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Künstler der Renaissance

Giorgio Vasari: Künstler der Renaissance - Kapitel 9
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authorGiorgio Vasari
titleKünstler der Renaissance
publisherTransmare Verlag Berlin
illustratorH. Tannhaeuser
editorFritz Schillmann
year1948
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correctorreuters@abc.de
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Masaccio

Geboren um 21. Dezember 1401 in San Giovanni im Valdarno gestorben 1428 zu Rom.

Oft, wenn die Natur einen vorzüglichen Geist in irgendeinem Beruf hervorbringt, läßt sie ihn nicht einsam, sondern erweckt gleichzeitig in seiner Nähe einen zweiten, damit sie sich gegenseitig fördern und durch Wetteifer nutzen können. Abgesehen von den Vorteilen für die, die vereint vorwärts streben, werden dadurch auch die Nachgeborenen in hohem Maß zu Studium und Fleiß angeregt, so daß sie sich bemühen, den Ruhm und die Vorzüge zu erlangen, die sie an denen, die ihnen vorangegangen, jeden Tag preisen hören. Zeugnis davon gibt, daß in Florenz Filippo, Donato, Lorenzo, Paolo Uccello und Masaccio zu derselben Zeit lebten und ein jeder in seiner Art gleich trefflich war. Dadurch wurde nicht nur die plumpe und harte Manier verbannt, die sich bis dahin erhalten hatte, sondern auch die Nachfolger wurden zur Begeisterung entflammt und zu den herrlichen Leistungen getrieben, die wir in unseren Tagen schauen. Wir sind deshalb jenen Meistern zu großem Dank verpflichtet, die uns durch ihre Anstrengung den Weg gezeigt haben, um zum höchsten Gipfel zu gelangen, und was die gute Methode der Malerei betrifft, ganz besonders dem Masaccio. Denn er ist es, der voll Verlangen, Ruhm zu erwerben, zu der Einsicht kam, von der Malerei sei nichts anderes zu fordern, als einfach durch Zeichnung und Farben die Gegenstände der Natur nachzuahmen, wie sie von dieser hervorgebracht werden, und wer dieses am vollständigsten vermöge, sei am höchsten zu preisen. Weil er dies erkannte, brachte er es durch unausgesetztes Studium dahin, daß man ihn unter die ersten zählen kann, die zum größten Teil die Härten und Unvollkommenheiten der Kunst zu verbannen wußten, und daß er den Anfang machte, den Gestalten schöne Stellungen, Beweglichkeit, Kraft und Leben und den Gegenständen eine eigentümliche und natürliche Rundung zu geben, wie es bis auf ihn kein Maler getan hat. Außerdem ließ ihn sein richtiges Urteil erkennen, alle Figuren, deren Füße auf den Spitzen zu stehen scheinen und sich nicht so verkürzen, daß sie auf dem Boden auf ruhen, seien im wesentlichen schlecht; wer dergleichen zeichne, beweise, daß er nichts von Verkürzung wisse. Hierin hatte zwar schon Paolo Uccello den Anfang gemacht und vieles geleistet, was diese Schwierigkeit erleichterte. Masaccio aber, der in manchen Dingen von ihm abwich, zeichnete Verkürzungen in den verschiedensten Ansichten und besser als irgendeiner vor ihm. Er gab seinen Malereien schöne Einheit und Zartheit, brachte die Hautfarben der Köpfe und der Körper mit den Farben der Gewänder in Übereinstimmung, die er mit wenigen Falten, leicht wie im Leben und in der Wirklichkeit, malte. Dies war den Künstlern von großem Nutzen, und er verdient, als der Erfinder hiervon genannt zu werden, da man die Werke, die vor seiner Zeit ausgeführt sind, Malereien – die seinigen im Vergleich dazu Leben, Wahrheit und Natur nennen kann.

Dieser Künstler wurde zu Castel San Giovanni im Valdarno geboren, und man sagt, es wären dort noch einige Figuren zu sehen, die er in frühester Kindheit ausgeführt habe. Er war von sehr zerstreutem und in sich selbst versunkenem Geist, gleich jemand, dessen Sinnen und Streben einzig der Kunst zugewendet ist und der sich deshalb wenig um seine eigenen noch gar um die Angelegenheiten der anderen bekümmert. Weil er demnach in keiner Weise an die Sorgen und Dinge der Welt dachte und auf nichts, selbst nicht auf seine Kleidung achtgab, auch nicht Geld bei seinen Schuldnern einzutreiben pflegte, außer wenn höchste Not ihn drängte, wurde er von allen anstatt Tommaso, welches sein Name war, Masaccio genannt.Sein richtiger Name war Tommaso di Ser Giovanni. Masaccio bedeutet: der lange plumpe Thomas. Nicht etwa, daß er lasterhaft gewesen wäre – er besaß vielmehr große Herzensgüte –, sondern nur wegen seiner Nachlässigkeit, die aber nicht hinderte, daß er sehr eifrig war, andern Dienste und Vergnügen zu bereiten.

