Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Sack >

Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
Schließen

Navigation:

Ein Traum nach Mauthner und K. E. von Baer

In einem verschneiten Gebirgsdorfe legte ich mich, des ganzen Sportgetues müde – ich finde kein Vergessen in ihm, die Öde des Schnees peitscht nur immer rasender die Erinnerungen –, um neun Uhr abends zu Bett, um alles zu verschlafen. Aber in dem niedrigen, bläulich dunklen Zimmer wollte der Schlaf nicht zu mir kommen; statt dessen setzte sich – endlos – auf meinen Bettrand die Zeit und strickte und sang. Und wenn sie eine Weile gesungen hatte, ließ sie ihr Strickzeug fallen und blickte hoch und schlug mit ihren ungeheuren Flügeln, bis sie endlich zu einem grauen Knäuel zusammenschrumpfte und, über den Boden rollend, plötzlich in die Tiefe fiel. In demselben Augenblick trug mich die Welle mitten hinein in den Schlaf, den man in einem veralteten Sprachgebrauch einen Ozean nennen könnte für die Klippen und Inseln und palmenreichen Atolle und Korallenriffe des Traums.

An einer Schlamminsel der Niggerküste strandete ich zum erstenmal: in der zwielichtigen Einsamkeit eines modernden Urwaldes sah ich auf einem umgestürzten Baumstamm ein Wesen sitzen, das als Gewand ein Netz verfilzter Pilzfäden trug und in den pilzig weißen Boden mit einem eisernen Griffel rastlos und monoton seltsame Zeichen eingrub, vermengt mit mystischen Symbolen aller Zeichen, mit welchen die Menschheit ihre ephemeren Empfindungen festzuhalten und zu vereinfachen gesucht hat; ringsum aber sackten die Schwämme mit einem unheimlich feuchten und weichen Ton zu Boden, und der gleiche feuchte Ton kam zu mir, wenn langsam eine Träne, nachdem sie durch seinen Bart gesickert war, zu Boden tropfte. Nach einer Weile aber sank sein Haupt auf die Brust, und der Griffel stand still –

Was störst du mich! ich bin die Zeit
und sehe meine Rechnung durch.

In diesem Augenblick wandte er sich nach mir um, und ich erkannte mich, wie man in einem Spiegelbild sich wiedererkennt, und stand hilflos zwischen weißlichen Bäumen, unter denen es nach Feuchtigkeit und Moder roch. Hoch über mir aber stürzte aus der blendenden Zukunft ein silberner Strom auf mich, der brach sich durch mich schäumend Bahn und verschwand unter mir in allen Regenbogenfarben der Vergangenheit schimmernd, und ich und was um mich war ...

