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Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
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Eva

Trotz dem Zepter der blitzdummsten Kausalität schenkte mir eine gütige Verkettung der Dinge das Erlebnis, das ich hier wiedererzählen will; und daß ich es erlebte und wiedererzählen darf, dafür bin ich dem Leben genauso dankbar, wie ich ihm nach jedem grimmigen Fluch noch für das Erlebnis des Fluchens dankte.

Neun Monate lang hatten wir die möglichen Schattierungen des Schmutzes, der Nässe und Kälte und der grenzenlosen Verlassenheit der Schützengräben in uns gefressen, dann lagen wir für zwölf Tage in der ›Kanzelstellung‹. Der lange Graben voller Blut, der sich vom Meer bis in die Vogesen zieht, hat eine Lücke an der Somme, so daß diese Lücke in dem sumpfigen Ufergelände von fünf Feldwachen gehalten werden kann; am anderen Ufer aber, bei der zu malerischen Trümmern zerschossenen Ferme Grenouillère, läuft er wieder weiter, endlos, voller Blut; und den äußersten südlichen Flügel nördlich der Somme bildet die ›Kanzelstellung‹, in Kreide gehauen und mit weitem Blick ins Land. In unserem Rücken, tief in einer Mulde, schmort in der Sonne das Dorf, eine klobige Kirche, braunrote Dächer und Linden, überall Linden; an seinem Rande aber, an der Somme mit ihren Krickenten und ungezählten Aalen langweilen sich träge und üppig fettblättrige, fettglänzende Pappeln und Erlen; und von den östlichen und nördlichen Höhen neigen sich die Felder zu ihm nieder, in langen, breiten Rücken, die tragen hier und dort auf kleinen Satteln Rüstern und Holundergestrüpp, und es muß süß sein, unter ihrem heißen Mittag einer jungen Mäherin das Kleid zu öffnen, daß dir ihre Brüste entgegenquellen, nackt, prall, das köstlichste Ding der Erde. Die Felder selbst liegen brach, aber ihre Unfruchtbarkeit ist schön, denn dort, wo vor dem Kriege das Getreide stand, wuchert jetzt der rote Mohn, lange glummende Rechtecke roten Mohns, die wie Decken und purpurne Läufer über die Hänge gebreitet sind; und neben ihnen und unter sie verstreut prahlen die gleichen Decken und Rechtecke dunkler blühenden Klees; und trockene Weiden sind dort, wo die Kreideschicht dicht unter dem dünnen Humus liegt; ihr Gras blüht, und ein bläulicher Dunst liegt über dem matten, leise hin und wider wogenden Grün. Über allem aber, dem blendenden Kreidestein, der träge fließenden Somme mit ihrem nächtlichen Batrachiergekrächz und Mückengesumme, dem roten Mohn und blaudunstigen Gras – über dem roten Mohn und der stechend weißen Kreide brennt ein Himmel tiefsten Blaus, hart und blank wie Stahl. Oh, wenn wir die Ohren spitzen und lauschen auf das, was von Daheim herüberklingt, wenn wir uns scheuen Auges zeigen, was ihr daheim schreibt und zeichnet und malt, wenn wir gar eure Gefühle hören und eure Gesichter sehen, so möchten wir uns in den Wahnsinn flüchten: laßt uns für immer ferne von euch, gebt uns für ewig den Krieg, laßt uns nie zurückkehren in euren erbärmlichen Kitsch, in eure erbärmliche Begeisterung, in eure Begeisterung für nichts, in eure Lüge für nichts, in eure Lüge vor euch selber für nichts und ewig nichts, denn ihr wißt, daß ihr nur Mittel seid, aber ihr lügt und tut, als wäret ihr der Sinn, das Ziel, und als wolle es so eine ewige Gerechtigkeit.

Aber die Sonne glüht, Tag für Tag, und stechend weiß werfen die zu meterhohen, unendlichen Kettenhaufen ausgeworfenen Kreidemassen ihr Licht in die strahlende, drohend dunkle Bläue zurück; hüben und drüben, denn die feindlichen Gräben liegen in der Mulde unter uns und weiterhin auf den jenseitigen Höhn; weiße, blendende Linien in einem blühenden und zum Teil schon verbrannten Gras; schießt du hinüber, so steigt unter dem Geschoß der Kreidestaub in einer mannshohen Puderwolke hoch, um sich erst langsam in der zitternden, ständig flimmernden Luft zu verziehen. Des Abends aber, wenn nach dem westlichen Wolkenbrand, der Tag um Tag für uns entbrannte, der Himmel als dunkelveilchenfarbene Glocke über unserer Welt liegt, fangen die Minen an, ihren wie Hummeln summenden, in einem infernalischen Aufkrachen endenden Flug zu vollführen, und schwarzer, mißfarbener Rauch wälzt sich schwer und stickend in das Tal.

