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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 90
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Hof

Dem König zunächst steht der Wesir, »der das Geheimnis des Himmels schaut«. Auch er ist der Gegenstand höchster Ehrfurcht: man schreibt nicht direkt an ihn, sondern »legt ihm den Brief vor«. Dann folgte eine nach Titularen, Vorrechten und Behandlung bei den Staatsempfängen aufs feinste abgestufte Beamtenhierarchie. Da gab es die Hofmarschälle, die die Einhaltung des Zeremoniells peinlichst zu überwachen hatten, die Hofärzte, Hofgärtner, Hoffriseure, die Leiter der Hofbäckerei, der Hofwäscherei, der Hofkapelle, die königlichen Truchsesse, Mundschenke, Speichervorsteher, die Aufseher der Kopfbinden, der Salbgefäße, der Sandalen des Königs und noch viele andere Chargen, ferner Bekannte, Freunde, vertraute 180 Freunde, wahre Freunde des Königs, Geheimräte des verehrungswürdigen Hauses: alles bloße Titel. Von ihnen unterschieden sich die Ämter der wirklichen Räte, wirklichen Geheimräte, wirklichen Richter, wirklichen Gouverneure. Aber schließlich waren auch die »wirklichen« Würdenträger keine wirklichen mehr. Unter der zwölften Dynastie gab es sogar Verwandte und wirkliche Verwandte des Königs. Bei den Orden und sonstigen Auszeichnungen, die der Monarch in großer Zahl verlieh, lag das Hauptgewicht auf dem Materialwert der Spende, aber auch auf dem künstlerischen: es gelangten schwere goldene Spangen und Halsketten, mit Edelsteinen besetzte Halskragen, kostbare Tierfiguren zur Verteilung; als Sinnbilder der Tapferkeit Löwen und Stiere, aber auch Fliegen, die sonderbarerweise dem Ägypter als kriegerisches Symbol galten, wohl wegen ihrer unermüdlichen Angriffslust. Verläßt der König seinen Horizont, so tragen acht Magnaten die Stangen, auf denen der reichgeschmückte Thronsessel ruht, der Oberwedelträger (diesmal ein wirklicher) schreitet zu seiner Rechten, andere Vornehme schwingen riesige Blumensträuße über seinem Haupte.

Es scheint, daß die Könige schon damals bestrebt waren, das ganze Land von der Hauptstadt aus zu zentralisieren. Diese Versuche, deren Tendenz im ägyptischen Wesen ebenso tief begründet war wie später im französischen, sind immer wieder erneuert worden, aber nie restlos gelungen. Sie wurden unterstützt durch den alles beherrschenden und verbindenden Nil, den das ganze Land als eine bloße Borte, bald breiter, bald schmäler, flankiert, hingegen erschwert durch den Gaupartikularismus, der aus Ägypten niemals gänzlich verschwunden ist. Er findet seinen Ausdruck nicht bloß in dem Kult der Lokalgötter, sondern auch in sehr scharf gegeneinander abgesetzten Dialekten, so daß es von unverständlichen Reden hieß: sie nehmen sich aus »wie das Gespräch zwischen einem Mann aus 181 dem Delta und einem Mann aus Elephantine«. Es hat aber andrerseits zu allen Zeiten ein Hochägyptisch gegeben.

