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Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
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Der Teufelszwirn

»Vor einigen Wochen beklagtest du dich, liebe Felizitas, über meine ironische Kälte, die mich auch in den Momenten der weißen Seligkeit nicht verläßt, und nun schreibst du deiner Mutter, du wärest ernüchtert, wie noch nie eine Frau ernüchtert wurde. Ich werde mich hierhersetzen, und magst du zuhören, so will ich dir eine Geschichte erzählen – vom Teufelszwirn, nun ja, vom Teufelszwirn.

Wenn du wie heute, wo der Wald und der gebeugte Roggen vom Regen dampft und der blaugraue Dampf schwer in den reingefegten Himmel steigt, wenn du dann hinausblickst und nicht mit neidischem Ohr dem Geflüster der Mägde folgst und dem schwer zu Bezeichnenden, das man nicht sieht und nicht hört, das aber in der Luft liegt, drückend und lockend, wenn du auf das alles nicht achtest, sondern mit der kindlich grollenden Bitterkeit der Unbefriedigten in den Abend blickst, ziellos und ohne etwas hören oder sehen zu wollen, so wirst du sogleich auf dem Kleefeld draußen schwefelgelbe Flecke liegen und von den Weiden am Bach bleiche, zerfetzte Tücher herabhängen sehen – das ist der Teufelszwirn; ich habe dir drüben in der Heide und an den Thymianbüscheln seine Saugnäpfe gezeigt und dir erzählt, wie er in seiner Jugend gleich einem Wurm über den Boden kriecht, bis er seine Beute gefaßt hat und in ihr grünes Fett seine Zähne schlägt. Und nun –?«

»Nun wird man mir ein kitschiges Symbolum servieren, vom Rätsel des Lebens und seiner ewigen Fragwürdigkeit, die über dich gefallen ist und deine Seele würgt, und was noch sonst – du lieber Gott, verschone mich.«

»Meinte ich es so, dann dürftest du meine billige Symbolik gewiß als Kitsch bezeichnen; ganz abgesehen davon, daß wenigstens in unserem Falle dieses Bild nicht zutreffen würde; denn wir beide glauben nicht mehr, daß erkenntnistheoretische Nöte jemals ein Leben zerstören könnten, im Gegenteil, wir meinen, diese Nöte sind nur die sichtbaren und feinsten Äußerungen eines schon kranken Lebens oder die Höhepunkte und spielerischen Unnützlichkeiten eines strotzend gesunden. Aber was soll das nun noch, lassen wir die Geschichte. Aber sieh, wie teufelsgelb diese Flecke leuchten; wir müssen Eisenvitriol über sie gießen lassen, sonst haben sie in drei Wochen das ganze Feld gefressen.«

»Ich weiß es wohl, dieser Teufelszwirn und zähe Seide, die deine Seele frißt, bin ich; nur daß ich nicht deine Seele dir raube, sondern nur eine klägliche Freiheit dir nehme; doch geh, du bist schon lange frei.«

»Und wie unsere Cuscuta, wenn sie die eine Kleestaude gefressen, sich auf die andere wirft, wie ihr doch alles aus eurem einen Instinkte heraus beurteilt!«

»Gott ja, aber wir haben recht.«

»Wie man eben immer recht hat, wenn man einseitig konsequent ist; man kann die Dinge ja so biegen, man kann ja alles, was man will, aber sieh nur, ich werde dir doch die Geschichte erzählen; die Geschichte von dem, der ein Meerweib haben wollte. Kennst du die Geschichte?

›Ja, ein Meerweib möcht' ich haben. Grün ist ihr Haar und flutet wie der Tang, blau sind ihre Augen wie die See, rank und schlank sind ihre Glieder und voller Kraft, und ihr Sehnen geht dahin, einen Felsen zu finden, an dem sie zerbricht und zerschellt. Sie denkt nicht, sie grübelt nicht, sie redet nicht, sie schreibt keine Bücher und macht keine Konversation – sie sucht den Felsen, an dem sie zerschellt. Wie sie ihn mit ihren Armen umschlingt, ihr Haar ihn überflutet und ihr schillernder Leib sich an ihn krallt, sich über ihn wirft, und wie sie stöhnt und lacht! Zerschellt fällt sie an ihm herab und umschäumt und umkost, umschmeichelt und umlockt seinen störrigen Fuß. Sie umschmeichelt und umlockt ihn Tag und Nacht, bis er zerfällt und in ihre weichen Arme sinkt. So ein Meerweib möcht' ich haben, so ein Felsen möcht' ich sein.‹

Und wie er das Weib gefunden hatte und wie er es als den feinsten Rausch erkannte, ein Ding zu sein, das einem anderen gehört, genoß er sich, der jetzt nur noch ein Spielzeug war, das ein Weib Tag und Nacht nicht aus den Händen ließ, bis sie es eines Tages in- und auswendig kannte, bis sie sich bewußt war, daß es ihr Spielzeug war und nichts weiter und ihr nichts Neues mehr sagen konnte, bis die Welle den Felsen zermürbt hatte und er weich in ihrem Schoße lag und sie dann ausging, einen anderen zu suchen, an dem sie wollüstig zerschellte und den sie wieder zerreiben und in sich begraben konnte.«