An einer Bernsteinküste strandete ich zum anderenmal und sah mich sogleich umwirbelt von heftig gestikulierenden Menschen, von einer Schar wahnsinnig Gewordener – wie es mir auf einen Augenblick scheinen wollte –, deren Gliedmaßen in unaufhörlichen und heftigsten Zuckungen durcheinanderflogen; ihre Augen und Mienen zitterten, ihr Puls raste, und ihr Leben schien auf Tage zusammengepreßt zu sein; denn ich sah, wie sie wuchsen und ihre Kleider änderten und wie ihre Züge erlebnisreicher und bedeutender wurden – soeben noch ein Kind, nach einigen Stunden ein begehrendes Weib und wieder nach einigen Stunden eine Mutter, die ihren Säugling trug. Nun flogen sie um mich wie ein Mückenschwarm, befühlten, betasteten mich mit blitzartigen Gebärden höchsten Erstaunens, dann steckten sie ihre wirbelnden Köpfe zusammen, dann stoben sie auseinander, dann kehrten sie wieder, und mit einem Male fühlte ich, wie auch in mir mein Pulsschlag zu rasen begann, und ich war wie sie. Aber nachdem ich mich an das tausendfach beschleunigte Tempo meines Blutlaufes gewöhnt hatte, erkannte ich bald, daß zwischen meinem jetzigen Zustand und meinem vorherigen des unendlich träge rollenden Blutes kein Unterschied war, nur die Welt stellte sich mir durchaus anders dar. Ich war derselbe geblieben, nur mein Lebensprozeß knäuelte sich schneller, statt in einer Spanne von achtzig Erdumläufen in einer Spanne von dreißig Tagen ab, und – das Meer war nicht mehr das Meer, und das Wasser hatte seine gischtende Lebhaftigkeit verloren und blieb fast unbeweglich gleich in der Formation seiner Wellenberge und -täler: blaue, weichgewölbte und mit hellen Schaumkronen überhängende Klippen, die erst in langen Zeitläuften und fast unmerklich ihre Größe und Stellung zueinander veränderten, und deren träge, träge hochsteigende Schaumspritzer ›stundenlang‹ in der Luft schweben blieben. Denn zum Verständnis muß ich daran erinnern, daß wie alle meine Fähigkeiten so auch die, in dem Zeitraum eines Pulsschlages eine gewisse Anzahl, es sind je nach der Lebhaftigkeit der Eindrücke sechs bis zehn, Wahrnehmungen aufzufassen, dieselbe geblieben war, nur daß diese Pulsschläge jetzt rasend aufeinander sich folgten, und derart jede Erscheinung meiner früheren Welt ins Tausendfache zerteilt und dadurch um das Tausendfache in die Länge gezogen wurde. Ein Gewitter stand am Himmel, unendlich wie ein ganzes Jahr, aber einen Donner hörte ich nicht, denn wenn die vom zerteilenden Blitzschlag erregten Schwingungen der Luft in meinem vorigen Weltbild zwischen zwei Pulsschlägen tausendmal mein Ohr getroffen hatten, so gelangte jetzt in derselben Zeitspanne nur eine Schwingung zu mir und gab keinen Ton; so hörte ich keinen Donner und kein Rauschen des Regens, wie ich vorher das Meer nicht brausen gehört hatte; und unsere Stimmen waren arm geworden und klangen hohl und tief, und den Blitz sah ich, als ob sich langsam von der ewig nicht weichen wollenden Wolke ein Bündel Licht niedersenkte und ihm von der Erde gemächlich ein gleiches entgegenstieg und sich mit ihm vereinigte: die ganze Welt war dauerhafter geworden und stabil, und ihre Bewegungen waren auf ein Minimum beschränkt, ein fast schweigendes, ein fast unveränderliches, ein fast unbewegtes Bild, und ich verstehe jetzt das Staunen der ersten Menschen, die mir auf dieser Insel entgegengetreten waren, da ich noch unbewegter als die sie umgebende Welt wie ein Toter zwischen ihnen gestanden war. Und während meines ganzen Lebens hing der Sommer über der Erde, und nur erzählen hörte ich und aus seltsamen Büchern las ich, daß es einstmals eine Zeit gegeben, in der die Erde viele Menschenalter lang weiß von Schnee gewesen und in der Blöcke Eises unbeweglich auf den faulen Wogen des Meeres gelagert hätten; während meines halben Lebens standen die Blumen unveränderlich in ihrer Frische, und gegen das Ende meiner Tage wurden zu unserer endlichen Freude die Äpfel, die in unserer Jugend noch grün und klein gewesen, voll und rotbackig und schwellend von Saft, und für die nächste Generation werden sie reif von den Zweigen fallen, die aussehen wie aus Bronze gehämmert, und werden ihnen eine Speise geben, von der wir nur aus Büchern wissen. Das Gestirn aber, das am Anfang meines Lebens als eine schmale Lichtsichel in den Nächten am Himmel gestanden und mit meinen Jahren gewachsen und in den Tagen meiner höchsten Kraft rund und voll wie die Sonne gewesen war, begann kleiner und kleiner zu werden, und nun ist es ganz verschwunden; mit dem ist es also vorbei, und die Nächte werden nun immer dunkel bleiben.

