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Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
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Das Duell

Da es Sommer werden wollte, hatte er seinen Mantel, sein letztes Verkaufbares, verkauft, und nun stach ihn die Nacht mit tausend feinen Nadeln in die Hand und ließ ihn durch das dünne, prickelnde Dunkel in einem seltsam stelzbeinigen Gange weitereilen. Und da der Wind aus dem Osten durch die Straßen blies, zwar nicht schwer und metallen, wie er im Winter weht, aber mit einer schweigenden, boshaft tastenden Ironie, gelangte er immer weiter in den nun ganz menschenleer werdenden Nordteil der Stadt – dieses mitleidlos steinernen Kraken, der sich an den Ufern der Seine hingelagert hat und seinen Atem in die Nacht brausen läßt: Not, Brot und Brunst, wir sind die Welt! – Und während ihn bei dem stundenlangen Gehen auf den sechzig Grad schiefen Absätzen seiner dünnen Schuhe die Waden zu schmerzen begannen und während er gedachte: Oh! verflucht! verflucht! ward er sich klar, daß ihn jemand verfolge; blieb er stehen, so schwiegen die tapsenden Schritte hinter ihm, und bog er aus den windstillen Straßen, aus den Straßen, in denen der Wind nur wie ein dünnes Schneegestöber sein Prickeln von oben auf ihn niederstreute, so daß er sich dicht an die Häuser duckte, in eine Querstraße ein und stemmte sich dort dem fegenden Prickeln und Brennen der Nacht entgegen, richtig: so folgte er ihm und, wie es schien, in dem gleichen frierenden, seltsam stelzbeinigen Gang. Schließlich wandte er sich um und traf seinen Verfolger, der an einer Ecke stehengeblieben war und ebenfalls die Hände in den Taschen einen Bilderladen betrachtete.

»Ah! Du!«

Und das war ein junger, noch hübscher Bengel, etwas verkommen, etwas leidend, und, wie man annehmen durfte, mit den gleichen sechzig Grad schiefen Absätzen, auf denen er schon seit Wochen durch die Straßen lief; der zog mit einer müden, chevaleresken, doch etwas ängstlichen und dadurch unendlich liebenswürdigen Verbeugung seinen Hut und sagte, während er den anderen mit dem Stock für einen Augenblick leise gegen die Brust stieß:

»Es wird Sie höchlichst verwundern – ah, was soll das zwischen uns! Sie müssen mit mir fechten; ich kann nicht fort von hier, als bis Sie mir diesen Wunsch erfüllen. Fechten Sie mit mir, wenn Sie mich vor mir retten wollen.«

Und da der nur einen Blick überlegenen Spottes über ihn herabfallen ließ, stieß er ihn wieder leise mit dem Stock gegen die Brust und fuhr fort, mit seiner durchdringlichen Knabenstimme auf ihn einzureden:

»Sie haben gewiß recht. Ich habe mit meinen roten Apfelbacken und meiner faden Dummenjungenmelancholie Ihnen ein Weib geraubt und noch schlimmer, ich habe Ihr Vermögen, das Sie an Marion verschwendeten, bis auf den letzten Heller in meine Tasche gesteckt und dann an Ihre Freunde verspielt. Aber sie mag mich nicht mehr, sie hat mich eben nie gemocht, sie hat nur aus einem ohnmächtigen Haß auf Sie, weil sie Sie mit einer fanatischen Anbetung liebte und sich dieser Liebe schämte – ich bitte Sie, lachen Sie nicht, denn so etwas muß es gewesen sein –, Sie vernichten wollen, und ich war ihr Werkzeug, ihr Werktier dazu und bekam nichts als mein Futter. Nun hat sie es erreicht, Sie laufen frierend durch die Straßen und können sie nicht mehr mit Ihrer Großmut peitschen, und ein Werkzeug, das man gebraucht hat und verbraucht hat –. Und daß ich das war und es durchschaute und es dennoch blieb, es blieb des armseligen, süßen Futters wegen – verachten Sie mich nicht, lassen Sie diesen Teufel wenigstens nicht zwei zugrunde richten, lassen Sie uns zusammenhalten, lassen Sie sie doch wenigstens nur ein Opfer haben, fechten Sie mit mir, und geben Sie mir dadurch meine Scham vor mir und eine Lebensmöglichkeit zurück! Sie sind sich zu gut, Sie sind vielleicht zu müde oder zu misanthrop, ein Leben zu retten? Oder sind Sie so kleinlich und rächen sich auf diese Weise an mir? Nein, nein, verachten Sie mich nicht! So rächen Sie sich doch lieber an ihr. Vielleicht hat sie mich doch geliebt, vielleicht liebt sie mich noch, gewiß, sie liebt mich noch.«

