Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Sack >

Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
Schließen

Navigation:

Hinter der Front

Es ist der erste Januar, und die Tage, Wochen, Monate vorher waren nichts als ein Waten in schlammigem Wasser und knietiefem Schlamm; jetzt wird es gleich Morgen sein. Vor einer Stunde verließ ich die Stellung, ging noch einmal die Gräben durch, die Sappen ab und watete, turnte und rutschte dann durch einen zerfetzten Wald in die Mulde hinunter, die der morgendliche, mittagliche und abendliche Sammelplatz der feindlichen Brandgranaten war, die hier in Ermangelung besserer Ziele dreimal täglich unsere Essen und Material tragenden Mannschaften suchten; torkelte ein paarmal in die charakteristischen flachen Löcher, die sie aufzureißen pflegen, werfe mich einige Male platt auf den Bauch vor einem der heransingenden Stänker – denn sie verbreiten bei ihrer Detonation einen widrigen, phosphorweißen und phosphorartig riechenden Rauch –, wate durch Schlammbäche, zu denen die Wege der auf und nieder steigenden Kolonnen geworden sind, mühsam, mühsam weiter, durchschreite ein in groteske Trümmer zerblasenes Dorf und bin nun außerhalb des gewöhnlichen Feuerbereichs; auf einer breiten, prächtigen, mit hohen Ulmen bestandenen Landstraße gehe ich fürbaß. Aber ich habe noch Zeit, ich setze mich an den Straßengraben, in hohes, fauliges Gras, den Rücken müde an einen Ulmenstamm gelehnt. Und die Hände auf den Stock und den Kopf auf die Hände gestützt, schaue ich in die Nacht. Dort vor mir der dunkle, sich schwach gegen den mit drei schweren Wolkendraperien verhangenen Himmel abhebende Strich ist die Höhe, in der ich nun gerade ein Vierteljahr meines Lebens verbrachte, und die für wie viele von uns, die wir an einem schwülen Oktobertage unter dem hohlen Paukenkonzert des französischen Durchbruchsfeuers zum erstenmal hier anrückten, das Grab geworden ist. Leuchtgranaten fauchen unhörbar hoch, in einer wunderbaren, dunkelrot glühenden, parabolischen Bahn, platzen in einem kleinen Feuerregen, der langsam in die Nacht vertropft, und lassen nun ihre stechend weiße Kugel in zierlichen Spiralen sich zu Boden schrauben, minutenlang stehen sie oft über dem ruppigen Wald wie ein strahlender Stern. Fernher, weit hinter dem Höhenrand, leuchtet feindliches Mündungsfeuer hoch, blitzartig, dunkelrot, ein-, zwei-, drei-, viermal, und weit rechts leuchtet es bald wieder kurz und blutrot auf, ein-, zwei-, dreimal, der vierte ist ein Versager und bohrte sich patschend in den Grund; und langsam schlafe ich ein. Und sitze in einem Flugzeug, der Propeller wird angeworfen, langsam wippt und – wippt der Apparat, es scheint, er kann nicht hoch – jetzt geht es hoch, und langsam, schnell, schneller, rasend schnell fall' ich in die Tiefe und bin in einem unterirdischen dunklen Gang, an dessen Wänden stehen Säcke mit irgendwelchem Metall, und von der Decke fallen ab und zu leise Tropfen, die sind seltsam warm und klebrig, wenn sie Hand und Nacken treffen, und von ganz fern her leuchtet ein schwaches gelbes Licht. Und ich gehe weiter, immer geradezu, jetzt muß ich mitten unter den beiden Stellungen sein, mitten unter den Drahtverhauen und Toten; wenn mein Fuß an einen der Säcke stößt, klingt es metallen – wie Gold. Und es tröpfelt weiter, immer weiter, immer stärker, da sehe ich: auf meiner Hand ist Blut! Aber als ich schaudernd hochblicke, stehe ich plötzlich vor dem gelben Licht, und um mich, auf rohgezimmerten Schemeln sitzen vier Gestalten und zählen Geld, aus einer Truhe in die andere zählen sie