Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Sack >

Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
Schließen

Navigation:

Ein Begräbnis

»Ich ersuche Herrn Leutnant, mich bei dem heute nachmittag vier Uhr von der städtischen Leichenhalle aus stattfindenden Begräbnis des Kriegsteilnehmers Jägers Soundso zu vertreten. Major und Bataillonskommandeur.«

Es ist eine kleine mitteldeutsche Stadt, schmutzig und winkelig verbaut, ein Konglomerat von muffigen Spitzgiebelhäusern und kahlen Zementsteinhaufen, deren breithüftige, verkniffene Bevölkerung ihre ›Gesellschaft‹ dienstags und donnerstags in den Bier-, mittwochs und sonntags in den Weinausschank ihrer zwei couleurfähigen Lokale schickt. Der Friedhof aber liegt mitten in der Stadt und ist noch winkliger und verbauter als diese; denn als mit der Bevölkerung die Zahl der Leichen wuchs, setzte man an das ummauerte, vollgesackte Viereck ein neues und durchschlug die trennende Mauer und an dieses ummauerte nach kurzer Zeit – denn es waren einige Fabriken gebaut, und die Bevölkerung wuchs rapid – waldlos wieder ein neues und durchschlug wieder die trennenden Mauern usf.

Es ist ein Sonntag in den ersten Tagen des August, und auf die strahlende Sonne der vergangenen Wochen ist ein bedeckter Himmel gefolgt; noch etwas schwül, verschlafen und mürrisch ist die Welt; und wie ich den Friedhof betrete, eilen ein paar alte Weiber an mir vorbei: »Es ist doch noch Zeit? Wann wird er beerdigt? Um vier – ja?« Vor der niedrigen, aus rotem Sandstein gleich einem Ankersteinbaukasten aufgebauten Leichenhalle sammelt sich das Volk und flüstert leise; geputzte Dienst- und Ladenmädchen, Soldaten in feldgrauen, abgetragenen, von der Sonne und dem Regen halb Europas gebleichten Uniformen, Arbeiter- und Kleinbürgerfrauen mit gutmütigen Augen und breitem, behaglich-wehmütigem Mund, ein schwangeres, Pflaumen essendes und die Steine vor sich ausspuckendes Weib an der Seite ihres klapperdürren, tabakgelben Gemahls, ein paar Feuerwehrleute in blanken Messinghelmen, ein Vertreter der Stadt, ein paar verehrliche Damen des Roten Kreuzes, ein Kranzträger mit wütendem Gesicht und ich. Einige fünfzig Meter seitwärts sieht man zwischen dem welken Grün der Friedhofbäume einen Haufen ausgeworfener trockener Erde und dem gegenüber, dicht an der Mauer auf einem kleinen freien Platz, ein Jägerkommando von sechzehn Mann, an deren Seite ein junger Vizefeldwebel steht; wie er mich sieht, gibt er sich einen Ruck und kommt auf mich zu, um mir die Meldung zu machen, daß die Trauerparade vollzählig zur Stelle ist; seine Leute machen lustige Gesichter. Da geht eine kleine Bewegung durch die angesammelte, ganz wenig sich hin und her schiebende, raunende Menge, ihre Augen weiten sich für einen Augenblick und schauen fremd und unsicher in die Halle hinein, aber von links her kommt über den Weg eine Gruppe Musiker; da werden sie wieder neugierig und fangen wieder an zu raunen, das Weib spuckt wieder die Pflaumensteine aus, und der Sarg, der inzwischen in dem Vorraum der Halle niedergestellt ist, ist nichts weiter mehr als eben ein Sarg.

