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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 86
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der heilige Pillendreher

Damals bildete der Papyrus im Delta noch eine Art Urdickicht, worin das Nilpferd graste, das sich später nach Süden zurückzog; auch der Elefant, die Giraffe und der Wildstier waren zu jener Zeit noch ägyptische Tiere. Heute gibt es in Ägypten auch keine Löwen und Strauße mehr, deren Jagd im 172 Altertum als das vornehmste Vergnügen galt, ja sogar die beiden charakteristischsten Tiere des alten Ägyptens, der Ibis und das Krokodil, sind dort jetzt fast ausgestorben. Umgekehrt erscheint das Kamel in Ägypten erst zu Beginn unserer Zeitrechnung. Es war dort nicht ganz unbekannt: schon aus der Nagadazeit gibt es eine Vase, die ein ruhendes Lastkamel darstellt, und auch später kommt es auf Darstellungen exotischer Völker vor. Seine Rolle, auch auf Wüstenwanderungen, spielte damals der Esel. Natürlich sind aber auch viele Tiere dem Altertum und der Gegenwart gemeinsam: Gazelle und Steinbock, Igel und Stachelschwein, Hyäne und Wolf (dessen ägyptische Varietät klein und feig ist), Storch und Flamingo (Hieroglyphe für »rot«), Fuchs und Schakal (der auch die Bezeichnung für den Untersuchungsrichter, den »Spürhund«, war) und noch zahlreiche andere. Als Symbol der Löwin wurde im Mittleren Reich die nubische Falbkatze domestiziert, von der unsere Hauskatze abstammt. Die größte Verwunderung der Ägypter erregte von alters her der »heilige Pillendreher«, jener ebenholzschwarze, oft auch im herrlichsten Smaragdgrün leuchtende, nach Moschus duftende Käfer, dessen Kopf eine scharfe Schaufel und dessen vorderes Beinpaar ein veritabler Rechen ist. Mit diesen Werkzeugen formt er eine Kotkugel, die Nußgröße, Apfelgröße und schließlich Faustgröße erlangt, bei manchen größeren Varietäten sogar das Format einer Kanonenkugel. Nicht selten taucht ein zweiter Skarabäus auf, der den ersten entweder brutal beraubt oder in einem unbeobachteten Augenblick bestiehlt oder, wenn beides mißglückt, beim Transport der Kugel zudringlich unterstützt, um dann bei der Mahlzeit mittun zu können. Diese währt ohne Unterbrechung mehrere Tage und wird sofort verdaut und wieder ausgeschieden, indem es als eine endlose Schnur den After verläßt. Die Ägypter betrachteten den Skarabäus als ein Ebenbild des Lichtgottes, der den Sonnenball um den Himmel rollt, umgaben sich 173 mit seinen Nachbildungen, die sie äußerst geschickt in den verschiedensten Größen und Materialien, auch aus wirklichen Smaragden, herstellten, und verwendeten sie als Amulette, als Insignien, als Grabbeigaben und als Heilmittel. Noch heute werden solche heiligen Käfer aus Stein, Ton und Fayence von den Ägyptern massenhaft benutzt und zum Verkauf angeboten, sie stammen allerdings zum größten Teil aus Gablonz in Böhmen.

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