Es war also, soweit wir uns von diesen grauen Zeiten überhaupt noch ein Bild machen können, die Regierungsform eine Despotie theokratischen und patriarchalischen Charakters. Es gibt eigentlich nur König und Gott. Das Gotteshaus ist nicht wie bei den Christen, den Juden und den Mohammedanern der Ort, wo die Gläubigen sich zu gemeinsamer Andacht versammeln, sondern, wie Mariette sagt, »ein Denkmal der Frömmigkeit des Königs, der es errichten ließ, um der Gunst der Götter wert zu werden, eine Art Königsbethaus und nichts weiter«. Die bildlichen Darstellungen auf den Innenwänden haben ein einziges Thema, das unzählige Male repetiert wird: der König opfert der Gottheit, diese nimmt die Gabe gnädig entgegen und verspricht ihm dafür Sieg und ewiges Leben. Die Außenwände enthalten Schlachtenbilder, auf denen nicht etwa das Heer den König verteidigt, sondern umgekehrt vom König geschützt wird, der »hinter seinen Soldaten steht wie eine eherne Mauer«. Hat er gesiegt, so dankt das Volk ihm und er den Göttern. Auch in ihren Biographien, die in späterer Zeit die Vornehmen in ihren Gräbern selber aufzeichnen ließen, sprachen diese nie von ihren Privatverhältnissen oder irgendwelchen persönlichen Leistungen, sondern ausschließlich von ihren Beziehungen zum König: Avancements, Aufträgen, Belobigungen, verliehenen Orden, Titeln, Geschenken, den einzigen Ereignissen, die in einem ägyptischen Leben erwähnenswert sind. Doch ist der König erst nach seinem Tode zum wirklichen Gott erhoben worden, dem offizielle Opfer und Gebete dargebracht werden. Im übrigen wird man guttun, sich einen Despoten auch im Orient und in der Frühzeit nicht allzu öldruckhaft vorzustellen. Daß die Pharaonen selbstbesessene Gewaltherrscher waren, die die Empfindungen für das allen Menschen Gemeinsame völlig verloren hatten, ist mehr als unwahrscheinlich. Das 182 »Böse« ist auch auf Thronen immer die unverständliche Ausnahme. Schon das Gefühl der ungeheuern Verantwortungslast pflegt fast immer läuternd zu wirken; daß es in den polaren Zustand des Cäsarenwahnsinns umschlägt, ist selten wie alles Pathologische. Zudem ist die Annahme, daß es nichts als den König gebe und alles andere stumme und stumpfe Statisterie sei, bloß die offizielle Version. Es bilden sich um jeden absoluten Herrscher Nebenregierungen: der »Palast«, das »Kabinett«, die Gentry, die Kirche, die seine Allmacht neutralisieren. Die Loyalität des Ägypters war allerdings zu allen Zeiten unbegrenzt.

Der Grabtypus der Thinitenzeit ist die sogenannte Mastaba: dies ist das arabische Wort für Bank, womit diese Bauform recht gut bezeichnet wird. Die Bänke, die sich aus dem aufgeschütteten Erdhügel entwickelt hatten, wuchsen allmählich zu stattlichen Gebäuden. Eine besonders charakteristische Anlage war die »Scheintür«, eine zugemauerte Pforte an der Ostseite, der Stelle, wo, wie man annahm, der Ka, der Geist des Toten, aus und ein ging. Bisweilen stellte man auch in den Türrahmen die lebensgroße Statue des Verstorbenen und baute davor eine Treppe, auf der er in die Opferkammer hinabsteigen konnte, um von den Speisen zu genießen, wenn die Opfernden sich entfernt hatten. Die Steine dieser Grabhäuser sind aufs vollkommenste behauen und ineinandergepaßt. Man war auch bereits dazu gelangt, die Riegel und Nägel, Türangeln und Beschläge aus Kupfer herzustellen, das schon in jener Zeit aus den Minen des Sinai importiert und, kunstvoll gehärtet, auch zu schönen Waffen und Gefäßen verarbeitet wurde. Die feinere Arbeit am Steinmaterial besorgte man mit Sand und Schleifsteinen. Die Höhe, auf der die Plastik stand, dokumentiert unter anderm der »Affe des Narmer«, die Alabasterfigur eines Mantelpavians mit dem Namen des Königs, die, verblüffende Lebendigkeit mit stärkstem Stilgefühl vereinigend, den besten Kopenhagener Stücken ebenbürtig ist. Die Darstellungen auf 183 der bereits erwähnten Schiefertafel Narmers zeigen noch den echten archaischen Stil, während der spätere ägyptische bloß lange Zeit irrtümlich als ein solcher aufgefaßt wurde.

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