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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 94
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Buchstabenschrift

Die dritte Stufe ist die Buchstabenschrift. Sie beruht auf der Wahrnehmung, daß alle menschliche Rede sich aus einer beschränkten Anzahl einfacher Laute zusammensetzt und daß, wenn man für jeden von ihnen ein festes Zeichen einführt, alle erdenklichen Wörter mit verhältnismäßig sehr geringen Mitteln schriftlich zum Ausdruck gebracht werden können. Diese geniale Entdeckung, durch die sie die Wohltäter der ganzen späteren Menschheit geworden sind, haben die Ägypter gemacht. Gleichwohl wäre es irrtümlich, zu glauben, sie hätten jemals 187 eine reine Buchstabenschrift besessen. Vielmehr haben sie immer alle drei Systeme nebeneinander gebraucht. Zunächst hat das Ägyptische aus der Zeit her, wo es nur solche kannte, reine Piktogramme: ein Skarabäus: XXX bedeutet »Käfer«, ein Enfaceköpfchen: XXX »Gesicht«, ein Kreis mit einem Punkt in der Mitte: XXX »Sonne«, fünf Zacken: XXX bezeichnen einen Stern, die Silhouetten von Schwalbe, Stier, Kröte, Fisch: XXX zunächst diese Tiere. Neben den eigentlichen gibt es natürlich auch symbolische Bilder: das Zeichen für 100 000 ist eine Kaulquappe: XXX (vermutlich wegen der großen Menge, in der sie vorkommt), das für eine Million ist ein Mann, der verwundert die Hände über dem Kopf zusammenschlägt: XXX, das für das Gehen die schematische Zeichnung zweier ausschreitender Beine: XXX. An der Hieroglyphe für »zurückgehen«: XXX sehen wir, daß für den Ägypter, im Gegensatz zu uns, die Normalrichtung von rechts nach links ging. Es ist übrigens interessant, daß die Taubstummensprache sich nicht selten mit dem Ägyptischen berührt: »Gehen« zum Beispiel wird von ihr ganz ähnlich ausgedrückt, indem Zeige- und Mittelfinger die Beinbewegungen nachahmen.

Phonogramme, bei denen das Bild auch jedes andere lautgleiche Wort bezeichnen kann, kommen im Ägyptischen ebenfalls sehr häufig vor, zum Beispiel kann die Hieroglyphe der Gans: XXX auch »Sohn« bedeuten, die Schwalbe »groß«, der Käfer »werden«, das Auge: XXX »tun«, das Dreieck: XXX »bereiten«, der Krugständer: XXX »vorn«, der Korb: XXX »jeder«, das Brettspiel: XXX »bleiben«. Hierbei kann es sich sowohl um Worte als auch um Wortteile handeln. Es können also zum Beispiel die Lautbilder für wr Schwalbe, hr Gesicht, mn Brettspiel, wn Hase: XXX, rw Löwe: XXX, pr Haus: XXX auch Silben innerhalb jedes beliebigen Worts bilden. Die Gleichsetzung wird im Ägyptischen dadurch erleichtert, daß Vokale nicht geschrieben werden, also nur die Konsonanten 188 berücksichtigt werden müssen. Es verdient auch hier wieder eine Analogie angemerkt zu werden: die Sprache der schreibenden Pferde und Hunde, die meist nur auf Konsonanten reagiert: Pferd wird von ihnen frt, Zucker zkr geschrieben. Um uns die ägyptischen Worte überhaupt aussprechbar zu machen, müssen wir uns, soweit das Koptische keine Anhaltspunkte für Vokale bietet, damit helfen, daß wir zwischen die Konsonanten ein e einschalten. Wir sprechen also, wie gesagt, kein einziges ägyptisches Wort richtig aus, oder genauer ausgedrückt: wenn wir es tun, so ist das der reine Zufall. Das vorhin erwähnte Land Punt zum Beispiel wird pwnt geschrieben (w ist ein Halbvokal); man kann es daher mit ebensoguter Berechtigung Pewenet nennen. Das Ignorieren der Vokale ist es auch wahrscheinlich, das die Ägypter auf die Buchstaben geführt hat, denn diese konnten sehr leicht aus einkonsonantigen Silben entstehen. Es wurde aus dem Zeichen für ta, Brot, XXX: t; aus dem für ro, Mund, XXX: r; aus nu, Wasser, XXX: n; aus schi, See, XXX: sch; aus dot, Hand, XXX das eine, aus dot, Schlange, XXX das andere ägyptische d (das t ist bloß Endung). So entstand das ägyptische Alphabet von vierundzwanzig Konsonanten. Unter diesen fehlt das l. Da die grammatische Form durch die Endungen angegeben wird und diese meist vokalisch sind, so werden in ägyptischer Schrift Substantiv und Adjektiv, Nomen und Verbum, auch Modi und Tempora, soweit sie im Ägyptischen überhaupt vorhanden sind, sehr oft durch dieselbe Buchstabenfolge angegeben. Nefer, die Laute, XXX, das Zeichen für »schön«, kann zum Beispiel ebensogut »Schönheit« oder »schön sein« bedeuten. Es ist dies ungefähr so, wie wenn in unserer Schrift nur die drei Konsonanten brg dastünden (oder das Rebuszeichen für »Berg«): dies könnte dann außer »Berg« auch noch Berge, berge, bärge, barg, birg, aber eventuell auch borge, Burg, Bürge heißen.

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