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Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
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Capriccio

1
Im Winter

Als er nun um die Waldecke bog – Sie wissen, des kleinen Kiefernwaldes, an dessen Südrand das weiße Landhaus liegt –, sprang mit einem Male ungehindert aus dem Osten die Kälte auf ihn und schlug ihre Spitzzähne schneidend in seine Haut. Er aber preßte nur entschlossener die Mandoline an sich und stapfte seines Weges fort und sah dabei mit großen Augen auf den Mond, der hing rund und mächtig und wie eine gelbrote Papierlaterne, deren Licht nicht mehr lange brennen wird, dicht über dem Horizont, und stapfte seines Weges fort, bis er vor dem weißen Hause stand. Dort trat er unter das eine erhellte Fenster und zog seine Mandoline hervor, hob die Augen hoch und begann in einem dünnen Geklimper eine Serenade zu spielen – mit steifgefrorenen Fingern, in einem unsäglich dünnen Geklimper; bedenken Sie: in der dünnen, eisigen Luft und bei dem tobenden Wind, der ihm gegenüber im Walde heulte wie das obligate Rudel hungriger Wölfe.

Nun aber hatte ihr Mann sie – denn sie waren jung verheiratet – ausgelacht und war mit den Worten »Du bist ja zu feige, die Ehe zu brechen«, in die Karpaten gefahren, um dort einem Bären das Lebenslicht auszublasen; während sie sogleich einem milchbärtigen Verehrer geschrieben hatte, er dürfe in fünf Tagen bei ihr sein, puntuale drei Stunden vor Mitternacht, denn um Mitternacht käme ihr Mann aus den Karpaten, »vorher aber müssen Sie unter meinem Fenster auf Ihrem mandolino spielen – eine Serenade, mein Lieber.«

Und in dem warmen Zimmer fließt und fließt die Zeit, und das Ticktack-Ticktack einer Uhr zerschlägt sie kokett Stück um Stück, während das entzückende bambino von Herrin dieses verschlafenen Hauses auf einer blauseidenen Ottomane den Niels Lyhne liest; und sie liest ihn Satz um Satz und in langen Pausen, um die verzehrende Süßigkeit und die hoffnungslose Trauer dieser trunkenen Worte ganz austrinken zu können und in sich ganz ausklingen zu lassen. Denn – Sie erlassen es mir, psychologische Feinheiten durch plump zutapsende Wissenschaftlichkeiten oder pretenziöse Aphoristik zu zerstören –: »ich tu's, ich tu es nicht – o wie verzehrend süß sind diese weißen Kirschblütengirlanden und blühenden Schwibbogen – und der hohle tobende Wind, und er spielt – eine Serenade – wie dünn! O Gott, wie dünn in dem hohlen Frost!«

Sie läßt sich also Zeit und fühlt, wie er unter ihrem Fenster friert und wartet und wieder mit toten Fingern frierende Töne aus seinem mandolino holt, und sie kauert sich hierüber und über den wollüstigen Genuß ihrer Feigheit in einer prickelnden Freude zusammen und preßt sich, der ganzen Situation hell bewußt und sich selber genießend, tief in die Ottomane, derart, daß sie als eine weiße, warme Kugel auf dem kalten, blauen Tuch zu liegen scheint.

Dann aber, plötzlich springt sie hoch und tritt hastig zu einem bronzenen Faun und wickelt in das Tuch, mit dem der Fuß dieser kleinen Statue kunstvoll drapiert war, einen Schlüssel und öffnet das Fenster und wirft mit einer heftigen Gebärde das unförmige kostbare Knäuel in den Schnee. Dann kauert sie sich wieder wie eine weiße Kugel in ihr blaues Tuch.

Geben Sie mir eine Zigarette, meine Gnädige, Sie sehen, diese Geschichte will in Unterbrechungen erzählt werden. Denn wie sie die Schritte des Heraufsteigenden näher kommen hört, wartet sie eine kleine Weile und hält sich die Ohren zu und schließt die Augen – drei Sekundenschläge, meine Gnädige, dauerte dieses Augenschließen –, dann fliegt sie hoch und verschließt die Tür, aber – sie bleibt dicht an der verschlossenen Türe stehen und merkt nicht die Kälte, die immer kompakter durch das offen stehengebliebene Fenster in das Zimmer strömt, und läßt sein Flüstern und seine Bitten über sich ergehen wie einen schweren Rausch und – lächelt teuflisch dazu.

