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Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
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Die Flucht

Wie gelbe Ölkleckse auf einer alten Leinwand klebten die Gaslichter neben der Straße, die schnurgerade durch den Regen, in dem man zuweilen einen Schlot sich emporrecken oder eine Arbeiterkaserne aus hundert kleinen trüben Augen in die Nacht glotzen sah, mitten hinein ins Leere lief. Immer spärlicher wurden die Lampen, die vorher noch wie zwei gelbe Schienen sich in die Dunkelheit gebohrt hatten, immer gleichmäßiger und traurig hohler, wie eine immerwährende Brandung, rumorte und stöhnte zwischen Himmel und Erde der Wind, und immer schweigsamer stapften sie gegen seine endlos niederhängenden Regenfransen; nun blieben sie mitten auf der Straße stehen.

»Wo willst du hin?«

»Heraus. Ich will da heraus.«

Dabei wandte er sich um und wies mit dem Stock auf die letzten noch sichtbaren Lampen, die wie zwei dünne, glänzende Perlenschnüre in das Dunkel hingen.

»Ich will da heraus. Irgendwie. Und es ist so gleichgültig, ob ich mich in einem gepolsterten Zuge oder auf einer schmutzigen Landstraße fortstehle.«

»Und dann?«

»Du gehst ja mit.«

»Und dann?«

»Deine ewigen Fragen! Sei froh, daß wir da heraus sind.«

Darauf nahm er ihren Arm, und sie gingen weiter, schweigend, mitten hinein in die dunkle Nacht, durch die immerfort der Regen fiel und der Wind seine hohle Brandungstrommel schlug. Und er schlug sie so lange, bis sie nichts mehr waren als ein Teil dieser dröhnenden hohlen Trommel, bis ihre Gedanken und ihr Ichgefühl in ihm aufgegangen waren und ihr Wille hohl und leer und sinnlos zwischen Himmel und Erde flog. Sie hatten sich verloren und wußten nichts, in ihrem Blut war der monotone Rhythmus des Windes und in ihrer Seele sein ödes, ruhlos trauriges Stöhnen. Nur zuweilen, wenn er hinter einer Waldecke heftiger auf sie sprang und sie gegeneinander trieb, zuckte in ihnen das Bewußtsein ihrer Existenz, und daß sie zu zweien waren, auf; aber das erlosch schnell, und weiter stöhnte der Wind. So gingen sie fort, und das Brausen in ihnen ließ sie nicht merken, daß sie stundenlang im Regen gingen, und hielt die Müdigkeit von ihnen fern.

»Ich war es satt; heraus! jetzt bin ich heraus! Den Wind will ich malen, so wie er ist; wie er die Trommel rührt und in sein Muschelhorn bläst, daß die Blätter kopfüber, kopfunter über die Hecken springen und in kapriziösen Wirbeln über die Gassen tanzen und mit einem Male wie Winterflocken in die Weite stieben, grenzenlos; die Menschen aber ducken sich und kuschen sich und halten in den Nächten die Augen offen, wenn er mit seinen weißen Zähnen die Drähte faßt und pfeift und hussa! die Ziegel hebt und mit Gepolter zu Boden wirft!«

Und er sah, während es in ihm stöhnte und brauste – denn das Gefühl, auch wenn es sich zur mystischen Ekstase hinaufschraubt, kann auf die Dauer nicht der Bilder entbehren, aus denen es Nahrung holt –, den Wind, wie er mit ungeheuren schlotternden Flügeln auf den Wogen des Atlantik lag und trank und trank, den ganzen Sommer lang, bis seine Lunge gefüllt und seine Haut straff und glänzend war und er sich wuchtend hochhob, daß vor seinen Schlägen die Schiffe auseinanderstoben, wie Kücken vor dem Habicht fliehen, und er sich brüllend auf das Festland warf.

»Jetzt ist er über mir, und wir brausen durch die Welt, ziellos, zwecklos und voller Klage; sein Haupt ein brauner Berg und verwitterter Stein, seine Haare Schnee und sein Atem gießender Regen und seine Stimme hohl und wild und ungeheuer, und seine Seele ist das Leid.«

Als die Straße in die Sohle eines Kessels zwischen vier Hügeln, die wie gestrandete Wale oder lauernde Berberlöwen dalagen, hinabgelaufen war, blieben sie stehen. Denn das ganze Tal war bis zu der Höhe der Löwen mit hohen Fichten bestanden, so daß hier unten eine schwüle, stille Luft lag; hoch oben aber sang der Wind sein ungestümes Lied. Und da fühlten sie, wie das hohle Brausen und der monotone Rhythmus, der sie bis hierher getragen hatte, aus ihnen schwand. Sie taumelten noch bis an den Rand der Straße, und hier glitt sie an ihm in das schwammfeuchte Moos herab; dann legte sie ihr Haupt an seine Knie und fiel sogleich in einen tiefen Schlaf, während er sich gegen eine Birke lehnte, die man hier an die Straße gepflanzt hatte. Vergraben zwischen den schwarzen Fichtenschatten war sie vor Lichthunger wie eine dünne Gerte aufgeschossen, und ihre Äste stachen in dem grünen Morgenschimmer, der schon über den Himmel flog, seltsam ab gegen die dunklen Riesenbäume.

Immer höher und ferner sang über ihm der Wind, und noch einmal ließ er sich von ihm gefangennehmen und folgte ihm willenlos über die Karpaten und Steppen bis in die Klüfte des Ural; und während dieser Fahrt, die immer ferner und leiser verklang, fiel auch er mit einem Male kopfüber in die tiefen Brunnen des Schlafes.