Aber da er immer noch schwieg und sich dann mit einem Kopfschütteln von ihm wenden wollte, schlug er ihn jäh ins Gesicht; ängstlich, aber gerade die Angst gab dem Schlag eine Kraft, daß der andere zur Seite taumelte und sich dann mit gehobenem Stock auf ihn stürzte; als er aber sah, wie er sich duckte und den Arm abwehrend über den eingezogenen Kopf hob, ließ er von ihm.

»Kommen Sie mir nach.«

»Nein, gehen wir zu mir, ich habe Waffen zu Hause und«, mit einem Versuch zu scherzen, »wenn Sie wollen, die schweren Schlagprügel der Deutschen. Und«, nun mit einem krampfhaften Auflachen, »Zeugen brauchen wir wohl nicht.«

Dann gingen sie zurück in die Stadt; zuerst einer hinter dem anderen, aber der Jüngere holte den langsam vor ihm Hergehenden bald ein, und so stapften sie miteinander durch die Nacht, den Stock unter dem Arm und die Hände in den Taschen ihrer abgeschabten Röcke, beide in einem frierenden, seltsam stelzbeinigen Gang.

»Sehen Sie«, begann nach einer Weile der ältere, »die Sterne haben sich verkrochen und lassen einen silbernen Schleier unter sich fallen, und eine Brücke bauen sie unter sich, eine Hängebrücke von weißen Wolken, geradewegs über den Zenith eine Wogenwolkenbrücke, eine geschwungene Silberwolkenleiter. Wissen Sie, ich wandere auf ihr, das Gewehr geschultert, mit weitem hallenden Schritt und in den Gliedern den schütternden Frost.

So wandere ich nun, und wenn ich zähle, so zähle ich: es fehlt nicht viel an dreißig Jahren – was sind wir nur? Sind wir nicht Wolkensteiger mit dem ewig haftenden Blick in die Tiefe, trotz der Erkenntnis der nie zu überbrückenden Entfernung bis zu dieser Tiefe? Wir sehen Farben, und seltsame Klänge dringen zu uns, und wir wissen doch, daß wir nie zu den Dingen, zu den spöttischen Malern und Sirenen-Müttern, gelangen, von denen jene zu uns kommen. Warum können wir nicht zu ihnen stürzen, warum können wir nicht auf unserer Wolkenleiter wandern, ohne zu ihnen hinabsehen zu müssen voll kindlich-weiser, voll kindlich-törichter Sehnsucht? Und warum wandern wir allein? Es gibt so viele Wolkenleitern, hohe und niedrige und solche, auf denen das Blut zu kristallenen Nadeln gefriert; aber sie sind einander fremd und laufen alle nach verschiedenen Winden; sie kreuzen sich wohl, und wenn ihre Wanderer sich begegnen, so sehen sie sich wohl groß und mit einem traurigen Lächeln an, und sie grüßen sich, aber sie verstehen einander nicht und gehen ihre Straße weiter, allein und nie verstanden. Und sollten sie sich und ihre Schatten, denn auch ihre Schatten wandern auf ihnen ewig und ernst, auch die Hand reichen und auf dem schmalen Punkte stehenbleiben und ihre Glieder schmerzlich süß umeinander schlingen – sie kennen sich nicht und erkennen sich nicht, sie bleiben zwei Welten mit undurchdringlichen Grenzmauern und reichen sich die Hände wieder und gehen ihre Straße fort, allein und nie verstanden –. Hallo! die Leiter bricht, und der Morgen braust! Aber wir werden sentimental, und es ist auch wohl zu kalt zum Reden, eine verfluchte Nacht! Sehen Sie, die Sprossen der zerbrochenen Leiter – denn die Morgenkälte knickte sie wie Glas – sind herabgefallen und liegen leuchtend wie aufgehäufter Silberschutt am Horizont. Aber die Nacht formt sich einen Fächer daraus und hebt ihn und hält ihn abwehrend gegen die gelben und braunen Bänke, die langsam aus dem Osten klettern. Dunkler wird sie und drohend leuchtender und wölbt sich noch einmal über uns in ihrer verführerischen Majestät: bleiben wir in ihr, halten wir uns an sie und flüchten mit ihr blindlings in rauschende maestosos sostenutos? Den letzten Schleier zieht sie fort von den uralten Nägeln, die wir in sie geschlagen, den letzten Wolkenschimmer streift sie fort von ihrem Samt und ihren schwarzen Sammetfransen, und tiefer hängt sie ihre leuchtende Mondampel, aber stärker und sonnenbrauner wird der junge Tag, den Silberfächer reißt er aus ihrer steifgefrorenen Hand und wischt sie fort wie einen heiligen Spuk. Die Elfenbeinrippen seiner zärtlichen Waffe färbt er rosenrot, Hörner und Zungen und drohende Papageienschnäbel schießen aus ihr hervor und stechen in die kopflos flüchtende Nacht, bis in einer stolzen Kugel rötlichen Goldes der Tag – zum Kuckuck! Sie machen mich sentimental und lassen mich Lyrismen produzieren; aber wir sind angelangt, voilà, gehen Sie vor.«

