Bach, wie der Schnee der Lawine den Schnee – ich aber, ich stehe über dem Volk!‹

Tschingta – bumta! Tsching – vor den offenen Fenstern marschieren Truppen vorbei, schwitzend, staubig, braungebrannt, das Volk nebenher, jubelnd, lärmend, hingerissen, mitgerissen.

Und als der Zug vorbei war – nur ein Rest von Zivilisation und meine kühle Beherrschung der exaltierten Eigentöner hinderte sie, mit Hurra! über mich herzufallen; schon in drei Tagen werden sie in feldgrauen Jacken über die Grenze fahren, mitgerissen, willenlos – oder sie werden, es wird die Mehrzahl sein, zu Hause sitzen und Lieder dichten voll Sturm und Freiheitsdrang, bis der Friede wieder durch die Lande geht und sie wieder Persönlichkeiten sein können, Schillerhemden und markante Eigentöner.«

Ich nehme diese Stelle aus dem Tagebuch nicht eines im Stadium des Größenwahns befindlichen Paralytikers, sondern aus dem eines ausgekniffenen commis voyageur, der, wie es scheint, mit derartigen knabenhaften Sophismen und Radamontagen sein patriotisches Gewissen zu beruhigen suchte; ich teile sie mit als Beitrag zur Lösung des Problems ›Kunst‹, denn der eigenartige Schwung des Ausdrucks, der nicht nur an dieser Stelle des Tagebuches herausklingt, vereinigt mit einer verblüffenden Puerilität des Gedankenganges, zeigt, daß wie alle seelischen Nöte auch die primitive Angst die poetische Ader lösen kann.

Die Person, die sich mittellos im Lande umhertrieb, ist inzwischen verhaftet und den zuständigen Gerichten zugeführt worden und sieht in diesen Tagen ihrer Verurteilung bzw. ihrer Bestrafung entgegen.

2
Im Nebel

Das ist kein rechter Nebel, sondern das Dorf liegt mitten in den Wolken, mitten, tief vergraben in den weißen Wolken – drei Häuser siehst du weit. Aus dem Norden, aus dem Tal der Reuß quollen sie hoch, ein bleigrauer, kompakter Knäuel tief im Tal, von dem reißend, pfeilgeschwind weiße Fetzen herüberflogen, den Kirchturm umflatterten, die Häuser umstoben und weiter hasteten, die Reuß hinauf, den Gotthard hinan, bis der Knäuel ihnen selber folgte, schwer, wuchtig, niedrig hängend, über die Zäune schleifend, eine weiße undurchdringliche Wand; nun liegt er über dem Dorf und hat den Turm und die Höhen verdeckt, es ist totenstill, und nur der Regen fällt eintönig auf Dach und Baum.

Und da es kalt ist, kalt und trüb wie im Norden der November, und da ich hier festgehalten bin und warten muß, bis du kommst, sitze ich am Klavier und klimpere ein dummes nordisches Lied, immerfort, immer dasselbe dumme arme Lied.

Ich werde nie wieder den Norden sehen, nie wieder das Meer und die Ebenen, durch deren satte Ruhe und Weiten und Herbste meine Sehnsucht fliegt. Stelle dich auf den Kopf, meine Seele, denn die Berge fallen auf dich, und in den Schluchten und Tälern drückt dich der Nebel tot.

Aber in der bastumwickelten Flasche glüht der Wein.

»Wir sind reife Menschen, lassen Sie uns offen sein.«

Da wende ich mich ihr zu, die ich vor einigen Tagen oben auf einer törichten Gratkletterei kennenlernte und mit der ich mich nun – hin- und hergerissen – durch die Stunden ziehe. Sie ist blond und schlank, und ihr Mann führt heute irgendein englisches Schiff – an der schottischen Küste, im Ärmelkanal –, wir wissen es nicht.

»Daß unsere Länder den Krieg führen – was kümmert uns der Krieg und unser Land –, ich liebe Sie, und Sie lachen mich aus. Vielleicht lachen Sie mich nicht aus, jedenfalls ist Ihnen meine Liebe so gleichgültig wie – nun, wie irgendwas; und wenn sie Ihnen nicht gleichgültig ist – ach! zucken Sie die Achseln und klimpern Sie Ihr Lied. Bitte, winde dich nicht heraus; es ist doch so wahr, es ist doch so gleichgültig, es ist doch alles egal. Ich wollte dir nur sagen – wie soll man es sagen? Sieh dir den Nebel an, den Regen – das ganze Leben Nebel und Regen und müde und totenstill – das drückt uns wieder langsam, unaufhaltsam in die Erde zurück. Sie warten auf eine andere – gib acht, in zwei Jahren bist du so weit wie ich – laß es gut sein, betrinke dich.«

3
Das Gitterwerk

Es ist Nacht, und die durchbrochenen Fensterläden werfen ein bläulich-helles Gitterwerk über die Wände, zwischen denen ich nun fast einen Monat festgehalten bin, bläulich hell, denn die Wände sind weiß, und es sind die elektrischen Lichter des Bahnhofes, die ihre Strahlen gegen mein Fenster werfen, und festgehalten bin ich, denn es brandet um dieses Land der Krieg, und ich lasse niemanden Herr über mich sein, ich bleibe zurück, ich stelle mich nicht, ich sehe zu, gelassen, ein Feigling und Refraktär. Doch damit habe ich mich abgefunden, ich stehe über mir und meinem Verhältnis zum Staat – dieser Zusammenrottung der Mittelmäßigkeit, die zum ungeheuren Raubtier ward –, ich stehe über ihm und erst recht über euch und über eurer Meinung über meine Meinung. Es ist etwas anderes, das mich ruhlos macht und drei wache Nächte ruhlos machte, ich habe mich verloren an dich und traue mir nicht mehr; eine Ecke meiner Seele tat sich auf und ließ mich in einen Abgrund in mir stürzen, in den Abgrund des Gefühls und der weichen Sehnsucht, immer wieder gestreichelt und Stunde um Stunde in Schlaf gelullt zu werden; meiner harten Einsamkeit ward ich müde, und meine Reinheit und mein Stolz flatterten über die Berge davon, und kopfüber purzele ich in einen Abgrund von Sammet und Blut.

