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Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
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Aus Schwabing

Die Dekadenz, vielmehr die Unfähigkeit in der wohlfeilen Maske der Dekadenz wird aktiv und gibt sich die Geste des blutigen Revolutionärs, sie läuft Sturm »gegen Kunstportiere, Kulturportiere, Avenariusse, Scharrelmänner, Obskuranten, Schwärzlinge, Hertlinge, Hohlwege, Panteutschisten, Stagnaten, Kastraten«. Ein Zusender findet sie »nicht revolutionär genug. Zu viel Lyreskes; zu wenig Dolche, Schwerter, Fahnen. Wo bleibt der Impetus gegen das Seiende? – Leben! Radau! Klamauk!!!« So schreiben sie ein zweiwöchentlich erscheinendes Schriftchen, Auflage 3 000, heißen es mit blutroten Lettern REVOLUTION und fordern zehn Pfennige dafür; herausgegeben wird es, wo sonst als in München? bei Heinrich F. S. Bachmair, der nebenbei ein »mimosenzarter« Dichter ist, »ein fast Unverführbarer«.

Revolution! Politische, künstlerische, ethische Revolution! Aber der feurigste Jünger Lasalles und der moralinfreieste Schüler der »Fröhlichen Wissenschaft« wird gegenüber diesem Lärm um Nichts die friedliche Bourgeoispfeife rauchen müssen, und wird er sie aus den Lippen nehmen, so tut er es nur, um über die unfreiwillige Komik unserer Donquichottisten bequemer lächeln zu können.

Denn im Begriff Revolution steckt das qualvoll wilde Aufbegehren gegen eine unerträglich gewordene Last, ein heimlich ängstliches, unterirdisches Glummen und Rumoren und dann ein jäh flammendes Aufbrechen wie ein über Nacht endlich aufberstendes, durch und durch unterminiertes Feld, eine reactio und nicht eine bloße, schreiend pöbelnde actio um des reinen lärmenden Agierens willen. Aber – »Das, das ist es, sagte Don Quichotte, aus Gründen unsinnig werden, zeigt weder Talent noch Kunst, aber ohne Gründe unsinnig werden, das ist es.«

Mit dröhnendem Pathos, mit der Miene »Tafel zerbrechender« Menschheitsbeglücker und Märtyrer treten sie auf und zerhauen mit ungefügen Schwerthieben die Luft wie der scharfsinnige Edle von la Mancha, und nennen es Revolution! »Kampf gegen Seiendes, für Keimendes«, Revolution!

Es ist aber eine harmlose Geschichte und Liebhabern unfreiwilligen Humors angelegentlich zu empfehlen. Das Blättchen, billiges Zeitungspapier, bleibt übrigens schon auf den Kreis, aus welchem es geboren wurde, beschränkt, und der Satz des Einsenders: »Bravo, bravo! das ganze Café des Westens ist mit mir dieser Meinung«, sagt deutlich, wohin es gehört.

Und greife ich noch aus dem Mitarbeiterverzeichnis die Namen auf: Erich Mühsam, Klabund, emmy hennings, Else Lasker-Schüler und das Pseudonym »hihi«, so weiß man genug.

Auch die sehnlichst erwartete und am 28. Oktober endlich eingetretene Konfiskation der ersten Nummer (auf Grund § 184 I StGB) wird kaum den Ruf dieser Revolutionäre weitertragen.

Aber diese Schwabinger ›Kulturtat‹ ist als ein verblüffend plastisches Dokument zu betrachten, sie wirft ein peinlich grelles Licht auf die intellektuelle Zucht- und Gewissenlosigkeit, den völligen Mangel künstlerischer Fähigkeit und die ergötzlich harmlose Beschränktheit dieser Jünglinge, einer Bohemeschriftstellerei, deren Zusammenhang mit der Literatur endlich gestrichen werden sollte.

Ich greife aus den beiden vorliegenden Heften einige Proben heraus. Erich Mühsam, der harmlose Kaffeehausanarchist, schreibt: »Revolution ist die Bewegung zwischen zwei Zuständlichkeiten. Hierbei stelle man sich das Bild einer sich entkleidenden Nonne vor. Einige Formen der Revolution: ... der Geschlechtsakt.« Wenn das geschmacklose Bild gelten soll, so beruht der Vergleich doch auf dem Kampf des natürlichen Prinzips, des Geschlechtstriebs, gegen das konventionelle der gottgeweihten Keuschheit. Wäre das natürliche Prinzip, in diesem Falle der Geschlechtsakt, an sich schon revolutionär, so müßte man jedes natürliche Geschehen so bezeichnen; vielmehr das Sich-Empören des Natürlichen gegen den Zwang –. Das erste Bild ist richtig, das zweite hebt es wieder auf.