Zu der Zeit, als Masolino von PanicaleMasolino, der kleine Thomas, mit richtigem Namen Tommaso di Cristoforo Fini aus Panicale (1383 bis 1447); seine Hauptwerke sind die Fresken in der Kollegiatkirche und im Baptisterium zu Castighone de Olona am Comer See. Sein Anteil an der Brancaccikapelle und sein Verhältnis zu Masaccio sind ein kunsthistorisches Problem. Sicher ist nur, daß Masaccio der bedeutendere von beiden ist, der Meister der neuen Wirklichkeitskunst. die Kapelle der Brancacci in der Carmine zu Florenz malte, übte Masaccio sich zuerst in seinem Beruf und suchte soviel als nur möglich Filippo und Donato nachzueifern, obgleich ihre Kunst von der seinigen verschieden war. Unausgesetzt mühte er sich, seine Figuren lebendig, beweglich und der Natur getreu darzustellen. Zeichnung und Umrisse wie auch Farbgebung sind bei ihm so verschieden von dem, was ältere Meister leisteten, daß seine Arbeiten sicherlich den Vergleich mit jedem neueren Zeichen- oder Malwerk bestehen können. Er war sehr sorgsam bei der Arbeit und künstlerisch und bewundernswert bei den Aufgaben der Perspektive, wie an einem seiner Bilder mit einer Menge kleiner Figuren zu erkennen ist, worin Christus den Besessenen heilt. Auf ihm sind eine Menge Gebäude sehr schön perspektivisch gezeichnet, so daß man zu gleicher Zeit das Äußere und das Innere der Häuser erkennen kann, weil er zu größerer Schwierigkeit die Ansicht nicht von vorn, sondern von den Ecken genommen hat. Mehr noch als andere Meister suchte er nackte Gestalten und Verkürzungen nach einer früher unbekannten Manier auszuführen. Er hatte eine leichte Hand und bewies, wie gesagt, überall große Einfachheit in der Anlage der Gewänder. Von ihm stammt eine Tafel in Tempera: die Madonna, die mit dem Sohn auf dem Arm im Schoß der heiligen Anna ruht.

In der Kirche del Carmine zu Pisa malte er eine Tafel für eine Kapelle des Querschiffes: die Madonna mit dem Sohne, ihr zu Füßen einige musizierende Engelchen, darunter einer, der Laute spielt und aufmerksam auf die Harmonie der Töne horcht. Der Madonna zur Seite stehen Sankt Petrus, Sankt Johannes der Täufer, Sankt Julian und Sankt Nikolaus, alle Gestalten voller Leben und Bewegung. Unten auf der Staffel sieht man in kleinen Figuren Geschehnisse aus dem Leben jener Heiligen und in der Mitte die Anbetung der Könige. In dieser sind einige Pferde nach der Natur abgebildet, so schön, wie man sie nur wünschen kann. Das Gefolge der Könige trägt verschiedene Gewänder nach dem Brauch jener Zeiten. Schließlich sind darüber in mehreren Bildern viele Heilige um einen Kruzifixus geordnet.

