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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 97
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Pyramiden

Die Entstehung der Pyramiden fällt in die Zeit der dritten Dynastie, deren Regierung wahrscheinlich, rund gerechnet, das erste Jahrhundert des dritten Jahrtausends umspannte. Als ihr Begründer gilt König Zoser. Vielleicht verlegte erst dieser die Residenz nach Memphis. Sein Baumeister und erster Minister war Imhotep, eine der populärsten Gestalten des alten Ägypten. Er galt als ein großer Weiser und mächtiger Zauberer, sogar die Begründung der Arzneikunst und die Erfindung des Steinhauses wurden ihm zugeschrieben. Er war der Schutzpatron der Schreiber, und die Frommen unter ihnen vergaßen nie, ihm, bevor sie an die Arbeit gingen, aus dem Wasserbehälter eine Libation darzubringen. Auf ihn wird auch die merkwürdige »Stufenpyramide« von Sakkara, dreißig Kilometer südlich 193 von Kairo, zurückgeführt. Sie ist noch keine richtige Pyramide, sondern besteht aus sechs übereinandergetürmten, sich verjüngenden Mastabas, deren Gesamthöhe sechzig Meter beträgt. Der nächste Schritt war die »Knickpyramide«, die wohl jedermann aus Abbildungen bekannt ist. Die erste wurde in einer Höhe von hundert Meter von dem letzten König der dritten Dynastie bei Daschur errichtet, das noch etwas südlicher liegt als Sakkara. Bei Daschur vollzog sich auch der Übergang zur reinen Pyramide: XXX unter König Snofru, dem Begründer der vierten Dynastie, die ungefähr von 2900 bis 2750 regierte. Die größte Pyramide ließ sein Nachfolger Cheops aufführen: sie hatte eine Seitenlänge von mehr als 230 Meter und eine Höhe von 148 Meter und erforderte eine Bauzeit von fünfundzwanzig Jahren. Sie steht, ebenso wie die Pyramiden des Chephren und des Mykerinos, bei Gise, schräg gegenüber von Kairo. Chephren ist auch der Schöpfer der Großen Sphinx, die bekanntlich ein Herr ist, nämlich der König selbst mit einem Löwenleib. Das Ohr allein ist 1⅓ Meter lang, der Mund 2⅓ Meter breit. Als Porträt kann der Kopf freilich heute nicht mehr gelten, da die Mamelucken ihn als Schießscheibe benutzten. Ursprünglich hielt das Bildwerk, das jetzt vom Wüstensand völlig freigelegt ist, einen kleinen Tempel zwischen den Tatzen und war bemalt: der Körper rot, das Kopftuch weiß. Rings um die Pyramiden bildeten die Mastabas, in denen die Großen des Reiches begraben lagen, eine Art Suite.

Die Pyramide ist nichts anderes als ein riesiges Grabmal, unter dem die Sargkammer liegt. Einer ihrer Hauptzwecke war der Schutz vor Grabräubern. Das ungeheuer dicke Mauerwerk aus festestem Gestein war undurchdringlich und der enge Zugang, durch den der Sarg ins Innere gebracht worden war, auf die raffinierteste Weise versteckt. Trotzdem sind auch die Pyramidengräber erbrochen worden, aber sicher nicht ohne staatliche Patronanz, und dies war dann oft eine nicht minder 194 gigantische Leistung wie der Bau selbst. Man gab daher im Neuen Reich die Pyramidengräber auf und ging zu Felsengräbern über, die noch unzugänglicher waren. Allein es fand sich immer ein Weg, und man hat kein Grab entdeckt, das sich nicht in geplündertem oder doch angeplündertem Zustand befand. Das Motiv war nicht immer Habgier, sondern auch politische oder religiöse Gegnerschaft, und neuestens ist es wissenschaftlicher Natur. Es ist übrigens merkwürdig, daß die wenigsten Menschen eine Empfindung dafür haben, welche Blasphemie darin liegt, eine Leiche aus ihrem Sarge zu reißen und in ein Museum zu stellen. Trotz allen diesen Attacken sind aber sicher gewisse Verstecke unauffindbar, und Mariette pflegte zu sagen, es gebe viele Mumien, die absolut nie wieder an das Tageslicht kommen würden.

Zu jeder Pyramide gehörte noch eine ganze weitläufige Anlage. Ihre Hauptteile waren der sogenannte Torbau: ein Tempel im Tale am Ufer des Nils, der gedeckte Rampenweg, der, bis zu vier Kilometer lang, zum Wüstenplateau emporführte, und der Totentempel, der, zu den Füßen der Pyramide gelegen, sich in eine breite Vorhalle und einen tiefen Säulensaal gliederte. Dazu kamen noch große Magazine. Die Ausstattung der Räume war von imposanter Einfachheit: der Fußboden aus schneeweißem Alabaster, die Wände aus leuchtendrotem Granit, dazu mächtige viereckige Pfeiler und überall überlebensgroße Standbilder des Königs aus grünem Stein, keine Reliefs, keine Inschriften. An der Anlage dieser uralten Tempel, die Strabo von seinem griechischen Standpunkte aus »barbarisch« nannte, wird auch deutlich, daß das Ursprüngliche in Ägypten der Holzbau war: es sind in Stein übersetzte Holzkonstruktionen.

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