Und in dem Dorf, das unten in der Sonne schmort, lag ich für einen Tag im Quartier. Dort sah ich sie, schlank, sechzehnjährig, sie benimmt sich wie ein Gassenjunge, mit ihrem kleinen, ständig etwas auf die Seite geneigten Kopf, ihrem ewig zerzausten, nie zu Papilloten zusammengedrehten Haar, ihren grünen Augen und ihrem großen lasziven Mund; ihre Füße sind täppisch und viel zu groß, ihre Brüste klein und spitz und ihre Hände breit und grob, rauh und grob sind sie wie die eines Schifferknechts. Wir waren am Abend eingerückt, und ich hatte sie nur flüchtig angesehen, wie sie mich in mein Zimmer führte und, mir plötzlich ein Gaunergesicht schneidend, mit dem Finger auf die am Fußende meines Bettes aufgestellte Kleiderpuppe wies, deren rohrgeflochtenen Unterleib sie mit einer blutigen Pfingstrose geschmückt hatte. Ich träumte die Nacht wild und zügellos, aber am nächsten Tage, einem schwülen Maientage, mieden wir uns, und nur, wenn ihre Mutter oder eine ihrer sechs dreckigen Schwestern zugegen war, sprachen wir miteinander in einem hastigen anzüglichen Kauderwelsch. Aber beim Abschied, der eher kam, als wir vermutet hatten, und wobei sie mit anderen Dorfschönen mit hochgezogenen Knien und den Kopf in die flachen Hände gestützt – am Straßenrand saß und sich ein Vergnügen daraus machte, die uns ablösenden Truppen mit Grasbüscheln zu bewerfen, sprang sie hoch, wurde bleich und rot, suchte meine Augen, sah wieder fort und drückte mir dann fast schmerzhaft die Hand. Nach einigen Tagen lagen wir dann in der ›Kanzelstellung‹.

Als am nächsten Mittag von dort mein Bursche in das Dorf hinunterging und ihr in ihrem Garten einen guten Tag zurief, winkte sie ihn heran, fragte ihn mit feuerrotem Kopf nach mir, wo wir lägen, wie es mir ginge, wann wir wiederkämen und riß dann hastig einen Riesenstrauß Spireen und Nelken und üppigsten Jasmins zusammen, den sie mir mit vielen Grüßen zu bestellen bat. Die Straße aber, an der ihr Garten lag, war von uns aus ›eingesehen‹, das heißt, den Abschluß des Straßenbildes machte die Höhe, die ›Kanzelstellung‹, auf deren Kamm sich unser Graben wie eine ferne, dünne Krause entlang zog und der ihr so ständig vor Augen war. Und während in der Nacht, die so rein und sternenklar war, daß die Lichtfetzen der Milchstraße wie blaßweiße Wolken am Himmel hingen, durch das ewige Postengeknalle die Minen hummelten und die Batrachier kantierten, schrieb ich ihr berauscht von dem Hetärengeruch des schneeweißen Jasmins, der schamlos und dick wie Patschuli in meinem Unterstand lag, einen Brief, ich hockte hier oben in meiner Kreidehöhle einsam wie ein brünstiger Uhu – »komm zu mir! mache mir einen Besuch, eine Patrouille in meinen Unterstand!« Und sie wollte; sie wollte zu mir kommen, noch in der nächsten Nacht, im Helm und Mantel und schweren Stiefeln; mein Bursche sollte sie holen.

Stahlblau hängt wieder der Himmel über der Kreide und dem roten Mohn und brennt so wütend auf mein unbedecktes Haupt und sticht von dem widerstrahlenden Gestein so beißend in meine geblendeten Augen, daß ich betäubt aus den flimmernden Gräben in meinen Unterstand mich flüchte, und meine Gedanken sehen sie kommen, lachenden grünen Auges in meine kühle Höhle steigen, und – »werfen Sie den Jasmin heraus, ich werde verrückt!«