»Ich kann nicht aufmachen, ich stehe hier – ganz nackt – was denken Sie denn!«

Meine verehrten Zuhörer, es ist unnötig, Ihnen zu sagen, daß die Tür niemals geöffnet wurde, und auch der Rest dieser Geschichte interessiert uns nicht; denn es ist gleichgültig, ob der heimkehrende Eheherr, der in den Karpaten einen Bock oder Bären erlegt hatte, entrüstet auch hier einen Bären oder Bock zur Strecke brachte – Sie haben gewiß den sprachlichen Scherz bemerkt? –, oder ob der Mandolinenspieler rechtzeitig gewarnt mit bitterbösem Gesicht dieses Haus seines Mißlingens verließ und an einen hochgehenden Strom ging, der rauschend sein Grundeis zu Tale trug. Es kam mir nur darauf an, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß die Angiolina, denn so hieß die entzückende Ehebrecherin, in der Stunde ihres Ehebruchs gerade den Niels Lyhne las –. Zwar eine andere società, der ich ebenfalls diese Geschichte erzählte, argwöhnte, der Clou meiner Erzählung läge in dem teuflischen Lächeln, mit dem die Angiolina ihren schweren Rausch über sich ergehen ließ; im übrigen: Ho l'onore di riverirla.

2
Im Regen

Und damals, in dem langen Regen, geschah eine andere Geschichte. Sie wissen, wie das unsere Glieder hohl und bleiern macht, und uns am Ende einsargen will, wenn wochenlang die Kastanienblätter ihre Finger hängen lassen und es in einem ewigen Getröpfel bis tief nach Mitternacht von den Dächern tropft; kurz vor Sonnenaufgang geschieht dann eine Pause im Regen, er kann nicht mehr, und die Drosseln mögen eine Weile flöten, aber wenn der erste Briefträger gekommen ist, gießt es wieder los, und die Tauben und Spatzen ziehen die Köpfe ein. In den ersten Tagen ballt man die Hände, dann läßt man es geschehen und läßt sich treiben, trostlos, mutlos, ganz willenlos und vergißt über dem endlosen Getröpfel, daß über der weißgrauen Decke eigentlich ein blauer Himmel hängt. Und nun werden Sie meine Geschichte verstehen.

Als er sie nun endlich durch seine Gleichgültigkeit dahin gebracht hatte, daß sie ihn zu sich bestellte – nachmittags um drei, wenn mein Mann im Café ist –, hatte man sich schon mit diesem Regen abgefunden; aber trotzdem – Sie verstehen nun dieses trotzdem – ging er zu ihr und fand sie auf ihrem Diwan liegend, dreißigjährig und in einer trägen Nacktheit – wozu auch die Präliminarien! sie hätten heute alles vereitelt.

»Aber dieser Geruch! Ich fuhr bis an Ihre Tür, aber dieser Geruch, er liegt in der Luft, dieser Geruch! faul, stickend, dieser entsetzliche Regengeruch!«

Dann küßte er sie, flüchtig, irgendwohin auf ihren Leib, den sie ihm träge und in einer wollüstigen Apathie darbot.

Dann zog er seinen Rock aus, hängte ihn bedachtsam über einen Stuhl und stapfte, richtig stapfte, ans Fenster und sah hinaus:

»Dieser Regen – dieser Regen.«

Aber Sie müssen ihn hören, das tripp-trapp aus den Rinnen und Von-den-Dächern-Tröpfeln, wochenlang müssen Sie ihm zugehört haben, um den Blick des Mannes zu begreifen, mit dem er sich wieder umwendet und auf den Leib sieht, der sich ihm immer noch darbietet, faul und träge und in einer wollüstigen Apathie und blinkend wie eine Regenlache oder ein nasses Schieferdach, und werden es dann auch verstehen, daß er, wie man so sagt, ohne die Treue gebrochen zu haben, in die bequemeren Arme seiner Frau zurückkehrte.

Das ist gewiß eine affektiert andeutende und graziöse Art, eine lange Geschichte zu erzählen; aber wie könnte man eine Geschichte, die kurz erzählt werden muß und die locken will, so erzählen, daß sie nicht den Anstrich des Koketten bekäme, wegen dessen man sie letzten Grundes ja überhaupt erzählt?

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