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Künstler der Renaissance

Giorgio Vasari: Künstler der Renaissance - Kapitel 24
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authorGiorgio Vasari
titleKünstler der Renaissance
publisherTransmare Verlag Berlin
illustratorH. Tannhaeuser
editorFritz Schillmann
year1948
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correctorreuters@abc.de
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Giorgione von Castelfranco

Geboren um 1477 zu Castelfranco, gestorben 1511 zu Venedig

Venedig wurde in der Zeit, da die Werke Leonardos der Stadt Florenz hohen Ruf erwarben, durch die Kunst und Trefflichkeit eines Mitbürgers verherrlicht, der die hochgepriesenen Bellini sowie alle anderen Meister, die bis dahin in jener Stadt gearbeitet hatten, weit übertraf. Dies war Giorgio, im Jahre 1477 zu Castelfranco im Gebiet von Treviso geboren, in der Zeit, als das Amt des Dogen von Giovan Mocenigo bekleidet wurde. Man nannte ihn später Giorgione, seiner körperlichen Gestalt wie seines großen Geistes wegen. Obwohl von niedriger Abkunft, zeigte er sich stets liebenswert und von edlen Sitten. In Venedig erzogen, fand er immer Gefallen an Liebesabenteuern, vergnügte sich gern auf der Laute und spielte und sang so wunderbar, daß er von vornehmen Leuten oft und gern zu Musikfesten und Vergnügungen gebeten wurde. Er widmete sich mit großer Liebe der Zeichenkunst, und die Natur war ihm hierbei sehr günstig. Aus Begeisterung zu ihrer Schönheit wollte er nichts in seine Werke aufnehmen, das er ihr nicht nachgebildet hatte, und er unterwarf sich ihr so und ahmte sie so eifrig nach, daß er nicht nur höher als die Bellini, sondern mit den Meistern gleichgestellt wurde, die in Toskana Schöpfer des neuen Stils waren.

Giorgione hatte einige Arbeiten Leonardos gesehen, aufs duftigste gemalt und mit Hilfe dunkler Schatten hervortretend. Diese Manier gefiel ihm ausnehmend gut. Deshalb eiferte er ihr nach, solange er lebte, ganz besonders in der Ölmalerei. Da er gern gut arbeiten mochte, wählte er zu seinen Darstellungen immer das Schönste und Mannigfaltigste, das er finden konnte. Die Natur gab ihm einen glücklichen Geist, und er bereicherte die Kunst der Öl- wie der Freskomalerei durch Lebhaftigkeit, Weichheit, Einheit und zarte Übergänge in den Schatten. Viele treffliche Meister jener Zeit erklärten deshalb: er sei geboren, den Gestalten Geist einzuhauchen und die Frische des lebendigen Fleisches treuer nachzuahmen als die venezianischen Maler, ja als die Meister dieses Berufs an allen Orten.

In seiner Jugend verfertigte er in Venedig viele Madonnenbilder und andere Gemälde nach der Natur, sehr lebendig und schön. Viele andere herrliche Bildnisse dieses Meisters sind an verschiedenen Orten Italiens verstreut. Zu ihnen gehört eins von Lionardo Loredano, in der Zeit gemalt, als er Doge war.