Johannes R. Becher, Verfasser der in geschlechtlichem Schmutz und in Perversitäten wühlenden Romane: »Die Erde« und »Psychoanalytiker«, singt in seinem Freiheitslied: »Ihr Lumpenhunde, Saufkumpane! Gaukler! Gecken! Onanisten! Päderasten! Fetischisten! Kaufleute, Bürger, Aviatiker, Soldaten! Louis, Dirnen! Ihr großen Metzen! Syphilitiker! Brüder, Menschenkinder alle! Erwacht! erwacht! «, und fühlt in seinem Blut »die violette Farbe ungleichmäßiger, gefährlicher, schwärmender oder konzentrierter, tödlicher Bewegungen«. Hugo Ball läßt den »Syphiliszwerg stochern in Töpfen voll Gallert und Kleister« und sich »geilen Brand an den Beinen herunterrinnen«. Klabund, dessen Lippen »noch dunkel bluten von des Weibes ungehemmten Gluten«, sagt von Else Lasker-Schülers Gedanken, sie seien wie zarte rote Rehe, die aus dem Wald in die Lichtung treten und sich ganz preis in ihrer Körperlichkeit geben; ein anderer schildert einen Erotomanen und sagt von ihm: »Seine sinnliche Fähigkeit, durch sensibles Sicheinfühlen in eine Frau erotisch besondere Eigenheiten von ihr zu erraten, war unbegreiflich vollendet«; ein anderer wieder zitiert Nietzsche, und man fragt sich wirklich, wie man Nietzsche gegen derartige Blasphemien schützen kann: »In München wohnen meine Antipoden, hat Nietzsche einmal gesagt. Recht hat er gehabt: sie wohnen heute noch dort, schwarze Tausendfüßler« – unsere Antipoden, nicht wahr, Vetter Nietzsche? Dann empört er sich über eine hiesige Protestversammlung gegen den freireligiösen Moralunterricht, während er im nächsten Aufsatz gegen Roda Roda unnötig genug ›polemisiert‹; ein anderer stellt Alfred Kerr neben – Nietzsche und meint, es würde »der Entkafferung Deutschlands unausrechenbar schaden, wenn die Neidhammel es verabsäumten, dem einzigen, dessen Wunsch und Kraft dazu taugt, dieses Werk lachender Erlösung zu vollführen, begeistert nachzugehen« und schließt: »was ahnt ihr von der Qual, dem Kampf, der Nervenanspannung, was von der rasend harten Arbeit, die jeder Zeile Kerrs voraufging, ehe sie schwebte?« Fritz Lenz hängt zur Abwechslung einen Ingenieur an eine Wolke, läßt ihn darauf einen Kopfsprung ins Unendliche machen, seine Sorgen, seine Welt und seinen Pinscher verschlucken und ihn dann eine neue Methode träumen, Kinder zu zeugen und, wenn er hierfür den Nobelpreis bekommen hat, sich ein neues Taschenfeuerzeug kaufen. Aber dieses ist alles, wie es in dem eingesandten Brief heißt, zu limonadlich, und im zweiten Heft entschuldigt nun der Herausgeber diese Limonadlichkeit des ersten Heftes und gibt dafür sein dröhnendes Programm gegen Kunstportiere, Kulturportiere – und schließt mit der Drohung: »Und ihr, Trottel: der blaffende Köter bekommt (bestenfalls) einen Tritt. Daß er wehig quiekt.« Dann werden die Verse Klabunds (sie loben sich rechtschaffen gegenseitig) ›rezensiert‹: »Die Verse Klabunds, dessen abenteuerliche Gestalt in den Kreisen vom Reichsboten über den Kunstwart zur Aktion Erregungen hervorrief, stehen jetzt in einem schönen Bande zu lesen«, und der originelle Kritiker »wünscht diese Gedichte eines jungen Menschen in viele junge Hände, weil die Welt hier so hell geschaut wird und so souverän«. Ein Vorletzter bringt Binsenweisheiten über das alte Thema: ein vortrefflicher Gelehrter und ein oberflächlicher ›Kulturphilosoph‹. Aber den Vogel schießt Fr. M. Huebner ab, der unter dem Titel: »Die Braut ihrer selbst«, ›zwei Worte‹ über Katherina Godwin schreibt und folgendermaßen beginnt: »Das Bedürfnis nach Erlösung ist nicht vom Christentum erst erzeugt worden. Der Trieb ist ein anthropologischer; das Christentum tat nur so viel, ihn aus dem Physiologischen zu lösen und überzupflanzen in das Reich geistiger Affekte. Dadurch, daß es dem Menschen die widersächliche Empfindung des sittlichen Sündigseins einflüsterte.« Das ist die Philosophie, oder so, wie sie gern schreiben, diese Herren, die an Mystik und Tiefe nichts zu wünschen übrig läßt.

Und wo bleibt die Revolution? Das Revolutionäre, Aufreizende, Aufstachelnde, Exzitative? Das liegt in der blutroten Aufschrift, dem Titelblatt des ersten Blattes, einem Holzschnitt, auf dem zwischen wackelnden Mietskasernen eine Pöbelherde gegen eine Reihe feuernder Flintenläufe stürmt, und in dem blutrünstigen Programm – in der ganzen Donquichotterie. Sonst schreiben sie ihre violetten oder leichengrünen Schwabinger Unsinnigkeiten und Literaturzänkchen, wie sie sie sonst schreiben würden, nur etwas jungenhafter und frecher und, dem Namen ihres Blättchens zuliebe, mit etwas dröhnenderer Stimme. Sonst wissen sie eben nichts.

Aber die Tatsache besteht, sie haben einen die Kaffeehauswände erschütternden Klatsch mehr und sind Mitarbeiter und Redakteure einer revolutionär-anarchistischen Zeitschrift im Verlage Heinrich F. S. Bachmair, des Herausgebers des großen R. Becher und der goldenen Lasker.

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