Dann gingen sie eine Stiege hoch, in der noch der Geruch geschmorter Zwiebeln vom Abend her hängengeblieben war, und traten in sein Zimmer, ein mittelgroßes, etwas muffiges Gemach, wie man es an ›bessere Herren‹ zu vermieten pflegt und das ein verblichener Glanz von Seidenmöbeln und allerhand Tändeleien und Familienerinnerungsfirlefanz, der an den Wänden und auf den Schränken sich verstauben ließ, nur noch muffiger aussehen machte; durch zwei niedrige Fenster fiel das gelbliche Licht des Morgens, und einige Floretts und Korbdegen standen in einer Ecke neben einer mit Leder überzogenen Holzpuppe, einem Phantom, wie man diese augenlosen Puppen nennt, an denen man seine Fechtkünste zu vervollkommnen sucht.

»Ich habe noch einen Rest Burgunder, von dem ich einmal mit Ihrer Marion zechte. Trinken wir?«

Der aber zog schweigend Rock, Weste und Hemd aus, wählte fröstelnd einen der schweren Säbel und stellte sich in die Mitte des Zimmers, das Fenster im Rücken. Und der jüngere folgte ihm ganz ruhig und sachlich, aber mit einer Angst, die ihm hörbar bis an die Kehle schlug, und stellte sich ihm gegenüber.

»Ich schlage Brusthiebe, mein Freund, sehen Sie sich vor.«

Im zweiten Gange zog sich durch die Brust des jüngeren ein schmaler roter Strich, der sich plötzlich zu einem handbreit klaffenden, gelblich-roten Spalt öffnete.

»Weiter.«

Im nächsten Gang fuhr der Säbel in denselben Spalt, durchschlug die Rippen und brach in die Lunge – nach einigen Minuten verschied er, nachdem er noch vorher mit einer letzten Bewegung nach einem Schrankladen gedeutet hatte. In dem lagen sorglich nebeneinander gefügt Scheine und Louisdors und ein Zettel dabei: »Von Marion. «Er überzählte die Summe, und sie mochte ungefähr das Vermögen betragen, das er an Marion vergeudet hatte.

»Armer Teufel, wie kann man so sentimental sein.«

Er nahm das Geld zu sich, weckte den Hausherrn, denn es war noch immer früh am Morgen, und verließ dann das Haus, um mit einem etwas pomphaften Schreiben sein wiedererlangtes Vermögen dem städtischen Armenpfleger zu übersenden; nun würde der Klatsch schon das Weitere tun; darauf stellte er sich dem Gericht. Und als er nach dem Urteilsspruch, der ihn mit einer leichten Freiheitsstrafe belegte, seine Wohnung aufsuchte, lag dort weiß und duftend und in einem köstlichen Spitzenhemd in seinem Bette Marion; und man erzählt sich – denn diese Geschichte ist wirklich passiert –, daß diese Marion noch jahrelang – solange ein Weib Geliebte sein kann – die einzige Geliebte dieses Mannes war und darauf in einem Kloster ein gottseliges Ende nahm.

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