– immer dunkel bleiben; denn mein Pulsschlag rollt wiederum um das Tausendfache schneller, und mein Leben spinnt sich in noch nicht einer Stunde ab, und die Welt mit ihren sich ernährenden und ihren Ort und ihre Größe und ihr Aussehen wechselnden Organismen ist beinahe erfroren und zu Stein geworden; die Bewegungen der Tiere dünken mir so und kommen mir derart zum Bewußtsein, wie damals die der Gestirne; aber ich kenne keine Gestirne mehr, ich lebe in einem Weltalter des Tages und in einem unendlich, sagenhaft hypothetisch größeren des Sommers. Nun regt sich kein Blatt im Wind, keine Mücke fliegt, keine Blume welkt oder entfaltet sich – sie sind unveränderlich wie ein buntes Gestein, ein köstlicher Achat auf einem stahlharten Chrysolith –, und keine Frucht reift: leblos ist die ganze Natur. Alle die Töne, die ich einstmals hörte, sind unhörbar geworden, dafür aber höre ich das Licht singen; und die Wärme ist ein Klingen geworden, und der rasende Lauf der Planeten ward zum Ton, und der Sang der Sphären ist keine Fabel mehr. Um sechs Uhr abends, wie ich damals gerechnet hätte, kam ich zur Welt und spreche am Ende meines Lebens, eine Stunde später, zu meinen Enkeln: »Als ich geboren wurde, stand das glänzende Gestirn, von dem alle Wärme zu kommen scheint, höher am Himmel als jetzt. Seitdem ist es viel weiter nach Westen gerückt, aber auch immerfort tiefer gesunken. Zugleich ist die Luft kälter geworden. Es läßt sich voraussehen, daß es bald, nach einer oder zwei Generationen, ganz verschwunden sein wird und daß dann erstarrende Kälte sich verbreiten wird. Das wird wohl das Ende der Welt sein, oder wenigstens des Menschengeschlechts.« Auf einem Südseeinselriff strandete ich zum drittenmal:

»Hold klingt im Lenz der Sang auf Tubonai,
sinkt sanft die Sonne zur Korallenbai.«

Aber mein Puls ist gedehnt und schlägt unendlich träge, so daß ich zu einer sinnlichen Wahrnehmung die tausendfache Zeit gebrauche, wie ich sie vormals gebrauchte, und mein Leben zählt achtzigtausend Jahre, und ein Jahr ist mir so kurz und so lang wie noch nicht neun Stunden, und ich weiß nichts mehr vom Lenz und dem sanften Sinken der Sonne. Denn meine Fähigkeit, in dem Zeitraum eines Pulsschlages sechs bis zehn Wahrnehmungen aufzufassen, ist wiederum die gleiche geblieben, nur daß mein Pulsschlag – der betrug früher ungefähr die Spanne einer Sekunde – jetzt eine Länge von zehn Minuten beansprucht und ich in dieser Zeit nur jene sechs bis zehn Wahrnehmungen aufzunehmen imstande bin, und dadurch bleibt in der Welt der Organismen für mich kaum ein Beharrendes mehr, und alle Bewegungserscheinungen sind um das Tausendfache beschleunigt, und die Welt des Organischen ist mit einem Male unruhig bewegt und lebendig geworden, so daß die Sande und Dünen an dem ewig hin- und herspringenden Ufer des Meeres, das sich in eine stehende weiße Schaummasse verwandelt hat, rastlos in gelben Wellen auf und nieder wogen und ein steinbedecktes Feld sich darstellt wie eine graue, quirlende Masse mit blitzschnell auftauchenden und wieder verschwindenden weißen Steinblasen. Die Welt der Pflanzen aber hastet und tastet und greift und kreist und schlägt hungrig wütend mit ihren Blättern und Blüten und Ranken und Zweigen um mich wie ein rasender Spuk; wie Springbrunnen schießen die Gräser und Pilze hoch und wie Springbrunnen fallen sie wieder in die brodelnde Erde zurück, und nur die dicksten Stämme der zählebigsten Bäume zeigen eine kurze Beharrlichkeit. Die Tiere aber sind unkennbar geworden und huschen über ihnen und zwischen ihnen und unter ihnen her wie flüchtige, blitzartig kommende, blitzartig verfliegende Schatten. Und Tag und Nacht wechseln miteinander, wie eine helle Minute einer dunklen folgt, die Sonne fliegt über den Himmel und hinterläßt einen feuriggelben Schweif, wie ihn damals die Meteore in unser Auge zeichneten, in der dunklen Minute Nacht aber fliegen die Sterne wie eine Handvoll Glühwürmer, toll wie ein sprühender Funkenregen durcheinander. Wild und dämonisch bewegt ist die Welt, eine kochende Masse von Unruhe und Hast und Wechsel und Veränderung.

