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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 96
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Schriftarten

Das Ägyptische ist somit, obgleich es die Buchstaben zum erstenmal anwandte, keine reine Buchstabenschrift, sondern, 190 wie Adolf Erman in seiner klassischen Ägyptischen Grammatik sagt, eine »lautlich ergänzte Bilderschrift«. Man kann aber auch ebensogut mit Eduard Meyer finden, daß »das ideographische Element nur akzessorisch und gewissermaßen erläuternd ist«; es kommt beides im Grunde auf dasselbe heraus. Die nächste Stufe war dann die semitische Schrift, die nur noch Konsonantenzeichen verwendete, und den Abschluß bildete das griechische Alphabet, das die Vokale hinzubrachte. Daß die Ägypter den letzten Schritt nicht getan haben, hatte seinen Grund sowohl in ihrem tiefeingewurzelten Konservatismus wie in ihrer Verspieltheit. Für wissenschaftliche oder gar technische Zwecke ist zweifellos ein reiner Buchstabentext das vollkommenere Instrument, aber die farbige Kindlichkeit des hieroglyphischen Ausdrucks hat keine spätere Schrift erreicht; auch heute noch besteht ja bei jeder Sprache der Reiz ihrer Formenbildung und Syntax in der lebensvollen Inkonsequenz, deshalb werden Schöpfungen wie Volapük und Esperanto sich nie durchsetzen. Das Schreiben war in Ägypten eine Kunst und Spezialität wie bei uns Uhrmachen oder Orgelspielen. Aber auch die Texte der gelernten »Schreiber« sind oft voll von grammatischen und orthographischen Fehlern, auch absichtlichen: Buchstaben sind aus spielerischen oder dekorativen Gründen umgestellt; nicht selten sind auch infolge der bereits erwähnten Furcht, sie dadurch in die Realität zu zaubern, gewisse Worte ausgelassen oder nicht ausgeschrieben, ja sogar regelmäßig wiederkehrende Buchstaben inkomplett, zum Beispiel f, die Schnecke: XXX, und d, die Schlange: XXX. Da der Phrasenschatz des Ägypters ziemlich eng umgrenzt war und er es liebte, bestimmte Situationen und Empfindungen immer wieder auf sehr ähnliche Weise wiederzugeben, so störten ihn diese Mängel nicht, weil er das meiste leicht erraten konnte.

Den Namen Hieroglyphen (heilige Eingrabungen) verdienen im vollen Sinne eigentlich nur die gemeißelten und 191 gemalten Schriftzeichen, die vollendete Kunstwerke sind, von feinster und exaktester Ausführung nicht bloß in allen ihren Einzelheiten, sondern auch in ihrem Verhältnis zueinander und zum Rahmen. Sie sind scharf geprägt wie Gemmen; bunt und wirkliche Bilder, der Malerei ebenbürtig: ihre Anordnung ist ornamental. Sie dienen ebensosehr der Dekoration wie der Mitteilung und bilden, als Legende des Gemäldes, mit diesem ein Gesamtkunstwerk. Das rein künstlerische Prinzip äußert sich auch darin, daß bei zwei Inschriften, die Pendants bilden, nur die eine in normaler Richtung geführt wird (diese läuft im Ägyptischen, wie gesagt, von rechts nach links), die andere in der umgekehrten. Dies wäre etwa so, wie wenn wir aus Schönheitsgründen Spiegelschrift anwenden wollten. Umgekehrt sind die stereotypen Attitüden auf den Gemälden: Opfern, Thronen, Wagenkampf, Tributdarbringung, Erlegen des Feindes eine Art Hieroglyphen. Den monumentalen Hieroglyphen zunächst standen die geschriebenen oder vielmehr gezeichneten, reizende Silhouetten: die hieroglyphische Buchschrift; und aus dieser entwickelte sich die sogenannte hieratische Schrift, eine Schreibschrift oder Kursive, die die einzelnen Zeichen abkürzte und miteinander verband. Sie verhält sich zur hieroglyphischen Buchschrift etwa wie unsere Kalligraphie, zumal die mit der Rundfeder geschriebene, zu den Drucktypen, wenn man dabei an eine besonders schöne alte Fraktur denkt. In der griechischen und römischen Zeit hat sich dann das Hieratische durch weitere Vereinfachungen und Zusammenziehungen noch mehr abgeschliffen: zum sogenannten Demotischen, das, weil es für Briefe, Verträge und ähnliche Schriftstücke mit Vorliebe benützt wurde, auch epistolographische Schrift hieß. Es wäre vielleicht am ehesten mit einer »ausgeschriebenen« Kurrentschrift zu vergleichen, die sich bisweilen schon der Kurzschrift nähert.

Kalender und Alphabet sind zwei Einrichtungen, die uns 192 höchst selbstverständlich vorkommen. Und doch sind die selbstverständlichsten Dinge oft die wunderbarsten. Auf der Erde findet sich weit und breit keine feste Zäsur, die einen sicheren Zähler für den Ablauf der Zeit abgeben würde. Dazu muß der Mensch seine Grenzen überfliegen und sich zu den Gestirnen erheben. Aber auch diese beschreiben sehr eigensinnige Bahnen, die sich bei aller ihrer Regelmäßigkeit und gegenseitigen Abhängigkeit nur durch geduldigste Beobachtung und angestrengtesten Scharfsinn auf ein gemeinschaftliches Maß bringen lassen. Und doch ist erst eine eingeteilte Welt eine erinnerbare, erkundbare, im wahren Sinn erlebte Welt. Demselben stets wachen Wunsch des Menschen, sich über die Zeitlichkeit zu erheben, dient der Buchstabe. Man spricht vom »toten Buchstaben«, aber kein Buchstabe ist tot. Jeder Buchstabe ist ein unsterblicher Menschheitsgedanke, jedes Wort ist ein Haus, in dem vieltausendjährige Lebenserfahrung wohnt, jede Wortfolge ist ein geronnenes Stück Seelenleben. Unter Millionen denkt heute wohl kaum einer, wenn er schreibt oder liest, dankbar an diese Großtat der Ägypter, die ruhmwürdiger war als alle ihre Riesentempel und Pyramiden.

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