Masaccio kehrte dann von Pisa nach Florenz zurück und malte dort auf einer Tafel zwei nackte Gestalten, eine männliche und eine weibliche, als wären sie lebend. Er fühlte sich jedoch in Florenz nicht recht wohl, und von Liebe und Eifer zur Kunst getrieben, beschloß er, nach Rom zu gehen, damit er dort lerne, wie er die anderen Meister übertreffen könne, und so tat er. In Rom gelangte er zu großem Ruhm und malte in Fresko für den Kardinal von San Clemente in einer Kapelle der Kirche San demente die Passion Christi, dabei die Schacher am Kreuz und Begebenheiten aus dem Leben der heiligen Märtyrerin Katharina. Masaccio arbeitete auch viele Temperabilder, die in den Wirren Roms alle zugrunde oder verlorengegangen sind. Dieser Künstler sollte einen Teil der Arbeiten in San Giovanni zu Rom übernehmen, wo Pisanello und Gentile da Fabriano für Papst Martin die Wände mit Malereien verzierten. Er erhielt jedoch Nachricht, Cosimo de' Medici, der ihn sehr beschützte und ihm oft Hilfe leistete, sei aus dem Exil zurückberufen, und begab sich deshalb wieder nach Florenz. Dort war Masolino von Panicale gestorben, und Masaccio mußte nun die Malereien in der Kapelle der Brancacci in der Carmine weiterführen, die jener unvollendet gelassen. Ehe er dies jedoch unternahm, malte er gleichsam zur Probe und um zu zeigen, wie er sich in der Kunst vervollkommnet habe, den heiligen Paulus. Hierbei bekundete er wirklich viele Vorzüge. Denn der Kopf des Heiligen hat etwas so Gewaltiges und Lebendiges, daß dieser Gestalt einzig die Sprache zu fehlen scheint. Und wer von dem heiligen Paulus keine Kenntnis hat, wird in ihr jenen Adel der römischen Bildung und zugleich die unbesiegbare Kraft jenes göttlichen Geistes erkennen, dessen Sorge allein auf den Glauben gerichtet war. In demselben Bild bewies er seine Fertigkeit, Gegenstände so zu zeichnen, daß sie sich von unten her gesehen dem Auge verkürzen, eine wirklich bewundernswerte Sache, wie die Füße des Apostels zeigen, bei denen man die Aufgabe mit Leichtigkeit gelöst sieht. Die häßliche alte Manier, nach der alle Figuren auf den Fußspitzen standen, hatte bis auf ihn gedauert, ohne daß sie jemand verbesserte. Er allein, und früher als irgendein anderer, brachte diesen Teil der Kunst zu der Vollkommenheit, in der er jetzt ausgeübt wird. Zur Zeit, als er jenes Werk arbeitete, wurde die genannte Kirche del Carmine eingeweiht, und Masaccio malte zum Andenken an diese Begebenheit in Hell und Dunkel mit grüner Erde innen im Kreuzgang über der Tür, die nach dem Kloster führt, jene ganze Feierlichkeit der Wirklichkeit getreu. Dabei stellte er eine große Anzahl Bürger nach dem Leben dar, die in Mänteln und Kapuzen der Prozession folgen. Nach dem Leben gemalt sind auch die Tür des Klosters und der Pförtner mit den Schlüsseln in der Hand. Bei diesem Werk ist alles sehr vollkommen, denn Masaccio verstand auf der Fläche der Piazza die Figuren so gut in fünf- und sechsfachen Reihen zu zeichnen, daß sie allmählich abnehmen, wie es sich in Wirklichkeit dem Auge darstellt. Die Füße aller stehen auf dem Boden auf und verkürzen sich der Reihe nach so gut, daß es in der Natur nicht anders ist.

Masaccio kehrte nunmehr zur Arbeit in die Kapelle der Brancacci zurück, wo er die von Masolino angefangene Geschichte des heiligen Petrus weiter ausführte und zum Teil beendete. In dem Bild, worin Sankt Petrus tauft, wird eine nackte Gestalt sehr gerühmt, die vor Kälte zitternd zwischen den Täuflingen steht. Diese Figur, mit voller Rundung und in zarter Manier ausgeführt, ist von alten und neueren Künstlern stets mit Ehrfurcht und Bewunderung betrachtet worden, wie denn bis auf den heutigen Tag unzählige Meister jene Kapelle besuchen und betrachten, in der einige Köpfe fürwahr so schön und lebendig gemalt sind, daß man sagen kann, kein Künstler jener Zeit habe sich so sehr den Neueren genähert. Sein Bestreben verdient das größte Lob, da er in seiner Kunst die Bahn zu der schönen Methode unserer Tage eröffnet. Hierfür gibt es kein besseres Zeugnis, als daß alle berühmten Bildhauer und Maler, die nach ihm lebten, in jener Kapelle sich übten und ihre Studien machten. So groß der Ruf ist, in dem zu allen Zeiten die Arbeiten Masaccios standen, so ist doch die Ansicht oder richtiger der feste Glaube vieler, daß er noch weit Größeres in der Kunst erreicht haben würde, wenn er nicht schon in seinem sechsundzwanzigsten Jahre uns vorzeitig durch den Tod geraubt worden wäre. Geschah es durch Neid und Verfolgung oder geschah es, weil vorzügliche Dienste meist nicht lange dauern – er wurde in seiner schönsten Blüte dahingerafft, und so schnell, daß es nicht an solchen fehlte, die meinten, er sei an Gift eher als an sonst einem Zufall gestorben. Filippo Brunelleschi soll gesagt haben, als er seinen Tod vernahm: »Wir haben in Masaccio einen überaus großen Verlust erlitten.« Und es tat ihm über alles leid, daß jener starb, denn er hatte sich lange bemüht, ihn die Regeln der Perspektive und der Baukunst zu lehren. Masaccio wurde 1443 in der Kirche del Carmine beigesetzt, und obwohl man ihm damals kein Gedenkzeichen auf sein Grab setzte, weil er im Leben noch nicht sehr anerkannt war, wurde er doch nach seinem Tode durch Grabschriften geehrt.

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