Und als sie schwieg und ihn halb müde, halb verächtlich und schon halb wieder überwunden ansah, fuhr er fort:

»Dieser Vergleich mit der Welle – doch dieser Vergleich paßt nicht ganz. Und der der Galläpfel, wie wir sie rot und kugelig auf der Eiche fanden, und der der purpurnen Weidengallen, die, du weißt ja, entstehen, wenn ein Insekt zugleich mit dem Ei einen Zaubertropfen in das Blatt sticht, der die Befallenen so lange in einem auserwählt weichen Fleisch wuchern läßt, bis daß es der fettgewordenen Made beliebt, ihre Nahrungshöhle zu verlassen, trifft es schon eher, aber auch der Teufelszwirn, oder die Cuscuta europaea, die wir den Würger nennen, zielt nur auf eine Seite.

Du mußt dir denken, liebe Felizitas, der Klee liebe die von seinen Säften schmarotzende Cuscuta und hätte sie an sich gelockt, der Himmel mag wissen, aus welcher Notwendigkeit; vielleicht wollte er nur den Rausch, den der Mann des Wellenweibes wollte; und nun führe er der Wählerischen seine ausgegorensten Reichtümer vor, der Reihe nach, aus Furcht, sie möchte, wenn er sie nur von einer Speise nähre, alsobald seiner überdrüssig werden und über seinen Nachbarn herfallen. So greift er Tag um Tag tiefer in seine Schatzkammer, er macht alles zu Golde und verliert darüber Stolz und Scham, bis er sich ausgepumpt hat und sie den über Nacht langweilig und welk Gewordenen verläßt und sich weich und geschmeidig über den nächsten wirft. Denn, liebe Felizitas, ich habe mich dir prostituiert, mehr als die Dirne sich einem Manne fortwirft, denn sie gibt nur ihren Leib. Aber ich ward aus Wahnsinn und Liebe zu dir ein Proteus an seelischer Verwandlungsfähigkeit; ich hatte es erfahren und fürchten gelernt, daß ihr wie die Wellen seid, die immer einen neuen Felsen in uns suchen und sehen wollen, den sie überwinden und überkosen können; darum preßte ich bald die Überbleibsel eines jugendlich blauen Idealismus, wie ihr diese philiströsen Ambitionen nach dem ›Wahren, Guten und Schönen‹ nennt, aus mir hervor, damit du sie mit deinem Hohn und deiner zynischen Wollust zerbröckeltest, bald raffte ich aus den Ecken meines Leibes zusammen, was in mir an Wissenschaftlichkeit und Skepsis steckte, damit du in einem lyrischen Gesäusel blauer Romantikblumen über mich spültest, dann blähte ich meinen Fond an Stoizismus zu einer römischen Toga auf, auf daß du sie mit der gleichen römischen Würde von mir nähmest, dann spielte ich den Ungetreuen, um in deiner Eifersucht deine Liebe zu genießen, und wurde eifersüchtig, um dich untreu zu machen und dich dann durch meine Gleichgültigkeit zu zwingen, reuevoll und liebend wieder über mich zu stürzen, ich ward hier Bauer, damit du mich mit dem Raffinement der drei Metropolen umgaukeln konntest, ich war Christ, damit du als Atheistin mich besiegen, und war Mystiker, damit du als die schalste, fadeste Positivistin mich widerlegen und den Widerlegten streicheln konntest, ich war ein Zimperling, um mich von dir brutal übermannen zu lassen, ein Hund war ich, auf daß du mich stoßen, ein König, auf daß du vor mir winseln konntest, und ich verlor darüber Stolz und Scham und habe nun auch in dem letzten Clou, meiner ›ironischen Kälte in den Momenten der weißen Seligkeit‹ meine Verwandlungsmöglichkeiten erschöpft. Und mir bleibt, da ich dich hoffnungslos verloren habe, da ich zermürbt bin und du dich elastisch aufschwingen wirst, den anderen Felsen zu suchen, und da ich dich liebe, wie nur der Wahnsinn liebt, nichts weiteres übrig, als, wenn auch nur für drei arme Sekunden, meinen Stolz und meine Scham zurückzugewinnen; und die kann ich wiederfinden, draußen, in der Nacht und unter den Weiden, denn der Bach ist tief, und ein Geländer bricht so leicht, wie man im Dunkeln stolpern kann – gehst du mit?«

In dem Augenblick goß ein Blitz des fernabgezogenen Gewitters ein bläuliches Licht über die Gebäude und das Gesicht des Mannes, so daß sie, von jäher Liebe zu der müden Schönheit dieses Mannes bezwungen, vor ihm niedersank und ihn umklammerte, just wie die gelbe Flachsseide sich draußen über die Weiden und Kleestauden wirft; und darum konnte er erst nach einer Stunde das Wohnhaus, oder genauer gesagt, das Schlafzimmer seiner Gemahlin, verlassen und sich zu den Weiden hinabbegeben, von denen der nun schon oft genannte Teufelszwirn gleich bleichen, zerfetzten Tüchern über dem Wasser hing.

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