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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 91
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Kalender

Die größten Schöpfungen der ägyptischen Frühzeit aber sind die Schrift und der Kalender, beide uralt, spätestens im fünften Jahrtausend vollendet.

Es mußte den Ägyptern sehr bald auffallen, daß das erste Anschwellen des Nils ungefähr mit dem Tage zusammenfiel, an dem das hellste Gestirn des Himmels nach längerer Unsichtbarkeit zum ersten Male wieder in der Morgendämmerung aufleuchtete: die Sothis, unser Sirius oder Hundsstern. Dieser Termin lag damals in der Nähe der Sommersonnenwende: Mitte Juni, genauer 15. Juni unseres, des Gregorianischen Kalenders. Hier ließen die Ägypter ihr Jahr beginnen. Die Einteilung ergab sich ebenso natürlich; drei Jahreszeiten zu vier Monaten von je dreißig Tagen: Überschwemmung von Mitte Juni bis Mitte Oktober, Aussaat von Mitte Oktober bis Mitte Februar, Ernte von Mitte Februar bis Mitte Juni. Heute gibt es in Ägypten infolge der modernen Wirtschaftsmethode zwei bis drei Ernten im Jahr, was aber auf die Dauer sehr leicht zu einer Erschöpfung des Bodens führen kann; daß der altägyptische Bauer während der Überschwemmungszeit für andere Arbeiten verfügbar war, ist vielleicht einer der Erklärungsgründe (wenn auch sicher nicht der wesentlichste) für die Großartigkeit der Bauten.

An das Ende des Jahres fügten die Ägypter fünf Zusatztage, die »fünf Überschüssigen«, aber auch das genügte auf die Dauer nicht, da das Sonnenjahr bekanntlich eine Länge von rund 365¼ Tagen hat. Daher verschob sich das bürgerliche Jahr gegen das astronomische schon nach vier Jahren um einen Tag, nach 120 Jahren um einen Monat. Das Jahr des Ägypters war daher ein Wandeljahr, und er unterschied, da ihm dies natürlich nicht verborgen blieb, zwischen dem wandernden »Neujahr« 184 und dem wahren »Anfang des Jahres«. Wem dies seltsam vorkommt, der erinnere sich daran, daß wir es mit dem Monat ja noch heute nicht anders machen. Es entsprechen also 365 × 4 = 1460 wirkliche 1461 ägyptischen Jahren. Einen solchen Zeitraum nennt man eine Sothisperiode. Jedesmal, wenn er abgelaufen ist, fallen »Neujahr« und »Anfang des Jahres« wieder zusammen. Es ist klar, daß der Kalender nur in einem solchen Jahr eingeführt worden sein kann. Das Jahr 2781 war ein solches, aber unter der vierten Dynastie war er schon längst in Gebrauch. Wir müssen daher bis zum Jahr 4241 zurückgehen: dieses ist das älteste sichere Datum der ägyptischen Geschichte. Vielleicht ist sogar noch eine weitere Sothisperiode zuzulegen; doch lassen uns hier die Quellen im Stich. Aber auch der Ort, wo der Kalender entstand, läßt sich nach dem Siriusjahr bestimmen. Nur unter dem dreißigsten Breitengrad fiel der »Frühaufgang« des Hundssterns auf den 15. Juni: dies ist die Gegend von Heliopolis, wo ja gegen Ende des fünften Jahrtausends in der Tat die kulturelle Vorherrschaft lag. Das julianische Sonnenjahr, das Cäsar am 1. Januar 45 vor Christus einführte, stimmt mit dem ägyptischen überein, hat aber den regulierenden Schalttag. Mit dem wahren Sonnenjahr deckt es sich aber noch immer nicht, da dieses etwas kürzer ist; diese letzte Differenz wird erst durch den Gregorianischen Kalender behoben.

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