lautlos goldenes Geld. Lange stehe ich und sehe ihnen zu – sie sehen mich nicht, sie zählen –, und in meinen Augen beginnt die Gier zu flackern, da durchstößt mich ein stechender Blick, grün, eisigkalt wie der einer Schlange, geht an mir herunter, durchbohrend, von Kopf bis zu den Zehn, dann bleibt er lange an meinen Stiefeln haften, und seine Brauen verfinstern sich; dann wandert er weiter und bleibt an meinen Hosen, meinem Koppel, an meiner Pistolentasche kleben wie Pech – nun steht er auf, und meine Kleidung erstarrt zu Eis; er beugt den Kopf auf die Seite, ein Tropfen Blut patzt von oben auf seine Wange und rinnt langsam in einem langen Streifen herab, er faßt den Zipfel meines Rockes, wendet ihn, reibt prüfend das Futter mit seiner blutbesudelten hageren Hand und setzt sich wieder hin, streift noch mit seinem Schlangenblick mir flüchtig Mütze und Gesicht, und sein Mund verzerrt sich zu einem höhnischen Grinsen. Langsam taut meine Kleidung wieder auf, und ich blicke mich um. Es ist, als wäre ich nicht mehr da, ihre Blicke sind starr auf ihre Hand gerichtet und zählen das goldene Geld; bleich sind diese Gesichter, bleich wie Wachs, die haben kein Alter, und ihr kurzes Stoppelhaar verrät mir nichts; und nichts verrät mir ihre Stirn, die ist flach wie die eines Frosches, und ihr blutloser, lippenloser Mund, der ist breit wie der einer Kröte; ihre Brust ist hohl, ihre Glieder verdorrt und ohne Kraft, aber in ihren Backenknochen sitzt die Kraft, und in ihren Kiefern liegt die leibhaftige Brutalität, und ich glaube für einen Augenblick Gesichter wiederzuerkennen, die ich einmal in Zeitschriften gesehn, aber ich sehe nur das Blut: Stirn, Kopf, Wange, Nase, Mund, Hand und Gewand sind über und über besudelt mit Blut; von der Decke, aus der nackten Erde tropft es nieder, ohne Ende, ohne Ende, und zwischen den sickernden Tropfen quetscht sich aus der schwarzen Erde das rote Gold und fällt langsam, klack! klack! klack! in ihre geöffnete Hand, ohne Ende, ohne Ende fällt das Gold, und rollt eins unversehens zur Erde, so fahren vier Köpfe wie der Blitz auf die Erde, die hageren Hände rascheln, klappern und fahren wie Krallen und wütende Schlangen durcheinander, mit giftigem Zischen fauchen ihre Gesichter sich an, und weiter klackt das Gold, und weiter tropft das Blut. Aber rasselnd wie eine Kette von Donnern reißen nebenan ungeheure Winden Geschütze und riesige Körbe hoch, rauschend stürzen neben ihnen unendliche Ströme gelben Getreides und brüllende, schreiende Käfige Viehs in den Grund, während in trägen Pausen eine Liliputwinde magere Säcke hebt und ein Liliputkran ein quäkendes, ängstlich brüllendes Rind in die Höhe zerrt, und reichlicher klackert das Gold, und reichlicher sickert das Blut. Und die Gestalten zählen, zählen, unberührt, wachsbleich und blutbefleckt. Und langsam, langsam, mit schielendem Blick nähert sich meine Hand dem lockenden Gelb, da zischt es, als zische die Brut der Hölle mich an, acht Geierkrallen schlagen sich in meine Brust und reißen und zerren in teuflischem Gezänk, jetzt halten sie mein Herz, jetzt pressen, pressen sie es in ihren Krallen bis auf den letzten Tropfen langsam, langsam aus, jetzt werfen sie es wie einen leeren braunen Beutel fort – ich erwache, ich bin hingesunken, und mein Kopf liegt in dem nassen Gras. Müde blicke ich mich um, Gewehrschüsse platzen hie und da dumpf in das Nichts; fern, ganz fern rumort ein Gefecht, aber es wird hell, eine fahle Helle liegt im Osten, ohne Morgenröte kommt der Tag, und ich gehe meinen Weg.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.