Kennst du diesen Abgrund und purpurnen Strudel? Das ist es ja, daß ihn jeder kennt, daß jeder diesen begierdebrüllenden Schlund der Gattung in sich trägt – verbräme ihn dir nicht mit Seelenfreundschaft und ähnlichem Lügenfirlefanz – die Brunst!

Oho! Es ist die Welt, es ist die Masse, der Mensch, der seinen Angelhaken in dich schlägt, in deine Furcht vor der Einsamkeit – denn du kannst sie nicht mehr ertragen –, in deine grandiose schneeige Verlassenheit; und der Angelhaken, den er in deine blutige Angst schlägt und mit dem er dich wieder fangen will wie einen störrischen Stier, ist die viehische Gier, und der Köder ist der Trost und die Zweisamkeit und das innige Verstehen. Und die Angel sitzt, und der Widerhaken schmerzt, dein Herz flattert in einem feinen Gitterwerk – du willst dem Kitsch fluchen, der sich Leben heißt? Ach der Desperadofluch! Du willst dich betrinken? Du Narr, betrinke dich, aber es fehlt dir Weib und Wein.

Vor meinem Fenster stapft eine Schildwache auf und ab, das kurze Bajonett glänzt bläulich und lockend – ich möchte mich aus meinem Fenster geradewegs auf diese blaue Spitze werfen.

4
Der nächste Tag

Meine Seele ist ruhelos wie noch nie, und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie in völliger Apathie versinkt und verfließt. Ich empfand keine Nötigung in mir, mich einer verfehlten Politik zu opfern, denn dieser Krieg war unnötig, weil er zwecklos ist, der Osten ist der Feind, und zersplittert sich Europa, so gewinnt der Osten, ich aber bin Europäer, aber meine Sehnsucht flackert nach dir, sie stieg von den Bergen und Firnen herab in die Täler der Wärme und Menschlichkeit; aber mein Leben hängt nur noch am Faden, und deines verstreut sich und verhungert nach mir, und mich umlauert Gefängnis und Not, und in der Ferne, wer weiß, in nicht allzu weiter Ferne, liegt der Abschied aus dieser Welt, die ich noch nicht einmal halb erobert zurücklasse.

Es ist kalt, von den blaugrünen Höhen stößt ein böiger Wind, von den arktisch öden Kuppeln des Granits fällt er herab und fährt pfeifend über die Dächer und heult klagend in den Kaminen und an den zitternden Drähten, denn dieser Stern ist toll geworden und vergießt nutzlos sein edelstes Blut, Krämer warden seine Herrn und lassen aus Krämersorge und Krämerneid Blut in Strömen verrinnen und hocken zu Hause in ihren Höhlen und rechnen und rechnen und nehmen mir meine Welt und rauben dich mir; aber nicht eher will ich zurück in meine kalte, strahlende Einsamkeit, bis ich einen Anker geworfen habe im Tal und ein Lager gebaut habe, zu dem ich niedersteigen und flüchten kann, wenn um mich Stille und Verlassenheit zu grinsenden Fratzen werden, die mich ersticken wollen mit ihren Sphinxtatzen und aufspießen mit ihren verglasten Augen aus Eis und Schnee.

Aber die Not umbrandet mich, der Krieg schlang heulend seine Arme um dieses Land, und ich weiß nicht mehr aus noch ein.

5
Das Ende

Weiße Mauern, ich weiß nicht, wieviel Meter im Geviert, und durch ein schräges vergittertes Fenster fällt das Licht. Draußen siegen sie, Sieg auf Sieg, und der Pöbel wird wild, doch du bist tot. Nur wenige Stunden trennten dich von mir, da gab ich dir den Tod durch meine Verhaftung, man hat mich als Deserteur gefaßt. Nun rollte der Anker in eine Tiefe, die keinen Grund hat, durch schäumende Wasser stürzte er mit dir in den Abgrund der Welt, in den Grund des Seins. Die Welt, das Laute, Törichte, das was oben ist, die wahnwitzige Oberfläche brach uns entzwei, aber ich werde dich zu finden wissen, ich jage dir nach durch alle Tiefen und Schluchten des Unwirklichen, und im Nicht-mehr-Seienden werde ich dich ergreifen, fangen werde ich dich und dich nicht mehr von mir lassen, und lachen werden wir der törichten Welt, dieses Schimmelüberzugs eines toll gewordenen Planeten, der sich das Einzig-Seiende wähnt.

Diese Zeilen fand man in seiner Zelle vor, er selbst hatte sich den Kopf an den Gefängnismauern zerschellt; und die er finden wollte – er wird sie nicht wiederfinden, der Narr.

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