Es schlägt vier, ein schwarzes, umflortes Kreuz wird hochgehoben, ein junger Geistlicher spricht mit einer mädchenhaft dünnen Stimme ein Gebet, und vier Jäger fassen den grau angestrichenen Tannensarg; die Musiker bauen sich vor ihm auf, der Vertreter der Stadt gibt mir einen Wink, und ich trete neben ihn, und mit einem Male schlagen die acht Hörner mit einem Trauermarsch knatternd in die fade Stille – dann setzen wir uns für die fünfzig Meter in Haltung und Marsch, und jetzt sehe ich die Leidtragenden vor mir: er, ein kleiner, untersetzter Gefreiter mit feldgrau überzogenem Helm und sorgfältig ausgewaschenem, arg ramponiertem Waffenrock, Brotbeutel und Feldflasche hat er am Koppel hängen; er ist von der Front beurlaubt und führt jetzt seine Mutter; krampfhaft preßt er ihren Arm in seine Seite und führt so und zieht sie hinter dem Sarge her, deren kleine verhutzelte Gestalt leise und stoßweise aufschluchzt und am liebsten stehenbleiben und zusammenbrechen möchte. Und immerfort schlagen die trockenen, harten, gellenden Hörner der faden Stimmung ins Gesicht. Und dann halten wir und gruppieren uns um das Grab, in das der Sarg, ein paarmal leise und dumpf an der trockenen Erde anstoßend, hinabgelassen wird. Und der Prediger beginnt mit seiner mädchenhaften Stimme: »Meine Lieben, ein deutscher Maler hat ein Bild gemalt. Es stellt ein Turmzimmer dar, und die Tür ist weit geöffnet. Der heiße Tag ist zur Neige gegangen, und golden scheint die hinter ferne Berge versinkende Abendsonne in das Zimmer. Ein Vögelein aber hat sich draußen auf die Galerie gesetzt und singet fromm sein Abendlied. Und der Türmer, der alte Türmer ist eingeschlafen, er sitzt auf seinem Stuhl und schläft. Er hat sein Tagewerk vollbracht, dann hat er sein schlichtes Mahl genommen und in dem Buche Gottes gelesen, und nun wollte er noch den Abendsegen läuten. Aber er ist müde geworden und ist eingeschlafen. Da tritt der Tod in das Gemach und berührt ihn leise mit seiner Hand. Und dann geht er an das Läuteseil und läutet für ihn den Abendsegen über die Stadt und die weiten Felder und läutet den müden, toten, den eingeschlafenen Türmer selbst zu Grab. Meine Lieben, der Maler nannte sein Bild: Der Tod als Freund. Aber als ein Würger trat er diesmal unter uns! Der, den wir heute zu Grabe tragen, er wollte noch nicht sterben. Mitten aus dem blühenden Leben heraus ...«

Einige Tropfen fallen, der Vertreter der Stadt neben mir spannt seinen Schirm auf, und die Predigt ist plötzlich zu Ende. Es ist ganz still, die jungferndünne Stimme des Geistlichen hat die Stille vollkommen gemacht. Die ersten drei Spatenstiche schlagen auf den Sarg, lauter und in kürzeren Stößen schluchzt der Körper der Trauernden auf, und man glaubt, die Nerven und Sehnen ihres Sohnes arbeiten zu hören, der immer krampfhafter ihren Arm an sich preßt und, jeden Muskel gespannt, dasteht wie ein grauer Pfahl; auch die Tropfen fallen nicht mehr. Bei der Trauerparade uns gegenüber aber heben sich gemächlich die Gewehre hoch, und die Gesichter ihrer Träger sind noch lustiger; und sechzehn harte, blaffende, unregelmäßige Schüsse knallen gellend der Trauernden ins Ohr, und mit einem lustigen Kirmestusch schmettern die acht Trompeter in das Schweigen hinterher. Sie fährt jäh, ehe ihr die Ursache des Geknalles ins Bewußtsein gekommen sein kann, zusammen wie unter einem Peitschenschlag, und ihr Schluchzen wird zu einem leisen, schreienden Weinen. Fester preßt er ihren Arm in seine Seite und blickt empört zu den Musikern, die mit gleichgültig leeren Augen zu ihnen beiden herüberschauen. Und während die zerrissenen Holzgeschosse der Platzpatronen in kleinen Stücken über uns durch die Blätter rascheln, fährt die nächste Salve, schon etwas einheitlicher und geschlossener, in die Luft und trifft sie wieder, daß sie wie unter einem Schlag auf den Kopf zusammenduckt; lauter wird ihr schreiendes Weinen, und in seinen Augen wächst die Empörung zum Zorn, als wenn er gleich unter sie springen und ihnen ihre gelben Hörner in den Mund stoßen wolle, während bei der dritten Salve und unter dem dritten Tusch sein Zorn in ein maßloses Erstaunen über eine solche Art Totenklage umgeschlagen ist, und jetzt, außer dem Klappern der Gewehrschlösser, wieder nichts weiter zu hören ist als die dumme, gaffende Neugierde der Masse und das Schreien der Frau, gleichmäßig, langgezogen, wimmernd wie das eines Kindes, das sich blau und müde geschrien hat, bis sich mit einem Male die hagere, verkümmerte und zusammengeduckte Gestalt hochreckt und mit unendlich fremden Augen um sich blickt; sie blickt scharf, als sähe sie es zum erstenmal und verstände es nicht, zu den Soldaten hin, die ihre Patronenhülsen aufsammeln, gleitet mit einem Blick an dem schwangeren Weib hinunter, das ihr gegenüber in einem abgetragenen Gummimantel ihren gesegneten Leib zur Schau stellt und sich gerade eine Pflaume in den Mund schiebt, und bricht dann neben ihrem Sohn, dessen Arm vor lauter Empörung und Erstaunen locker und schlaff geworden ist, wie ein Haufen Staub zusammen.

