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Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
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Die Dirne

Als aber die fetten Blattleiber der Aronstäbe kitschgrün und herdenweise aus der Erde quollen und über ihnen die Rüstern gelbbraune Pollenwolken in die Winde streuten, drückte mich die Welt am schmählichsten nieder, indem sie mich die kränken hieß, über deren Herz ich mehr Macht hatte als über mein eigenes. Seitdem bin ich mit dir lange Jahre hoch in die Berge und dünnen Lüfte gestiegen und will dir heute zwischen ihren Gletschern und gläsernen Firnen auch von dieser Zeit erzählen, auf daß du lernest, mein Sohn, daß das Narreneinsiedlertum des Stolzes gefährlich ist und zumal eines Stolzes, den die Verzweiflung gebar, und auf daß du wissest, daß es eine verderbliche Eitelkeit ist, eine Sentenz auf sich anzuwenden, die nur der Müßiggang schuf und die zuwidere Sucht, geistreich zu sein. Du hast gelesen, was solch ein geistreicher Schwätzer schrieb: »Eher lieben wir noch die, die uns hassen, als die, die uns mehr lieben, als wir wollen.« Das mag wahr sein, wie nur etwas wahr sein kann, aber es ist eine Verruchtheit und ein unglückseliges Bestreben, eine vorübergehende Stimmung durch eine solche Sentenz zu verstärken und dauernd zu machen; denn eben diese Sentenz und den Versuch, sie an mir selber zu beweisen, meine ich.

Als also wiederum die Aronstäbe sproßten und die Bäume stäubten, hielt ich es nicht mehr aus und machte ihr eine Szene:

»Laß mich wenigstens allein! Liebe mich meinthalb, aber sage es mir nicht, erzähle es mir nicht jede Stunde und jeden Tag. Diese ewige Anhänglichkeit, diese hemmungslose Hingabe, dies entsetzliche mich Bewundern, mich entzückend Finden, dieses Hungern nach einem freundlichen Wort, dieses stündliche, dieses bedingungslose sich an mich Schmiegen, dieses hündische Dulden, das ist ja entsetzlich, das hängt einem ja zum Halse heraus!«

Als sie aber mitten auf der Straße laut aufschluchzte, schwieg ich still und ging weiter mit ihr und stemmte bei jedem Schritt den Stock so heftig auf den Boden, bis er zerbrach. Dann blieben wir an einer Ecke stehen.

»Du mußt das einsehen; laß uns für einen Augenblick objektiv und ruhig sein; versuche einmal, unsere Lage von oben zu betrachten. Sieh, du bist in deiner Sprache und deinen Gedanken mein reines Konterfei geworden, nun kann ich dir nichts mehr geben, und wir laufen hintereinander in einem ewigen Kreise herum; und dabei stehle ich dir deine armseligen Groschen. Laß uns warten und uns trennen, bis ich die Mittel habe, wieder menschenwürdig zu leben; ich muß Menschen, andere Menschen sehen – seit einem Jahr spreche und kenne ich nur dich –, in andere Gegenden, in die Berge muß ich; dann komme ich zurück, ein anderer, ein neuer – so sagt man ja –, und dann kann ja das alte Spiel wieder beginnen. Du modelst dich wieder nach mir um, wir verpulvern unser Geld, essen, trinken, amüsieren uns, bis – nun ja. Aber jetzt, ich muß allein sein! Ich will nichts geschenkt haben! Ich kann nun einmal deine Liebe nicht brauchen! Such dir einen anderen!«

Als sie mich dann aus großen Augen ansah und nichts sagte und mich nur ansah, suchte ich ihr den Abschied leichtzumachen dadurch, daß ich sie in einen Krämerladen schickte, um mir dort mein gewohntes Mittag- und Abendbrot zu kaufen, eine Zusammenstellung, wie sie sich der gewöhnlichste Gelegenheitsarbeiter und Schneeschieber zum Frühstück verbeten hätte, und wußte, daß mein Geld auch dieses Mal nicht ausreichen und sie ihren Groschen zulegen würde, aber als sie wieder herauskam, gab ich ihr schweigend die Hand und ging heim.

Und daheim – ich habe dir von diesem Daheim erzählt – fand ich eine Geldanweisung vor; da ging ich in ein Restaurant und aß und trank. Und als es spät geworden war und ich anfing, trunken zu werden, trollte ich mich auf die Straße, um mir für die Nacht ein Abenteuer und eine Dirne zu besorgen. Und ich fand die Dirne, die willig genug war mitzugehen – es regnete diesen Abend, und der Regen hatte ihr Gelichter und zumal die ›Besseren‹ unter ihnen verscheucht –,und nahm sie mit und war überrascht von der Schönheit dieser Dirne. Denn ihr Leib war gepflegt wie einer der besten ihres Handwerks und war doch heiß und schien unverbraucht, als hätte sie eben nie ihrem Handwerk angehört. Aber was ich sagte, verstand sie nicht, und auf meine Fragen schüttelte sie lachend den Kopf und zuckte die prächtigen Schultern. Da preßte ich den Mund zusammen, wenn sie mich küßte, und stieß abwehrend den Atem durch die Nase, wenn sie näherrückte und Liebesworte flüsterte; und lag wach die ganze Nacht und freute mich, daß es regnete und der Wind in den Kaminen heulte und sich pfeifend an den Telegraphendrähten mit seinen weißen Zähnen verbiß.

Am nächsten Morgen hatte er den Himmel reingefegt; da nahm ich ein langes Bad und säuberte meinen Leib und ging dann hinaus vor die Stadt, um von einer hohen Brücke aus zu den Bergen hinüberzusehen, auf deren höchsten Höhen wir nun schon lange Jahre wandern. Dann kaufte ich Früchte und ging zu ihr, der ich gestern in einem törichten Stolze vermeinte, den Abschied geben zu müssen, und sie nahm die Früchte und aß sie und lachte und blieb so lange bei mir, bis sie deine Mutter wurde und starb.

So hast du es einer Dirne zu danken, daß du auf diese Welt kamst und lange Jahre meine Einsamkeit zwischen Eis und Enzianen teilen konntest. – Aber die Sonne beginnt schon senkrecht aus dem Himmel zu fallen, und der Schnee will schon wieder rot werden, die Enziane schließen ihre Blätter, und wir haben noch einen weiten Weg.

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