Aber noch zwei Tage und Nächte ließ sie mich dursten und schickte mir nur ihre Riesensträuße Spireen und Jasmin, und erst am übernächsten Abend kam sie zu mir. Aber ich zürnte ihr wegen der verlorenen Nächte nicht, denn der Himmel war in diesen beiden Nächten von einer noch größeren Reinheit und Sternenfülle, so daß nun die Milchstraße wie eine geschlossene Kette leuchtend weißer Wolken über mir kreiste; ich mochte nicht schlafen, ich plauderte mit meinen Leuten und nahm selber Pickel und Spaten und ließ sie gegen die harte Kreide klingen, um danach wieder stundenlang mich gegen die Brustwehr zu lehnen und den Nebelstreifen zu folgen, wie sie langsam über der Somme und in den Mulden krochen. Meine Kameraden hatten gute Nächte, denn ich übernahm ihre Wachen, aber am Morgen legte ich mich zerschlagen von meinen Wünschen und heißen Bildern – müde und zerschlagen warf ich mich auf meine Pritsche und erwachte schweißgebadet, wenn die Sonne schon wieder hoch aus ihrem stählernen Himmel schien.

Aber an diesem Abend kommt sie zu mir. Ich habe gebeten, meine Wache in die Morgenstunde zu legen und jetzt zeigt meine langsam die Zeit zerhämmernde Uhr zehn; Kerzen brennen; acht, zehn Kerzen habe ich aufgestellt und zwischen ihnen liegt der Jasmingeruch greifbar wie die Wollust selbst. Ich warte, alle meine Sinne sind weit ausgestreckt, wie große lauschende Ohren und Augen hängen sie bebend über den Gräben, dem Mohn und dem schlafenden Dorf. Und ich fühle sie kommen, und meine Sinne streifen über ihren Leib, der, wie ich weiß, nackt unter dem groben Soldatentuch zu mir kommt. Ich sehe sie, wie sie mit lässigem Gruß die meldenden Posten des Dorfes wiedergrüßt, wie sie unbeholfen in den schweren Stiefeln durch die tiefen Grabengänge zu mir hastet, wie sie erschöpft stehenbleibt und Atem schöpft, wie sie in sich kichert und unter dem rauhen Tuch prickelnde Schauer über sie laufen – jetzt ist sie draußen vor meiner Tür, und mein Bursche bleibt zurück –, sie kommt die Treppe herab, jetzt schiebt sie mit ihrer rauhen Mädchen-Schifferhand das Zelttuch fort, und wir sehen uns an. Haben wir gesprochen, haben wir uns angelacht? Ich weiß nur, ich gab ihr mit zitternder Hand ein Glas roten Wein, und dann schälte sie sich aus ihrer grauen Soldatentugend und gab mir ihren frechen Leib. Als mein Bursche mit diskreter Stimme herunterrief, die Uhr sei drei und mein Dienst beginne, erhoben wir uns von unserer tief und weich mit Holzwolle gepolsterten Pritsche; noch einmal küßte ich ihre kleinen, zerbissenen Brüste, noch einmal sank sie lechzend an meinem Leib herab, dann zog sie sich mit wütender Hast an, jagte ohne Abschiedsgruß wie ein Reh die Treppe hinauf, durch den Graben, die Brustwehr hinauf, saust wie ein grauer Spuk auf die Drahtverhaue los, stolpert und reißt sich wieder hoch und fliegt nur noch wie ein grauer Punkt den feindlichen Gräben zu, Schüsse fallen hinter ihr her, aber aus der tiefen Mulde fliegt nur noch ein heller Jauchzer zu mir hoch: » Mon loup! Au revoir, mon petit loup! Après la guerre«, und ich habe nichts mehr von ihr gehört.

Jetzt wird es Herbst, und unter grauem Himmel räkelt sich traurig die Welt, die Nächte werden länger, und das Wasser steht schon oft wieder kniehoch in den Gräben, unser Geist zerfällt, die Verblödung beginnt, und die Erinnerung zerbröckelt in bunten, sehnsüchtigen Fetzen, aber die Wiesen der Somme liegen in einem dicken, dunklen Grün, und zwischen dem sich schon färbenden Grün der Bäume erkenne ich mit dem Glas – denn wir haben seit langem eine weiter nördliche Stellung bezogen – die roten Dachfirste des Dorfes, aus dem sie damals zu mir kam; nur die eine Nacht hatte ich ihren jungen Leib. Nun werden die Nächte schnell dunkler, so dunkel, daß ich auf meinen nächtlichen Gängen die Posten abtasten muß, und fluchend werde ich in dem klatschenden Regen durch die Gräben torkeln und Schulterwehr für Schulterwehr aufprallend mein Konterfei in die triefenden Wände drücken. Und die Erinnerung an sie – noch einige Tage Herbst, und es ist, als wäre nichts gewesen.

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