Gegen Abend hatte ein Wind den bedeckten Himmel in langsam einander ziehende und schiebende Wolkenlappen zerrissen, und als ich gegen Mitternacht heimkehrte, hing der Mond blank und voll zwischen ihnen, wellte und versilberte ihre Ränder und warf auf die in weißlichen Dünsten liegende Stadt, ihren Fluß und ihre fernen, verschwimmenden Höhn sein träumerisch-unwirkliches Licht; und in dem verwandelte sich der Schmutz und die Verbautheit der Stadt in romantisch heimliche Winkel, in schnarchende Spitzgiebelnasen und seltsam lockende Märchenzickzackgassen, in denen der Spuk und Traum auf langen Spinnenfüßen auf und nieder stelzten. Aber auf dem Friedhof ist es still, die flachkronigen Akazien bewegen leise ihre Äste hin und her, die Thujabäume beugen und neigen rhythmisch und beinah unmerklich ihre vornehmen Wipfel und lassen ihre schnellen, dünnen Schatten zwischen den geruhigen Grabsteinen huschen und greifen – man darf sich nicht umdrehen, er kommt gewöhnlich von hinten, der knöcherne Harlekin, und steht dann plötzlich neben dir! Aber nur die Äste und Wipfel beugen und neigen sich, und um mich laufen die mageren Schatten über den Weg. Da drehe ich mich um und suche nach ihm und drehe mich immer um, denn vielleicht steht er gerade hinter mir, vielleicht steht er in seiner Hamletpose an irgendeinem offenen Grab und leiert seine weisen Sprüchlein ab, vielleicht steht er gerade, den Kopf unterm Arm, unter der Trauerrose dort. Er riecht schon ein bißchen und möchte wieder leben, vielleicht auch glitscht er nebenan über die Mauer, stinkend, halbverwest, aus dem Osten her, und die Pest hängt noch an ihm, oder vielleicht ist er auf einen Grabstein gesprungen, steht da und tanzt auf einem Bein und schwingt dazu seine Hippe von Annodazumal; es ist auch möglich, daß er den Mantel der Revolution sich angezogen hat und dort, den Karabiner im Arm, in der Ecke steht und eine Virginia schmaucht, oder sollte er sich in die leise, spukhafte Stille und die kleine Erwartung und Angst, die in mir hochsteigen will, gesteckt haben als in seine neueste Manifestation? Der Hanswurst! Er macht immer ein bißchen Theater und spielt in Humor und Groteske, auf jeden Fall redet und schwätzt er des Nachts und gibt sich gerne etwas dichterhaft und menschlich, er ist Kleinbürger, der knöcherne wichtigtuerische Harlekin und kommt sich immer etwas in die Ecke gedrückt und verstoßen vor – er ist nicht da.

Plötzlich stehen die Schatten um mich still, und die Äste und Wipfel über mir sind unbewegt, da blicke ich auf und sehe ihn über die fernen Höhen schreiten, riesengroß; sein Haupt ragt bis zum Mond, und in eine purpurseidene Toga hat er sich gehüllt, Hippe und Geißel in den Kehricht geworfen, in gemessenem Imperatorenschritt wandelt er über die Welt. Aus den Kirchhöfen und Krankenstuben ist er entsprungen, und sein knöchernes, grinsendes Hanswurstengesicht hat sich verwandelt in das eines Herrschers grandiosester Art, seine lustig-traurigen Kleinbürgerspäße hat er abgelegt, dafür liegt in seinen hohlen großen Augen Stolz und Gram, wie er in den Blicken der Imperatoren und Götter liegt, denn er ist der Gott der Erde geworden und ihr Ziel und ihr endgültiger Abschluß. Vom Osten kam er her und verschwindet nun purpurrot und hochragend bis zum Mond hinter den westlichen Höhn.

Nun beginnen wieder die Äste und Wipfel sich zu neigen, zu beugen, die dünnen Schatten huschen wieder um mich hin – und doch ist es nur unsere Narrheit, die ihm die Imperatorenfratze gab.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.