Im Jahre 1505 brach in Venedig im Kaufhaus der Deutschen am Ponte del Rialto ein furchtbares Feuer aus. Es wurde dadurch ganz zerstört, und alle Waren gingen in Flammen auf, zum großen Schaden der Kaufleute. Die Signoria von Venedig gab den Befehl, es neu zu erbauen, und es wurde mit bequemeren Wohnungen reich, schön und prächtig schnell errichtet.Das Kaufhaus der Deutschen (Fondaco dei Tedeschi) brannte in der Nacht vom 27. zum 28. Januar 1505 ab. Der Neubau war im Mai 1508 vollendet. Giorgione, dessen Ruf immer mehr gestiegen war, wurde dabei zu Rate gezogen, und er erhielt den Auftrag, dies Gebäude mit bunten Farben in Fresko zu bemalen, ganz nach eigenem Belieben, wenn er nur seine Geschicklichkeit dabei zeige und an diesem meistbesuchten und schönsten Ort der Stadt ein treffliches Werk vollführe. Er übernahm die Arbeit und malte als Beweis seiner Kunst lauter Phantasiegestalten. Man findet keine Folgereihe von Bildern oder einzelne Begebenheiten aus dem Leben berühmter Personen des Altertums oder der neueren Zeit. Ich für meinen Teil habe nie den Sinn des Ganzen verstehen können und auch niemanden gefunden, der ihn mir erklären konnte. Hier ist ein Mann, dort eine Frau in verschiedenartigen Stellungen, neben dem einen sieht man ein Löwenhaupt, neben dem anderen einen Engel, dem Cupido ähnlich, so daß man nicht weiß, wer es sein soll. Über der Tür, die auf die Merceria führt, ist eine Frau sitzend abgebildet, zu ihren Füßen ein Riesenhaupt, so daß man sie fast für eine Judith halten könnte, aber sie hebt den Kopf mit dem Schwerte empor und spricht zu einem Deutschen, der weiter unten steht. Weshalb diese Figur hier dargestellt ist, konnte ich nicht erfahren, falls es nicht eine Germania sein soll. Im ganzen erkennt man sehr wohl, daß die Figuren gut beisammen sind und Giorgione immer bedeutender wurde. Köpfe und einzelne Glieder der Gestalten sind gut gezeichnet und sehr lebendig gemalt; auch mühte er sich überall, die Natur getreu nachzubilden, und man findet nirgends irgendwelche Nachahmung einer Manier. Dieses Gebäude ist in Venedig berühmt ebenso wegen der Malereien Giorgiones wie wegen der Bequemlichkeit des Warenlagers und wegen seines öffentlichen Nutzens.

Giorgione arbeitete an verschiedenen Orten, unter anderem in CastelfrancoIn der Kirche San Liberale in Castelfranco, der Altar noch erhalten. und im Gebiet von Treviso, und verfertigte eine Menge Bildnisse für verschiedene Fürsten Italiens. Viele seiner Gemälde wurden ins Ausland verschickt als wahrhaft würdige Werke, um zu bezeugen, daß, wenn auch Toskana zu allen Zeiten übergroßen Reichtum an Künstlern hatte, die Gegend jenseits des Apennin nahe den Alpen auch nicht verlassen und nicht immer vom Himmel vergessen war. Man erzählt, als Andrea Verrochio in Venedig das Bronzepferd arbeitete, habe Giorgione sich mit einigen Bildhauern unterhalten, die meinten, ihre Kunst übertreffe die Malerei, denn wenn man um eine einzige Figur herumgehe, könne man verschiedene Stellungen und Ansichten sehen, während die Malerei nur eine einzige Seite zeige. Dieser Meinung widersprach Giorgione und behauptete, in einem Bild könnten, ohne daß man nötig habe, den Standpunkt zu verändern, auf einen einzigen Blick alle möglichen Ansichten und Bewegungen menschlicher Gestalten vor Augen geführt werden; dies könnte die Bildhauerei nicht, ohne den Betrachtenden seinen Platz wechseln zu lassen, um nicht nur eine, sondern verschiedene Ansichten zu haben. Ja, er erklärte sich sogar bereit, eine Figur zu malen, bei der man die Vorder- und Rückseite und beide Profile sehen sollte – ein Vorschlag, der jene außer sich brachte. Dies tat er in folgender Weise: er malte die nackte Gestalt eines Mannes, mit dem Rücken dem Beschauer zugewendet, ihm zu Füßen einen klaren Quell, in dessen Wasser sich die vordere Seite abspiegelte; ein goldener Brustharnisch, den er abgelegt hatte, stand an einer Seite, auf seiner glänzend polierten Fläche erkannte man deutlich das linke Profil, das rechte zeigte ein auf der anderen Seite hingestellter Spiegel. Durch diesen seltsamen, lustigen und schönen Einfall wollte er mit der Tat beweisen, die Malerei sei kunstvoller und schwieriger und lasse auf einen Blick von der Natur mehr überschauen als die Bildhauerei. Sein Werk wurde sehr gerühmt und als sinnreich und schön bewundert.

Während Giorgione danach trachtete, sich und seinem Vaterland Ehre zu machen, war er viel in Gesellschaft und unterhielt seine Freunde durch Musik. Hierbei verliebte er sich in eine Frau, und beide genossen reichlich ihre Liebesfreuden. Im Jahre 1511 wurde die Geliebte von der Pest ergriffen, und Giorgione, der es nicht wußte und wie gewöhnlich zu ihr ging, bekam diese Krankheit in so heftigem Grad, daß er nach kurzer Zeit im vierunddreißigsten Jahr seines Lebens in ein anderes Leben überging, seinen Freunden, die ihn um seiner vortrefflichen Eigenschaften willen liebten, zum wahren Kummer und der Welt zu großem Verlust.

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