Als ein polternd vorbeihumpelnder Wagen sie aufweckte, war es über den Fichten bereits Tag geworden, und die letzten Schatten der Nacht lagen faul und mürrisch unter den triefenden Zweigen und ihren regenblanken Flechtenbärten; gelb und lehmig lief die Straße an ihnen vorbei, und ihre Kleider waren schwer und schmutzig und rochen muffig nach Regen. Da machten sie sich immer noch schweigend wieder auf den Weg, bis sie die Höhe des einen Hügels, über den die Straße hinüberführte, erreicht hatten. Dort blieben sie stehen, und er erkannte die Gegend und nannte den Namen eines Ausflugsortes, dessen Bahnhof in einer kleinen Entfernung zu sehen war.

»Hör mal, nun bin ich es satt. Tagtäglich prahlst du von deinen tausend Entwürfen, aber am Abend ist nicht einmal einer angefangen; und halte ich dir das vor, so geht es über meine Verständnislosigkeit her und so endet es regelmäßig damit, daß wir uns betrinken. Nun schleppst du mich in irgendeiner Laune auf die Landstraße; ich werde ja morgen, denn jetzt siehst du noch zum Erbarmen aus, hören müssen, wie reich dieser irrsinnige Ausflug an Inspirationen gewesen ist, aber mein neues Kostüm ist total perdü. Danke, mein Lieber. Ich werde dort unten in das Gasthaus gehen, in dem wir einmal so hübsch über deine Kunst gekannegießert haben, und du wirst so liebenswürdig sein und mir meine Sachen dahin schicken lassen. Denn ich will nun auch da heraus, wie du gestern orakeltest, nur hättest du es gleich deutlicher sagen können, dann hätte ich wenigstens noch mein Kleid. Was du sonst anfängst, ist mir ungemein gleichgültig; du fährst ja doch wieder zurück und da wirst du schon eine andere finden, die ein Vierteljahr lang deine Klagen anhören will. Adieu, mon cher!«

Dann raffte sie die Röcke und ließ ihn stehn. Er aber sah ihr achselzuckend nach und begann nach einer Weile, ihr gedankenlos zu folgen, immer noch etwas erschüttert von der seltsamen Erregung der Nacht. Und in diesem gedankenlosen Wohlbehagen lief er solange fort, bis er über irgendeinen Stein stolpernd das trübe Morgenbild von regenglänzenden Äckern und einer lehmgelben Straße, über der niedrige Wolkenfetzen hinhasteten, mit so überraschten Augen anblickte, daß er sich gegenüber dieser Alltäglichkeit laut fragen mußte: was ist das da?

Nachdem er sich aber von seinem Staunen erholt hatte, ging er ruhig und beinahe wohlgemut dem Bahnhof zu und wurde sich darüber deutlich bewußt, daß er den Wind, so wie er ihn heute nacht gesehen hatte, niemals würde malen können. – Ich habe ihn zu tief erlebt, und wie mit diesem Plan, so war es mit allen meinen Plänen: sie konnten niemals wirklich werden, weil ich mich selber malen wollte. Aber es ist eine schöne Sage, daß wir in der Kunst unser Eigenstes und Innerstes geben; wir können nur das schaffen, was in uns gedrungen ist, ohne sich uns ganz assimiliert zu haben, und das derart als quälender Fremdkörper in uns liegen bleibt, bis wir ihn in der künstlerischen Produktion aus uns entfernt haben. Aber was ganz in uns aufgegangen ist und was wir selber sind, das können wir nicht wieder schaffen, denn es liegt keine Nötigung dazu vor. Darum kann ich den Wind nicht malen und darum konnten auch meine anderen Entwürfe nicht einmal angefangen werden. Man sagt zwar und deklamiert mit großem Pathos und noch größerem Selbstbewußtsein, daß das Leben nur seine Rechtfertigung hat im Werk und daß außer diesem das ganze Dasein sinnlos ist. Nun, wenn diese wahnwitzige Überschätzung der Kunst gelten soll, dann sei es eben sinnlos; denn es fragt wenig danach, ob wir ihm einen Sinn geben oder nicht, jedenfalls gibt es uns zuweilen das Wunder eines tiefen Erlebens, und deswegen lohnt es sich immerhin, wo man einmal da ist, dazubleiben.

Und als er derart von seiner Aspiration geheilt war, in einer entschiedenen Einsamkeit – die er aber trotzdem nicht den Mut gehabt hatte, durch den Verzicht auf seine Geliebte vollkommen zu machen – endlich das adäquate Werk zu schaffen, zog er die einst so geschmähten Zerstreuungen der Zivilisation einer einsiedlerischen Verbohrtheit vor und fuhr mit dem nächsten Zug nach der Stadt zurück und sah mit einem etwas melancholischen Sarkasmus eine Zeitlang die Landstraße an sich vorbeieilen, die ihm zu dieser kühlen Heilung verholfen hatte.

Er blieb fortan bei seiner ruhigen und skeptischen Würdigung der Kunst; in seinen Bildern aber wehte immer irgendwie und unaufdringlich ein Wind: einmal kräuselte er einen Teil eines Sees zu einer kleinen Wellenfläche, ein andermal hob er ein herabgefallenes Blatt und trug es eine Weile fort, oder er bewegte spielend das Band an einem Mädchenhut.

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