Aber wiederum stockt mein Puls und verlangsamt sich wiederum um das Tausendfache, und für jede Empfindung verfliegt für mich eine Zeit von zweimal vierundzwanzig Stunden. Nun ist kein Wechsel mehr von Tag und Nacht, und ich sehe die Sonne nicht mehr, sondern wie eine glühende Kugel im Kreise geschwungen, liegt sie als leuchtender Bogen am Himmel, der sich mit den Jahreszeiten hebt und langsam senkt und den rastlos brodelnden Kessel, zu dem die Erde geworden ist – die Tiere sind längst schon nur Schatten und Schemen und unwirklicher Spuk –, erhellt. Und da der Eindruck eines hellen Lichtes länger im Auge verbleibt als der der Dunkelheit, so nehme ich statt eines Schwindens des Lichtes in die Nacht nur noch eine momentane Abschwächung wahr, und es liegt über der Welt ein ewiges Wetterleuchten mit zuckendem Lichte: in der jagenden Flucht von dreißig Pulsschlägen ist der Jahreslauf vollbracht.

In dreißig Pulsschlägen? Mein Puls schlägt gleich mit dem Jahr, und mit jedem Schlage löst sich die Kruste der Erde auf, um in die Unendlichkeit der Lebensformen aufgenommen zu werden, um ihr kurzes Lebenslied zu singen – immerfort; ihr kurzes Lied, eine zuckende grüne Flamme.

Denn der Mensch mißt mit sich selbst die Natur, und je enger wir dieses eingeborene Zeitmaß nehmen, um so starrer und lebloser erscheint die Welt, je langsamer aber unser eigenes Leben verläuft und je größer die Maßeinheit ist, die wir mitbringen, um so mehr erkennen wir ihr ewiges Werden mit steter Umänderung. Und welche Ansicht der Wahrheit – ach! was für eine Wahrheit! – am nächsten kommt? Die, welche mit dem größten Maßstabe mißt, denn die Natur arbeitet mit unbegrenzter Zeit, und unser Maßstab kann nie zu groß sein, sondern ist immer noch zu klein, die Natur, dieses »Ungeheuer von Kraft, diese feste, eherne Größe von Kraft, vom ›Nichts‹ umschlossen als von seiner Grenze, ein Meer in sich selber stürmender und flutender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend, mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr und sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß und keine Müdigkeit kennt –«. In demselben Augenblick trug mich die Welle mitten hinaus aus dem Schlaf, den man in einem veralteten Sprachgebrauch einen Ozean nennen könnte für die Klippen und Inseln und palmenreichen Atolle und Korallenriffe des Traums, mitten hinein in das graublaue Licht, das sich von den verschneiten Bergen zu mir durch die niedrigen Fenster stahl.

 << Kapitel 17 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.